mini|hochkant|Jan Evangelista Purkyně, 1856 mini|hochkant|Jan Evangelista PurkyněFoto um 1860 mini|hochkant|Ehefrau Julia Purkyně-Rudolphi mini|hochkant|Purkyně-Denkmal: 1961 errichtetes Denkmal auf dem Karlsplatz in Prag mini|Tschechische Briefmarke (1937) mini|Denkmal auf dem Purkyně-Platz in Roudnice nad Labem Jan Evangelista Purkyně, ab 1869 Ritter von Purkyně, auch Johann Evangelist Purkinje und Johannes Evangelista (Ritter von) Purkinje (* 17.Geburtseintrag im Geburtsbuch der römisch-katholischen Pfarre Libochowitz Band VIII (1784–1811), pag. 22. oder 18. DezemberB. Matoušková: Purkynĕs Studentenjahre an der medizinischen Fakultät der Prager Universität. In: Nova Acta Leopoldina, Neue Folge. Band 24, Nr. 151, 1961, S. 15–30.O. Matoušek: J. E. Purkynĕs Leben und Tätigkeit im Lichte der Berliner und Prager Archive. In: Nova Acta Leopoldina, Neue Folge. Band 24, Nr. 151, 1961, S. 109–129.Walter Kirsche: Jan Evangelista Purkyně 1787–1868. Ein Beitrag zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages. 1989, S. 6 („[…] nicht 17. Dezember“). 1787 in Libochowitz in Nordböhmen; † 28. Juli 1869 in Prag), war ein tschechischer Mediziner. Er war böhmischer, k. k. österreichischer Physiologe, Histologe und Embryologe sowie Sprachwissenschaftler und der Naturphilosophie nahestehender Philosoph und Politiker, der als Vertreter einer experimentellen Naturforschung aber zur Überwindung des naturphilosophischen Denkens beitrug. Purkyně gilt als Begründer der experimentellen Physiologie und Mitbegründer der Histologie (Gewebelehre), mikroskopischen Anatomie und mikroskopischen Technik. Zudem war er ein Förderer des nationalen Bewusstseins seines tschechischen Heimatlandes.

Familie Jan Purkyně wurde am 17. Dezember 1787 (weniger wahrscheinlich am 18. Dezember) geboren und am 19. Dezember 1787 getauft.Zdenka Frýdková: Johann E. Purkinje und sein Bild in der Forschung der achtziger Jahre in der Tschechoslowakei. In: Bohemia. Band 33, 1992, S. 371–380, hier: S. 376. Er war der älteste Sohn des Verwaltungsbeamten und Gutsbesitzers Josef Purkyně, der im Dienst von Karl Johann von Dietrichstein stand. Die aus Nordböhmen stammenden Vorfahren Purkyněs waren Kalixtiner (eine Gruppierung der Hussiten).Walter Kirsche: Jan Evangelista Purkyně 1787–1868. Ein Beitrag zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages. 1989, S. 6. Der Vater starb, als Jan sechs Jahre alt war. Seine Mutter Rosalia, eine geborene Šafránek, stammte aus einer Bauernfamilie. Purkyně erwähnte sie später als seine erste Lehrerin für „hauswirtschaftliche Anatomie und Physiologie“. Sie starb 1834.Walter Kirsche: Jan Evangelista Purkyně 1787–1868. Ein Beitrag zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages. 1989, S. 14. Sein Bruder war Josef Heinrich Purkyně (Purkinje) (* 12. Juli 1793 in Libochovice, Bez. Raudnitz, † nach 1833 in Wien (?)), Student am Polytechnikum in Prag, 1814 im Dienst des Wiener Hofbaurats, 1823–1829 Amtsingenieur bei der küstenländischen Landesbaudirektion in Triest mit gleichzeitiger Lehrtätigkeit am Polytechnischen Institut in Wien, 1829–1833 bei der Baudirektion in Lemberg in Galizien tätig, 1833 krankheitshalber pensioniert. Fachmann für Land- und Wasserbau des zeitgenössischen Ingenieurwesens.Purkyně, Josef Heinrich (1793-nach 1833), Techniker auf Österreichisches Biographisches Lexikon. 1827 heiratete Purkyně Julia Agnes Rudolphi (1800–1835), Tochter des Berliner Anatomen und Physiologen Karl Asmund Rudolphi. Zwei Töchter aus dieser Ehe starben 1832 während einer Choleraepidemie, kurz darauf seine Mutter. Zwei Söhne wurden während seiner Tätigkeit an der Universität in Breslau geboren:

