Der Ford Anglia 105E (auch: New Anglia) ist ein Personenwagen der Kompaktklasse, den Ford of Britain von 1959 bis 1967 als zweitürige Stufenhecklimousine und ab 1961 auch als dreitürigen Kombi sowie als Van baute. Eine leistungsstärkere Version wurde als Anglia Super 123E bezeichnet. Auffälliges Merkmal der Limousine ist das hinten überhängende Dach. Italienische und britische Karosseriewerke produzierten Sonderaufbauten mit New-Anglia-Technik.

Entstehungsgeschichte mini|Vorgänger: Ford Anglia 100E (ab 1959 als Ford Popular vermarktet) Ab 1953 hatte Ford of Britain in der Kompaktklasse die Baureihe 100E mit zwei Türen als Anglia und als Prefect mit vier Türen im Programm. Die Autos der 100E-Reihe hatten als erste Ford-Modelle aus britischer Produktion eine selbsttragende Karosserie.

1956 begannen in Fords neu formierter Planungsabteilung in Dagenham die Überlegungen für einen Nachfolger der 100E-Reihe. Ihre Entwicklung fiel in die Gesamtverantwortung des Ingenieurs Frederick Leslie „Fred“ Hart (1914–2008)Nachruf auf Fred Hart im Daily Telegraph vom 19. Juli 2008.. Mit Blick auf eine geplante Umstrukturierung der Modellpalette fiel frühzeitig die Entscheidung, den 100E-Nachfolger ab 1959 ausschließlich mit zwei Türen anzubieten.

Der New Anglia erschien im Oktober 1959. Er wurde neben den bisherigen Anglia der 100E-Baureihe angeboten, der nun die Modellbezeichnung Ford Popular erhielt und mit leicht modifizierter Technik, aber unveränderter Karosserie bis 1962 weitergebaut wurde.Roger Gloor: Alle Autos der 50er Jahre 1945–1960, Motorbuch Verlag, ISBN 978-3-613-02808-1, S. 163. Eine viertürige Version des New Anglia gab es nicht. Stattdessen wurden zunächst der bisherige Prefect 100E sowie der etwas größere Consul Mark II weiterproduziert, bevor beide 1961 im viertürigen Consul Classic ihren Nachfolger fanden.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 73. Der Consul Classic war größer als der Anglia und in der unteren Mittelklasse positioniert, sodass dem Anglia mit dem Wegfall des Popular 1962 die Rolle des Einsteigermodells bei Ford zukam. Im Oktober 1961 folgten eine Kombiversion des New Anglia sowie ein von ihr abgeleiteter Lieferwagen.

1967 endete die Produktion des New Anglia. An seine Stelle trat der Ford Escort.

Modellbeschreibung Motor und Kraftübertragung Der New Anglia wird von einem Vierzylindermotor mit hängenden Ventilen angetrieben. Der Motor ist die erste Variante der 1959 neu eingeführten Kent-Reihe, die der Ford-Ingenieur Alan Worters entwickelt hatte. Im Anglia 105E hat er einen Hubraum von 997 cm³ (Bohrung × Hub: 80,96 mm × 48,41 mm). Der Motor ist damit extrem kurzhubig (Hubverhältnis 0,6 : 1). Das Verdichtungsverhältnis beträgt 8,9 : 1. In dieser Form leistet der Motor maximal 39 bhp (29 kW; 39 PS) bei einer Drehzahl von 5000 pro Minute.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 141. Das maximale Drehmoment von 53 ft·lb (72 N·m) wird bei 2700/min erreicht.

Die Leistung überträgt ein handgeschaltetes Getriebe mit Mittelschaltung, erstmals bei Ford of Britain mit vier Gängen. Mit Ausnahme des ersten Ganges sind alle Gänge synchronisiert.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 80.

Fahrwerk Die vorderen Räder sind einzeln an MacPherson-Federbeinen mit Querlenkern und Stabilisator aufgehängt. Hinten hat der Anglia eine Starrachse an längs liegenden asymmetrischen Blattfedern mit Hebelstoßdämpfern. Die Feder hat bei der Limousine vier, bei den Kombiversionen sieben Blätter. Um den Fahrkomfort zu erhöhen, wählte Ford für den New Anglia längere Blattfedern als beim Vorgängermodell. Die Kugelumlauflenkunghttps://www.lov2xlr8.no/brochures/1950/ang/bilder/8.jpg lieferte Burman and Sons. Die Bremsen kamen von Girling. Sie entsprechen denen des Vorgängers.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 75.

