mini|Einheitsabzeichen der Tiger Force Die Tiger Force war eine Spezialeinheit der amerikanischen Streitkräfte im Vietnamkrieg. Die im Einsatz durchschnittlich rund 45 Mann starke Teileinheit des 1. Bataillon, 327. Regiment, 1. Brigade, 101. Airborne Division existierte von 1965 bis 1970 als Fernspähzug. Sie verübte von Mai bis November 1967 in den südvietnamesischen Provinzen Quảng Ngãi und Quảng TinSie war nach der Wiedervereinigung Vietnams wieder Teil der Provinz Quảng Nam. nahe der Demarkationslinie am 17. Breitengrad eine Reihe von Kriegsverbrechen. Die Zahl ihrer Opfer lag im dreistelligen, möglicherweise vierstelligen Bereich.Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 28 u. 239. Hinweise auf diese Gräueltaten führten zu armeeinternen Nachforschungen, die sich von Februar 1971 bis Juni 1975 hinzogenDAY 1: Rogue GIs unleashed wave of terror in Central Highlands. In: Toledo Blade. 19. Oktober 2003. – die längste Ermittlung während des Vietnamkrieges.Joe Mahr: Unit's founder says he didn't know of atrocities. In: Toledo Blade. 28. März 2004. Von den tatverdächtigen Mannschaften und Offizieren wurde niemand angeklagt. Im Herbst 2003 publizierte ein Reporterteam der Lokalzeitung Toledo Blade (Ohio) eine vierteilige Artikelserie über diese Kriegsverbrechen sowie den Verlauf der Ermittlungen. Die Redakteure gewannen damit im Juni 2004 den Pulitzer-Preis in der Kategorie „Investigativer Journalismus“.Blade wins Pulitzer. Series exposing Vietnam atrocities earns top honor. In: Toledo Blade. 4. Juni 2004.
Hintergrund Kriegssituation Seit 1965 befanden sich amerikanische Kampftruppen offiziell in Südvietnam. Zuvor agierten dort amerikanische Militärs im Beraterstatus, 1963 waren es 16.300 Mann.Udo Sautter: Lexikon der amerikanischen Geschichte, Beck, München 1997, S. 384, ISBN 3-406-39294-6. Die mit der ständigen Erhöhung von Truppenanzahl und Feuerkraft verbundenen, immer wieder öffentlich vorgetragenen Versprechungen militärischer und politischer Erfolge blieben unerfüllt. Die amerikanische Regierung unter Präsident Lyndon B. Johnson geriet in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre so in eine „Glaubwürdigkeitslücke“ (credibility gap), die sich bereits während Kennedys Amtszeit aufgetan hatte.Siehe den Eintrag Credibility Gap in James Stuart Olson: Historical dictionary of the 1960s, Greenwood Press, Westport, Conn. 1999, S. 118, ISBN 0-313-29271-X. Unterstützt von Truppen Nordvietnams war der Vietcong weiter auf dem Vormarsch. Die Bevölkerung blieb von den Maßnahmen des korrupten südvietnamesischen Regimes und von den Verheißungen des amerikanischen Freiheits- und Wohlstandsdiskurses weitgehend unbeeindruckt. Die Sorgen der führenden amerikanischen Politiker und Militärs ließen sich nicht bannen: erstmals in ihrer Geschichte standen die Vereinigten Staaten vor einer Kriegsniederlage; Vietnam würde – so die Annahme – anschließend an den als monolithischen Block imaginierten Kommunismus fallen und gemäß der „Domino-Theorie“ ganz Südostasien mitreißen. Es drohte der Verlust politischer Glaubwürdigkeit, militärischen Prestiges und geopolitischer Einflusssphären.
