Die Wachstumstheorie ist ein Zweig der Volkswirtschaftslehre, der sich mit der Erklärung der Ursachen von Wirtschaftswachstum bzw. der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes befasst.
Der klassische Indikator für wirtschaftliches Wachstum ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), dessen absolute Veränderung oder die Veränderung Pro-Kopf betrachtet werden kann, wobei letztere gemeinhin in Wachstumsmodellen verwendet wird. Dies liegt daran, dass die wirtschaftliche Lebenssituation eines repräsentativen (Durchschnitts-)Bürgers von Interesse ist.Wachstumstheorie – Definition im Gabler Wirtschaftslexikon.
Klassisches Merkmal vieler Wachstumstheorien ist die langfristige Sichtweise (vgl. Fristigkeit). Kurzfristige Fragen der Auslastung des Produktionspotenzials eines Landes sind Gegenstand der Konjunkturtheorie.
Historische Entwicklung
Klassische Wachstumstheorie Während lange Zeit die Wahrnehmung einer stationären Wirtschaft vorherrschend war und auch in den Theorien der klassischen politischen Ökonomie diskutiert wurde, entstanden erste Theorien bezüglich des Wirtschaftswachstums bereits Ende des 17. Jahrhunderts und begründeten den Merkantilismus. Den Gedanken einer „gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft“ fasste zuerst Gustav Cassel in eine Formel.Gustav Cassel: Theoretische Sozialökonomie. 4. Auflage Leipzig 1927, S. 51. Darin wurde zuerst die Gleichheit von Sparen und Investieren postuliert. Die klassische Nationalökonomie betrachtete die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital.
Marxistische Wachstumstheorie
mini|Das Kapital enthält die Wachstumstheorie von Karl Marx.
Wachstum und Akkumulation sind zentrale Bestandteile der marxistischen Wirtschaftstheorie. Karl Marx argumentiert in Band I des Kapitals, die einzelnen Unternehmen wären im Wettbewerb gezwungen zu akkumulieren. Von heutigen marxistischen Theoretikern wird dies auch als „grow or die“ oder Wachstumszwang diskutiert. Dank der sinkenden Profitrate kommt es nach den marxistischen Krisentheorien bzw. Zusammenbruchstheorien zu Stagnation wegen Überproduktion und letztlich zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems.Wilhelm Krelle: Theorie des wirtschaftlichen Wachstums. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 1988, S. 43–58, ISBN 978-3-662-10443-9. In Band II des Kapitals entwickelt Marx allerdings eine Theorie der Kreislaufzusammenhänge einer wachsenden Wirtschaft, die Wilhelm Krelle als „eine der wichtigsten wachstumstheoretischen Leistungen des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet.
Keynesianische Wachstumstheorien
Moderne Wachstumstheorien entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg, zunächst keynesianischer Natur. Eine frühe Theorie ist das Harrod-Domar-Modell, das von Roy F. Harrod und Evsey Domar entwickelt wurde.Roy F. Harrod: An Essay in Dynamic Theory. In: The Economic Journal. Band 49, Nummer 193, 1939, S. 14–33, .Evsey Domar: Capital Expansion, Rate of Growth, and Employment. In: Econometrica. Band 14, Nummer 2, 1946, S. 137–147, . Die Keynesianischen Modelle betonen die Bedeutung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Postkeynesianische Wachstumsmodelle werden unter anderem mit Stock-Flow Consistent Models formuliert.Wynne Godley, Marc Lavoie: Monetary Economics. An Integrated Approach to Credit, Money, Income, Production and Wealth. Palgrave Macmillan, New York 2012, ISBN 978-0-230-30184-9.
Neoklassische Wachstumstheorie
1928 veröffentlichte Frank Plumpton Ramsey ein Papier, das die Wachstumsrate als Ergebnis intertemporaler Nutzenmaximierung herleitete (Keynes-Ramsey-Regel). Es wurde später zum Ramsey–Cass–Koopmans Modell erweitert. 1956 veröffentlichte Robert M. Solow sein neoklassisches Wachstumsmodell (vgl. Solow-Modell),Robert Merton Solow: A Contribution to the Theory of Economic Growth. In: Quarterly Journal of Economics. Band 70, 1956, S. 65–94 (doi:10.2307/1884513). für welches er 1987 den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank erhielt. Das Modell wurde schnell zu einem häufig benutzten und getesteten Hilfsmittel für Ökonomen. Langfristiges Wachstum der Pro-Kopf-Größen ist im Gleichgewicht möglich aufgrund von exogenem technologischen Fortschritt.Manfred Gärtner: Macroeconomics. 2. Auflage. Pearson Education, Harlow 2006, S. 248f. Die empirische Analyse, welche Produktionsfaktoren welchen Beitrag zum Wachstum leisten, wird als Wachstumsbuchhaltung bezeichnet.
