Franz Reichert (* 3. Oktober 1908Paul S. Ulrich: Biographisches Verzeichnis für Theater, Tanz und Musik/Biographical Index for Theatre, Dance and Music. Berlin Verlag. Arno Spitz GmbH. 1997. S. 1502. ISBN 978-3-87061-479-9. in Wien; † 28. Juni 1998) war ein österreichischer Schauspieler, Spielleiter, Regisseur und Theaterintendant.

Leben Franz Reichert studierte an der Staatsakademie für Musik und Darstellende Kunst in Wien bei Rudolf Beer. Ab 1926 hatte er erste Engagements als Schauspieler. Als Schauspieler und Regisseur wirkte er anschließend in Zürich, Essen (Spielzeit 1929/30), Graz, am Schauspielhaus Bremen als Oberspielleiter (1936–1941) und am Schauspiel Nürnberg (dort als „Oberregisseur“ und Oberspielleiter, 1941–1943).

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er von 1945 bis 1950 als Regisseur und Oberspielleiter am Hebbel-Theater in Berlin tätig, inszenierte aber auch an anderen West-Berliner Bühnen, so ab 1950 am Schlosspark Theater und am Schillertheater.

In den Fünfziger Jahren war er als Gastregisseur an mehreren westdeutschen Bühnen tätig, u. a. am Stadttheater Bonn (Spielzeit 1950–1951), am Deutschen Theater Göttingen (ab 1951), am Landestheater Hannover (1952–1953), an den Städtischen Bühnen Wuppertal (1954–1955) und am Thalia Theater in Hamburg. In der Spielzeit 1952/53 inszenierte er als Gast am Stadttheater Basel.

1955 inszenierte er erstmals am Wiener Burgtheater, wo er ab der Spielzeit 1955/56 auch als Betreuer für die Repertoirevorstellungen verantwortlich war. Von 1957 bis zum Ende der Spielzeit 1958/59 war er Regisseur und Schauspieldirektor am Landestheater Hannover. Von 1959 bis 1965 war er als fester Regisseur am Burgtheater Wien tätig, dort auch in der Position als Regie-Vorstand.

1965 wechselte er als Nachfolger von Kurt Ehrhardt als Schauspielintendant an das Schauspiel Hannover, wo er bis 1973 in dieser Position verblieb. Reichert widmete sich in Hannover insbesondere auch der Pflege des zeitgenössischen Theaters und setzte Stücke von Jean-Paul Sartre, Rolf Hochhuth, Martin Walser und Peter Weiss auf den Spielplan, die er häufig auch selbst inszenierte. Daneben war er weiterhin als Gastregisseur tätig.

Reichert inszenierte ein breites Repertoire, das die Klassiker der Theaterliteratur ebenso umfasste, wie die Stücke der Jahrhundertwende und der Moderne. Zu Beginn seiner Regietätigkeit erwarb er sich insbesondere Verdienste um das antifaschistische Zeitstück der Nachkriegszeit. Jochanan Ch. Trilse-Finkelstein würdigt Reichert im „Lexikon Theater International“ als einen „vom Literarischen kommenden Regisseur, der Textreue wahrt“, und dessen Inszenierungen „überschaubar, klug disponiert, handwerklich genau“ seien.

Reichert inszenierte u. a. Stücke von Shakespeare, Goethe, Schiller, Hebbel, Strindberg, Bertolt Brecht und Fritz Hochwälder. Im Bereich des zeitgenössischen Theaters realisierte er in seinen Inszenierungen Werke von Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Martin Walser, Peter Weiss und Sławomir Mrożek.

Reichert war mit der österreichischen Kammerschauspielerin Sigrid Marquardt (1924–2016) verheiratet. Er wurde am 10. Juli 1998 auf dem Hietzinger Friedhof (Gruppe 15, Nummer 8E) beigesetzt.

