Als Amselfeld-Rede wird die Rede des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević bezeichnet, die dieser anlässlich der Gedächtnisfeier zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld am 28. Juni 1989, dem Vidovdan, auf dem historischen Schauplatz der Schlacht in Gazimestan vor einem Millionenpublikum hielt.

Miloševićs Rede fand an dem bei den Serben populären religiösen, nationalen und Volksfeiertag statt, der in der serbischen Tradition in enger historischer und mythisch überhöhter Verbindung zum Kosovo Polje (Amselfeld) steht. Die Rede wird oft als wesentlicher Schritt auf dem Weg in die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre gewertet. Die Amselfeld-Rede wurde vor und während des Kosovo-Krieges als Beleg für eine militant nationalistische Gesinnung oder Politik Miloševićs angeführt. Bei der auszugsweisen Veröffentlichung der übersetzten Rede durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist es zu stark sinnentstellenden Darstellungen des Originalwortlautes gekommen.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 485ff.

Vorgeschichte und Hintergrund

Historischer und mythischer Hintergrund der Vidovdan-Feier: der Kosovo-Mythos Die Schlacht auf dem Amselfeld wurde zu ihrer mehrhundertfachen Jährung 1989 auch in der westlichen Wissenschaft in engen Zusammenhang mit dem kulturell bedeutenden Kosovo-Mythos gestellt. So nennt Norman Naimark, Professor für Osteuropastudien, der zusammen mit Wayne S. Vucinich für den 2. und 3. Juni 1989 Konferenzen zum 600-jährigen Jubiläum und in feierlichem Gedenken der Schlacht auf dem Amselfeld an der Stanford University in Kalifornien organisiert hatte, als Hintergrund für diese Feier in Stanford den Kosovo-Zyklus, der nicht nur eines der größten epischen Gedichte der Weltgeschichte, sondern auch einen Höhepunkt der serbischen Kultur darstelle.Naimark: Kosovo case changed the intervention policies. (englisch). "Stanford Balkan in America" project 2012, YouTube-Video, veröffentlicht am 31. Januar 2013 am von BalkanInAmerica (mit Verweis auf: Balkan in America project: ): Frage an Norman Naimark: "Together with late professor Wayne Vucinich you organized celebration of the 600 years anniversary of Kosovo battle at Stanford. What was the context of that event?"; Antwort von Norman Naimark: "Well in general towards the end of his life professor Vuchinich was very interested [and] we were interested at Stanford in talking about Serbian culture, talking about the high points of Serbian culture. This included a conference on Ivo Andrich and also a conference on the Kosovo cycle. Which, as you know, is one of the greatest epic poems in world history not to mention just Serbian history. So it was, you know, an idea to talk about the high points of Serbian culture during a period when a lot was in transition things were changing quickly and it was important to point out that this is a great you know, cultural niche. So i think that's basically the context." Weitere Anmerkung: den Konferenzvorsitz zur 600-Jahrfeier in Stanford führte Wayne S. Vucinich. Für das Verständnis der Feste im Zusammenhang mit der Schlacht auf dem Amselfeld und für die Einordnung und Bewertung der Inhalte der Amselfeldrede von 1989 ist somit eine genauere Kenntnis von Wesen und Wandel des Kosovo-Mythos (auch: Amselfeld-Mythos) von entscheidender Bedeutung, der einen zentralen Bestandteil der serbischen nationalen Mythologie bildet, und dessen Entstehung bereits unmittelbar mit der Schlacht auf dem Amselfeld begann:

mini|Lobpreisung des Fürsten Lazar – die um 1402 von Jefimija verfasste und als Totentuch für die Kopf-Reliquie Lazars ausgeführte Goldstickerei auf roter Seide preist Lazar als christlichen „Märtyrer“ für die „Wahl des himmlischen Königreichs“ und Tötung des Feindes der Christen (Murad I.) und gilt als frühestes lyrisches Zeugnis in kirchenslawischer Schrift serbischer Redaktion

Wohl schon mit der Schlacht an der Mariza 1371 hatte sich dem Osmanischen Reich der Weg zur Eroberung des Balkans geöffnet. Bei der Schlacht auf dem Amselfeld vom 28. Juni 1389 behauptete ein osmanisches Heer, persönlich befehligt von dem von seinen Söhnen Bayezid I. und Yakub begleiteten Sultan Murad I., das Schlachtfeld gegen ein christliches Heer, dessen serbische Truppen von den serbischen Fürsten Lazar Hrebeljanović und Vuk Branković geführt wurden. Dem christlichen Heer standen von Vlatko Vuković angeführte Männer des bosnischen Königs Tvrtko I. und möglicherweise einige albanische Kontingente unter Lazars Flagge sowie Söldner aus verschiedenen Teilen der Region zur Seite. Sowohl Lazar als Führer der Christen als auch Sultan Murad I. als Führer der gegnerischen Muslime kamen in der Schlacht zu Tode.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 25–27.Tim Judah, The Serbs - History, Myth, & the Destruction og Yugoslavia, 2. Auflage, Yale University Press, 2000, ISBN 0-300-08507-9, S. 31. In der Folge ordnete sich Lazars Nachfolger Stefan Lazarević dem Nachfolger Murads, Bayezid I., als Vasall unter.

