Antiziganismus (von ) ist eine spezielle Form des Rassismus, der sich gegen Sinti und Roma wendet.
Er umfasst die von Stereotypen, Abneigung oder Feindschaft geprägte Einstellung gegenüber Roma, Sinti, Fahrenden, Jenischen und anderen Personen und Gruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft als „Zigeuner“ stigmatisiert werden, sowie die durch diese Einstellungen bedingten Formen gesellschaftlicher und staatlicher Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung, Vertreibung, Pogromen, Internierung, Zwangssterilisierung bis hin zu dem staatlich organisierten Völkermord an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.
Der Begriff ist in Analogie zu „Antisemitismus“ gebildet. Die in dem Begriff enthaltene rassistische Sammelbezeichnung wird durch den alternativen Begriff Gadjé-Rassismus vermieden, der insbesondere von Roma selbst verwendet wird. Gadjé bezeichnet im Romanes alle Personen, die keine Roma sind.Marie Frühauf, Kathrin Schulze: Widersprüche gesellschaftlicher Integration. Zur Transformation Sozialer Arbeit. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-13769-4, S. 82 Anm. 5.Gadjé-Rassismus im Glossar des Dachverbands Migrationsrat, 2. Oktober 2020, abgerufen am 18. Juni 2021.
Zielgruppe Antiziganismus richtet sich in erster Linie gegen Sinti und Roma. Die Sinti leben seit dem 15. Jahrhundert vor allem in Deutschland, Österreich und anderen Teilen Mittel- und Westeuropas. Die Roma sind überwiegend in Südost- und Osteuropa angesiedelt. Beide Gruppen sind gleichermaßen von Antiziganismus betroffen. Muslimische Sinti und Roma, wie die Xoraxane-Roma, leiden neben Antiziganismus auch unter Islamfeindlichkeit.
Antiziganismus kann zudem ein breites Spektrums sozial Deklassierter und Marginalisierter treffen, deren sozioökonomische Situation – historisch als „Fahrende“, heute vor allem als Bewohner randständiger Peripheriesiedlungen – der der Sinti und Roma ähnelt und auf die die mit diesem Begriff verbundenen Stereotype angewendet werden. Dazu zählen Jenische, irische Pavee sowie niederländische . Obwohl sie sich in Sprache, Selbstbild und Kultur von Roma unterscheiden, sind auch sie antiziganistischen Ressentiments ausgesetzt.
Definitionen Die Allianz gegen Antiziganismus schlägt folgende Arbeitsdefinition für den Antiziganismus vor:
Die IHRA hat 2020 folgende Arbeitsdefinition erarbeitet:
Sie führt im Anschluss zahlreiche Beispiele für Antiziganismus auf. Ähnlich wie in den von der EU erstellten Richtlinien und Rahmenprogrammen verwendet die IHRA-Definition „Sinti und Roma“ als Oberbegriff für verschiedene verwandte sesshafte oder nicht sesshafte Gruppen.
Landläufige und wissenschaftliche Stereotype
Antiziganismus ist geprägt von Stereotypen, die „Zigeunern“ negativ bewertete Eigenschaften wie Leichtsinn, Treulosigkeit, Furchtsamkeit, Rachsucht, Unverschämtheit, Neigung zu Bettelei und Diebstahl zuschreiben. Ambivalent oder positiv bewertete Eigenschaften wie magische und wahrsagerische Fähigkeiten, große Freiheitsliebe, starke erotische Ausstrahlung, besondere rhythmische und musikalische Fähigkeiten sowie manuelles und körperliches Geschick bei kriminellen oder bestimmten handwerklichen und schaustellerischen Tätigkeiten werden ebenfalls zugeschrieben. Antiziganistische Stereotype beinhalten in Hinsicht auf die Körperlichkeit von „Zigeunern“ physiognomische Merkmalszuschreibungen wie schwarzes Haar, schwarze „blitzende“ Augen, dunkle Hautfarbe und unregelmäßige Gesichtszüge. In Meyers Konversations-Lexikon (Ausgabe 1888) heißt es: „Was den Charakter der Zigeuner anlangt, so sind dieselben leichtsinnig, treulos, furchtsam, der Gewalt gegenüber kriechend, dabei rachsüchtig, im höchsten Grad cynisch und da, wo sie glauben es wagen zu können, anmaßend und unverschämt. Alle sind dem Betteln ergeben, gestohlen wird besonders von Weibern und Kindern“.