Inszenierungen (Auswahl) 1930: Die Trojanerinnen [sic!], Stadttheater Essen 1945/46: Die Illegalen (von Günther Weisenborn), Hebbeltheater Berlin/Studio, Uraufführung 1946: Bund der Jugend (von Henrik Ibsen), Hebbeltheater Berlin/„Volksbühne“ des Hebbeltheaters 1946/47: Geiseln (von Rudolf Leonhard), Hebbeltheater Berlin/„Volksbühne“ des Hebbeltheaters 1947: Babel (von Günther Weisenborn), Deutsches Theater Berlin 1947: Jacobowsky und der Oberst, Hebbeltheater Berlin, dt. Erstaufführung 1947/48: Lysistrata, Hebbeltheater Berlin/„Volksbühne“, Theater in der Kastanienallee 1948: Wach auf und singe (von Clifford Odets), Deutsches Theater Berlin/Kammerspiele 1948: Der Teufelsschüler (von George Bernard Shaw), Hebbeltheater Berlin 1949: Die Ballade vom Eulenspiegel (von Günther Weisenborn), Hebbeltheater Berlin 1950: Der Wald, Hebbeltheater Berlin 1950: Der Groß-Cophta, Theater am Schiffbauerdamm, Berlin 1950/51: Don Karlos, Stadttheater Bonn 1951/52: Wallenstein, Landestheater Hannover (mit Bernhard Minetti in der Titelrolle) 1952: Die Ehe des Herrn Mississippi, Schlosspark Theater Berlin 1952/53: Sodom und Gomorra (von Jean Giraudoux), Deutsches Theater Göttingen 1952/53: Der Wald, Deutsches Theater Göttingen 1952/53: Der Revisor, Stadttheater Basel 1953: Kolportage (von Georg Kaiser), Schlosspark Theater Berlin 1955: Der Wald, Städtische Bühnen Wuppertal 1955: Das kalte Licht (von Carl Zuckmayer), Städtische Bühnen Wuppertal 1955: Der Verschwender, Burgtheater Wien 1956: Einladung ins Schloß (von Jean Anouilh), Akademietheater Wien 1957: Richard II., Landestheater Hannover 1958: Der kaukasische Kreidekreis, Landestheater Hannover 1958: Die Heirat (von Nikolai Gogol), Landestheater Hannover 1958: Der Verschwender, Landestheater Hannover 1958: Fast ein Poet (von Eugene O’Neill), Landestheater Hannover 1958: Das Käthchen von Heilbronn, Landestheater Hannover 1958/59: Kabale und Liebe, Theater in der Josefstadt, 1963: Der zerbrochne Krug, Theater in der Josefstadt 1963/64: Ein Bruderzwist im Hause Habsburg, Burgtheater Wien (gemeinsam mit Kurt Horwitz) 1964: Nach Damaskus (von August Strindberg), Burgtheater Wien 1965: Eiche und Angora (von Martin Walser), Landestheater Hannover 1966: Tango (von Sławomir Mrożek), Landestheater Hannover 1967: Tartuffe, Landestheater Hannover 1969/70: Trotzki im Exil (von Peter Weiss), Landestheater Hannover 1971: Unverhofft (von Johann Nestroy), Akademietheater Wien

Hörspiele (Auswahl) Sprecher: 1948: Ellis Parker-Butler: Schwein ist Schwein – Regie: Nicht bekannt (Kurzhörspiel, Hörspielbearbeitung – RIAS) 1948: Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey (Buchhändler) – Regie: Gustav Burmester (Hörspielbearbeitung – NWDR Hamburg) 1948: Walther Johannes Meyer: Keiner weiß vom andern (Sprecher) – Regie: Ludwig Cremer (Kurzhörspiel – NWDR Hamburg) 1949: Hans Egon Gerlach: Goethe erzählt sein Leben (6. und 14. Teil) – Regie: Mathias Wieman (Hörbild – NWDR Hamburg) 1949: Unbekannt: Anatols Hochzeitsmorgen – Regie: Nicht bekannt (Kurzhörspiel – RIAS)

Mitautor: 1963: Alfred Maria Willner und Franz Reichert: Seinerzeit ausverkauft: Das Dreimäderlhaus – Regie: Heinz-Günter Stamm (Hörspiel – BR)

Literatur Herbert A. Frenzel, Hans Joachim Moser (Hrsg.): Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Schauspiel, Oper, Film, Rundfunk. Deutschland, Österreich, Schweiz. De Gruyter, Berlin 1956, , S. 584. Johann Caspar Glenzdorf: Glenzdorfs internationales Film-Lexikon. Biographisches Handbuch für das gesamte Filmwesen. Band 3: Peit–Zz. Prominent-Filmverlag, Bad Münder 1961, , S. 1368. Wilhelm Kosch (Hrsg.): Deutsches Theater Lexikon. Band III. Pallenberg – Singer. Seite 1837 (unter: Rollenfach). De Gruyter, Berlin [u. a.]. Januar 1971, ISBN 978-3-907820-29-2 (abgerufen über De Gruyter Online). Wilhelm Kosch (Hrsg.): Deutsches Theater Lexikon. Nachtragsband. Teil 5. Pe – Schad. Seite 192. De Gruyter, Berlin [u. a.] 2017, ISBN 978-3-11-036177-3. (abgerufen über De Gruyter Online). Henning Rischbieter (Hrsg.): Theater-Lexikon. Orell Füssli Verlag, Zürich und Schwäbisch Hall 1983. Sp. 1054 und Sp. 1055. ISBN 3-280-01465-4 Jochanan Ch. Trilse-Finkelstein/Klaus Hammer: Lexikon Theater International. Henschel Verlag, Berlin. 1. Auflage 1995. Seite 722. ISBN 3-89487-180-6.

Weblinks

Einzelnachweise

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