Die Finanzwirtschaft (oder Finanzsektor; ) oder der Finanzbereich ist in der Volkswirtschaftslehre ein Wirtschaftszweig, der alle Unternehmen umfasst, bei denen Finanzen oder Finanzierung das Kerngeschäft darstellen. Das volkswirtschaftliche Pendant ist die Realwirtschaft.
Allgemeines Wichtigster Teilsektor der Finanzwirtschaft ist das Finanzwesen. Zum Finanzwesen gehören die Finanzmärkte und deren Marktteilnehmer, nämlich Finanzdienstleistungsinstitute, Kreditinstitute und Wertpapierdienstleistungsunternehmen (Bankwesen), Versicherungen (Versicherungswesen), Investmentfonds, Pensionsfonds und andere institutionelle Anleger. Die Finanzmärkte setzen sich zusammen aus Börsen, Geld-, Devisen-, Interbanken-, Kredit- und Kapitalmarkt. Nicht zum Finanzwesen, aber zur Finanzwirtschaft gehören die Finanzkonglomerate.
Während der Gütermarkt zur Realwirtschaft zählt, sind die Finanzmärkte Teil der Finanzwirtschaft. Auch deren Handelsobjekte unterscheiden sich voneinander: Güter können nur auf dem Gütermarkt, Finanzprodukte/Finanzinstrumente/Finanzierungsinstrumente nur auf den Finanzmärkten gehandelt werden.Jörg-Christian Nissen, Zukunft Europa: Kompass für ein wirtschaftlich nachhaltiges Europa, 2017, S. 210
Die Verwendung des Begriffs Finanzwirtschaft ist in der Fachliteratur nicht einheitlich. Zuweilen wird er in der Betriebswirtschaftslehre auch für die betriebliche Funktion der Finanzierung verwendet.Martin Bösch, Finanzwirtschaft: Investition, Finanzierung, Finanzmärkte und Steuerung, 1990, S. 4 ff. Dabei erfasst der Begriff Finanzwirtschaft Investition, Finanzierung und Liquidität,Matthias Lehmann, Finanzwirtschaft: Eine marktorientierte Einführung für Ökonomen und Juristen, 2003, S. 8 also alle monetär-realen Vorgänge wie Zahlungen.Matthias Lehmann, Finanzwirtschaft: Eine marktorientierte Einführung für Ökonomen und Juristen, 2003, S. 9 Um sie von der volkswirtschaftlichen Finanzwirtschaft unterscheiden zu können, wird von „betrieblicher Finanzwirtschaft“ gesprochen.Edwin O. Fischer, Finanzwirtschaft für Fortgeschrittene, 2002, S. 199
Arten Die volkswirtschaftliche Finanzwirtschaft besteht aus den Wirtschaftssubjekten Unternehmen, Privathaushalte und Staat mit seinen Untergliederungen (öffentliche Finanzwirtschaft). Im Wirtschaftskreislauf gehören die Geld- und Zahlungsströme zur Finanzwirtschaft und die Güterströme zur Realwirtschaft; beide Ströme werden als Wirtschaftsobjekte zusammengefasst. Kauft beispielsweise ein Privathaushalt ein Automobil, so ist die Kaufpreiszahlung ein Zahlungsvorgang in der Finanzwirtschaft, während die Lieferung des Fahrzeugs durch ein Autohaus zur Realwirtschaft gehört. Deshalb sind Finanz- und Realwirtschaft miteinander verzahnt.Klaus Spremann/Pascal Gantenbein, Finanzmärkte: Grundlagen, Instrumente, Zusammenhänge, 2019, S. 85
Die öffentliche Finanzwirtschaft umfasst sämtliche finanzwirksamen Aktivitäten des öffentlichen Sektors, welche die Staatseinnahmen und Staatsausgaben betreffen. Beschaffung, Verwaltung und Verwendung der zur Erfüllung der öffentlichen Aufgaben erforderlichen Finanzmittel sind Regelungsgegenstand der öffentlichen Finanzwirtschaft. Die finanzwirtschaftliche Seite der staatlichen Aufgabenerfüllung ist eine umfassende Querschnittsaufgabe, weil jegliche staatliche Maßnahme zwangsläufig finanzielle Auswirkungen mit sich bringt.Bodo Leibinger/Reinhard Müller/Herbert Wiesner, Öffentliche Finanzwirtschaft, 2014, S. 1 Die Bedeutung der öffentlichen Finanzwirtschaft für die Gesamtwirtschaft kann an der Staatsquote abgelesen werden.
