Der Beit Liebling () oder das Lieblinghaus ist ein Museum, Archiv für Artefakte und Bauteile der Bauhaus-Architektur und eine Lehrstätte für Baufachleute in Max und Tony Lieblings ehemaligem Mehrparteienhaus ihres Namens in Tel Aviv-Jaffa, Israel. Es dient Besuchern als Erlebnis- und Dokumentationszentrum des Welterbes Weiße Stadt Tel Aviv, in der das Haus selbst eine der bekanntesten Landmarken ebenjenes Welterbes ist.Weiße Stadt Tel Aviv: Zur Erhaltung von Gebäuden der Moderne in Israel und Deutschland, Christian Blatt (Institut für Werkstoffe im Bauwesen, Uni Stuttgart), Miriam Hohfeld (Bundesbauministerium), Gereon Lindlar mit Kornelius Götz (Büro für Restaurierungsberatung, Bonn) und Dietlinde Schmitt-Vollmer (ifag, Uni Stuttgart), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Troisdorf: Rautenberg, 2015, S. 23, ISBN 978-3-87994-158-2.
Das Gebäude entstand 1936/1937 nach Plänen Dov Karmis im Stil der Bauhaus-Moderne (auch Internationaler Stil).Nitza Metzger-Szmuk (), בָּתִּים מִן הָחוֹל: אַדְרִיכָלוּת הַסִּגְנוֹן הַבֵּינְלְאֻמִּי בְּתֵל־אָבִיב - 1948–1931, Tel Aviv-Jaffa: , 1994, S. 53, ISBN 965-05-0724-8.Claudia Stein, תֵּל אָבִיב – Tel Aviv: Der Reiseführer, Norderstedt: Books on Demand, 2015, S. 66, ISBN 978-3-7347-7431-7. Die in Denkmalpflege spezialisierte Architektin Ada Karmi-Melamede und ihre Schwägerin Rivka Karmi besorgten die fachgerechte Restaurierung, deren Qualität in der israelischen Denkmalpflege heraussticht. Trägerin des Hauses ist die Stadt Tel Aviv-Jaffa darin bis 2025 unterstützt von der deutschen Bundesregierung.Sabine Brandes, „Aufbau für das Bauhaus Tel Aviv: Deutschland fördert die Sanierung der Weißen Stadt mit 2,8 Millionen Euro“, in: Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, 21. Mai 2015, S. 5.
250px Lage Der Beit Liebling im Rechov Idelson 29 () befindet sich in einem Viertel, das von der 1902 in Odessa gegründeten Terraingesellschaft Geʾullah erworben wurde, die ihre Neubaugebiete 1914 mit Tel Aviv verwaltungstechnisch vereinigte. Das Adamat Geʾullah () genannte Gebiet, dessen Toponym mit Tel Avivs rasanter Entwicklung in Vergessenheit geriet, wird heute mit weiteren Siedlungskernen subsumiert unter Tel Aviv ha-Qəṭannah (),Hadassah Aghion, Tel Aviv: Bauhaus & eclectic styles ['Tel Aviv: esprit Bauhaus et éclectisme', Paris: Marcus und Guysen, 2009, ISBN 978-2-7131-0284-4; engl.], Lisa Maronese (Übers.), Paris: Marcus, 2018, S. 59, ISBN 978-2-7131-0348-3. das mit weiteren Vierteln zum Stadtteil 5 gehört, der mit den Stadtteilen 3, 4 und 6 den Bezirk Mitte bildet.
Das Viertel bildet eine ruhige Wohnlage und wurde in den 1930er Jahren eine beliebte und dadurch gediegen bebaute, gehobene Wohngegend. Das Lieblinghaus ist umgeben von Bauten des Eklektizismus und mehrheitlich des Internationalen Stils, eingebettet in seichte Höhenunterschiede der seewärtigen, heute überbauten Dünen. Die Straße und ihre Umgebung sind innerhalb des UNESCO-Schutzbereichs als Quartier Bialik (oder Zone C) des Welterbes Weiße Stadt Tel Aviv definiert, und fast alle Gebäude in der Straße sind ebenfalls denkmalgeschützt.
Weitere Baudenkmäler dort sind der östlich benachbarte, eklektizistische Beit Schmuʾel Balder (Nr. 31) aus dem Jahr 1925 vom Namensgeber, die Nr. 30, ebenfalls eklektizistisch, aus dem Jahr 1922 von Lotte Cohn oder der Beit Kroskal aus dem Jahre 1931 von Richard Kauffmann mit der Nr. 23 Ecke Rechov Pinsker,Nitza Metzger-Szmuk (), Bauhaus Tel Aviv Site Plan / תֵּל־אָבִיב מַפַּת הָאֲתָרִים, Boʿaz Ben-Menasche (; Übers.), Tel Aviv-Jaffa: , 1994, Abschnitt 4. erster Bau der Moderne in Tel Aviv.Roman Hollenstein, „Tel Aviv und sein Bauhaus-Erbe: ein Meer aus weissen Zuckerwürfeln“, in: Neue Zürcher Zeitung, 27. November 2019, abgerufen am 13. November 2020. Tel Avivs Weiße Stadt ist ein Erhaltungsgebiet, das die UNESCO 2003 als Welterbe verzeichnete und die größte Ansammlung von Gebäuden im Stil des Bauhauses der Welt darstellt.„Decision Code: 27 COM 8C.23“, in: Decisions adopted by the 27th Sessions of the World Heritage Committee in 2003 (30. Juni bis 5. Juli 2003), Welterbekomitee (Hrsg.), Paris: UNESCO World Heritage Centre, 2003.
