mini|Bild des Satelliten Envisat (September 2007):Die Schiffs- und Handelsrouten in der Arktis. Orange: die „Nordwestpassage“, im Wesentlichen an den USA (Alaska), Kanada und Grönland vorbeiHellblau: Nur geringfügig von Eis blockierte „Nordostpassage“ an Russland entlang.Nicht eingezeichnet: eine künftige direkte transpolare Route über den Nordpol mini|Karte des Nordmeeres mit den Gebietsansprüchen der umliegenden Länder
Die Arktis, auch Nordpolargebiet und Nordpolgebiet, bezeichnet die Region um den Nordpol und damit eines der beiden Polargebiete. Zur Arktis zählen die nördliche Polkappe, das im Winter großenteils von Eis bedeckte Nordpolarmeer und die nördlichen Ausläufer der Kontinente Nordamerika, Asien und Europa. Die genaue Abgrenzung wird je nach Fachrichtung und Autor unterschiedlich vorgenommen, orientiert sich jedoch häufig an den meteorologischen bzw. klimatologischen Festlegungen. Der Arktis auf der Erdkugel gegenüber liegt ihre Antipodin Antarktis. Der größte Unterschied: Während die Arktis im Wesentlichen ein Meer ist, das von Kontinentalstaaten umgeben ist, handelt es sich bei der Antarktis um eine Landmasse, die von Meer umschlossen ist.
Der Begriff Arktis ist aus dem altgriechischen Wort für „Bär“ abgeleitet. Das Adjektiv wurde für die Richtungsangabe „nördlich“ benutzt, bezeichnete aber auch die Region unter dem Sternbild Großer Bär, welches in der Antike dem Nordpol näher stand als heute. Der Polarstern, der heute fast senkrecht über dem Nordpol steht, gehört zum Sternbild Kleiner Bär. In der griechischen Mythologie galt die Arktis als paradiesischer Ort mit einer besonderen Nähe zu den Göttern.
Erdgeschichte Aus Fossilienfunden, so jenen der Margaret-Formation der Ellesmere-Insel oder einem mumifizierten Wald auf der Axel-Heiberg-Insel, geht hervor, dass in der Arktis im unteren bis mittleren Eozän vor 40 bis 50 Millionen Jahren warm-gemäßigte Temperaturen herrschten und hier bis zu 50 Meter hohe Mammutbäume wuchsen. Das Nordpolarmeer wies zu dieser Zeit örtlich und jahreszeitlich begrenzt sogar subtropische Wassertemperaturen auf. In Bohrkernen wurden Reste von Süßwasserpflanzen entdeckt, die heute unter anderem in Reiskulturen vorkommen. Deshalb wird vermutet, dass das Nordpolarmeer vor mehr als 40 Millionen Jahren ein vom Weltmeer nahezu abgeschlossenes Binnenmeer gewesen sein könnte, dessen oberste Wasserschicht durch niederschlagsbedingte Süßwasser-Einträge vergleichsweise salzarm war. Andere Funde zeugen von heftigen biologischen Umwälzungen und vom plötzlichen Aussterben vieler Organismen in der Folgezeit.
Zu Beginn des Oligozäns vor etwa 33 Millionen Jahren kühlte die Erde ab und es bildeten sich Eiskappen an den Polen. Die Vereisung erreichte die Antarktis vor 25 und Grönland vor 6 Millionen Jahren.Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Klima und Mensch. Leben in Extremen. Begleitbuch zur Ausstellung. Westfälisches Museum für Archäologie, ISBN 978-3-00-019383-5, 2007, S. 25. Vor 6000–7000 Jahren war die Arktis für längere Zeit womöglich periodisch eisfrei.Gudmund Løvø: , Geological Survey of Norway, 20. Oktober 2008.
Geografie
Früher wurde die Arktis schlicht als „die Region nördlich des Nordpolarkreises“ (66° 34′ nördliche Breite) definiert. Heute wird ihre Ausdehnung oft über klimatische und vegetationsgeografische Kriterien festgelegt, z. B. über die Juli-Isotherme von 10 °C oder die Baumgrenze. In den Sozialwissenschaften wird die Arktis über politische Regionen und sozialökonomische Faktoren abgegrenzt. In der Politik wird häufig auf eine solche Definition aus dem Arctic Human Development Report des Arktischen Rats zurückgegriffen.
Im Zentrum der Arktis liegt kein eisbedeckter Kontinent (wie in der Antarktis), sondern ein früher ganzjährig zugefrorenes Meer, der Arktische Ozean, der nach neuesten Prognosen bereits 2030 in den Sommermonaten eisfrei sein könnte. Am geografischen Nordpol ist das Eis vier Meter dick, und der Ozean 4261 Meter tief. Südlich wird der Ozean von den Kontinenten Nordamerika, Asien und Europa begrenzt.
