Der Bezirk Charlottenburg war von 1920 bis 2000 ein Verwaltungsbezirk von Berlin. Er umfasste die heutigen Berliner Ortsteile Charlottenburg, Charlottenburg-Nord und Westend. Das Gebiet des Bezirks gehört seit dem 1. Januar 2001 zum Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.
Lage Der Bezirk Charlottenburg grenzte im Norden an den Bezirk Reinickendorf, im Nordosten an den Bezirk Wedding, im Osten an den Bezirk Tiergarten, im Südosten an den Bezirk Schöneberg, im Süden an den Bezirk Wilmersdorf und im Westen an den Bezirk Spandau. Heute bildet das Gebiet des ehemaligen Bezirks den nördlichen Teil des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf.
Geschichte 1920–1933 mini|hochkant|Berliner Funkturm
Bis 1920 hatte sich die Stadt Charlottenburg mit mehr als 320.000 Einwohnern zur zwölftgrößten Stadt des Deutschen Reichs entwickelt. Durch das Groß-Berlin-Gesetz wurde Charlottenburg am 1. Oktober 1920 in das neugeschaffene Groß-Berlin eingegliedert. Das Bezirksrathaus befand sich im Rathaus Charlottenburg. Aus den folgenden Gebieten wurde der siebte Verwaltungsbezirk Berlins gebildet:Anlage II zu Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin vom 27. April 1920. In: Preußische Gesetzessammlung, Nr. 19 vom 14. Mai 1920, S. 123 ff., Digitalisat.Berlin in Zahlen, 1949
Stadt Charlottenburg (322.717 Einwohner, 2344 Hektar) Gutsbezirk Plötzensee (1601 Einwohner, 52 Hektar) Gutsbezirk Heerstraße, südlicher Teil (460 Einwohner, 623 Hektar) Gutsbezirk Jungfernheide, südlicher Teil (206 Einwohner, 227 Hektar) Der Bezirk erhielt den Namen Charlottenburg und wurde nicht in amtliche Ortsteile gegliedert. In den 1920er Jahren wurden der Lietzenseepark und der Volkspark Jungfernheide angelegt. Im Westen des Bezirks entstanden die ausgedehnten Anlagen des Deutschen Sportforums. 1927 wurde der Berliner Funkturm fertiggestellt. Im Nordwesten des Bezirks wurde zwischen 1929 und 1931 die Großsiedlung Siemensstadt errichtet und 1931 wurde an der Masurenallee das Haus des Rundfunks eröffnet. Mit seinen Hochschulen, Theatern und Kinos entwickelte sich der Bezirk in den 1920er Jahren zu einem kulturellen Zentrum und zu einem Ballungsgebiet des Fremdenverkehrs sowie der Unterhaltungs- und Vergnügungsbranche.
1933–1945 Im Jahr 1935 wurde die Deutschlandhalle fertiggestellt und 1936 war der Bezirk Charlottenburg Hauptaustragungsort der Olympischen Sommerspiele. Hierfür entstanden unter anderem das Olympiastadion, die Waldbühne, der Glockenturm mit der Langemarckhalle sowie das Maifeld. Das Grundgerüst des heutigen Messegeländes mit dem markanten Eingangsgebäude am Hammarskjöldplatz wurde 1937 fertiggestellt. 1938 gab es umfangreiche Änderungen der Bezirksgrenzen: Die Siedlung Eichkamp kam vom Bezirk Wilmersdorf zum Bezirk Charlottenburg. Ein Teil von Ruhleben kam vom Bezirk Spandau zum Bezirk Charlottenburg. Das Stadtviertel zwischen der Tauentzienstraße und dem Nollendorfplatz mit dem KaDeWe kam vom Bezirk Charlottenburg zum Bezirk Schöneberg. Martinikenfelde kam vom Bezirk Charlottenburg zum Bezirk Tiergarten. Teile der Jungfernheide kamen vom Bezirk Charlottenburg zu den Bezirken Reinickendorf und Wedding.
