mini|350px|Aigeus (rechts) konsultiert das Orakel von Delphi. Attisch-rotfigurige Kylix, 444–430 v. Chr., aus Vulci. Die Religion des antiken Griechenlands umfasst eine Reihe von Glaubensvorstellungen, Ritualen und Mythen, die ihren Ursprung in der griechischen Antike sowohl in der Form populärer Volksfrömmigkeit als auch offizieller Kultpraktiken haben. Viele Elemente dieser religiösen Bereiche fanden sich in analoger Ausprägung in der gesamten griechischen Welt wieder. Jedoch konnten hierbei erhebliche regionale Unterschiede auftreten. Daher ist es besser, von griechisch geprägten Lokalreligionen zu sprechen.

Die meisten antiken Griechen verehrten die zwölf olympischen Hauptgottheiten – Zeus, Hera, Poseidon, Demeter, Athene, Ares, Aphrodite, Apollon, Artemis, Hephaistos, Hermes sowie Hestia oder Dionysos –, während sich auch philosophische Strömungen wie die Stoa oder einige Richtungen des Platonismus einer Sprache bedienten, die eine transzendente Gottheit anzunehmen scheint. Die Verehrung dieser und verschiedener anderer Gottheiten fand in der ganzen griechischen Welt statt. Allerdings waren diese oft mit unterschiedlichen Epitheta bedacht, welche die verschiedenen Aspekte der jeweiligen Gottheit betonten, und oftmals auch die Aufnahme fremder lokaler Gottheiten in das panhellenische Pantheon widerspiegelten.

Die religiöse Praxis der Griechen breitete sich weit über die Grenzen ihres Mutterlandes aus, von griechischen Kolonien im westlichen Mittelmeerraum wie Massalia (Marseille) über Magna Graecia und die Inseln und Küsten Ioniens bis hin zu entlegenen Städten mit griechischen Kulten weit im Osten wie beispielsweise Ai Khanoum. Frühe italische Religionen wie die etruskische Religion wurden durch die griechische Religion beeinflusst und hatten ihrerseits starken Einfluss auf die Religion des antiken Rom.

Religiöser Glaube mini|links|Statue der Artemis, diente wohl als Kultbild in einem Tempel, viertes Jahrhundert v. Chr., gefunden in Piräus. Während es wenige Auffassungen gab, die für alle Griechen universale Bedeutung hatten, so wurden doch einige allgemeine Glaubensinhalte von vielen geteilt.

Die Götter Die antike griechische Religion war polytheistisch. Dementsprechend ging man davon aus, dass viele Götter und Göttinnen, sowie eine Anzahl von weniger mächtigen übernatürlichen Wesen verschiedener Art existierten. Man stellte sich eine Hierarchie der Götter mit Zeus, dem König der Götter, an der Spitze vor. Dieser verfügte jedoch nicht über die alleinige Macht. Manche Gottheiten beherrschten bestimmte Aspekte der Natur: Zeus etwa war der Gott des Himmels, der Blitz und Donner aussendet, Poseidon herrschte über das Meer und Erdbeben, Hades übte seine Macht in der Unterwelt aus und Helios kontrollierte die Sonne. Andere Gottheiten herrschten über abstrakte Konzepte, so war Aphrodite die Göttin der Liebe. Alle bedeutenden Gottheiten wurden in anthropomorpher Form vorgestellt, wobei sie oftmals auch in der Lage waren, die Gestalt von Tieren oder Naturphänomenen anzunehmen.Burkert (1985), 2:1:4

Die Götter der Griechen waren unsterblich, aber weit davon entfernt, allgütig oder gar allmächtig zu sein. Sie unterstanden dem Schicksal, das die griechische Mythologie als MoirenBurkert, Walter (1985). Greek Religion. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press. S. 129. kennt und jegliche göttliche Macht übertraf. So zeigt etwa das Beispiel von Odysseus, dessen Schicksal es war, nach dem Trojanischen Krieg auf seine Heimatinsel Ithaka zurückzukehren, dass die Götter zwar seine Heimreise verlängern und erschweren, aber letztendlich nicht aufhalten konnten.

mini|Aphrodite reitet einen Schwan, attisch-rotfigurige Kylix auf weißem Grund, um 460 v. Chr., aus Kameiros (Rhodos).

