mini|Francisco Pérez del Valle: Patriotismus. Allegorische Darstellung am Monumento a los Caidos por España („Denkmal für die für Spanien Gefallenen“) in Madrid (1840) Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Vaterland bezeichnet, häufig bezieht er sich auf die Nation. Im Deutschen wird anstelle des Lehnwortes auch der Begriff Vaterlandsliebe als Synonym verwendet.
Definitionen Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet und kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische.
Im Unterschied zu einer historisch-kulturellen Bindung steht der Verfassungspatriotismus für das positive Bekenntnis zu den in einer staatlichen Verfassung verankerten übernationalen ethischen und politischen Grundrechten und Wertvorstellungen. Diese beziehen sich in der Tradition westlicher Rechtsstaaten auf die unveräußerliche Menschenwürde und davon abgeleitete Menschenrechte, für die universale Geltung beansprucht wird.
Patriotismus wird häufig vom Nationalismus und dem Chauvinismus abgegrenzt, insofern sich Patrioten mit dem eigenen Volk und Land identifizieren würden, ohne dieses über andere zu stellen und andere Völker ausdrücklich abzuwerten. Er bezieht sich auf die im staatsbürgerlichen Ethos wurzelnde, zugleich gefühlsbetonte, oft leidenschaftlich gesteigerte Hingabe an das überpersönliche staatliche Ganze, das in dieser Form nicht nur als rechtliche und politische Ordnung, sondern als die den Einzelnen tragende Gemeinschaft empfunden wird. Inwieweit dieser Unterschied tatsächlich besteht und historisch wirksam wurde, wird von mehreren Wissenschaftlern bezweifelt.
In Mitteleuropa hat sich der Patriotismus aus dem revolutionär verstandenen Liberalismus und Nationalismus des Bürgertums entwickelt, das gegen den Feudalismus einen demokratisch verfassten Nationalstaat anstrebte. Diese als Macht von unten aufgefasste Volksherrschaft hat sich seit der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789 langfristig in den meisten europäischen Staaten als Verfassung und Selbstverständnis durchgesetzt, nachdem sie zunächst nur ein Thema intellektueller Eliten gewesen und dann vielfachen historischen Rückschlägen unterlegen war.
Etymologie und Begriffsgeschichte Die Bedeutung und Verwendung des Begriffs änderte sich im Wandel der Jahrhunderte. Als πατριώτης (patriótes) wurden im Altgriechischen ausschließlich Nichtgriechen (Barbaren) bezeichnet, die durch eine gemeinsame Abstammung (πατριά (patriá), zu πατήρ (patér), „Vater“) verbunden waren und so einen Clan oder Stamm bildeten. Über das Lateinische (patriōta) wurde das Wort in die romanischen Sprachen entlehnt und fand über das Französische (patriote) im 16. Jahrhundert schließlich auch Eingang in die deutsche Sprache. Bis in die frühe Neuzeit drückte es jedoch ausschließlich die Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft, Heimat, Abstammung oder Ethnizität aus, entsprach also dem heutigen Ausdruck „Landsmann.“ Die Konnotation mit einem besonderen Stolz auf die Heimat oder das „Vaterland“ kam erst im Zuge der europäischen Reformationskriege auf. In den 1560er Jahren bezeichneten französische Hugenotten ihre Glaubensbrüder gelegentlich als „gute Patrioten“ (bon patriote). Entscheidend für den Bedeutungswandel war der Achtzigjährige Krieg, in dessen Verlauf sich die Anhänger Wilhelms von Oranien im niederländischen Kampf gegen spanische Fremdherrschaft als goede patriotten sahen.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage, De Gruyter, Berlin 2002, S. 686, s. v. Patriot.Oxford English Dictionary. 2. Auflage. 1989, s. v. patriot, n. and adj.
Im Zeitalter der Aufklärung wurde der Begriff erstmals definiert. In der moralischen Wochenschrift Der Patriot erklärte 1724 der Gelehrte Michael Richey, „ein Patriot sei ein Mensch, dem es um das Beste seines Vaterlandes ein rechter Ernst ist“, einer, der „dem gemeinen Wesen redlich zu dienen geflissen ist“. 1742 übersetzte Richey Patriot mit Stadtfreund, und Johann Moritz Gericke schrieb 1782, dass Patriotismus „derjenige starke innere Trieb [sei], der das Beste des Staates zum Augenmerk hat, und seine Wohlfahrt auf alle mögliche Art zu befördern sucht“. Wem gegenüber diese Haltung aber zu gelten habe, war umstritten. 1748 behielt Charles de Montesquieu in seinem Esprit des lois die Liebe zum Vaterland noch allein einer Republik vor. Treibende moralpsychologische Kraft in Monarchien sei dagegen die Ehre.Alexander Schmidt: Ein Vaterland ohne Patrioten? Die Krise des Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert. In: Georg Schmidt (Hrsg.): Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität? Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59740-0, S. 35–63, hier S. 41 (abgerufen über De Gruyter Online). Der Historiker Otto Dann definiert Patriotismus ganz allgemein als ein „sozialpolitisches Verhalten, in dem nicht die eigenen Interessen im Vordergrund stehen, sondern das Wohl aller, das bonum commune“.Otto Dann: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990. C.H. Beck, München 1994, S. 16. In diesem Sinne einer Gemeinnützigkeit verstanden sich auch die verschiedenen „Patriotischen Gesellschaften“, die typisch waren für die Geselligkeit im Deutschland des 18. Jahrhunderts.Barbara Stollberg-Rilinger: Die Aufklärung. Europa im 18. Jahrhundert. 5. Auflage. Reclam, Stuttgart 2021, S. 122 ff.