Karosserie Konstruktion Der New Anglia hat eine selbsttragende Karosserie, die aus gepressten Stahlblechen zusammengesetzt ist. Die Bodenplatte weist kreuzförmige Verstärkungen im Fahrgastbereich auf, die zur hohen Verwindungssteifigkeit der Karosserie beitragen.

Design mini|Ford Anglia 105E, Basisversion mini|Außergewöhnliches Designdetail: Überhängendes Dach hinten Das Design des New Anglia entstand bei Ford of Britain. Es verbindet US-amerikanische und europäische Elemente miteinander. Einer Quelle zufolge war der US-amerikanische Ford-Designer Elwood Engel eng in die Entwicklung der Karosserieform eingebunden.Heon Stevenson: British Car Advertising of the 1960s, McFarland, 2015, ISBN 978-1-4766-1130-3, S. 52.

Der New Anglia ist in seiner ursprünglichen Version als zweitürige Stufenhecklimousine (Saloon) gestaltet. Die Form blieb bis zur Produktionseinstellung 1967 nahezu unverändert. Ford behauptete, eingehende Windkanaltests mit der Karosserie durchgeführt zu haben. Um den Luftwiderstand zu verringern, wurde unter anderem die Motorhaube zwischen den Scheinwerfern abfallend geformt. Die vorderen Scheinwerfer haben lidartige Abdeckungen im oberen Bereich.

Besondere Gestaltungsmerkmale des New Anglia Saloon sind das überhängende Dach und die im unteren Bereich nach vorn geneigte C-Säule, deren Winkel annähernd dem der A-Säule entspricht. Mit dieser außergewöhnlichen Form, die im Gegensatz zu der seinerzeit aufkommenden Trapezlinie steht, wollten die Ford-Designer eine möglichst große Kopffreiheit auf der Rückbank erreichen. Außerdem bleibt die Sicht durch das Rückfenster auch bei Regen unbeeinträchtigt, weil sich auf der nach innen geneigten Scheibe keine Regentropfen halten.Beschreibung des Heckdesigns auf der Internetseite www.anglia-models.co.uk (abgerufen am 2. Mai 2020). Ein entsprechendes Design hatte Fords US-amerikanische Tochtermarke Lincoln bereits 1958 beim Continental Mark III eingeführt. Bei diesen sehr teuren Luxusfahrzeugen war die Heckscheibe elektrisch versenkbar (sogenanntes Breezeway Window). Entsprechende Konstruktionen gab es auch bei den Limousinen von Mercury. Beim kleinen britischen Anglia hingegen ist die Heckscheibe fest montiert. 1961 übernahm Ford of Britain die Form für die viertürige Limousine Consul Classic; im gleichen Jahr auch Flaminio Bertoni bei Citroën für den Ami 6, der annähernd gleich groß ist wie der Anglia, und Reliant griff sie für den dreirädrigen Kleinstwagen Regal 3/30 auf.

Am Heckabschluss finden sich kleine Heckflossen mit einer Kombination aus hohen schmalen und runden Leuchten.

Versionen Neben dem Basismodell wurde eine technisch gleiche, aber besser ausgestattete Deluxe-Version angeboten. Äußerlich unterscheiden sich beide Varianten vor allem durch die Gestaltung der Frontmaske voneinander. Die Kühleröffnung ist bei der Basisversion schmal und von lackierten Blechen links und rechts eingefasst. In der Deluxe-Ausführung reicht das Kühlergitter dagegen über die gesamte Wagenbreite. Der Anglia Deluxe hat außerdem mehr verchromte Dekorationen als die Basisversion. Zum zusätzlichen Ausstattungsumfang des Deluxe gehören eine Anzeige für die Motortemperatur, ausstellbare hintere Seitenfenster, höherwertige Sitzbezüge und eine gegen Aufpreis erhältliche Lederausstattung.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 74 f.

Maße, Gewichte und Fahrleistungen Der New Anglia ist 3912 mm lang und wiegt in der Basisversion 737 kg. Damit ist er etwa 6 cm länger als sein Vorgänger, gleichwohl aber 25 kg leichter. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 79 mph (127 km/h). Für die Beschleunigung von 0 auf 60 mph (96 km/h) braucht er je nach Übersetzung der Hinterachse 26 bis 29 Sekunden.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 141, 142.

Anglia Super 123E mini|Anglia Super 123E

Das neue Spitzenmodell Im Oktober 1962 führte Ford den stärkeren und besser ausgestatteten Anglia Super 123E als neues Spitzenmodell ein.