Dem Lieblinghaus diagonal gegenüber befindet sich am Rechov Idelson Ecke Kikkar Bialik und Rechov Bialik 21 das private kenntnisreiche und gut ausgestattete Bauhaus-Museum des Sammlers Ronald Stephen Lauder.Weiße Stadt Tel Aviv: Zur Erhaltung von Gebäuden der Moderne in Israel und Deutschland, Christian Blatt (Institut für Werkstoffe im Bauwesen, Uni Stuttgart), Miriam Hohfeld (Bundesbauministerium), Gereon Lindlar mit Kornelius Götz (Büro für Restaurierungsberatung, Bonn) und Dietlinde Schmitt-Vollmer (ifag, Uni Stuttgart), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Troisdorf: Rautenberg, 2015, Seitenzahl wie hinter der Fußnotenzahl angegeben, ISBN 978-3-87994-158-2. Diesem wiederum gegenüber an der Kikkar Bialik, in Sichtweite vom Beit Liebling, befindet sich der Beit Bialik, ehemals Wohnhaus des Nationaldichters Chaim Nachman Bialik, jetzt Museum und Gedenkstätte.Yonatan Dubosarsky (), „Beit Bialik: Das Heim des israelischen Nationaldichters“, in: Ariʾel: Eine Zeitschrift zur Kunst und Bildung in Israel, Nr. 104 (Oktober 1997), S. 16–27, hier S. 25. . Unweit weiter südlich des Beit Bialik ist das intime Museum Beit Rubin zu Leben und Œuvre des Malers Reʾuven Rubin.
mini|Logo des Beit Liebling () / Lieblinghaus
Nutzung heute Die Entstehung des Museums im Lieblinghaus, oder des Zentrums zur Erhaltung des Bauerbes des Internationalen Stils () wie es offiziell heißt, geht auf Ideen zurück, meist inspiriert von bestehenden Einrichtungen, eine Institution zu schaffen, die mehrere Zwecke erfüllen soll. „Das Lieblinghaus klärt Touristen und Architekturinteressierte über die Geschichte der Weißen Stadt auf, betreibt Forschung und dient als Beratungsstelle für Eigentümer, die ihre denkmalgeschützte Immobilie sanieren wollen.“Christian Schönwetter,
Der Beit Liebling soll mit seiner Expertise als Denkmalpflegezentrum auch die Restaurierung und Erhaltung von Baudenkmalen der Weißen Stadt Tel Aviv begleiten.Gunda Achterhold, Will Speros, Wünschenswert seien ein Archiv an Bauunterlagen und eine Schau- und Lehrsammlung an Bauteilen der Moderne zur Nutzung durch Baufachleute aus Praxis und Theorie, wenn auch beschränkt auf eine Stilepoche wäre der Beit Liebling dem Bayerischen Bauarchiv vergleichbar.
Schon allein die Dichte an Bauhaus-Gebäuden mit wenig veränderten Bauteilen in den Denkmalzonen rund um den Beit Liebling, die Explorationsleiter Gereon Lindlar im Oktober 2013 faszinierte, machen die Weiße Stadt zu einer Art Freiluftlernort und -archiv. Bau- und Ausstattungsdetails in der Weißen Stadt haben für Kenner und andere aufmerksame Beobachter einen hohen Wiedererkennungseffekt, da verbautes Material und Technik des Einbaus mit denjenigen zeitgleich in Deutschland verwandten Pendants weithin übereinstimmen. So ein Bauteilearchiv der Moderne wird auch für die Denkmalpflege in Deutschland hilfreich sein, wo sowohl die räumliche Dichte an Bauhaus-Gebäuden fehlt, wie auch in Folge Kriegseinwirkung, rauer Witterung oder Ersatz bei Sanierung originale Bauteile des Bauhauses verloren gingen.
Da in Israel in der Denkmalpflege, wie allgemein auf dem Bau, fast nur Angelernte tätig sind, deren restauratorisches Mühen oft zerstörerisch auf originale Bauteile wirkt, ist fachliche Ausbildung dringend geboten. Hierzu macht der Beit Liebling Angebote zu Denkmalpflege und Architektur in Dialog und Zusammenarbeit mit den Bereichen Forschung, Berufsausbildung und Wissensvermittlung. Dies war auch die Absicht der Bundesregierung, als sie sich 2015 an der Sanierung des Hauses mit Sachverstand und Geld beteiligte. Architektin Sharon Golan Yaron leitet das Lieblinghaus.Jochen Stahnke, „Weiße Stadt: 4000 Häuser in Tel Aviv tragen die Marke Bauhaus“, in: Frankfurter Allgemeine Magazin, Nr. 10 ‚Hundert Jahre Bauhaus‘ (Oktober 2018), S. 48–50, hier S. 50.
