Als Metamedium (Plural: Metamedien, auch Metamedia) bezeichnet man Medien, die ihre Inhalte aus anderen Medien beziehen. Solche übergeordneten („sekundären“) Metamedien ermöglichen oder erleichtern den Zugang zu „primären“ Medien. Sie dienen der Selektion, Straffung, Verdichtung oder Kommentierung des inhaltlichen Angebots der primären Medien. Das Konzept des Metamediums kann auf die gesamte Geschichte der gedruckten und elektronischen Medien (und bei diesen sowohl auf Hardware als auch auf Software) angewendet werden, vor allem auch auf die modernen Plattform-Unternehmen.
Im literaturwissenschaftlichen Kontext hat der Begriff eine andere, speziellere Bedeutung.
Begriff Der bis heute nicht einheitlich verwendete Begriff des Metamediums ist implizit bereits in Marshall McLuhans Unterscheidung zwischen „Inhalt“ und einem sekundären technischen (Meta-)„Medium“, welches die Inhalte präsentiert (z. B. gedruckte Zeitung, Fernsehempfänger), angelegt.Marshall McLuhan: Understanding Media: The Extensions of Man. New York 1964. Er wurde in datentechnischer Perspektive explizit zuerst 1977 von Alan Kay und Adele Goldberg gebraucht, die den Computer bzw. seine Benutzeroberfläche, sofern sie nach den Bedürfnissenfern Users gestaltet werden könnte, als Metamedium bezeichneten, mit dem andere Medien importiert werden könnten.Alan Kay, Adele Goldberg: Personal Dynamic Media. In: Computer. Band 10, 1977, H. 3, S. 31–41; hier: S. 40. In dieser Bedeutung wurde der Begriff später für den Personal Computer,Hartmut Winkler: Docuverse: Zur Medientheorie der Computer. Regensburg 1997, S. 76. das SmartphoneIsrael Márquez: El smartphone como metamedio. auf Observatorio (OBS*). Band 11, 2017, H. 2, Lissabon.Lee Humphreys, Veronika Karnowski, Thilo von Pape: Smartphones as Metamedia: A Framework for Identifying the Niches Structuring Smartphone Use, in: International Journal of Communication, vol. 12 (2018), S. 2793–2809. und als Bezeichnung für alle digitale Plattformen benutzt, auf denen die Inhalte anderer Medien oder von Mediennutzern generierte Inhalte gebündelt und präsentiert werden. Damit sind fungieren Metamedien auch als (mehr oder weniger institutionalisierte) Diskurszusammenhänge. Klaus Bruhn Jensen: Metamedia in Wiley Online Library, 23. Oktober 2016.
Von Lev Manovich wurde der Begriff des Metamediums weiter expliziert.Lev Manovich: Software takes Command. Bloomsbury Academic, New York 2013; Lev Manovich: Metamediji. Center for Contemporary Arts, Belgrad 2001; ders: Understanding Meta-media. In: ACM SIGGM Views. 2004. Manovich nutzte die Vorsilbe Meta-, um die „geschichteten“ Be- und Verarbeitungsebenen von Medieninhalten durch Metamedien wie z. B. Photoshop zu bezeichnen, die einzelne Momente der Information aus dem ursprünglichen Kontext herauslösen und veränderbar machen. Vilém Flusser benutzt den Begriff im metaphorischen Sinn für Medien, durch die andere Medien bzw. deren Inhalte vergleichbar gemacht werden.Rainer Guldin: Das (Rück)Übersetzungsspiel: Zu Vilém Flussers mehrsprachigem Denkstil. In: Rodrigo Antonio de Paiva Duarte, Thomas Friedrich (Hrsg.): Kulturendialog mit Vilém Flusser. Münster 2020, S. 65. Die dadurch entstehenden Bezüge oder der Wechsel zwischen verschiedenen Medien bezeichnet man auch als Intermedialität.