Funktionen
Kapitalbeschaffung
Getroffene Investitionsentscheidungen haben als Aktionsparameter unter anderem Finanzierungsentscheidungen zur Folge. Es muss entschieden werden, wie die vorgesehene Investition zu finanzieren ist. Zur Verfügung stehen die Eigen- und Fremdfinanzierung. Bei der Eigenfinanzierung ist die Beschaffung oder Erhöhung des Eigenkapitals im Rahmen der Außenfinanzierung oder die Gewinnthesaurierung möglich, letztere gehört zur Innenfinanzierung. Die Fremdfinanzierung ist stets Außenfinanzierung und findet über eine Beschaffung oder Erhöhung des Fremdkapitals statt. Zu den Kapitalgebern gehören Gesellschafter (Gesellschafterdarlehen), Kreditinstitute (Bankkredite) oder Lieferanten (Lieferantenkredite).
Alle Kapitalbeschaffungsmaßnahmen müssen die Finanzierungskosten und die Knappheit/Verfügbarkeit berücksichtigen. Die Finanzierungskosten bestehen aus den Eigenkapital- oder Fremdkapitalkosten. Die Eigenkapitalkosten der Gesellschafter setzen sich aus einem risikofreien Zins (Opportunitätszins für eine risikofreie, entgangene alternative Geldanlage) und einer Risikoprämie zusammen. Die Risikoprämie stellt den Teil der Renditeerwartung des Gesellschafters dar, den er über den risikofreien Zins hinaus für das Unternehmerrisiko als Kompensation verlangt.Johanna Souad Qandil, Wahrnehmung der Qualität der Abschlussprüfung, 2013, S. 57 Zu den Kosten der Fremdfinanzierung gehören insbesondere die vom herrschenden Zinsniveau abhängigen Zinsaufwendungen. Verfügbarkeitsfragen werden durch das Angebot auf dem Geld- und Kapitalmarkt entschieden. Zinsniveau und Verfügbarkeit sind durch das Unternehmen – zumindest kurzfristig – nicht beeinflussbar und stellen Datenparameter dar.
Investition
Betriebliche Investitionen sind nach dem Investitionsobjekt in Sach-, immaterielle und Finanzinvestitionen aufzuteilen. Nach der Bedeutung der Investition für das Unternehmen können einfache operative Investitionen (etwa Anschaffung eines Lieferwagens in einem Großunternehmen) oder komplexe strategische Investitionen (etwa der Unternehmenskauf eines gleich großen Unternehmens) unterschieden werden. Im Rahmen der Fristenkongruenz sind die Laufzeit der gewählten Finanzierungsinstrumente und die Auswirkungen auf betriebswirtschaftliche Kennzahlen (zur Kapitalstruktur und Schuldenkennzahlen) zu beachten (Reaktionsparameter). Die optimale Kapitalstruktur ist aus Sicht der Finanzierungskosten erreicht, wenn quantitative und qualitative Finanzierungskosten ein Minimum bilden.Johannes Frerich, Ursachen und wirkungen der regionalen Differenzierung der privaten Spartätigkeit in Industrieländern, 1969, S. 90
Die Kennzahl der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals bildet die eigentliche Grundlage von Investitionsentscheidungen. Als Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals bezeichnet man jenen Zinssatz, bei dem die Anschaffungskosten der Investition mit dem Gegenwartswert der Investition (=Barwert der Nettoerlöse der Investition) übereinstimmen. Das Unternehmen wird nur dann investieren, wenn die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals den aktuellen Marktzins übersteigt.Bernhard Felderer/Stefan Homburg: Makroökonomik und neue Makroökonomik, 1989, S. 110 f. Erzielt eine Investition eine höhere Rendite als eine alternative Geldanlage, wird investiert und umgekehrt. Bei erwarteter Lebensdauer einer zu erwerbenden Maschine von 2 Jahren ergibt sich folgende Formel:
Hierin sind Anschaffungskosten der Investition Nettoeinnahmen der Investition im ersten Jahr Nettoeinnahmen der Investition im zweiten Jahr Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (Investitionsrendite)
Kostet beispielsweise eine Maschine 1.000 Euro bei zwei Jahren Lebensdauer und erwartet der Unternehmer im ersten Jahr 500 Euro und im zweiten Jahr 540 Euro Nettoeinnahmen durch die Maschine, so ergibt sich eine Grenzleistungsfähigkeit von 8 %. Liegt der Marktzins bei 7 %, wird investiert, liegt er über 8 %, unterbleibt die Investition. Diese Grenzleistungsfähigkeit wurde von John Maynard Keynes erstmals im Februar 1936 in seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes vorgestellt.John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 115
Schließlich ist auch der Grenzertrag der getätigten Investition wie auch der Financial leverage von Interesse.