Die Einwohnerzahl des Bezirks sank durch die Grenzänderungen um 30.769 Einwohner und die Bezirksfläche nahm um 475 Hektar ab.
In der Pogromnacht vom 9. November 1938 war der Bezirk Charlottenburg insbesondere am Kurfürstendamm Schauplatz von Übergriffen, Plünderungen und Zerstörungen. Die Synagoge in der Fasanenstraße brannte aus.
Das Strafgefängnis Plötzensee im Nordosten des Bezirks diente den Nationalsozialisten als politisches Gefängnis und als zentrale Hinrichtungsstätte, in der rund 3000 Menschen umgebracht wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde Charlottenburg durch Luftangriffe schwer getroffen, dabei wurden 39 % aller Wohnungen zerstört.Arnold/Griesheim: Trümmer, Bahnen und Bezirke. Berlin 2002 In den letzten Apriltagen des Jahres 1945 wurde der Bezirk von Sowjetischen Streitkräften eingenommen.
Nachkriegszeit mini|hochkant|Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Ab Juli 1945 gehörte der Bezirk zum Britischen Sektor von Berlin. Die Gegend um den Bahnhof Zoo, den Breitscheidplatz und den Kurfürstendamm entwickelte sich in der Folgezeit zur City-West, dem Zentrum West-Berlins.
Das im Krieg schwer zerstörte Schloss Charlottenburg wurde in den 1950er Jahren wieder aufgebaut. Seit 1953 erinnert die Gedenkstätte Plötzensee an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde als Ruine belassen und 1961 durch einen Neubau ergänzt. 1961 erhielt die Deutsche Oper einen Neubau an der Bismarckstraße und 1965 wurde das Europa-Center am Breitscheidplatz eröffnet.
Zwischen 1956 und 1961 entstand im Norden des Bezirks die Großsiedlung Charlottenburg-Nord. Östlich anschließend wurde zwischen 1961 und 1965 die Paul-Hertz-Siedlung errichtet. Seit 1962 durchquerte die Stadtautobahn den Bezirk entlang der Trasse der Ringbahn.
Bei der Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin gegen den Schah Mohammad Reza Pahlavi wurde der Student Benno Ohnesorg nahe der Deutschen Oper von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Am 4. November 1968 kam es am Tegeler Weg zu einer spektakulären Straßenschlacht zwischen der Berliner Polizei und Demonstranten, die der APO zuzurechnen waren.
Die zwischen Deutscher Oper und Richard-Wagner-Platz auf einer kurzen Stichstrecke pendelnde damalige Linie 5 der Berliner U-Bahn wurde 1970 stillgelegt, um Baufreiheit für den Bau der Linie U7 zu schaffen. Deren Teilstück vom Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf bis zum Richard-Wagner-Platz in Charlottenburg wurde am 28. April 1978 eröffnet. Die Verlängerung dieser Linie bis zum Rohrdamm wurde am 1. Oktober 1980 eröffnet. Hierdurch wurde auch der Nordteil des Bezirks an die U-Bahn angebunden.
Im Jahr 1979 wurde das Internationale Congress Centrum (ICC) eröffnet.
Zum 1. Januar 2001 wurde der Bezirk Charlottenburg mit dem Bezirk Wilmersdorf zum neuen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zusammengeschlossen. Im neuen Großbezirk wurde das Gebiet des alten Bezirks Charlottenburg in die drei Ortsteile Charlottenburg, Charlottenburg-Nord und Westend unterteilt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter „Charlottenburg“ heute noch häufig der gesamte ehemalige Bezirk verstanden.