Hocharktis mini|260px|Vereiste Beaufortsee Der nördlichste Teil der Arktis wird gelegentlich als „Hocharktis“ bezeichnet. Der Begriff ist nicht klar definiert; oft werden darunter der Arktische Ozean, der kanadisch-arktische Archipel, die Nordhälfte von Grönland, Spitzbergen sowie die im hohen Norden Russlands gelegenen Inseln (z. B. Franz-Joseph-Land und Nowaja Semlja) verstanden. Klimatologen verstehen darunter die dauerhaft eisbedeckten oder nahezu vegetationslosen hochpolaren Klimate im Gegensatz zu den subarktischen Tundrenklimaten. Die regional verschiedene Abgrenzung ist den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen geschuldet, die durch die Verteilung warmer und kalter Meeresströmungen auf der Nordhalbkugel der Erde hervorgerufen werden. So weisen der Norden Skandinaviens und das angrenzende Europäische Nordmeer durch den Golfstrom keine hocharktischen Verhältnisse auf, während die auf den gleichen Breitengraden gelegene Beaufortsee keiner warmen Strömung ausgesetzt ist und der Hocharktis zugerechnet wird. Die globale Erwärmung verschiebt die Grenze der Hocharktis langsam weiter nach Norden.
Die klimatischen und ökologischen Bedingungen der Arktis zählen zu den härtesten, lebensfeindlichsten der Erde und sind nur mit denen der Antarktis und der höchstgelegenen Regionen von Himalaya und Karakorum vergleichbar. Schnee und Eis bedecken ganzjährig einen großen Teil der Meeres- und Landoberfläche, während in den südlicheren Arktisgebieten größere Gebiete im Sommer abtauen und lebensfreundlicher sind. In diesen Regionen sind Pingos – durch Eislinsen gebildete runde Hügel – ein typisches Landschaftsphänomen.
Schutzgebiete Ende 2016 erklärte US-Präsident Barack Obama kurz vor Ende seiner Amtszeit gemeinsam mit der amtierenden Regierung Kanadas große Bereiche der Arktis und im Atlantik zu Schutzzonen, für die zunächst für fünf Jahre keine neuen Öl- und Gas-Bohr-Lizenzen mehr vergeben wurden. Die neuen Schutzzonen der Arktis waren in etwa so groß wie Spanien. Per Dekret gab sein Nachfolger Trump 52 Millionen Hektar geschützte Gebiete für Offshore-Bohrungen frei sowie mehr als die Hälfte des gemäßigten Regenwalds im Südosten Alaskas für Energie- und Bergbauprojekte. Um nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine energieunabhängiger zu bleiben, hatte Präsident Joe Biden in einem schwierigen Balanceakt die Ölförderung im Naturschutzgebiet in Alaska wiederum einstellen lassen, anders als beispielsweise die Öl- und Gasförderung in Wyoming. Das mit Abstand größte permanente Meeresschutzgebiet der Arktis ist das kanadische Tuvaijuittuq. In: mpatlas.org, abgerufen am 12. Januar 2020.
Flora und Fauna
Der Lebenszyklus der Pflanzen der Arktis wird durch die deutlich extremeren Umweltbedingungen geprägt. Die starken Temperaturunterschiede, Permafrost, extrem wechselnde Sonneneinstrahlung und heftige Schneestürme begrenzen das für Pflanzenwachstum zur Verfügung stehende Land auf nur 5 % der Fläche der Arktis. Die wichtigsten Vegetationszonen liegen am Rand der Arktis und sind Tundra (baumlose Kältesteppen) und Waldtundra, wo die Tundra durch zunehmenden Baumwuchs ergänzt wird. Insgesamt bietet die Arktis rund 5.900 Pflanzenarten eine Heimat, darunter sind über 2.200 Gefäßpflanzen.Nur eine beschränkte Zahl von Säugerarten ist in der Arktis heimisch, und auch an Fischarten ist sie arm. Bei den Vogelarten hingegen weist sie einen großen Reichtum auf, was auch daran liegt, dass viele Zugvögel zum Brüten hierher kommen.
Schätzungen zufolge kommen in den arktisch geprägten Regionen rund 1000 Insektenarten vor, besonders Stech- und Kriebelmücken, aber auch Hummeln und Schmetterlinge. Außerdem tritt in den Tundren eine größere Zahl von Spinnenarten auf.