Endogene Wachstumstheorie
Mitte/Ende der 1980er Jahre erhielt die Wachstumstheorie einen neuen Schub. Insbesondere die Arbeiten von Paul Romer begründeten einen neuen Typ von Wachstumsmodellen, die sogenannten endogenen Wachstumsmodelle. Die kennzeichnende Eigenschaft endogener Wachstumsmodelle ist, dass die Produktionsfunktion zunehmende Skalenerträge ermöglicht. Die Begründungen für zunehmende Skalenerträge sind vielfältig, z. B. learning-by-doing oder Übertragungseffekte. Beispiele für endogene Wachstumsmodelle sind das AK-Modell, das Romer-Modell oder das Jones-Modell.Philippe Aghion und Peter Howitt: Endogenous Growth Theory. MIT Press, 1997.
N. Gregory Mankiw, Romer und Weil erweiterten 1992 das Standard Solow-Swan Modell. Sie fügten in die Produktionsfunktion den Faktor Humankapital ein. Humankapital definierten sie über die Einschulungsraten. Ihr Modell ergibt eine langsamere Konvergenzgeschwindigkeit als im Solow-Modell. Gänzlich verabschiedet von der Gruppe der exogenen Wachstumsmodelle haben sich die Anhänger der endogenen Wachstumstheorie (Paul Romer, Philipp Aghion, Peter Howitt et al.). Endogene Wachstumsmodelle basieren auf der Annahme, dass keine abnehmenden Grenzerträge vorliegen. Diese Annahme begründet Paul Romer in seinem Werk von 1986 mit der These, dass technisches Wissen nicht alleine dem Erfinder zur Verfügung steht, sondern durch Übertragungseffekte auch allen anderen Gesellschaftsmitgliedern verfügbar ist. Grossman, Aghion und weitere erweiterten diese Modellgattung dahingehend, dass angetrieben durch eine monopolistische Konkurrenz Firmen Vorteile aus der beständigen Erfindungstätigkeit haben. Technischer Fortschritt wird endogen.
Endogene Wachstumsmodelle wurden von einer Vielzahl von Wissenschaftlern erarbeitet, darunter Robert E. Lucas, Paul Romer, Philippe Aghion, Peter W. Howitt, Gene M. Grossman, Elhanan Helpman, Robert J. Barro und Xavier Sala-i-Martin.
Unified Growth Theory
Obwohl die endogenen Wachstumstheorien noch viele Einsichten bereithalten und Forschung in diesem Gebiet betrieben wird, gab es auch an dieser Modellklasse einige Kritik, die die Suche nach anderen Ansätzen motivierte.
Galor und Weil beschäftigten sich 2000 mit dem Zusammenhang von Bevölkerungswachstum, Bevölkerungsgröße, technischem Fortschritt und Humankapital. Dabei befruchten sich diese Variablen gegenseitig und ein sehr langfristiges Wachstum mit der Überwindung der Malthusianischen Falle wird zum Teil erklärbar.
Manche Wachstumsmodelle der Populationsdynamik werden auf das wirtschaftliche Wachstum oder auf Konjunktur allgemein angewandt.
Produktionsfaktoren und Wachstumsbuchhaltung
Die neoklassischen Modelle erklären den Beitrag der einzelnen Produktionsfaktoren zum Wachstum mit Hilfe der Wachstumsbuchhaltung.Charles Hulten: Growth Accounting. In: NBER Working Paper. w15341, 2009, .Rudiger Dornbusch, Stanley Fischer, Richard Startz: Makroökonomik, Abschnitt 3.1 Wachstumsbuchhaltung, Oldenbourg Verlag, 2003. Ein gesteigerter Einsatz des Faktors Arbeit (beispielsweise durch Bevölkerungswachstum) sorgt für eine Vergrößerung der Produktion. Wie groß der Beitrag des Arbeitseinsatzes zum Wachstum tatsächlich ist, hängt dabei von der Produktionselastizität ab. Während in der klassische Nationalökonomie der Produktionsfaktor Boden noch eine Rolle spielte, wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Boden meist zum Kapital gerechnet und nur von zwei Produktionsfaktoren – Arbeit und Kapital – ausgegangen. Insbesondere in der Umwelt- und Ressourcenökonomik wird aber auch die Bedeutung von Natur bzw. Rohstoffen als Teil des Faktors Boden untersucht.