Die deutsche rassetheoretische und „kriminalbiologische“ Forschung des Nationalsozialismus (Robert Ritter und seine Mitarbeiter Eva Justin und Adolf Würth)Benoît Massin: Anthropologie und Humangenetik im Nationalsozialismus oder: Wie schreiben deutsche Wissenschaftler ihre eigene Wissenschaftsgeschichte? In: Heidrun Kaupen-Haas, Christian Saller (Hrsg.): Wissenschaftlicher Rassismus: Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1999, ISBN 3-593-36228-7, S. 12–64. erweiterte Auffassungen von der nicht ortsfesten Lebensweise der als „fremdrassig“ bezeichneten „Zigeuner“, ihres Sozial- und Wirtschaftsverhaltens und ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten anhand erbbiologischer Denkmuster um die Vorstellung, dass die verschiedenen Untergruppen der „Zigeuner“ eine auf einer möglicherweise steinzeitlichen Entwicklungsstufe von Wildbeuterkulturen zurückgebliebene Ethnie bzw. „Mischrasse“ seien. „Zigeuner“ hätten ihre erblich bedingten gesellschaftsschädlichen Anlagen im Lauf der Geschichte durch endogame Fortpflanzung perpetuiert oder durch sexuelle Kontakte zu marginalisierten Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung, deren „minderwertigem Abschaum“ u. ä., zusätzlich gefestigt und verstärkt.Carsten Klingemann: Bevölkerungssoziologie im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik. In: Rainer Mackensen (Hrsg.): Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik im „Dritten Reich“. Leske und Budrich / Deutsche Gesellschaft für Demographie, Opladen 2004, S. 183–206, S. 195, Anm. 12. Jenische wurden von der NS-Forschung demgegenüber zwar nicht als „Fremdrassige“, aber ebenfalls als erbbiologisch minderwertiger und besonders gefährlicher „Menschenschlag“ betrachtet, der seine niederen Anlagen durch eine ständige Fortpflanzung in asozialen und kriminellen Milieus erworben oder gefestigt und durch Mischung mit „Zigeunern“ (Roma) auch an diese weitergegeben habe.Zur Auffassung der Jenischen in der NS-Forschung siehe Andrew Rocco Merlino D’Arcangelis: Die Verfolgung der sozio-linguistischen Gruppe, der Jenischen (auch als die deutschen Landfahrer bekannt) im NS-Staat 1934–1944. Diss., Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, 2004, Teil II, S. 229 ff., (text=ediss.sub.uni-hamburg.de [PDF; 9,8 MB, abgerufen am 29. Juli 2019]). Fortgeführt wurde diese Betrachtungsweise nach dem Ende des Nationalsozialismus bis hinein in die 1980er/90er Jahre von dem erbbiologisch und erbhygienisch orientierten Arzt und „Zigeunerberater“ deutscher Regierungen, Hermann Arnold. Als ein Außenseiter der „Bevölkerungswissenschaft“ führt in jüngerer Zeit Volkmar Weiss die antiziganistische Tradition fort, wenn er Sinti und Roma als eine „erbliche Unterschicht“ minderer „Bevölkerungsqualität“ zur Diskussion stellt, die durch eine im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung überdurchschnittliche Kriminalitätsrate bei unterdurchschnittlicher Intelligenz charakterisiert sei und sich zur Begrenzung des damit verbundenen gesellschaftlichen Konfliktpotenzials weniger für strukturell angelegte Förder- und Bildungsprogramme als für die bevölkerungssanitäre Maßnahme der Geburtenkontrolle empfehle.Volkmar Weiß: Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik. Leopold Stocker Verlag, Graz 2000, ISBN 3-7020-0882-9, S. 195–202 („Die Zigeuner – eine neue erbliche Unterschicht?“), S. 202–207 („Die Anhäufung von sozialem Zündstoff“), vgl. auch ders.: Bevölkerungspolitik als Grundlage von Staat und Volk. In: Die neue Achse. 20 (2004), S. 11–29.
Diese Stereotype werden in den Medien weiterhin fortgeschrieben und beeinflussen nicht nur das Bild der Mehrheitsgesellschaft von als „Zigeuner“ wahrgenommenen Menschen, sondern sehr direkt auch den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit diesen Menschen. Es fehlen positive Diskurse und Vorbilder, die nicht den Stereotypen entsprechen.