Risikomanagement
Das Risikomanagement hat in den vergangenen Jahrzehnten eine weite Verbreitung erfahren. Dazu beigetragen haben die erheblichen Wechselkurs- und Zinsschwankungen und zahlreiche Finanzkrisen, die auch die Realwirtschaft bei Nichtbanken erfassten. Das strategische Risikomanagement befasst sich mit richtungweisenden Fragen der Unternehmenspolitik und ist entsprechend auf der obersten Leitungsebene (Vorstand) angesiedelt. Das operative Risikomanagement ist auf der mittleren und unteren Leitungsebene mit der Risikoidentifikation, Risikoquantifizierung, Risikoaggregation, Risikobewältigung und Risikoüberwachung befasst. Es stellt Risikoinformationen für finanzwirtschaftliche Aufgaben bereit (z. B. über den aggregierten Gesamtrisikoumfang, um daraus Kapitalkostensätze abzuleiten).
Zahlungsverkehr
Der Zahlungsverkehr wickelt die unternehmensinternen und insbesondere die externen Zahlungsströme in Verbindung mit Kreditinstituten ab. Diese übernehmen den Inlands- und Auslandszahlungsverkehr unter Verwendung aller erforderlichen Zahlungsmittel.
Betriebswirtschaftliche Forschung In der Betriebswirtschaftslehre unterscheidet man zwischen der klassischen, neoklassischen und neoinstitutionalistischen Finanzierungstheorie. Die klassische Finanzierungstheorie stellt zunächst eine auf die rechtlichen Wirkungen institutioneller Finanzierungs- und Rechtsformentscheidungen ausgerichtete Forschung dar. Sie umfasst insbesondere eine beschreibende Typologie finanzwirtschaftlicher Institutionen und trennt die Finanzierungsvorgänge von den Investitionsentscheidungen.Louis Perridon/Manfred Steiner, Finanzwirtschaft der Unternehmung, 1995, S. 15f. Sie betrachtet die finanzwirtschaftlichen Prozesse lediglich als Hilfsfunktion: Für ein vorgegebenes Produktions- und Absatzprogramm sind bestimmte Produktionskapazitäten notwendig, die gegebenenfalls durch Investitionen aufgebaut werden müssen. Die klassische Finanzierungstheorie brachte entscheidungsorientierte Aspekte in die Forschung zur betrieblichen Finanzwirtschaft ein, wobei sie einer zukunftsorientierten Funktion folgt. Sie teilt sich insbesondere in vier Teilbereiche auf: Die Formenlehre versucht, für eine geplante Investition die jeweils günstigste Form der Finanzierung zu finden. Sie beschreibt die verschiedenen Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung, wie etwa Kreditaufnahme oder Veräußerung von Vermögensgegenständen, die alle spezifische Vor- und Nachteile haben. Die Finanzanalyse ermittelt aus den Daten der Unternehmensbilanz im Rahmen der internen Bilanzanalyse betriebswirtschaftliche Kennzahlen, um daraus Erkenntnisse über die finanzwirtschaftliche Stabilität zu gewinnen. Ein projektorientierter Ansatz befasst sich mit außergewöhnlichen finanzwirtschaftlichen Maßnahmen wie Änderung der Rechtsform, Mergers & Acquisitions, Kapitalmaßnahmen oder Liquidation. Der modernste Teilbereich ist die Finanzplanung, deren Hauptaufgaben in der Kapitalbedarfsplanung und Sicherung der permanenten Zahlungsfähigkeit bestehen (Liquiditätsplanung).