alt=Otfried Preußler. Deutscher (Kinder-)Buchautor.|mini|Otfried Preußler (2010)
Otfried Preußler (* 20. Oktober 1923 in Reichenberg, Tschechoslowakei als Otfried Syrowatka; † 18. Februar 2013 in Prien am Chiemsee, Deutschland) war ein deutschsprachiger Schriftsteller.
Sein Werk besteht aus 38 Kinder-, Jugend- und Bilderbüchern, die bekanntesten sind Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe, Der Räuber Hotzenplotz, Das kleine Gespenst und Krabat. Preußlers Bücher wurden in 55 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von 50 Millionen Exemplaren erreicht.
Für seine Verdienste erhielt Preußler zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, den Bayerischen Maximiliansorden und eine Titularprofessur der Republik Österreich. Er gehörte zu den Gründern der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, und es wurden zahlreiche Schulen nach ihm benannt. Erst nach Preußlers Tod wurde Näheres über seine Jugendjahre und seine ersten Publikationen bekannt.
Leben Jugend und Schulzeit Otfried Preußler wurde 1923 im tschechoslowakischen Reichenberg (Liberec) als Kind zweier Lehrer geboren. Seine Mutter war Ernestine Tscherwenka (Czervenka);Günter Lange: Fragen zu Otfried Preußlers Biographie und Werk. In: Volkacher Bote, Zeitschrift der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, Heft 99, Dezember 2013, S. 30–35, hier: S. 31; Ortfried Kotzian: „Das dankbarste Publikum der Welt: Kinder“. Mit Otfried Preußler in Rumänien – Ein Reisebericht und Stimmungsbild anlässlich des Todes des beliebten Kinderbuchautors. In: West-Ost-Journal. Zeitschrift der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, 3/2013, S. 21–25, hier: S. 21. sein Vater Josef Syrowatka, der 1941 den Nachnamen der Familie – in Anlehnung an den Namen seiner Großmutter Agnes Praizler (1831–1891) – in Preußler änderte, war daneben auch Heimatforscher und Volkskundler., abgerufen am 7. September 2019.Bibliografie Rosenheim, S. 248, stadtarchiv. de vom Juli 2008 (pdf; 1,3 MB, 365 Seiten), abgerufen am 7. September 2019.
Viele seiner Erzählstoffe brachte Otfried Preußler aus der böhmischen Heimat mit. Einen großen Teil der Geschichten erfuhr er von seiner Großmutter väterlicherseits, Dorothea Jireš (1869–1949), genannt „Großmutter Dora“, die besser Tschechisch als Deutsch sprachCarsten_Gansel: Kind einer schwierigen Zeit – Otfried Preußlers frühe Jahre. Köln 2022, ISBN 978-3-86971-250-5, S. 100. und viele Sagen kannte.Tina Sprung: Der wunderbare Geschichtenerzähler. In: didacta. Das Magazin für lebenslanges Lernen. Nr. 04/16, S. 26–27. Preußler bezeichnete das Geschichtenbuch seiner Großmutter als eines, das gar nicht existiert hatte und doch das wichtigste Buch seines Lebens gewesen sei. Auch sein Vater, mit dem er als kleiner Junge oft unterwegs war und der die Sagen des böhmischen Teils des Isergebirges zusammentrug, unterstützte Preußlers Neigung.
Preußler besuchte die Allgemeine Deutsche Volksschule an der Schützenstraße (sog. „Rudolphschule“) und anschließend die Oberschule für Jungen in Reichenberg.Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit Otfried Preußlers frühe Jahre. Köln 2022, ISBN 978-3-86971-250-5, S. 109. Seine Lieblingsfächer waren Deutsch und alle Fremdsprachen. Den Unterricht in Tschechisch beschreibt er als „für die meisten von uns deutschen Kindern mit der schweren Hypothek belastet, dass wir es zwangsweise lernen mussten, da es ja seit dem Zerfall der Monarchie auch für die Sudetendeutschen zur Staatssprache erklärt worden ist und mit allen nur denkbaren negativen Reminiszenzen belastet war (…) Im Rückblick muß ich sagen, daß ich von der Beschäftigung mit einer solch komplizierten Sprache für den späteren Erwerb aller anderen Fremdsprachen (…) viel profitiert habe.“
Sein Berufswunsch war es, Professor für deutsche Landesgeschichte an der Karls-Universität in Prag zu werden.Fragebogen: Otfried Preußler. In: Schule & wir. Die Elternzeitschrift.Hrsg. vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Nr. 3 / 2010, S. 20. Nach seinem Abitur 1942, das er mit Auszeichnung bestand, immatrikulierte er sich an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität. Er konnte sein Studium aber nicht antreten, weil er zum Kriegsdienst einberufen wurde.Rede vom 26. März 1988. Gedruckt in: Otfried Preußler: Nicht so sehr eine Frage der Geodäsie. Gedanken über die wahre, die wirkliche Mitte Europas. In: Peter Becher, Hubert Ettl (Hrsg.): Böhmen – Blick über die Grenze. Lichtung Verlag, 1991, S. 137.