Patriotismus wurde in der Aufklärung allgemein als Tugend verstanden, also als eine wünschenswerte ethische Haltung. Justus Möser und andere Aufklärer vertraten die Ansicht, in den ständisch geprägten Monarchien gebe es keinen Patriotismus, nur Gehorsam. Ein Gemeinwesen aber, das Rechtsstaatlichkeit und Freiheit garantiere, könne von seinen Bürgern auch selbstloses Heldentum verlangen, bis hin zum Tod auf dem Schlachtfeld.Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 311 f.; Alexander Schmidt: Ein Vaterland ohne Patrioten? Die Krise des Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert. In: Georg Schmidt (Hrsg.): Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität? Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59740-0, S. 35–63, hier S. 45 f. (abgerufen über De Gruyter Online). Das tugendhafte Selbstopfer, das der Patriotismus verlangte, implizierte jedoch, dass das Gemeinwesen, dem es der Patriot darzubringen hatte, defizitär gedacht wurde: Es bedurfte der Anstrengung der Patrioten, war ohne sie also nicht liebenswert, sondern im Gegenteil machte erst die Anwesenheit vieler tugendhafter Patrioten ein Land zu einem, für das sich einzusetzen sich lohne. Insofern ist Patriotismus, wie der Soziologe Peter Fuchs analysiert, zirkulär bzw. tautologisch. Um aus dieser Tautologie herauszukommen und die Kontingenz der Zugehörigkeit zum jeweiligen Vaterland zu verschleiern, sei Patriotismus zunehmend werthaft und emphatisch geäußert worden. Gleichgültigkeit und Widerspruch seien nicht mehr zugelassen worden, Patriotismus wurde „polemogen“, das heißt, er führe zu Kriegen.Peter Fuchs: Vaterland, Patriotismus und Moral. Zur Semantik gesellschaftlicher Einheit. In: Zeitschrift für Soziologie 20, Heft 2 (1991), S. 89–103.
Seit den Befreiungskriegen, den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem napoleonischen Frankreich, war der Patriotismus ein Elitenprojekt, das zunächst mit den liberalen und demokratischen Idealen der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ einherging. Nach der Niederlage Napoleons wurde die Idee des Patriotismus auch in den bürgerlichen Schichten anderer europäischer Länder verbreitet, gleichzeitig jedoch von den reaktionären europäischen Fürstentümern in der Zeit der metternichschen Restauration nach dem Wiener Kongress 1814/15 unterdrückt. Auch wenn ältere Loyalitäten fortbestanden, wurde nun die Nation zur ausschlaggebenden Sinnstiftungs- und Legitimationsinstanz. Der so entstehende Nationalismus begründete, anders als der alte Patriotismus, der eher gefühlsmäßig begründet war, eine Wechselbeziehung zwischen dem Einzelnen und der Nation und konnte dadurch zur Massenbewegung werden.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 46 f.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff des Patriotismus europaweit zunehmend verbunden mit integralem Nationalismus und Chauvinismus, das heißt dem Glauben an die Überlegenheit der eigenen Nation und der damit einhergehenden Abwertung anderer Nationen.
Manchen gilt bzw. galt es als patriotisch, bevorzugt Waren zu kaufen, die im eigenen Land gefertigt wurden. Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 startete die britische Regierung 1931 eine Kampagne „Buy British!“; in den USA trat 1933 der Buy American Act in Kraft. Selbst in Island forderte man Kaupid islenzkar Vörur!Walter Greiff: Der Methodenwandel der europäischen Handelspolitik während des Krisenjahres 1931. Junker und Dünnhaupt, 1932, S. 46.
Abgrenzung vom Nationalismus mini|Fußball (im weiteren Sinn internationale Sportwettkämpfe) – einer der Kristallisationspunkte patriotischer Gefühle mini|hochkant|“God Bless the USA” („Gott segne die USA“) – patriotisches Bekenntnis in den Vereinigten Staaten von Amerika
Seit dem 18. Jahrhundert wird oft zwischen Patriotismus und Nationalismus beziehungsweise Chauvinismus unterschieden. Immanuel Kant notierte etwa, der instinktgeleitete Nationalismus müsse ausgerottet werden, „an dessen Stelle Patriotism und Cosmopolitism treten muß“.Immanuel Kant: Nachlaß zur Anthropologie, zitiert bei Bernd Schönemann: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 320. Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau formulierte diesen Unterschied 1999 folgendermaßen:
Laut dem Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung ist Patriotismus zwar einerseits die besondere Wertschätzung eigener Traditionen sowie kultureller und historischer Werte, er könne aber andererseits in nationale Arroganz, Chauvinismus und übersteigertem Nationalismus münden. In einem positiven, zeitgemäßen Sinne könne Patriotismus hingegen als Bekenntnis zu demokratischen Grundlagen sowie zur Verteidigung von Grund- und Menschenrechten verstanden werden. Eine empirische Längsschnittstudie kam 1997 zu dem Ergebnis, dass zwischen Nationalismus und Patriotismus empirisch unterschieden werden könne. Danach sei Patriotismus als spezifische Form nationaler Identität mit Toleranz gegenüber Fremdgruppen und Minderheiten vereinbar, während Nationalismus als Ursache für Fremdgruppenabwertung und Antisemitismus betrachtet werde. Die bloße Identifikation mit Deutschland sei demnach keine direkte Ursache für Fremdgruppenabwertung oder Antisemitismus.