Das rekonstruierte Gebäude wird als weiteres Museum zum Thema Bauhaus dienen und wendet sich an Touristen. Dabei hebt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ausdrücklich die guten und qualifizierten Leistungen des Bauhaus Center Tel Aviv von Schlomit und Micha Gross in diesem Bereich hervor, die seine Mitarbeiter seit seiner Gründung im Jahre 2000 für Architekturinteressierte und kunstbeflissene Touristen erbringen.
mini|Tresen im Café, Eingriffe in die originale Raumstruktur, wie hier ein Wanddurchbruch, sind roh belassen und so sichtbar Der Beit Liebling ist ein Mittelpunkt der städtischen Szene Kulturinteressierter mit einem Café. Es bietet Strudel an, der nach dem Rezept aus dem erhaltenen Hauskochbuch der Scheuers gebacken wird. Um für Café und Dauerausstellung ausreichend Platz zu schaffen, wurden im Parterre einige Wände entfernt. „Die Abbruchkanten sind an Decke, Wand und Boden sichtbar belassen, verweisen auf den baulichen Eingriff und die ursprüngliche Grundrissaufteilung.“
mini|Dauerausstellung im Parterre Die Dauerausstellung im Parterre führt chronologisch durch die Geschichte der Weißen Stadt. „Auch die Ausstellungsgestaltung deutet die frühere Nutzung als Wohnhaus an – vor den Wänden stehen Schubladen-Vitrinen in Form von Sideboards, darüber hängen Informationstafeln wie gerahmte Erinnerungsfotos“. Per Audioguide kann man entlang nummerierten Stationen eine Tour durch Haus und Garten machen. Daneben bietet das Haus Arbeitsbereiche und verschiedene Veranstaltungen, Führungen und Workshops für die breite Öffentlichkeit. Die Verwaltung des Hauses nutzt eine der beiden Wohnungen im ersten Stock, die andere dient der Forschungsabteilung mit Archiv.
Im obersten (2.) Stock ist die vordere Vierzimmer-Wohnung, wo einst die Scheuers wohnten, in originaler Raumstruktur als Modellbeispiel damaliger Möblierungen in der Weißen Stadt eingerichtet, mit gut erhaltenen Küche und Bad mit originalen Fliesen, Armaturen und in den Wohnräumen teils sogar Möbeln. In die modernen Häuser zogen damals viele deutsche Einwanderer mit ihrem mitgebrachten Mobiliar, teils noch in kaiserzeitlichem Dekor und bewahrten – migrationsgeschichtlich interessant – ein Stück gerettetes Heim in der neuen Heimat. Die hintere Wohnung im zweiten Stock, einst jene der Hauseigentümer, dient als Raum für wechselnde Ausstellungen mit interdisziplinärem Ansatz, die von Vertretern aus verschiedenen Bereichen aus Israel und der ganzen Welt kuratiert werden.
mini|Tel Avivs Welterbezonen mit dem Lieblinghaus im Quartier Bialik (Zone C) Durch die Einbeziehung der Familien, die einst im Hause wohnten, kamen viele Originale, auch Persönliches, aus privaten Beständen oder Kopien von Photos in die Sammlung. Darunter kleine Pretiosen wie Reagenzgläser für Urinproben aus der Frauenklinik Joseph Aschermanns im ersten Stock, wo auch eine Frankfurter Küche fast vollständig erhalten blieb.
Geschichte Die Dünen, durch die sich heute der Rechov Idelson zieht, wurden seit 1920 langsam bebaut. Die Tel Aviv-Brigade des Gdud ha-ʿAvodah (; seinerzeit eine Art Arbeitsdienst Freiwilliger, unter ihnen Sam Spiegel), unterhielt einige Baracken am Mittelmeer und führte zwei Jahre lang von dort aus Straßen- und Erschließungsarbeiten im neuen Viertel aus. Die anfängliche Bebauung bestand aus kleinen meist einstöckigen Häusern und kam angesichts von Wirtschaftskrisen 1923 und 1926 mitunter nur schleppend voran.
Doch zu Beginn der 1930er Jahre wandte sich das Blatt, Einwanderung und Flucht ins Heilige Land nahmen stark zu. „Die meisten Neueinwanderer dieser Zeit waren wohlhabende Bürger aus Mitteleuropa, denn die britische Mandatsmacht verlangte Nachweise über Kapital, bevor sie Juden ins Land ließ.“ Dieses auch Vorzeigegeld genannte Startkapital konnte durch Verkauf der durch Ausreisewillige aus Deutschland nach Palästina importierten Güter (sieh dazu Abschnitt Bau und Restaurierung unten) erzielt werden.