Der Anglia Super 123E hat eine 1,2 Liter große Version des Kent-Vierzylindermotors, die für die 1962 vorgestellte Mittelklasselimousine Cortina konstruiert worden war. Der Hubraum wurde durch eine Erhöhung des Hubs auf 58,17 mm auf 1198 cm³ vergrößert; die Bohrung blieb unverändert. Dadurch steigt die Motorleistung auf 48,5 bhp (36 kW; 49 PS). Die Höchstgeschwindigkeit dieser Version liegt bei 84 mph (135 km/h). Die Kraftübertragung übernimmt serienmäßig ein voll synchronisiertes Vierganggetriebe.

Äußerlich unterscheidet sich der Anglia Super 123E vom Anglia 105E Deluxe durch eine spezielle Zweifarblackierung, bei der das Dach und die Sicke in den Wagenflanken in einem Farbton lackiert sind, der im Kontrast zur Farbe der übrigen Blechteile steht. Die Ausstattung des Super 123E übertrifft die Deluxe-Version des Anglia 105E, deren Produktion uneingeschränkt fortgesetzt wurde. Teppiche im Innenraum, eine Heizung, elektrische Scheibenwischer und ein Zigarettenanzünder gehörten im Super 123E zur Serienausstattung.

Der Anglia Super 123E kostete bei seiner Markteinführung 598 £. Er war damit 60 £ teurer als der 105E Deluxe und 84 £ teurer als der 105E in der sehr einfach ausgestatteten Basisausführung.

Ausstattungspakete Von Ende 1962 bis Oktober 1964 war ein „1200 Package“ genanntes Ausstattungspaket für den 105E und den 105E Deluxe erhältlich. Es umfasste den 1,2-Liter-Motor und das voll synchronisierte Getriebe des Super 123E, nicht aber dessen höherwertige Innenausstattung und die Zweifarblackierung. Der Preis des „1200 Package“ lag bei 24 £.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 97.

Im Herbst 1964 wurde das „1200 Package“ eingestellt. An seine Stelle trat das „Super Package“, das künftig für einen Aufpreis von 25 £ für den Anglia 105E Deluxe erhältlich war. Es umfasste die hochwertige Ausstattung des Super 123E, aber nicht dessen leistungsstärkeren Motor.Michael Allen: Anglia Prefect Popular. From Ford Eight to 105E, Motor Racing Publications, 1986, ISBN 0-947981-07-1, S. 100.

Werkskombis Anglia Estate mini|Anglia Estate Nachdem im Frühjahr 1961 bereits das Karosseriebauunternehmen Friary Motors Kombiumbauten auf der Basis der Anglia-Limousine auf den Markt gebracht hatte, führte Ford auf der British Motor Show im Oktober 1961 den Anglia Estate ein, einen Kombi der keine Gemeinsamkeiten mit dem Friary-Umbau hatte. Das Design des Werks-Estate war eine Arbeit des Kanadiers Roy Brown Jr., der einige Jahre vorher für Ford bereits die Modelle der Marke Edsel entworfen hatte.

Das Fahrwerk des Estate entspricht nahezu vollständig dem des Anglia Saloon. Überarbeitet wurden die hinteren Blattfedern, die beim Kombi aus sieben statt vier Blättern bestehen, sowie die Getriebeübersetzung. Stilistisch entspricht der Kombi bis zu den seitlichen Türen dem Saloon. Der hintere Aufbau ist dagegen eigenständig. Anstelle der eingezogenen Dachpartie der Limousine hat der Estate eine am Heckabschluss angesetzte schmale C-Säule, deren Neigungswinkel gegenläufig zu dem der A-Säule ist. Die Seitenteile sind verglast. Die Rückleuchten sind neu gestaltet; Heckflossen hat der Kombi nicht. Die einteilige Heckklappe ist oben angeschlagen. Die Rücksitzlehne ist umklappbar, sodass eine ebene Ladefläche bis zu den vorderen Sitzen hergestellt werden kann.Der Ford Anglia Estate auf der Internetseite www.anglia-models.co.uk (abgerufen am 3. Mai 2020). Der Estate war zunächst nur mit dem 1,0 Liter großen Vierzylindermotor erhältlich; ab 1962 konnte auch der 1,2 Liter große Motor des Anglia Super 123E bestellt worden. Sowohl die Basis- als auch die Deluxe-Version standen zur Auswahl.

Anglia Estate Combi