Da alle Produktionsfaktoren knapp sind, muss für ihren Einsatz ein Preis bezahlt werden, der bei der Arbeit Lohn, beim Kapital Zins und beim Boden Bodenrente heißt. Der Wachstumsanteil, der nicht der Zunahme der Produktionsfaktoren zugeschrieben werden kann, wird als totale Faktorproduktivität bezeichnet und zumeist dem technischen Fortschritt zugeschrieben.Paul Krugman, The Myth of Asia’s Miracle, Foreign Affairs. 73 (6), S. 68.
Produktionsfaktor Arbeit Arbeit () beschränkt sich in der üblichen Definition als Produktionsfaktor auf Erwerbstätigkeit, die auf Einkommenserzielung ausgerichtet ist. Der Arbeitseinsatz hängt zum Beispiel von der Situation am Arbeitsmarkt ab. Die Arbeitsmarktökonomik untersucht die Zusammenhänge zwischen Angebot und Nachfrage von Beschäftigung und dem Lohn sowie die Ursachen und Auswirkungen von Arbeitslosigkeit. Der Begriff jobless growth bzw. „beschäftigungsfreies Wachstum“ (auch jobless recovery) bezeichnet ein Wirtschaftswachstum oder die wirtschaftliche Erholung von einer Rezession, die jedoch nicht ausreicht, um Arbeitsplätze zu schaffen.Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik: eine praxisorientierte Einführung. Lucius & Lucius DE, 2007, ISBN 978-3-8252-1317-6, S. 51. Geprägt wurde der Begriff in den 1990er Jahren in den USA, um die ökonomische Situation am Ende der Amtsperiode des US-amerikanischen Präsidenten George H. W. Bush zu beschreiben.Ricardo J. Caballero, Mohamad L. Hammour: Jobless growth: appropriability, factor substitution, and unemployment. National Bureau of Economic Research, 1997.
Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Beschäftigungszunahme ist eine traditionelle Theorie in der Ökonomie, jedoch teilweise umstritten. Ralf Fücks schreibt in seinem Buch Intelligent wachsen – Die grüne Revolution: „Die oft kolportierte These vom »Jobless Growth« hält einer empirischen Überprüfung nicht stand. Der Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Beschäftigung ist nach wie vor intakt. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik hat im Herbst 2012 ein Allzeithoch erreicht. Entgegen dem verbreiteten Eindruck haben dabei die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse stärker zugenommen als die »Minijobs«“.Ralf Fücks: Intelligent wachsen – Die grüne Revolution, Carl-Hanser-Verlag München, 2013, S. 120. Jeremy Rifkin vertritt dagegen in seinem Buch Das Ende der Arbeit, die Auffassung, dass Rationalisierung, Automatisierung und Wirtschaftswachstum zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit führen können. In einem Interview erklärte er: „Langfristig wird die Arbeit verschwinden. […] Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft. […] die Computer und Informationstechnik von heute machen immer mehr Menschen ganz überflüssig. Selbst die billigste menschliche Arbeitskraft ist teurer als die Maschine.“
Produktionsfaktor Kapital Das Kapital oder der Kapitalstock umfasst die Vermögensgüter, die in der Produktion eingesetzt werden, also z. B. Maschinen und Bürogebäude. Kapital ist notwendig, um Güter und Dienstleistungen herstellen zu können.O. Blanchard, G. Illing: Makroökonomie. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. 2009, S. 324. Die Produktion je Beschäftigtem steigt mit der Kapitalintensität in Abhängigkeit vom Grenzertrag des Kapitals. Je höher die Produktion bereits ist, desto geringer ist dieser Ertrag und somit das Wachstumspotenzial.O. Blanchard, G. Illing: Makroökonomie. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. 2009, S. 335 f. Im Gegensatz zur Arbeit kann Kapital akkumuliert werden. Gleichzeitig nutzt es sich ab und muss mit der Zeit abgeschrieben und ersetzt werden. Ein Teil der Produktion muss also für die Instandhaltung des Kapitals aufgewendet werden, um die Produktion mindestens konstant halten zu können. Durch den abnehmenden Grenzertrag kann daher nicht beliebig viel Kapital akkumuliert werden, solange es keine technischen Neuerungen gibt.