Die Götter der Griechen verhielten sich wie Menschen und hatten menschliche Laster.W. F. Otto (1954). The Homeric Gods: The Spiritual Significance of Greek Religion. New York: Pantheon. S. 131. Sie verkehrten mit Menschen und zeugten manchmal sogar Kinder mit ihnen. Zwischen manchen Göttern bestanden Rivalitäten, die bei Gelegenheit auch ausgetragen wurden. So berichtet die Ilias, dass im Trojanischen Krieg Aphrodite, Ares und Apollon die trojanische Partei unterstützten, während Hera, Athene und Poseidon auf der Seite der Griechen standen (Theomachie).

Manche Götter waren besonders mit einem bestimmten Ort verbunden. Athene war mit Athen verbunden, Apollon mit Delphi und Delos, Zeus mit Olympia und Aphrodite mit Korinth. Neben ihnen wurden in diesen Städten aber auch andere Götter verehrt. Es war auch möglich, dass Götter mit Orten oder ganzen Ländern außerhalb Griechenlands verbunden wurden. Poseidon stand mit Äthiopien und Troja in Verbindung, Ares mit Thrakien.

Die Identität von Götternamen bedeutete nicht, dass die Götter allerorten auch einen ähnlichen Kult erhielten; die Griechen waren sich selbst sehr wohl bewusst darüber, dass die in Sparta als jungfräuliche Jägerin verehrte Artemis mit der in Ephesus verehrten Artemis, die als Fruchtbarkeitsgöttin vorgestellt wurde, nicht viel gemeinsam hatte. Obwohl sich die Verehrung der Hauptgottheiten von Ortschaft zu Ortschaft ausbreitete, und obwohl die meisten größeren Städte mit Tempeln für mehrere Hauptgottheiten ausgestattet waren, bestand die Identifikation verschiedener Götter mit verschiedenen Orten bis zum Ende fort.

Die antiken Quellen zur griechischen Religion geben viel Auskunft über den Kult, aber sehr wenig über die Glaubensüberzeugungen, da die Griechen im Allgemeinen dem Glauben weit weniger Bedeutung beimaßen als dem Handeln.Rosivach, Vincent J. (1994).The System of Public Sacrifice in Fourth Century (B.C.E.) Athens Atlanta, Georgia: Scholars Press. S. 1.

Leben nach dem Tod

Die Griechen glaubten an eine Unterwelt, in der die Seelen der Toten wohnten. Einer der größten Bereiche dieses Totenreichs, der Hades, wurde von Hades beherrscht, einem Bruder von Zeus. Ebenso sehr bekannt ist der Tartarus, ein Ort der Folter für die Verdammten, und das Elysion, ein Ort der Freude für die Rechtschaffenen. In der frühen mykenischen Religion gingen alle Toten in den Hades, während erst der Aufstieg der Mysterienkulte im archaischen Zeitalter zur Entstehung von Orten wie dem Tartaros und dem Elysion führten.

Von einigen legendären Griechen wie Achilleus, Alkmene, Amphiaraos, Ganymed, Ino, Melikertes, Menelaos, Peleus und eine große Anzahl derjenigen, die im Trojanischen Krieg und in den Thebanischen Kriegen kämpften, wurde geglaubt, dass sie physische Unsterblichkeit erlangt hatten und ewig weiter lebten, sei es im Elysion, auf den Inseln der Seligen, auf dem Olymp oder an anderen Orten. Derartige Vorstellungen finden sich bereits in den frühesten griechischen Quellen wieder, etwa bei Homer und Hesiod, und blieben lange, selbst bis in die christliche Zeit hinein, weit verbreitet. Für die meisten Menschen hingegen bestand im Angesicht des Todes keine andere Hoffnung als die Weiterführung der Existenz in Form einer körperlosen Seele.Erwin Rohde Psyche: The Cult of Souls and Belief in Immortality among the Greeks. New York: Harper & Row 1925

Manche Griechen, etwa die Philosophen Platon und Pythagoras, hingen der Idee der Reinkarnation an, obwohl diese nur von wenigen akzeptiert wurde. Epikur lehrte, dass die Seele lediglich aus Atomen bestehe, die sich im Augenblick des Todes auflösten, sodass die Existenz des Menschen mit dem Tod endete.

Mythologie 250px|links|mini|Das Urteil des Paris von Peter Paul Rubens, um 1636. Dargestellt sind die Göttinnen Hera, Aphrodite und Athena in einem Streit, der den Trojanischen Krieg auslöste. Diese barocke Gemälde zeigt die ungebrochene Faszination der griechischen Mythologie.

