Das Motorschiff Liemba ist ein kombiniertes Passagier- und Frachtschiff, das bis 2018 auf dem afrikanischen Tanganjikasee verkehrte und im Hafen von Kigoma aufgelegt ist. Es wurde 1913 als Dampfschiff in Deutschland gebaut und nahm als Kriegsschiff am Ersten Weltkrieg teil. Bis zum 16. Mai 1927 trug es den Namen Goetzen, benannt nach Gustav Adolf Graf von Goetzen. Es handelt sich um das einzige verbliebene ehemalige deutsche Kriegsschiff aus dem Ersten Weltkrieg und – bis zur einstweiligen Stilllegung – um eines der ältesten in Dienst befindlichen Passagierschiffe der Welt.

Geschichte Deutsche Kolonialgeschichte mini|Goetzen 1915 vor dem Umbau (deutsches Foto mit belgischem Aufdruck von 1919) Das Schiff wurde 1913 mit Zustimmung des Reichskolonialamtes im Auftrag der Ostafrikanischen Eisenbahn-Gesellschaft auf der Meyer Werft in Papenburg an der Ems erbaut und auf den Namen Goetzen getauft.Ursprünglich sollte das Schiff den Namen Graf von Goetzen führen, aber auf eine Anfrage hin genehmigte das Reichskolonialamt am 7. November 1913, also noch vor der Abnahme des Schiffes, die Kurzform Goetzen. Siehe Erich Gröner: Die deutschen Kriegsschiffe Bd. 7, S. 220 f., 1990; Kurt Aßmann, Der Krieg zur See 1914 - 1918, Bd. 7, Teil 2, S. 188, 1935; L. B. Cane: (PDF; 13,3 MB) In: Tanganyika Notes and Records, 1947, S. 31. Es sollte dazu dienen, den Warentransport auf dem Tanganjikasee, gelegen im Westen der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, sowie mit der benachbarten belgischen Kolonie Kongo zu fördern. Dazu waren noch zwei Schwesterschiffe geplant, wovon eines, die Rechenberg, noch in Bau gegangen ist.Das Schwesterschiff Rechenberg (Baunummer 310) befand sind Anfang 1919 noch unfertig auf der Helling, wie sich aus einem Flugblatt von Josef L. Meyer ergibt (abgedruckt in Hans Jürgen Witthöft: Meyer Werft, S. 66. Die Aussagen zur Goetzen in diesem Buch sind fehlerhaft).

mini|Goetzen 1915 Ursprünglich verfügte das Schiff über sieben Kabinen für Passagiere erster Klasse (Einzel mit Schlafsofa) und über fünf Kabinen zweiter Klasse (2-Bett) sowie je einen Ess- und Rauchsalon erster und zweiter Klasse.Passagier- und Frachtdampfer für den Tanganjika-See von Werftbesitzer Franz Jos. Meyer in: Werft, Reederei, Hafen 1922, S. 99. Die Maschinenanlage bestand zunächst aus zwei Rundkesseln zur Dampferzeugung für die zwei Dreifach-Expansionsmaschinen mit einer indizierten Leistung von je , einer Kohlensäure-Eis- und Kühlmaschine in einem isolierten Kühlraum mit einer Kapazität von drei Kilogramm Eis pro Stunde, einer Beleuchtungs- und einer Belüftungsanlage. Das Schiff war für eine Besatzung von 64 Mann (60 Mannschaften und 4 Offiziere) ausgelegt.Auswertung der Schiffsplans in Werft, Reederei, Hafen 1922, S. 99.

Das Schiff wurde zunächst nur zusammengeschraubt, damit es für den Transport wieder in seine Einzelteile zerlegt werden konnte. Nach zehnmonatiger Bauzeit erfolgte im November 1913, zu Beginn der 47. Kalenderwoche (d. h. am 17./18. November), durch zwei Mitarbeiter der Ostafrikanischen Eisenbahn-Gesellschaft und einen Vertreter des Reichskolonialamtes, die Abnahme des Schiffes auf der Helling.Ems-Zeitung, 22. November 1913, S. 2. Anschließend wurde das ganze Schiff auseinandergenommen und in 5000 Holzkisten mit einem Gesamtgewicht von 800 Tonnen auf Güterwagen verpackt. So gelangte die Goetzen per Bahn nach Hamburg und von dort auf drei Dampfern nach Daressalam, der Hauptstadt der Kolonie. Dort wurden die Kisten auf die Mittellandbahn verfrachtet und nach Kigoma transportiert. Da die Gleisspitze Kigoma am 1. Februar 1914 erreicht hatte und die letzten Teile zusammen mit den Schiffbauern erst am 16. Februar 1914 in Daressalam ankamen,Deutsch-Ostafrikanische Zeitung, 18. und 21. Februar 1914. wurden alle Kisten mit der Eisenbahn transportiert. Ein Transport der Kisten mit Trägern ist nicht belegt. Die Meyer Werft schickte für die Durchführung des Zusammenbaus drei Mitarbeiter (Anton Rüter, Hermann Wendt, Rudolf Tellmann) nach Afrika. Sie wurden für die Aufgabe sehr gut bezahlt. So erhielt Rüter 600 Mark monatlich und das zu einer Zeit, in der ein Arbeiter etwa 100 Mark pro Monat bekam. Als Arbeitgeber fungierte die Ostafrikanische Eisenbahn-Gesellschaft; die Meyer Werft beurlaubte die drei Mitarbeiter solange.Paulus, Wackenberg: Von Goetzen bis Liemba. S. 133 f.