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner 1920 324.981 1925 345.139 1933 340.596 1937 342.332 1939 299.955 1946 208.453 1950 220.263 1955 224.605 1961 224.538 Jahr EinwohnerStatistisches Jahrbuch von Berlin (jeweilige Jahre) 1965 223.286 1970 204.049 1975 170.270 1980 153.602 1985 145.564 1987 174.738 1990 185.027 2000 176.113
Politik
Bezirksbürgermeister Bürgermeister der Stadt Charlottenburg siehe → hier. Zeitraum Name Partei 1921–1924 Arthur Scholtz DVP 1924–Mai 1936 Karl Augustin DVP August 1936–1945 Hermann Pauschardt NSDAP Mai 1945–Juni 1945 Walter Kilian parteilos 1945–1946 Paul Genths parteilos 1946–1951 Albert Horlitz SPD 1951–1955 Ottomar Batzel CDU 1955–1959 Hans Bruhn CDU 1959–1964 Kurt Wegner SPD1964–1971 Günter Spruch SPD1971–1979 Roman Legien CDU 1979–1985 Eckard Lindemann CDU 1985–1989 Baldur Ubbelohde CDU 1989–2000 Monika Wissel SPD
Wahlergebnisse
Weimarer Republik (1920–1933)
Reichspräsidentenwahlen Reichspräsidentenwahl 1925 Kandidat 1. Wahlgang (29. März 1925) 2. Wahlgang (26. April 1925) Wilhelm Marx 9.731 (5,2 %) 104.123 (49,7 %) Paul von Hindenburg – 93.147 (44,5 %) Karl Jarres 80.061 (42,4 %) – Otto Braun 50.297 (26,6 %) – Ernst Thälmann 14.783 (7,8 %) 12.146 (5,8 %) Willy Hellpach 32.710 (17,3 %) – Erich Ludendorff 997 (0,5 %) – Heinrich Held 239 (0,1 %) – Sonstige 46 (0,0 %) 35 (0,0 %) Reichspräsidentenwahl 1932 Kandidat 1. Wahlgang (13. März 1932) 2. Wahlgang (10. April 1932) Paul von Hindenburg 113.959 (49,2 %) 115.138 (52,3 %) Adolf Hitler 61.580 (26,6 %) 77.136 (35,0 %) Ernst Thälmann 34.635 (14,9 %) 28.043 (12,7 %) Theodor Duesterberg 21.151 (9,1 %) – Gustav Winter 521 (0,2 %) – Sonstige 8 (0,0 %) 7 (0,0 %)
Reichstagswahlen Parteien 1924 (I) 1924 (II) 1928 1930 1932 (I) 1932 (II) 1933 DNVP 43.399 (23,3 %) 53.454 (27,3 %) 42.779 (21,4 %) 31.803 (14,8 %) 20.897 (10,3 %) 31.982 (14,5 %) 31.619 (13,2 %) SPD 29.508 (15,8 %) 47.324 (24,2 %) 57.257 (28,7 %) 52.647 (24,5 %) 52.718 (26,0 %) 49.402 (22,5 %) 47.407 (19,8 %) DVP 19.268 (10,3 %) 16.175 (8,3 %) 18.676 (9,4 %) 11.822 (5,5 %) 2.125 (2,4 %) 3.716 (1,7 %) 2.628 (1,1 %) DDP/DStP 24.822 (13,3 %) 31.906 (8,5 %) 25.130 (12,6 %) 18.995 (8,8 %) 4.851 (1,0 %) 4.785 (2,2 %) 7.239 (3,0 %) KPD 19.909 (10,7 %) 18.725 (9,6 %) 30.872 (15,5 %) 39.042 (18,1 %) 39.503 (19,5 %) 49.328 (22,4 %) 40.140 (16,8 %) Zentrum 7.229 (3,9 %) 7.901 (4,0 %) 7.311 (3,7 %) 9.132 (4,2 %) 13.596 (6,7 %) 12.495 (5,7 %) 15.880 (6,6 %) NSFB/NSDAP – 7.885 (4,0 %) 3.959 (2,0 %) 39.739 (18,5 %) 67.265 (33,1 %) 64.641 (29,4 %) 93.034 (38,9 %) DsP 11.749 (6,3 %) 4.664 (2,4 %) – – – – – DVFP/VNB 16.042 (8,6 %) – 3.845 (1,9 %) – – – – USPD 3.660 (2,0 %) 942 (0,5 %) – – – – – DWP 6.015 (3,2 %) 5.583 (2,8 %) 4.449 (2,2 %) 4.567 (2,1 %) – – – CSVD – – – 2.510 (1,2 %) 911 (0,4 %) 1.204 (0,5 %) 1.313 (0,5 %) RPD 1.073 (0,6 %) – – – – – – SB 601 (0,8 %) – – – – – – KVP – – – 2.811 (1,3 %) – – – Sonstige 3.373 (1,2 %) 1.389 (0,7 %) 5.320 (2,7 %) 2.151 (1,0 %) 1.147 (0,6 %) 2.267 (1,0 %) 93 (0,0 %) Anmerkung: Die jeweils stärkste Partei ist farblich unterlegt.