In der Hocharktis fehlt eine Landvegetation fast völlig, man spricht deshalb auch von Polarwüste. Hier finden sich nur wenige Arten von Landsäugern, darunter der Eisbär, der sich allerdings hauptsächlich aus dem Meer ernährt. Die Meeresfauna ist dagegen verhältnismäßig artenreich.
exemplarische Auswahl Säugetiere Eisbären Lemminge Moschusochsen Polarfuchs Polarhase Polarwolf Rentiere Robben, vor allem Ringel- und Bartrobben, Seehunde, Walrosse Vielfraße Wale, vor allem Grönlandwale, Weißwale und Narwale Ziesel (Erdhörnchen) Fische Arktische Äsche Grönlandhai Neunstachliger Stichling Polardorsch Seeforelle Seehase (Cyclopterus lumpus) Seesaibling Weißlachs Vögel Dickschnabellumme Enten, u. a. Eiderente, Eisente, Prachteiderente Eissturmvogel Falken (Gerfalke, Wanderfalke) Gänse, u. a. Kanadagans, Ringelgans, Schneegans Gänsesäger Regenpfeifer, u. a. Goldregenpfeifer, Kiebitzregenpfeifer Große Raubmöwe (Skua) Gryllteiste (Schwarzlumme) Kanadakranich Kolkrabe Krabbentaucher Küstenseeschwalbe Möwen, u. a. Bonapartemöwe, Dreizehenmöwe, Eismöwe, Elfenbeinmöwe, Rosenmöwe, Schwalbenmöwe, Silbermöwe, Polarmöwe Raubmöwen (Falkenraubmöwe, Schmarotzerraubmöwe) Raufußbussard Schneeammer Schneeeule Schneehuhn (Alpen- und Moorschneehuhn) Spornammer Steinadler Steinwälzer Strandläufer Seetaucher, u. a. Eistaucher, Gelbschnabeltaucher, Prachttaucher, Sterntaucher Tundraschwan
Meteorologie
Über dem Nordpol bildet sich im Polarwinter einer der beiden terrestrischen Polarwirbel, welcher der Arktischen Oszillation unterliegt; ihre Ausprägung und damit mögliche Wetterwirksamkeit wird mit dem „AO-Index“ beschrieben.
Klimaveränderung
mini|Abnahme des arktischen Meereises zwischen 1979 und 2010, ein Indikator der globalen Erwärmung mini|Grafische Animation zum Verhältnis zwischen CO2-Emissionen und dem schmelzenden Eis in der Arktis Seit über einem halben Jahrhundert wird eine Abnahme der Meereseisfläche beobachtet. Sie hat in jüngerer Vergangenheit stark an Geschwindigkeit gewonnen, so dass natürliche Schwankungen als Grund zunehmend unwahrscheinlich erscheinen und die globale Erwärmung heute als Hauptursache angesehen wird. Seit 2015 zeigt die Arktis Zeichen von irreversiblen Veränderungen; unter anderem könnte ein Temperaturanstieg zwischen 1 °C und 4 °C das fast vollständige Abschmelzen des Grönländischen Eises auslösen.Ottmar Edenhofer, Susanne Kadner, Jan Minx: Ist das Zwei-Grad-Ziel wünschenswert und ist es noch erreichtbar? Der Beitrag der Wissenschaft zu einer politischen Debatte. In: Jochem Marotzke, Martin Stratmann (Hrsg.): Die Zukunft des Klimas. Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen. Ein Report der Max-Planck-Gesellschaft. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-66968-2, S. 69–92, hier S. 75.
Änderungen der Umweltbedingungen in der Arktis haben nicht nur lokale Folgen. Die Arktis ist vielmehr ein Schaltzentrum des globalen Klimas. Die Ausdehnungen von Schnee, Meer- und Landeis stellen wichtige Rückkopplungsparameter dar, welche die weltweite klimatische Entwicklung beeinflussen. Die Ozeane der hohen Breiten sind zudem wichtig für die Bildung von Tiefenwasser, was im Nordatlantik den polwärts gerichteten Transport von Wärme aus niederen Breiten antreibt und das dortige Klima mitbestimmt. Änderungen dieses Wassermassentransports können sich deshalb auf lokale Klimata auf der ganzen Welt auswirken.
Messungen aus dem Jahr 2007 zeigen eine Abnahme der Eisfläche im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1978 bis 2000 um 40–45 % auf 3 Millionen km². Alleine im Jahr 2007 sind über eine Million Quadratkilometer Eis geschmolzen.Die Presse: Arktis: Die Nordwest-Passage ist eisfrei., 15. September 2007. Sollte diese Entwicklung anhalten, könnte die Arktis bereits 2030 im Sommer eisfrei sein.„Eisschmelze in der Arktis – Dramatisch beschleunigt“, n-tv.de, 3. September 2007. Nordostpassage und Nordwestpassage könnten ab etwa 2019, pro-physik.de (Leibniz-Institut für Meereswissenschaften), 5. Mai 2009. temporär handelsschiffahrtstauglich werden.