Insbesondere die mittlere Führungsebene des amerikanischen Militärs erfasste den Kriegserfolg – in Ermangelung von Siegen in großen Feldschlachten und dauerhaften Geländegewinnen – per body count und meldete ihn regelmäßig an das Oberkommando, das Military Assistance Command, Vietnam. Die übermittelten Angaben galten als eine zentrale Kennzahl, die in entsprechende Statistiken einfloss. Vom amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara war bekannt, dass er mit seinen engsten Beratern im Verteidigungsministerium diese und andere Zahlen zu Tabellen, Statistiken und Diagrammen aufbereiten ließ, um auf dieser Basis Zielvorgaben zu formulieren. Die Qualität derartiger Informationen geriet dabei ins Hintertreffen: Ob tatsächlich Menschen getötet wurden oder Soldaten und Offiziere bloß entsprechende Behauptungen aufstellten, ob mehr oder weniger Menschen als gemeldet ums Leben kamen, ob es sich um getötete Zivilisten oder um bewaffnete Feinde handelte – all das ließ sich an den Ziffern kaum noch ablesen. Es scheint, dass Body-Count-Statistiken das Kernstück einer manipulierten Zahlenwelt bildeten.Hierzu Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 421–430. Zur Bedeutung von Body Count siehe ferner Lewis Sorley, Body Count. In: Spencer C. Tucker (Hrsg.): Encyclopedia of the Vietnam War. A political, social, and military history. Vol. 1, Abc-Clio, Santa Barbara / Denver / Oxford 1998, ISBN 0-87436-983-5, S. 70.
In Vietnam wurde ein asymmetrischer Krieg geführt. Vollkommen unterschiedlich ausgerüstete und geschulte Kämpfer trafen aufeinander, das Verständnis von Kriegsführung war jeweils ein anderes. Diese Ungleichheit zeigte sich in vor der Küste ankernden US-Flugzeugträgern, große Bombenladungen abwerfenden B-52-Bombern („Stratofortress“) und allgegenwärtigen Militärhubschraubern auf der einen Seite sowie per Fahrrad transportiertem Nachschub, Heckenschützen, im Dschungeldickicht ausgebrachten Sprengfallen und plötzlichen hit and run-Anschlägen auf der anderen Seite. Der asymmetrische Krieg drohte stets, „weiche“ Ziele zu treffen – insbesondere Nichtkombattanten beziehungsweise Zivilisten – und das ius in bello (Recht im Krieg) faktisch außer Kraft zu setzen: Der Vietcong versuchte, mit Terror die Zivilbevölkerung zur Duldung und Unterstützung der Guerilla zu bewegen, die Amerikaner nutzten Terror, um sie davon abzuhalten beziehungsweise um das Umfeld des Vietcong „auszutrocknen“. Für den Vietcong kam ein weiterer Effekt hinzu, wenn er aus dem zivilen Umfeld heraus angriff und dort Deckung suchte: Gegenschläge der US-Truppen zogen die Zivilbevölkerung erheblich in Mitleidenschaft und untergruben so den Anspruch der Amerikaner, eine moralisch überlegene Sache zu vertreten.Zu Dynamik der asymmetrischen Kriegsführung in Vietnam siehe Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 44–56.
Einordnung und Charakteristika der Einheit 1965 gründete David Haskell Hackworth, der am höchsten dekorierte Infanterist der US-Armee, die Tiger Force mit dem Ziel, die Guerilla des Vietcong mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen („to outguerilla the guerilla“).So die Formulierung von Hackworth. Siehe Richard Hanner: Hackworth: Warrior, advocate, writer. In: Lodi News-Sentinel, 14. Mai 2005. Dabei präferierte er den Kampf in Klein- und Kleinstgruppen.Siehe hierzu im Rückblick Interview with Col. David Hackworth, U.S. Army, South Vietnam, abgedruckt auf der Website von PBS. Hier lag ein deutlicher Unterschied zur herkömmlichen Strategie, die auf überlegene Feuerkraft und große Truppenkontingente setzte.
Grundsätzlich kombinierte die Tiger Force als Recondo unit Aufklärungs- und Kommandofunktionen.Sallah, Weiss: Tiger Force. A True Story of Men and War. 2007, S. 13. Ihr näherer Auftrag bestand im Aufspüren feindlicher Positionen, in der Markierung von Zielen für amerikanische Luftangriffe oder Landeoperationen, in der Durchführung von Sabotage-Aktionen, in der Unterbrechung von Nachschublinien des Vietcong sowie in der Entführung und gegebenenfalls Ermordung von Kadern dieser Guerilla.Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 231.
Bereits bei der Gründung der Tiger Force war eine nur lose Anbindung an übergeordnete Truppenteile beabsichtigt. Einige Offiziere erblickten darin die Gefahr einer Verselbständigung, aber William Westmoreland, der Oberkommandierende der amerikanischen Truppen in Vietnam, beharrte darauf, dass derartig autonome Einheiten im Guerillakrieg notwendig seien.Sallah, Weiss: Tiger Force. A True Story of Men and War, 2007, S. 52. Solche Kampftruppen „sollten an einer möglichst langen Leine gehalten werden“.Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 254.
Die Tiger Force wurde in der Regel vor schwierige Aufgaben gestellt. So sollte sie Guerilla-Einheiten den Rückzug abschneiden oder deutlich größere Einheiten der US-Armee entsetzen, wenn diese in schwere Feuergefechte verwickelt waren. Am 7. Februar 1966 traf die Tiger Force beispielsweise auf sehr gut verschanzte feindliche Einheiten. Sie konnte sich aus dem Feuergefecht erst befreien, nachdem ihr Kommandeur James A. Gardner, der auch zu den Ausbildern der Einheit gehörte, drei feindliche Bunker im Alleingang angegriffen hatte. Gardner kam dabei ums Leben und wurde für seinen Mut postum mit der Medal of Honor geehrt. Am 11. Juni 1966 verfolgte die Tiger Force in der Nähe von Dak To nahe der Grenze zu Laos ein nordvietnamesisches Regiment. Bei den entsprechenden Feuergefechten kamen elf Tiger-Force-Mitglieder ums Leben.Family of Dyersburg Medal of Honor recipient donates medal to 101st Airborne. in: Dyersburg State Gazette, 1. September 2009; Sallah, Weiss: Tiger Force. A True Story of Men and War. 2007, S. 13 f.
Kurz vor ihrer Verwendung im Song Ve-Tal und anschließend im Dschungel von Quảng Tin geriet die Tiger Force am 15. Mai 1967 westlich von Duc Pho in einen Hinterhalt nordvietnamesischer Soldaten. In dem mehrstündigen Gefecht erlitten 25 GIs Verletzungen, zwei starben. Die Tiger Force bezeichnete diese Auseinandersetzung anschließend als „Mother’s Day Massacre“ („Muttertagsmassaker“).Sallah, Weiss: Tiger Force. A True Story of Men and War. 2007, S. 15 und S. 22.
Rund 120 Fallschirmjäger – alle kampferfahrene Freiwillige – taten zwischen Mai 1967 bis November 1967 Dienst in der Tiger Force, als Angehörige dieser Einheit Kriegsverbrechen verübten. Zeitgleich waren jedoch stets nur rund 45 Mann im Einsatz, oft wochenlang in Kleingruppen unterwegs und weit abseits ihres Basiscamps.Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 231; Sallah, Weiss: Tiger Force. A True Story of Men and War. 2007, S. 317; DAY 1: Rogue GIs unleashed wave of terror in Central Highlands. In: Toledo Blade. 19. Oktober 2003. Nach November 1967 wurde die Tiger Force verlegt. Ihre Aufgabe bestand nun in der Verteidigung eines amerikanischen Camps nahe der Grenze zu Kambodscha. Im Oktober 1968 zeichnete Lyndon B. Johnson die Einheit für ihr Kampfverhalten mit einer Presidential Unit Citation aus. Ende 1970 scheint die Tiger Force aufgelöst worden zu sein.Die Website der Veteranen präsentiert kein jüngeres Gruppenbild von Soldaten dieser Einheit im Vietnameinsatz. Siehe Website der Tiger-Force.
Die Angehörigen der Tiger Force trugen keine regulären Uniformen, sondern Tarnanzüge ohne Truppen- und Rangabzeichen. Anstelle des Stahlhelms benutzen sie breitkrempige Allwetterhüte. Den Männern war erlaubt, sich Bärte wachsen zu lassen. Als Zeichen ihrer besonderen Stellung war ihnen das offene Tragen von Handfeuerwaffen gestattet.Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 232; Sallah, Weiss: Tiger Force. A True Story of Men and War, 2007, S. 277. Die Tiger-Force-Angehörigen sahen sich selbst als „Elite der Elite“, sie wurden von anderen amerikanischen Soldaten im Vietnameinsatz bewundert und gefürchtet.Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. 2009, S. 232.