Wahlen zum Preußischen Landtag Parteien 1921 1924 1928 1932 1933 DNVP 35.473 (22,8 %) 53.085 (27,3 %) 42.546 (21,5 %) 22.081 (10,2 %) 30.445 (12,8 %) SPD 28.444 (18,3 %) 47.103 (24,2 %) 56.780 (28,7 %) 60.434 (27,8 %) 45.755 (19,3 %) DVP 30.140 (19,4 %) 15.930 (8,2 %) 18.228 (9,2 %) 3.003 (1,4 %) 2.619 (1,1 %) DDP/DStP 19.411 (12,5 %) 31.602 (16,2 %) 24.715 (12,5 %) 11.229 (5,2 %) 7.248 (3,1 %) KPD 8.638 (5,6 %) 18.777 (9,6 %) 30.737 (15,5 %) 33.633 (15,5 %) 39.530 (16,7 %) Zentrum 5.713 (3,7 %) 7.733 (4,0 %) 7.227 (3,7 %) 10.741 (4,9 %) 15.027 (6,3 %) NSDAP – 7.766 (4,0 %) 3.881 (2,0 %) 69.241 (31,8 %) 91.528 (38,6 %) DsP – 4.865 (2,5 %) – – – VNB – – 3.781 (1,9 %) – – USPD 18.884 (12,1 %) 1.030 (0,5 %) – – – DWP 8.723 (5,6 %) 5.699 (2,9 %) 4.506 (2,3 %) 867 (0,4 %) – CSVD – – – 1.138 (0,5 %) 1.317 (0,6 %) Sonstige 36 (0,0 %) 1.010 (0,5 %) 5.281 (2,7 %) 5.166 (2,3 %) 3.567 (1,5 %) Anmerkung: Die jeweils stärkste Partei ist farblich unterlegt.
Wahlen zur Berliner Bezirksverordnetenversammlung Parteien 1921 1925 1929 1933 DNVP 18,8 % 24,7 % 20,9 % 14,3 % SPD 16,7 % 25,8 % 23,2 % 19,6 % DVP 20,1 % 8,2 % 10,6 % – DDP/DStP 12,2 % 14,7 % 10,2 % 3,9 % KPD 5,2 % 11,5 % 15,6 % 12,8 % Zentrum 3,6 % 3,6 % 3,8 % 5,5 % NSDAP – – 7,9 % 42,4 % USPD 12,5 % – – – Anmerkung: Die jeweils stärkste Partei ist farblich unterlegt.
West-Berlin und Bundesrepublik (1946–2000)
Berliner Bezirksverordnetenversammlung
Vom 18. Dezember 1945 bis 6. Dezember 1946 gab es eine vorläufige Bezirksverordnetenversammlung in Charlottenburg, bestehend aus 80 Mitgliedern. Diese wurde auf eine Initiative des Stellvertretenden Bürgermeisters des Bezirks Erwin Schönewald hin gegründet. 1946 untersagte der Magistrat von Berlin die Sitzung im Mai. Dieses Verbot wurde durch einen Befehl vom 9. Mai 1946 der britischen Kommandantur von Oberst Rankin wieder aufgehoben.Akten der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg, 1945–1946