In kommunikationstheoretischer bzw. systemtheoretischer Sicht ist metamediale Kommunikation eine Metakommunikation, die sich selektiv auf „darunter“ liegende Kommunikationsmedien im Sinne einer Beobachtung zweiter Ordnung bezieht.Klaus Bruhn Jensen: How to do things with data: Meta-data, meta-media, and meta-communication. In: First Monday. Band 18, 2013, S. 10. DOI:10.5210/fm.v18i10.4870 Dazu gehören z. B. Pressereviews oder die Rezensionsteile wissenschaftlicher Zeitungen, in denen eine Auswahl aus Presseorganen oder Büchern besprochen wird. Peter Zhang und Bill Guschwan beschreiben diese Funktion von Metamedien als Re-Fokalisierung des Wissens, welches in den Primärmedien enthalten ist, die ihrerseits bestimmte andere Aspekte fokalisieren.Peter Zhang: Focal knowledge, medium bias, and metamedium. In: ETC: A Review of General Semantics. Juli 2014, S. 261 ff.
Arten von Metamedien Technische Zugangsmedien (Endgeräte) ermöglichen bzw. regulieren den Zugang zu mehreren Primärmedien, z. B. audiovisuellen Rundfunkmedien. Zu den Orientierungsmedien zählen sowohl gedruckte als auch im Internet abrufbare Fernsehprogrammzeitschriften oder Telefonverzeichnisse, aber auch Suchmaschinen und Instrumente zur Erschließung von Bibliothekskatalogen oder Datenbanken. Die Orientierungshilfe innerhalb eines im Rohzustand unübersichtlichen Medienangebots wird entweder durch eine teilweise redaktionell überwachte Codierung in inhaltliche Kategorien, durch die Eingabe verschiedener Parameter in Suchmasken oder durch die Bereitstellung sogenannter Agenten geleistet, die mit Hilfe gespeicherter Suchparameter das Datenangebot selbsttätig filtern.
Digitale Orientierungsmedien wie die Google-Suche sind sehr mächtig und wirken zentralisierend, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Inhalte lenken, die auch von anderen für relevant erachtet werden. Es handelt sich dabei meist um Meta-Meta-Medien, da sie Inhalte von Metamedien abgreifen.Klaus Bruhn Jensen: How to do things with data: Meta-data, meta-media, and meta-communication. In: First Monday. Band 18, 2013 doi:10.5210/fm.v18i10.4870 Sie lösen die Inhalte der von ihnen ausgelesenen Medien von deren spezifischen Medienträgern (Papier, Film) oder aus ihren Dateiformaten und erleichtern ihre Rückverfolgbarkeit, Vergleichbarkeit und andere mediale Querbezüge. So kann auch Hypertext als ein Orientierungs-Metamedium angesehen werden.
Ted Nelson bezeichnet die Logik des Vordringens von Metamedien als unaufhaltsam (inexorable): „We want to be able to jump from document to document, like a squirrel from branch to branch, passing through one document on the way to another, purchasing just that moment's portion.“Ted Nelson: Above and Beyond Publishing: The Inexorable Logic of Metamedia Publishing. In: P. David Stotts, Richard Furuta, William Jones u. a.: Proceedings of ACM Hypertext'93. Seattle 1993. Xanadu On-Line Publishing, Sausalito, California.
Metamedialisierung als Prozess Die Entwicklung von Metamedien ist eine Reaktion auf die steigenden Komplexität der Medien und auf die Überfülle von Informationen. Nach Auffassung mancher Autoren ist das gehäufte Auftreten von Metamedien (z. B. Programmzeitschriften mit in Deutschland 41 Millionen Lesern in 2008) ein charakteristisches Kennzeichen der Medien- bzw. Informationsgesellschaft mit ihrer wachsenden medialen Vielfalt.Ulrike Röttger (Hrsg.): Theorien der Public Relations. 2. Auflage. 2009, Vorwort, S. 4. Auch als die ersten Suchmaschinen 1994/95 aufgebaut wurden, reagierten sie auf das Problem des exponentiellen Wachstums der im Netz verfügbaren Informationen. Metamedien stellen somit Selbstbeobachtungsmechanismen der Mediengesellschaft dar. Der Prozess der Installation und Bedeutungszunahme solcher Metamedien im Zuge der Moderne und insbesondere digitalen Transformation wird als „Metamedialisierung“ bezeichnet.Felix Lenz: Nach bildhaften Kulturen und vor der Bildexplosion der Medien: Hegels 'Phänomenologie des Geistes' als Scheitelpunkt auf dem Weg in die Moderne. In: Felix Lenz, Christine Schramm (Hrsg.): Von der Idee zum Medium. München 2019, S. 37 ff., hier: S. 42.