Geschichte des Antiziganismus Vom Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg Übergriffe und Feindseligkeiten gegen „Zigeuner“ lassen sich seit dem ausgehenden Mittelalter nachweisen. Nach einer Zeit der staatlichen Duldung im 15. Jahrhundert wurden Sinti und Roma 1496 und 1498 durch Reichstagsabschiede für vogelfrei erklärt.
1539 wurden sie aus Paris vertrieben, 1563 erfolgte die Vertreibung aus England unter Androhung der Todesstrafe. Im 17. Jahrhundert genossen „Heiden“, wie das volkstümliche Synonym für „Zigeuner“ lautete, das sie fälschlich außerhalb der christlichen Gemeinschaft stellte, zumindest in Mittel- und Westeuropa eine gewisse Schonung. Viele Männer standen im Militärdienst, ihre Familien waren im Tross der Einheiten tätig. Als Inhaber meist spezialisierter militärischer Aufgaben bis hin zum Offizier verdienten sie vergleichsweise gut und standen unter dem Schutz der jeweiligen Landesherren. Antiziganistische Vorstellungen finden sich in dieser Zeit vor allem in den Schriften „gebildeter“ Verfasser, die in der Regel nicht in einem lebendigen Kontakt zu den Objekten ihrer Beschreibungen standen. Im 18. Jahrhundert änderten sich die Lebensverhältnisse und die gesellschaftliche Situation der Sinti und Roma und der anderen Untergruppen grundlegend. Mit der Aufstellung stehender Untertanenheere verloren sie die hergebrachte Existenzgrundlage. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Phase verschärfter Verfolgung, nachdem inzwischen „Zigeuner“ wie alles „herrenlose Volk“ nirgendwo mehr aufenthaltsberechtigt und ökonomisch in eine Randstellung gekommen war.
Während „Zigeuner“ ebenso wie auch weite Teile der Mehrheitsbevölkerung im letzten Jahrhundertdrittel mehr und mehr verarmten und verelendeten, wurden sie von der entstehenden „Völkerkunde“ entdeckt, die die vorhandenen antiziganistischen Beschreibungen nunmehr ausbaute und systematisierte. Außerordentlich einflussreich war der Göttinger Historiker Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann mit seiner Schrift Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volkes (1783, 1787). Das Motiv des den Zigeunern oft zugeschriebenen Kindesraubs (mitunter auch Kaufs fremder Kinder) wurde seit dem 17. Jahrhundert vor allem in der Literatur (so z. B. von Cervantes oder Brentano) verwendet und damit ein Grundverdacht immer weitergegeben.
Bis ins 19. Jahrhundert war die europäische Bevölkerung weitgehend an ihr Dorf oder ihre Stadt ortsgebunden, z. B. aufgrund von Leibeigenschaft, von Grundbesitz, Bürgerrecht einer Stadt oder auch aufgrund gesetzlicher Regelungen. Gegenseitige soziale Kontrolle im Wohnumfeld, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und der „richtige“ Glauben waren in dieser Zeit wichtige Grundlagen des Zusammenlebens. Alle ortsungebundenen Bevölkerungsteile, wie fahrende Händler, Schausteller, Vagabunden etc. wurden damals generell als außerhalb der Gesellschaft stehend betrachtet und mehr oder weniger diskriminiert. Bei den „Zigeunern“ kamen fremde ethnische Herkunft, fremdes Aussehen, fremde Bräuche und Sitten, unterschiedlicher Glauben und weitgehender Entzug gegenüber sozialer Fremdkontrolle und oft Armut hinzu.
Erst 1855/56 endete für 250.000 Roma in den Donaufürstentümern Walachei und Moldau die Rechtlosigkeit in der Versklavung. Sie waren beliebte Hochzeitsgeschenke und wurden gegen Pferde, Kühe und Handelswaren getauscht. Durch Gesetze wurden sie in eine mittellose Freiheit entlassen. Ihre vormaligen Besitzer erhielten Entschädigungen von 4 bis 10 Goldstücken.Michael Martens: Rumäniens Orthodoxe Kirche. Als Roma-Sklaven wie Gegenstände verkauft wurden. In: FAZ. 18. Mai 2023, abgerufen am 20. Mai 2023 (Nachkommen rumänischer Roma-Sklaven fordern Reparationen von Kirche).
Aus Rumänien migrierten nach 1864 viele bis dahin sesshafte Roma, besonders aus den Untergruppen der Lovara und Kalderascha, nach West- und Mitteleuropa. Das Auftreten „ausländischer Zigeuner“ führte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einer erneuten Konjunktur des Antiziganismus in Rechtsetzung und Medien: