Die Huáscar ist ein Panzerschiff, das 1865 in Großbritannien für Peru gebaut wurde und heute als Museumsschiff in chilenischem Besitz ist. Benannt wurde sie nach Huáscar (auf Quechua „Waskar“), dem Stiefbruder des Inkakönigs Atahualpa. Die Huáscar war im Salpeterkrieg bis zur Eroberung durch die chilenische Marine im Oktober 1879 das größte Kriegsschiff der peruanischen Marine.
Die Huáscar wird häufig als Monitor bezeichnet, weil sie wie die Monitor nur einen Drehturm hat. Sie gilt als das zweitälteste bis heute erhaltene Panzerschiff (nach der 1861 in Dienst gestellten Warrior) und das einzige erhaltene Turmschiff der Welt.Huáscar entra a mantención („Huáscar geht ins Dock“), Video-Bericht des chilenischen Fernsehkanals 24horas.cl vom 19. August 2013 über die letzte fünfjährige Routinewartung der Huáscar, abgerufen im April 2015 (spanisch).
Technische Auslegung, Panzerung und Bewaffnung Die Verdrängung der Huáscar beträgt 1.745 Tonnen. Die Maschine besaß eine Leistung von 1.500 PS und die Höchstgeschwindigkeit betrug 12,3 Knoten. Die autonome Reichweite betrug siebeneinhalb Tage bei Vollkraftbetrieb, zehn Tage bei einer Geschwindigkeit von 10 Knoten und 15 Tage bei fünf Knoten, bei einer Bunkerkapazität von 300 Tonnen Kohle.Vgl. Stiftung In Pectore – Fundación Miguel Grau (Hrsg.): GRAU (offizielle peruanische Biografie des Nationalhelden Admiral Grau), S. 129.
Der Schornstein war höhenverstellbar als Teleskopschornstein konstruiert und konnte, je nachdem, ob Segel gesetzt waren oder nicht, ein- oder ausgefahren werden.
Der doppelwandige Eisenrumpf mit der Werftbaunummer 321 besaß fünf wasserdichte Abteilungen, die durch vier Eisenschotte mit einer Stärke von je 5/8 Zoll (ca. 16 mm) getrennt werden konnten. Die seitliche Eisenpanzerung des Rumpfes (Gürtelpanzer) reicht bei maximaler Verdrängung etwas über einen Meter unter die Wasserlinie und ist im Mittschiffsbereich viereinhalb Zoll dick, zum Bug und zum Heck hin jeweils bis auf zweieinhalb Zoll abnehmend. Der Bug ist zusätzlich verstärkt und mit einem Rammsporn versehen. Die Panzerung des Drehturms ist fünfeinhalb Zoll (140 mm) stark; der Außendurchmesser des Turms beträgt 7 m. Der Gefechtskommandostand über Deck wird durch 2 Zoll (ca. 50 mm) dicke Eisenplatten mit Sehschlitzen geschützt.
Der unterhalb der Wasserlinie schneidenförmig vorgewölbte Rammbug konnte ähnlich einer Messerklinge bis zu einen Meter tief in den ungepanzerten unteren Teil des gegnerischen Rumpfes eindringen.
Die Bewaffnung bestand aus zwei 10-Zoll-Armstrong-Kanonen (254 mm) im Turm, zwei 40-Pfünder-Armstrong-Kanonen (120 mm) auf Drehachsen an den Seiten des Schiffes und einer 12-Pfünder-Kanone am Heck sowie einem Gatling-Repetiergeschütz (Kaliber .44), das für gewöhnlich auf der Beobachtungsplattform am Großmast montiert war.
Die beiden Hauptgeschütze waren in den um 360° drehbaren Panzerturm eingebaut und als Vorderlader ausgelegt, um das Laden der Geschütze zu erleichtern und die Rauchentwicklung im Inneren des Turms zu verhindern. Die Geschosse wurden mit Kettenzügen aus den Munitionskammern hochgezogen und in die zum Laden unter das Schiffsdeck abgesenkten Mündungen geschoben. Die Schussfrequenz betrug etwa fünf Minuten; die Reichweite 2.200 Yard (gut 2 km).Gabriele Esposito: Armies of the War of the Pacific 1879–83. Chile, Peru & Bolivia (= Men at Arms, Bd. 504). Osprey, London 2016, ISBN 978-1-4728-1406-7, S. 28. Die Drehung des Turms wurde anfänglich mit Menschenkraft durch ein unter Deck angebrachtes manuelles Drehkreuz bewerkstelligt, das von 16 Mann zu bedienen war. Eine Drehung um 180° dauerte mehr als 15 Minuten, so dass es im Gefecht in aller Regel schneller ging, das Schiff selbst in Schussrichtung zu drehen.Stefania Gozzer: Huáscar: la fascinante historia del barco que divide a Perú y Chile desde hace 140 años (y qué tiene que ver con la Guerra del Pacífico). In: BBC News, 15. Oktober 2019, abgerufen am 9. Dezember 2020 (spanisch). Das Drehkreuz wurde in den 1880er Jahren durch einen Maschinenantrieb ersetzt, ist aber heute wieder in der Originalbauweise zu sehen. Die Mannschaftsstärke der Huáscar betrug rund 200 Mann.
Geschichte Bau und Überführung nach Peru Am 12. August 1864 bestellte Kapitän zur See José María Salcedo (1809–1879), ein aus Chile stammender Seeoffizier, der seit seiner Jugend in der peruanischen Marine diente und im Auftrag der peruanischen Regierung handelte,Juan Carlos Llosa Pazos: La Unión en Angamos (PDF; 662 KB). In: Revista de Marina 2/2023, S. 114–131 (hier: S. 116). bei der Werft Laird & Brothers in Birkenhead (Großbritannien) ein Panzerschiff für den Seekrieg gegen Spanien. Der Preis belief sich auf 71.000 Pfund (ohne Geschütze). Die Maschinen- und Kesselanlagen stammten von der Firma Penn & Sons, während die Geschützbewaffnung von Armstrong & Co. geliefert wurde.
Konstrukteur des Schiffes war Cowper Phipps Coles, ein Kapitän der britischen Marine, der als einer der Erfinder des gepanzerten Drehturms gilt und dessen Entwürfe auf den Erfahrungen beruhten, die er im Krimkrieg bei der Belagerung von Sewastopol gesammelt hatte. Die wenige Jahre später nach einem sehr ähnlichen Bauplan wie die Huáscar, aber auf Druck der britischen Admiralität zweitürmig gebaute Captain sank aufgrund des Übergewichts der Türme und des niedrigen Freibords auf der Jungfernfahrt im September 1870 im Sturm vor Kap Finisterre. Dabei kamen fast 500 Menschen ums Leben, darunter der Erbauer.
Der Stapellauf der Huáscar fand am 7. Oktober 1865 statt, die Auslieferung erfolgte im Dezember 1865. Am 17. Januar 1866 lief das Schiff unter dem Kommando Salcedos in Begleitung des britischen Dampfers Thames unter peruanischer Flagge von Birkenhead nach Südamerika aus. Die ereignisreiche Reise führte zunächst nach Brest (20. Januar bis 25. Februar), wo sich die ebenfalls in England gebaute gepanzerte Fregatte Independencia unter dem Kommando von Aurelio García y García (1836–1888) der Gruppe anschloss, über Madeira, Rio de Janeiro (1. April), die Magellanstraße (24. Mai) und die chilenischen Häfen Punta Arenas (29. Mai), Ancud und Valparaíso (11. Juni). Die Huáscar war mit einer gemischten Mannschaft aus englischen, peruanischen und chilenischen Seeleuten bemannt. Auf der Jungfernreise kam es zu schweren Streitigkeiten zwischen Salcedo und seinen Offizieren sowie zwischen den Kommandanten der beiden peruanischen Schiffe und zu zahlreichen Zwischenfällen, darunter ein Zusammenstoß auf dem Atlantik mit der Independencia, zwei Meutereien mit Schießereien an Bord in Frankreich und Brasilien, massive Desertionen der Mannschaft in den angelaufenen Häfen, mehrere schwere Stürme und verschiedene Kampfhandlungen, bei denen spanische Frachtschiffe aufgebracht und teilweise versenkt wurden. Zeitweise wurden die Schiffe von US-amerikanischen Kriegsschiffen eskortiert. Bei der Ankunft in südpazifischen Gewässern waren die Kriegshandlungen gegen Spanien allerdings schon beendet. In Punta Arenas traf der Konvoi auf das preußische Kriegsschiff Vineta, von dem die Huáscar Kohle bunkerte. In Valparaíso verblieb das Schiff nach Ablösung Salcedos unter dem Kommando unterschiedlicher peruanischer und US-amerikanischer Schiffsoffiziere im Dock, bis es nach Ausbruch des peruanischen Bürgerkriegs im Januar 1868 nach Peru beordert wurde und am 2. Februar 1868 im Hafen von Callao eintraf.
Die Meuterei auf der Huáscar mini|Zeitgenössische Darstellung des Seegefechts von Pacocha zwischen der Huáscar und Schiffen der britischen Pazifikflotte (1877), das einzige direkte Duell zwischen traditionellen hölzernen Kriegsschiffen und einem volleisernen Panzerschiff der Seekriegsgeschichte.
Nach einem erfolglosen Putschversuch des peruanischen Politikers und späteren Präsidenten (1879–1881) Nicolás de Piérola wurde die Huáscar am 6. Mai 1877 von einer Gruppe Putschisten unter der Führung des Korvettenkapitäns Manuel María Carrasco gekapert und kreuzte fast einen Monat lang als Meuterschiff vor der peruanischen Küste. Piérola selbst wurde Mitte Mai mit einer Anzahl Anhänger ebenfalls an Bord genommen. Am 28. Mai 1877 wurde das Rebellenschiff von der peruanischen Flotte, an der Spitze die gepanzerte Fregatte Independencia unter dem Kommando von Kapitän zur See Juan Guillermo More Ruiz, bei Kap Pichalo gestellt, konnte aber entkommen. Am 29. Mai stoppte der damalige Kommandeur der britischen Pazifikflotte, Konteradmiral Algernon Frederick Rous Horsey, das Schiff mit einem Schuss vor den Bug und forderte den Kapitän zur Übergabe auf. Das anschließende Seegefecht in der Pacocha-Bucht bei Pisagua, bei dem der Huáscar die Schraubenkorvette HMS Amethyst, Horseys Flaggschiff, und die Fregatte HMS Shah gegenüberstanden, war das erste und einzige kriegerische Zusammentreffen zwischen hölzernen britischen Kriegsschiffen traditioneller Bauart und einem volleisernen Panzerschiff. Dabei setzten die Briten zum ersten Mal in der Seekriegsgeschichte einen Whitehead-Torpedo ein, der sein Ziel aber verfehlte. Die Huáscar konnte wiederum fast unbeschädigt entkommen, was großes Aufsehen in der internationalen Presse erregte und allgemein als Blamage der Royal Navy kolportiert wurde. Die britischen Maschinisten der Huáscar, die sich als Gefangene auf dem Panzerschiff befanden, weil sie sich der Meuterei nicht anschließen wollten (weshalb das Schiff großteils nur gesegelt und nicht mit Maschinenkraft fortbewegt werden konnte), wurden nun aber von Bord gelassen. Zwei Tage später ergab sich die meuternde Besatzung nach einem vergeblichen Versuch, die restliche Flotte zur Beteiligung an dem Aufstand zu bewegen, in Iquique den peruanischen Behörden.
Die Huáscar unter peruanischer Flagge im Salpeterkrieg mini|Blick aus der Seevogelperspektive auf ein anschauliches Modell der Huáscar unter peruanischer Flagge. Der Vormast ist zur Freimachung des Schussfelds abgebaut (eine von Admiral Grau im Vorfeld der Kampagne vom Winter 1879 zusammen mit anderen Anpassungen zur Verbesserung der Kampftauglichkeit angeordnete Maßnahme).Vgl. Stiftung In Pectore – Fundación Miguel Grau (Hrsg.): GRAU (offizielle peruanische Biografie des Nationalhelden Admiral Grau), S. 185.Anders als im Modell dargestellt und obwohl der Turm um 360° drehbar war, feuerte Grau stets nur nach Steuerbord, weil das Schiff mit nach Backbord geschwenktem Turm aufgrund eines Konstruktionsfehlers an Stabilität verlor.
Kurz nach dem Ausbruch des Salpeterkrieges gegen Chile nahm die Huáscar am 21. Mai 1879 unter dem Kommando des peruanischen Admirals Miguel Grau Seminario an den Seegefechten von Iquique und Punta Gruesa teil. Hierbei rammte und versenkte sie die chilenische Korvette Esmeralda unter Fregattenkapitän Arturo Prat, der selbst bei einem missglückten Enterversuch an Deck der Huáscar fiel. Die Chilenen mussten daraufhin die Seeblockade des damals noch peruanischen Hafens Iquique beenden und sich mit ihren Schiffen nach Valparaíso zurückziehen. In der Folgezeit konnte die Huáscar der chilenischen Flotte immer wieder entkommen und störte mehr als viereinhalb Monate lang sehr effektiv die chilenischen Versorgungslinien. Der Beschuss zahlreicher chilenischer Häfen und besonders die Erbeutung des Transportschiffes Rímac am 23. Juli 1879, das mit 300 Soldaten, Pferden, Munition und militärischer Ausrüstung nach Antofagasta unterwegs war, sorgten in der Öffentlichkeit für große Erregung und führten zum Rücktritt des Oberkommandierenden der chilenischen Kriegsflotte, Konteradmiral Juan Williams Rebolledo.