Die griechische Mythologie war sehr umfangreich. Sie bestand weitgehend aus Erzählungen über die Götter und deren Umgang mit den Menschen. Mythen handelten oft von Helden und deren Taten, wie etwa Herkules und seinen zwölf Arbeiten, Odysseus und seiner Heimreise nach Ithaka, Iason und dem Kampf um das Goldene Vlies, oder Theseus und dem Minotauros.

In der griechischen Mythologie existierten viele verschiedene Wesen. An oberster Stelle standen die Götter und Menschen, obwohl die Titanen ebenso häufig in den griechischen Mythen auftraten. Andere Wesen waren die Mischwesen der Satyrn und Kentauren, oder Nymphen, welche Orte der natürlichen Umgebung, wie Bäume und Seen, bewohnten. Manche Kreaturen der griechischen Mythologie waren Monstern ähnlich, so die einäugigen Zyklopen, Skylla und Charybdis, die Gorgonen oder der je zur Hälfte aus Mensch und Bulle bestehende Minotauros.

Ein allgemein gültiger Schöpfungsmythos oder eine Kosmogonie existierten nicht. Verschiedene religiöse Gruppen hatten ihre je verschiedene Auffassung über die Entstehung der Welt. Eine bekannte Schöpfungsgeschichte wurde in der Theogonie des Hesiod erzählt. Dort hieß es, dass am Anfang eine Ur-Gottheit namens Chaos existierte, die verschiedene weitere ursprüngliche Gottheiten gebar, wie Tartaros, Gaia und Eros, welche wiederum andere Gottheiten gebaren, nämlich die Titanen, die ihrerseits dann die olympischen Götter hervorbrachten.

Große Teile dieser Mythologie wurden überliefert und trugen zur Ausbildung der Römischen Mythenwelt bei. Griechen und Römer waren schriftliche Gesellschaften, und viele ihrer Mythen, obwohl ursprünglich mündlich überliefert, wurden in der Form von Epen (z. B. Ilias, Odyssee und Argonautica) und Dramen (z. B. Euripides‘ Tragödie Die Bakchen oder Aristophanes‘ Komödie Die Frösche) nieder geschrieben. Die Mythologie wurde in der europäischen Renaissance wieder populär, wo sie oft als Grundlage für Werke von Künstlern wie Sandro Botticelli, Michelangelo und Peter Paul Rubens diente.mini|Attischer Krug in Gestalt der einer Muschel entsteigenden Aphrodite, gefunden in Phanagoria, aus Taman, viertes Jahrhundert v. Chr. (Eremitage, Sankt Petersburg)

Moral Eines der wichtigsten moralischen Konzepte der Griechen war die Angst, sich der Hybris schuldig zu machen. Die Hybris konnte viele Formen annehmen, von der Vergewaltigung bis zur Schändung eines Leichnams;Omitowoju {which book?}, S. 36; Cartledge, Millet & Todd, Nomos: Essays in Athenian Law, Politics and Society, 1990, Cambridge UP, S. 126. sie war ein rechtliches Vergehen in der Polis von Athen. Obwohl Stolz und Hochmut selbst nicht als sündhaft angesehen wurden, waren die Griechen Befürworter einer bescheidenen Lebensweise. Hochmut wurde lediglich anrüchig, wenn er extreme Form annahm, wie jedes andere Laster auch. Eine ähnliche Auffassung hatte man vom Essen und Trinken. Exzesse jeglicher Form lehnte man ab. Die Griechen der Antike legten gleichermaßen großen Wert sowohl auf körperliche als auch auf geistige Hochleistungen – tatsächlich bestanden viele ihrer Wettkämpfe aus beiden Bestandteilen. Stolz war nichts schlechtes, solange er nicht völlig vereinnahmend war oder anderen Schaden zufügte.

Religiöse Texte Die antiken Griechen kannten keine religiösen Texte, die ihnen von einer übernatürlichen Macht offenbart geworden wären, aber einigen sehr alten Schriften – darunter Homers Ilias und Odyssee, die Homerischen Hymnen, Hesiods Theogonie, seine „Werke und Tage“ sowie Pindars Oden – wurde eine gewisse AutoritätBurkert (1985), Introduction:2; Religions of the ancient world: a guide und die Möglichkeit göttlicher Inspiration zugestanden; diese Texte beginnen gewöhnlich mit einer Anrufung der Musen um ebenjene Inspiration.