Bei digitalen Metamedien steht anders als etwa bei einem alphabetisch sortierten Bibliothekskatalog die Sammel- und Beobachtungsaufgabe nicht mehr im Vordergrund: Durch Selektion und Neukombination von Inhalten bzw. anderen Medien generieren sie neuen Inhalt und erzeugen auch nutzerspezifisch neue Relevanzen. So werden digitale Plattformen, die Hardware, Software, auf denen eine Vielzahl von Medien repräsentiert und kombiniert werden können, wie das InternetKlaus Bruhn Jensen: Metamedium. auf Wiley Online Library. Oktober 2016.Das Metamedium Internet: die große Herausforderung, Institut Pierre Werner, Europäischen Medientage Luxemburg 2010. und das SmartphoneVeronika Karnowski: Die theoretische Modellierung der Nutzung mobiler Medien – vom Innovationscluster Mobiltelefon zum Metamedium Smartphone. In: Holger Schramm, Jörg Matthes, Christian Schemer (Hrsg.): Emotions Meet Cognitions. Springer VS, 2019, S. 83–91. heute als „individualisierbare Metamedien“ bezeichnet: Sie erlauben den Marketingstrategen, traditionelle Zielgruppenclusterungen und Segmentierungen des Marktes zu überwinden und immer zielgenauer das segment of one zu bedienen.Oliver Dziemba, Eike Wenzel: Marketing 2020. Campus 2009, S. 207.
Metamedien können nicht nur die Inhalte anderer Medien aufnehmen und verbreiten, sondern auch selektiv verändern. Sie gestatten freie Kombinationen und Montagen und beeinflussen das Medienerlebnis dadurch auch affektiv. So bieten für Hegel wie für Walter Benjamin Kunstsammlungen als Vorläufer moderner Metamedien einen Rahmen, der räumlich und zeitlich Getrenntes zusammenführt und die solchermaßen simultan präsentierten Kunstwerke zwar ihres Kultwertes beraubt, dafür aber ihren Genusswert steigert.Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes (1807), in: ders.: Werke, hrsg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt 1993, Bd. 3, S. 582–583, und S. 546–547; vgl. Felix Lenz 2019, S. 37. Metamedia verstärken so den Trend zur immediacy, indem sie die unmittelbare und gleichzeitige Wahrnehmung von Objekten aus verschiedenen Räumen und Zeiträumen gestatten.Francisco Campos Freire u. a., Kapitel 3. Israel Márquez betont eine andere psychologische Funktion der mobilen Metamedien, die ein synästhetisches Eintauchen in die Medienwelt gestatten.Márquez 2017.
Klassische Museen und Archive leiden oft an Überfülle und unzureichender Erschließung. In sog. Metamedia-Laboren werden traditionelle Medienarchive digital aufbereitet und nutzerorientiert in neuen Kontexten präsentiert, so etwa die archäologischen Forschungsergebnisse der Stanford UniversityMetamedia at Stanford, Abruf am 11. März 2020. oder die Audio- und Videoaufnahmen des Montreux Jazz Digital Project.Metamedia-Center der Technischen Universität Lausanne, Abruf am 11. März 2020.
Metamedien, Algorithmen und Filterblasenbildung Der Gedanke, dass ein Metamedium in der Lage sein sollte, die den einzelnen Medien inhärente, je unterschiedliche Fokalisierung und die dadurch entstehenden blinden Flecken bzw. den Bias zu neutralisieren, wurde von Marshall MacLuhan in seiner als metamediale Toolbox dienenden Aphorismen- und Exzerptsammlung The Book of Probes vorbereitet. Jedes neue Medium beinhaltet ältere Medien, und mit jeder neuen Mediengeneration werden McLuhan zufolge alte Fokalisierungen ausgelöscht. Es entstehen aber neue, und so könnte metamedial ausgehandelt werden, welcher Bias akzeptabel ist und welcher nicht.Marshall McLuhan, David Carson: The Book of Probes, hrsg. von Eric McLuhan und William Kuhns. Ginko Press, Corte Madera, CA 2003.