Die Jugendzeit Preußlers war geprägt von dem deutsch-tschechischen Nationalitätenkonflikt der 1930er Jahre im Sudetenland. Er war Mitglied in der Jungturnerschaft, in der neben der turnerischen Ertüchtigung eine politisch-weltanschauliche Bildung im Sinne einer völkischen Erziehung mit einer demonstrativen Betonung des deutschen Volkstums gepflegt wurde. Die Jungturnerschaft galt als bündisch geprägt.Siehe etwa das Biogramm auf der Seite Zeitzeugen berichten – Prof. Otfried Preußler; siehe auch Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit, Galiani, Berlin 2022, S. 140.
Nach der Annexion des Sudetenlandes wurde die Jungturnerschaft im Zuge der Gleichschaltung in die Hitlerjugend überführt. Der Werdegang Preußlers in der Hitlerjugend wird anhand der HJ-Beförderungslisten deutlich, so erfolgte im November 1939 im Deutschen Jungvolk die Beförderung zum Oberjungenschaftsführer, im April 1940 zum Jungzugführer und im November 1940 zum Oberjungzugführer. Er wurde im Oktober 1941 als Führer eines Ausbildungs-Fähnleins aus der Hitlerjugend entlassen.Gebietsbefehl / NSDAP., Hitler-Jugend, Gebiet Sudetenland (35) | Verfasser: Hitler-Jugend. Gebiet Sudetenland | Stiepel-Verlag, Reichenberg 1938–1945 | Deutsche Nationalbibliothek Leipzig | Signatur: ZB 38800 | Bestand: 1938,1 – 1945,3 [Mit Lücken] | S. 21 (15. November 1939); S. 9 (20. April 1940); S. 10 (4. November 1940); S. 9 (25. Januar 1942).
Preußler gab in seinem Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer eine Mitgliedschaft in der NSDAP seit September 1941 an (Mitgliedsnummer 8.637.519).Bundesarchiv R 9361-V/9502 In seiner Kriegsgefangenenakte wurde später ebenfalls eine Parteimitgliedschaft vermerkt.
In der Tanzstunde lernte er seine spätere Frau Annelies Kind (1925–2006) kennen, für die er ab 1940 Lyrik verfasste. Preußler war aber auch ein guter Zeichner; mit dieser Fertigkeit verdiente er sein erstes Geld, und lange Zeit war er sich unsicher, ob seine Zukunft im Malen oder im Schreiben läge. Auch hat er Zeichnungen von sich und seiner Frau hergestellt, zum Beispiel beim Tanzen oder in einem Kajak.
Kriegsdienst und Gefangenschaft Unmittelbar nach seinem Abitur wurde Preußler am 20. März 1942 zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg einberufen. Er selbst gab an, sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet zu haben.Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre. Köln 2022, ISBN 978-3-86971-250-5, S. 157. „[…] ich hatte mich wie die meisten meiner Freunde freiwillig in den Krieg gemeldet, von dem wir ja damals glaubten, er sei ein gerechter Krieg […].“Rede vom 26. März 1988. Gedruckt in: Otfried Preußler: Nicht so sehr eine Frage der Geodäsie. Gedanken über die wahre, die wirkliche Mitte Europas. In: Peter Becher, Hubert Ettl (Hrsg.): Böhmen – Blick über die Grenze. Lichtung Verlag, 1991, S. 137. Die Kriegsbegeisterung des jungen Mannes ist unübersehbar: „Ostern [1942, d.A.] werden wir vereidigt und ich hoffe nun bald ebenfalls hinaus ins Feld zu kommen. Heil Hitler.“Brief an Hans Baumann. Gedruckt in: Wilhelm Haefs: Hans Baumann. Die Karriere eines Schriftstellers im Nationalsozialismus. In: Das Bücherschloss. Mitteilungen aus der Internationalen Jugendbibliothek 2016/2017. Themenheft Hans Baumann-Tagung, S. 20–39, hier S. 31.