Am Tanganjikasee bauten rund 250 einheimische Arbeiter und 20 Inder aus der Eisenbahnwerkstatt Daressalam unter der Leitung von Rüter den Dampfer wieder zusammen. Insgesamt wurden 160.000 Nieten benötigt. Da die gesamte Hellinganlage der Querstapellaufanlage (13 Wagen à 80 Tonnen Tragfähigkeit) aufgrund des Kriegsausbruches nicht mehr geliefert wurde, musste der Stapellauf improvisiert werden. Der Ingenieur Friedrich Hübener der Firma Philipp Holzmann ließ vor der Werft ein Dock graben, in das die Goetzen allmählich hinabgelassen wurde. Dann wurde der Damm, der die Dockgrube von dem See trennte, durchstochen, worauf das Schiff am 5. Februar 1915 aufschwamm.Werft, Reederei, Hafen. 1922, S. 99; Aßmann Bd. 7, S. 177 f. Ende Mai 1915 war die Goetzen fertig. Die Probefahrten fanden am 8. und 9. Juni 1915 statt, und die Indienststellung erfolgte am 9. Juni 1915.Cane S. 31; Aßmann S. 178. Das Schiff wies eher mäßige Seeeigenschaften auf. Korvettenkapitän Gustav Zimmer, der Marinebefehlshaber am Tanganjikasee, schrieb am 20. August 1915 an den Gouverneur Heinrich Schnee:Cane S. 31; Cane hat die deutschen Dokumente ins Englische übersetzt. unzureichender Tiefgang („Das Schiff rollte deshalb sehr stark“) zu wenig Trimmmöglichkeiten zu wenige und zu schwache Schotten Maschinen zu schwach und verursachen starke Vibrationen Steuereinrichtung sehr störanfällig Schornsteinzug reicht bei Holzfeuerung nicht ausIm August 1915 wurde beim Einbau der 10,5-cm-Kanone auch ein provisorischer Schornsteinaufsatz angebracht. mini|hochkant=2|Modell der Goetzen in der ursprünglichen Bauform

Erster Weltkrieg Das Schiff wurde während des Ersten Weltkriegs zu einem Hilfskriegsschiff umgewandelt und fuhr nun unter der Bezeichnung SMS Goetzen. Es wurde mit einem 10,5-cm-Geschütz von dem nicht mehr operationsfähigen und später in der Rufiji-Mündung selbstversenkten Kleinen Kreuzer Königsberg ausgerüstet. Des Weiteren besaß es ein 8,8-cm-Geschütz aus dem „Hilfskreuzerzuschlag“ der Königsberg sowie zwei 37-mm-Hotchkiss-Revolverkanonen vom Vermessungsschiff Möwe.Aßmann, S. 176 f, 188. Oberleutnant zur See Siebel wurde Kommandant des Schiffes.