Emanuel Purkyně (* 17. Dezember 1831 in Breslau, † 23. Mai 1882 in Weißwasser, Bezirk Münchengrätz) wurde 1857 Dr. phil. durch die Karls-Universität in Prag und war Kustos der Botanischen Sammlung des Prager Landesmuseums. 1860 Lehrer und seit 1864 Professor der Naturwissenschaften an der Forstlehranstalt in Weißwasser; er errichtete als Meteorologe rund 700 Messstellen zur Niederschlagsbeobachtung. Karel Purkyně (* 15. März 1834 in Breslau, † 5. April 1868 in Prag) wurde nach einem Studium an den Kunstakademien in Prag, München und Paris Maler und Kunstkritiker in Prag. 1864 Organisator des Prager William-Shakespeare-Festes.

Ausbildung und Lebensweg In den Jahren 1793 bis 1797 besuchte Purkyně die Volksschule in seinem Geburtsort und anschließend das Piaristengymnasium in Nikolsburg in Mähren, wo sich ein Ordenszentrum der Piaristen und die Zentralverwaltung der Reichsfürsten Dietrichstein zu Nikolsburg befanden. Da Purkyně ein talentierter Sänger und Geigenspieler war, erhielt er eine bezahlte Stelle als Chorsänger in der dortigen Kirche. Zunächst beherrschte er nur Tschechisch, erlernte aber bald auch die deutsche sowie die lateinische und altgriechische Sprache.

Nach Abschluss des Gymnasiums trat er dem Orden der Piaristen bei und erhielt den Ordensnamen Silverius a sancto Joanne Evangelista. Als bester Novize seiner Gruppe beendete er 1805 die Ausbildung zum Ordenslehrer und erhielt einen Lehrauftrag für die zweite Gymnasialklasse. Ein Jahr später bereitete er sich an einem Kolleg in Ostböhmen auf seine Ordination vor. Hier erlernte er die französische und italienische Sprache. In der Ordensbibliothek machte er sich mit der Philosophie des Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling sowie weiteren Wissensgebieten vertraut. Kurz vor dem Ordensgelübde und der Priesterweihe trat er aus dem Orden aus und suchte einen anderen Lebensweg.

Nach einjährigem Philosophiestudium an der Karls-Universität in Prag folgte von 1809 bis 1812 eine Hauslehrertätigkeit bei Franz Freiherr Hildtprandt von und zu Ottenhausen in Blatná. Danach studierte er von 1813 bis 1818 Medizin in Prag. Die Vorliebe für die Fächer Anatomie und Physiologie wurde durch Georg Ilg (~ 1771, verstorben 1836 in Prag), Professor der Anatomie in Prag, gefördert. 1818 promovierte Purkyně mit der auch von Goethe, seinem späteren Förderer, beachteten Arbeit Beiträge zur Kenntniss des Sehens in subjectiver Hinsicht (Fr. Vetterl Edler von Wildenbrunn, Prag 1819) zum Doktor der Medizin und arbeitete als Assistent am Institut für Anatomie und Physiologie als Prosektor. 1823 habilitierte er sich mit einer Abhandlung über die physiologische Untersuchung des Sehorgans und des HautsystemsJ. Ebert, Karel Žlabek: Deutsche Übersetzung der Habilitationsschrift von J. E. Purkyně 1823: Abhandlung über die physiologische Untersuchung des Sehorgans und des Hautsystems. In: Acta Historica Leopoldina. Nr. 11, 1979, S. 107–141. und wurde an die Universität Breslau berufen, wo er als am 11. Januar 1823 durch den König bestätigter Professor für Physiologie und Pathologie lehrte. Im gleichen Jahr, am 11. Dezember, besuchte Purkyně Johann Wolfgang von Goethe in Weimar, dessen Wohlwollen und Informationsaustausch er sehr schätzte. Auch Goethe war von Purkyněs Persönlichkeit und Forschungsanliegen beeindruckt.Darüber berichtet Johannes Urzidil ausführlich in seinem Buch Goethe in Böhmen, Darmstadt 1962 Im Jahr 1829 wurde er zum Mitglied der Leopoldina (Academia Leopoldina Naturae Curiosorum) gewählt.