Er überstand als Offizieranwärter den Einsatz an mehreren Abschnitten der Ostfront. Mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse wurde er am 15. März 1943 ausgezeichnet.Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre. Köln 2022, ISBN 978-3-86971-250-5, S. 147. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Gefreiter. Anfang Mai 1944 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert. Im August 1944 war er als Kompanieführer mit der 294. Infanterie-Division im 52. Armeekorps der 6. Armee in Bessarabien in der Nähe von Kischinew eingesetzt.Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit – Otfried Preußlers frühe Jahre. Köln 2022, ISBN 978-3-86971-250-5, S. 156. Im sowjetischen Großangriff Operation Jassy-Kischinew wurden diese Truppenteile zusammen mit anderen Verbänden in einer Kesselschlacht umfasst und unter schweren Verlusten zur Aufgabe gezwungen.
Die überlebenden deutschen Soldaten gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er litt unter Typhus, Malaria und Fleckfieber und magerte bis auf 40 Kilogramm Körpergewicht ab. Die nächsten fünf Jahre verbrachte er als Kriegsgefangener in der Tatarischen Republik, zunächst im Kriegsgefangenenlager 97 in Jelabuga und ab Frühjahr 1945 im sogenannten „Silikatlager“ (ein Lager, in dem Silikatziegel hergestellt wurden) in Kasan. In der Kriegsgefangenschaft schrieb Preußler Gedichte und Theaterstücke, die er neben der Zwangsarbeit mit Kameraden auf der Lagerbühne aufführte.
Nach seiner Entlassung im Juni 1949 fand er im oberbayerischen Rosenheim seine heimatvertriebenen Angehörigen und seine Verlobte Annelies Kind aus Reichenberg wieder. Noch im selben Jahr heirateten sie. Das Paar bekam drei Töchter., abgerufen am 20. Oktober 2017.
Studium und Arbeit als Pädagoge mini|Otfried-Preußler-Schule in Stephanskirchen, Foto von 2009 „Lehrer sein – das wäre schön. […] Ich möchte mich an Kinder wenden dürfen, möchte sie formen und erziehen zu frohen, friedlichen Menschen.“, schrieb Preußler bereits 1947 auf einer Kriegsgefangenenpostkarte an seine Verlobte.Kriegsgefangenenpostkarte von Otfried Preußler an Annelies Kind, 28. September 1947. Gedruckt in: Carsten Gansel: Galiani Berlin, Berlin 2022, ISBN 978-3-86971-250-5. S. 446. Um finanzielle Sicherheit und mehr Freiheiten beim Schreiben zu haben, folgte er diesem Wunsch 1951 und begann eine Ausbildung in München zum Grundschullehrer. Während seines Studiums verdiente er nebenbei Geld als Lokalreporter und als Geschichtenschreiber für den Kinderfunk. Vom 1. April 1953 bis 1955 leistete er den Vorbereitungsdienst als Lehramtsanwärter, danach war er bis 1970 zunächst als Volksschullehrer, dann als Rektor an der später nach ihm benannten Otfried-Preußler-Schule in Stephanskirchen tätig, wo er auch wohnte. Mitunter hatte er 52 Kinder zu beschäftigen.Caroline Mascher: „Ein bisschen Magier bin ich auch“. In: Focus, 29. September 2008 (Interview), abgerufen am 7. September 2019. Hier kam sein erzählerisches und zeichnerisches Talent den Kindern zugute; nicht selten erzählte er seinen unruhigen Schülern Geschichten, die er später aufschrieb und veröffentlichte.
Laufbahn als Schriftsteller Seit seiner frühen Jugend hatte Preußler sich an Gedichten und kleinen Texten versucht. Seine ersten Publikationen waren drei in Briefform geschriebene Texte mit dem Titel Lieber Soldat!, die 1940 in der Zeitschrift Kameraden. Sudetendeutsche Briefe an Wehr- und WerkmännerKameraden: Sudetendeutsche Briefe an Wehr- und Werkmänner. [Reichenberg: NSDAP, Gauleitung Sudetengau].
Heft Nr. 3 II/1940, S. 14–15. (Sig. „Schorsch“)
Heft Nr. 5 IV/1940, S. 14. (Sig. „Schorsch“)
Heft Nr. 6 V/1940, S. 12–14 (Sig. „Otfried Preußler“)Petra Josting: „Erntelager Geyer – Otfried Preußlers erstes Buch“. In: Julia Benner / Andrea Weinmann (Hrsg.): „Otfried Preußler revisited“. Kopaed-Verlag, München 2023. S. 52. erschienen. Der 16-jährige Preußler berichtet darin von seiner Tätigkeit als Oberjungenschaftsführer bzw. Jungzugführer beim Deutschen Jungvolk.