Die Goetzen wurde in Kigoma stationiert und führte hauptsächlich Transporte durch, unter anderem Anfang Juni 1915 mit mehreren hundert Soldaten nach Kasanga, dem damaligen Bismarckburg.Es muss sich um die Verlegung der 24. Feldkompanie gehandelt haben. Nach Cane S. 31 soll der Transport ab 31. Mai, nach Aßmann S. 189 erst ab 10. Juni stattgefunden haben. Die einzige „Angriffshandlung“ fand kurz nach der Indienststellung Anfang Juli statt. Die Goetzen schleppte den bereits Ende 1914 schwer beschädigten britischen Dampfer Cecil Rhodes aus Kasakalawe (Südende des Tanganjikasees) ab und versenkte das Schiff im tiefen Wasser.Aßmann S. 189; Bundesarchiv Freiburg RM/8 Nr. 368. Die Goetzen beherrschte den See, denn die Briten hatten nur die zwei jeweils 13 Meter langen Kanonenboote Mimi und Toutou mit je einer kleineren Kanone auf dem See.Frank J. Magee: Transporting a navy through the jungles of Africa in war time, in: The National Geographic Magazine, 1922, S. 331. Doch auch die Belgier schafften im Laufe des Krieges mehrere Boote und Schiffe zum Tanganjikasee, unter anderem das Kanonenboot Netta (18 Meter Länge). mini|Geschützmannschaft der Goetzen an der 10,5 cm L/40 Sk Die letzte nachweisbare Versorgungsfahrt fand am 18. April 1916 nach Usambura statt. Nachdem Anfang Mai 1916 die beiden großen Geschütze ausgebaut worden waren, blieb das Schiff im Hafen von Kigoma.Aßmann S. 258, 260. Am 10. Juni 1916 wurde es von einem belgischen Wasserflugzeug vom Typ Short Admiralty 827 bombardiert. (PDF; 12,9 MB). In: Cross&Cocade, 2008, Vol. 39, Nr. 1. The Times, 16. Juni 1916, S. 8. Die Belgier reklamierten einen Direkt- und Beinahetreffer am Heck des Schiffes.Leconte: Les ancêtres de notre Force Navale. In: The Times, 16. Juni 1916, S. 331. Allerdings fanden die britischen Bergungskräfte nach der Hebung des Schiffes im Jahre 1924 nur Hinweise auf Splitterschäden an der Steuerbordseite des Hecks. (PDF; 23,0 MB) S. 257. In den nächsten Tagen und Wochen griffen die Belgier Kigoma, Ujiji und auch die Goetzen, die im Hafen von Kigoma lag, immer wieder aus der Luft an. Aber auch dabei erlitt das Schiff keine größeren Beschädigungen. Das letzte Mal wurde das Schiff am 23. Juli von belgischen Fliegern in der Katabe Bay gesichtet.Charles Stiémon: . S. 181. George Moulaert: La Campagne du Tanganika (1916–1917). S. 114.

Als die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug Kigoma aufgeben mussten, befahl ihr Kommandeur, Paul von Lettow-Vorbeck, die Goetzen zu versenken. Rüter ließ die wichtigsten Teile vor dem Öffnen der Seeventile dick mit Fett einschmieren und das Schiff am 26. Juli 1916 in einer Wassertiefe von rund 20 Metern nahe dem Ufer in der Katabe Bay (belgische Bezeichnung: Baie de l’éléphant; britische Bezeichnung: Bangwe Bay) auf der Position fluten.Leconte S. 331; Moulaert S. 119; Royaume de Belgique, Ministère de la Défense: Les campagnes coloniales belges 1914–1918, Band II, S. 373. Der falsche Gefechtsbericht der Netta vom 28. Juli 1916 führte dazu, dass als Versenkungsort der Goetzen oftmals die Mündung des Malagarasi-Flusses genannt wird.Siehe Cane, S. 31. In Wirklichkeit beschoss die Netta aber nicht die Goetzen, sondern die Wami.Leconte S. 331; S. 69.

Zwischenkriegszeit Das Schiff wurde ab 1918 von den Belgiern gehoben. Verantwortlich war Johann Ludwig Wall, ein Schwede in belgischen Diensten.Wall. (PDF; 159 kB) In: Biographie Coloniale Belge. Institut Royal Colonial Belge, T. II, 1951, col. 966-969 Wall ließ zunächst durch Taucher große Mengen an Material bergen. Anschließend füllte er die Laderäume mit leeren Fässern und ließ Drahtseile unter dem Schiff durchziehen. In der Mitte von zwei speziell für diesen Zweck von der Compagnie des Chemins de fer du Congo Supérieur aux Grands Lacs Africains gebauten 375 Tonnen schweren Lastkähnen wurde das Wrack mittels der Drahtseile angehoben.Tribune Congolaise, 19. September 1919, S. 1. Chalux: Un an au Congo Belge. S. 545 f. Bis Ende Juni 1919 hatten die Belgier das Schiff um etwa 1,5 m gehoben.Alexander Barns: The wonderland of the Eastern Congo. S. 14. In diesem halbgehobenen Zustand brachten sie das Schiff Mitte September 1919 nach Kigoma, wo es abgesetzt wurde.Tribune Congolaise, 19. September 1919, S. 1. Moulaert, S. 119, Fn. 1. Die weitere Hebung scheiterte an den technischen Unzulänglichkeiten und so wurde das Schiff am Point Lusana auf der Position in 20 m Wassertiefe liegen gelassen. Auf den Fotos, die Homer L. Shantz Mitte Februar 1920 von der Kigoma-Bucht machte, sind die beiden Bargen zu sehen. abgerufen am 2. Oktober 2013 Im Mai 1920 besuchte der belgische Kolonialminister Louis Franck die Region Kigoma und stoppte die Bergung wegen der bereits entstandenen hohen Kosten und der mangelnden Erfolgsaussichten. De Wall verließ daraufhin den Kongo innerhalb von 2 Monaten und kehrte nie mehr zurück.Ihnen S. 230; Tribune Congolaise 5. August, 23. September, 4. November 1920