Er ist in Breslau in die Freimaurerei aufgenommen worden und war Mitglied der Berliner Freimaurerloge Zum Pilgrim. Unter der Gubernialherrschaft des Grafen Leo von Thun-Hohenstein in Böhmen wurde er später darum mehrfach in Untersuchung gezogen und blieb erst unbehelligt, als er versprach, an freimaurerischen Arbeiten nicht mehr teilzunehmen.

An der Universität Breslau beantragte er 1831 die Einrichtung eines ersten preußischen Physiologieinstituts. Es gelang ihm 1832 nach dem Ankauf eines Mikroskops und mehreren Umzügen am 8. November 1839Walter Kirsche (1988), S. 16. die Einrichtung eines experimentell-physiologischen Institutes und somit des ersten selbstständigen Breslauer Instituts für Physiologie in einem ehemaligen Karzerraum. Purkinje und Samuel Moritz Pappenheim bewiesen 1838Vgl. E. Purkinje, S. M. Pappenheim: Vorläufige Mitteilungen aus einer Untersuchung über künstliche Verdauung. In: Müllers Archiv für Anatomie und Physiologie. Band 1, 1838. die unter Einfluss der Galle erfolgende Fettspaltung durch das Sekret der Bauchspeicheldrüse.K. Zimmermann: Bauchspeicheldrüse. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 89–106, hier: S. 90. Die 14 Dissertationen seiner Studenten waren vor 1839 größtenteils in Purkyněs Wohnung entstanden. Diese bescheidene physiologische Forschungsinstitution genoss unter Fachkollegen Anerkennung und wurde als Wiege der Histologie in Mitteleuropa bezeichnet. Auch Johann Nepomuk Czermak wohnte und arbeitete von 1847 bis 1849 im Haus der Familie Purkyně.

Mit Hilfe der ihm ab 1832 (Firma Plössl, Wien) zur Verfügung stehenden zusammengesetzten achromatischen Mikroskope leistete Jan Evangelista Purkyně seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der anatomischen Gewebelehre.Walter Kirsche: Jan Evangelista Purkyně 1787–1868. Ein Beitrag zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages. Akademie-Verlag, Berlin 1989 (= Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Jahrgang 1988, Nr. 5/N), ISBN 3-05-500520-1, S. 20–23.J. E. Purkinje: [Ueber ein für die hiesige Universität gebautes grosses Plössel’sches Mikroskop.] In: Uebersicht der Arbeiten und Veränderungen der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur im Jahre 1832. Breslau 1833, S. 39–42 (online).

Im Oktober 1849 erhielt Purkyně einen Ruf an die Karls-Universität Prag, wo er die Leitung des neu gegründeten Physiologischen Institutes übernahm, welches über vier große und vier kleine Mikroskope verfügte. Johann Nepomuk Czermak begleitete ihn und war von 1850 bis 1855 sein Assistent, habilitierte sich bei ihm für das Lehrfach Physiologie, wurde Privatdozent und Professor für Physiologie in Graz, Krakau und Pest.

Nach 1853 ließ Purkyněs wissenschaftliches Interesse nach. Die Organisation des Prager Instituts, die Herausgabe der Zeitschrift Živa (1853–1864) und sein Engagement in der National-tschechischen Bewegung des Panslawismus kosteten viel Zeit. Als gewählter Landtagsabgeordneter wurde er einer der Führer der Jungtschechen und vertrat die Gründung einer Universität in Prag mit Tschechisch als Lehr- und Studiensprache. 1882 wurde die Karls-Universität mit der Lehrsprache Latein in eine deutsch- und eine tschechischsprachige Universität geteilt.

Jan Evangelista Purkyně starb 1869 im Alter von 81 Jahren. Die Grabstätte befindet sich auf dem Vyšehrader Friedhof in Prag.knerger.de: Das Grab von Jan Evangelista Purkyně

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