Laut Tim Judah gibt es in der gesamten europäischen Geschichte keinen vergleichbaren Fall für den Effekt, den der Kosovo nach der Schlacht auf dem Amselfeld auf die „nationale Psyche der Serben“ ausgeübt hat.Tim Judah, The Serbs - History, Myth, & the Destruction og Yugoslavia, 2. Auflage, Yale University Press, 2000, ISBN 0-300-08507-9, S. 30. Wenn es auch im 15. bis 17. Jahrhundert in der Region zu einer kulturellen Blüte unter osmanischer Herrschaft kam, so zeichneten doch religiöse Legenden in kirchlichem und dynastischem Interesse das Bild einer katastrophalen Niederlage gegenüber den „Gottlosen“, während sich in den Sagen vermutlich die Lebenswelt des 18. und 19. Jahrhunderts niederschlug, als Militärwesen, Wirtschaft und Verwaltung im osmanischen Reich zunehmend überfordert waren und die Steuerbelastung der Bevölkerung anstieg.

Etwa ein Jahr nach der Schlacht wurden die Gebeine Lazars in das Kloster Ravanica überführt, und erste kirchliche Texte („Legenden“) verherrlichten den zum Heiligen erklärten Fürsten. Diese Legenden sollten zunächst dazu beitragen, der Öffentlichkeit eine theologische Erklärung für die Niederlage der Christen gegen die „Gottlosen“ zu geben und die Herrschaft der Dynastie Lazars und somit auch den Einfluss der mit dieser Dynastie koalierenden orthodoxen Kirche zu sichern. Nachdem die Dynastie der Lazarevći geendet hatte, ging es der Kirche darum, die Reichsidee zu retten, an die sie gebunden war. Wie volkstümlich diese Legenden über die Jahrhunderte waren und ob es neben den kirchlichen Texten auch mündliche Varianten („Sagen“) gab, ist unbekannt, da darüber erst im 19. Jahrhundert Quellen vorliegen.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 34f., 37.

mini|Plastik des Miloš Obilić von Ivan Meštrović als Bestandteil seines Amselfeldzyklus geschaffen. 1908, heute im Serbischen Nationalmuseum Belgrad Aus dem in den kirchlichen Legenden beschworenen Märtyrertod entwickelte sich später das mythische Bild der „Wahl des himmlischen Königreichs“, die Wahl zwischen ehrenvollem Tod und Leben in Schande als Bestandteil des Kosovo-Mythos',Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 35–37. mit dem eine als militärische Niederlage empfundene Schlacht als transzendenter Sieg aufgefasst wurde. In den als Erzählungen oder Lieder vor allem seit dem 18. und 19. Jahrhundert erhaltenen Sagen steht Miloš Obilić (auch: Kobilić) als mutmaßlicher Mörder von Murad I. im Vordergrund, oft als ein zu Unrecht vor den Seinen beschuldigter Adliger, der heldenhaft mit List bis vor den Sultan kommt, ihn tötet und so seine Ehre wiederherstellt. Dem „Helden“ Miloš stellen die Sagen den „Verräter“, Fürst Vuk Branković, gegenüber, der unritterlich seine eigenen Interessen dem Opfertod gegen die „Ungläubigen“ vorgezogen habe.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 37–39.

mini|Der blinde epische Poet und Guslar Filip Višnjić als Teil des zur 500-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld 1889 begründeten und 1904 von Đorđe Jovanović fertiggestellten Heldendenkmals in Kruševac

Im 19. Jahrhundert, der Epoche der europäischen Nationalstaatenbildung und des zunehmenden Zerfalls des Osmanischen Reichs, wandelten sich die Legenden und Sagen mit dem Kosovo-Motiv zu einem nationalen Mythos, wie im Bergkranz des Njegoš, der als Mittel zum Kampf für die Einigung der montenegrinischen Stämme gegen innere Widerstände konzipiert wurde. Dabei wurde der Befreiungskampf gegen die Osmanen einer manichäischen Teilung der Welt in die Kräfte des „Guten“ und des „Bösen“ untergeordnet, und die treibende Kraft für den Kampf wurde nun, anders als etwa in der Griechischen Tragödie, das Volk selbst. Dieses Epos hatte einen enormen nationalpolitischen Erfolg. Die Menschen wuchsen mit seinen Versen auf, die sie besser als das Vaterunser gekannt haben sollen, und der Kosovo-Mythos setzte sich über Generationen fort. Ausgehend vom „Bergkranz“ wurde der „Kosovo-Schwur“, als bewusste Entscheidung für das himmlische Reich, die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts über institutionalisiert. Heldentod, „himmlisches Reich“ und notwendig kommendes „irdisches Reich“ (der Nationalstaat) wurden eng miteinander verknüpft. Die Niederschrift des Epos half der entstehenden Nation mit seiner vereinenden Wirkung, den Aufbau eines montenegrinischen Staates gegen die bürgerkriegsartigen Aufstände der Stammesführer durchzusetzen, die wie schon unter den Osmanen Widerstand gegen die Einführung von Steuererhebungen leisteten. Nach der inneren Stabilisierung entwickelte sich Montenegro zu einem Zentrum der Einigung des Serbentums, wie es später dann Serbien für die Einigung der Südslawen Jugoslawiens werden sollte (Serbien als „Piemont der Südslawen“).Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 49–58.