mini|hochkant|Jeffrey Sachs, 2019 Jeffrey David Sachs (; geboren am 5. November 1954 in Detroit) ist ein US-amerikanischer Ökonom und Professor an der Columbia-Universität, wo er Direktor des Center for Sustainable Development am dortigen Earth Institute ist, dessen Leiter er von 2002 bis 2016 war.Sustainable Development Solutions Network: Jeffrey Sachs. Abgerufen am 14. Juli 2014. Er war von 2002 bis 2006 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network an der Columbia-Universität. Von 2001 bis 2018 war er Sonderberater der UN-Generalsekretäre Kofi Annan, Ban Ki-moon und António Guterres. Von 2002 bis 2006 war er Direktor des Projekts der UN zu den Millenniums-Entwicklungszielen. Er ist Mitherausgeber des World Happiness Report.

Sachs hat mehrere Bücher publiziert, darunter drei New York Times Bestseller: Das Ende der Armut (2005), Common Wealth: Economics for a Crowded Planet (2008) und The Price of Civilization (2011).

Leben Sachs ist das zweite Kind von Joan Abrams, einer Sozialarbeiterin, und Theodore Sachs, einem Anwalt für Arbeitsrecht, der sich für gewerkschaftliche Anliegen der Arbeiter einsetzte. Sachs, der sich zum Judentum bekennt, erwähnt die jüdische Kultur und Erziehung als wichtige Faktoren seiner Persönlichkeit. Er wuchs in der jüdischen Gemeinde in Detroits wohlhabendem Vorort Oak Park auf und besuchte die dortige High School. Seinen Wunsch, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, führt Sachs auf die Unruhen in Detroit 1967 zurück. Oft habe er über die Kluft zwischen Reichtum und Armut in dieser Stadt nachgedacht.

Jeffrey D. Sachs erhielt 1976 seinen Bachelorabschluss mit dem Prädikat summa cum laude am Harvard College, anschließend einen Masterabschluss in Ökonomie an der Harvard University. 1980 schloss er an derselben Universität sein PhD-Studium in Ökonomie mit der Dissertation Factor Costs and Macroeconomic Adjustment in the Open Economy: Theory and Evidence ab. Er war zunächst Lehrbeauftragter, ab 1983 auch Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität.

Im Jahr 2002 wurde Sachs Direktor des Earth Institute at Columbia University, Professor für nachhaltige Entwicklung und Professor für Gesundheitspolitik und -management an der Columbia-Universität. Seine Tochter Lisa leitet dort das Columbia Center on Sustainable Investment.Lisa Sachs, Matthew Beck. The New York Times, 30. Mai 2009.

Er ist verbunden mit dem National Bureau of Economic Research, einer Nichtregierungsorganisation. Sachs war außerdem Sonderberater für die Millenniums-Entwicklungsziele des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Ban Ki-moon, Berater für den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank, die OECD, die Welthandelsorganisation und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war er beratend für mehrere Staaten mit wirtschaftlichen Problemen aktiv: ab 1985 in Bolivien, ab 1989 in Polen, ab 1991 in Russland. 1989 schloss Jugoslawien mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) das sogenannte „Marković-Sachs-Programm“ ab, welches nur auf Drängen des IWF zustande kam. Innerhalb weniger Monate wurde 1989/90 eine radikale Importliberalisierung durchgeführt, die bis Ende 1990 2.435 Betriebe mit insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten in Konkurs gehen ließ. Das Bruttosozialprodukt Jugoslawiens sank 1990 um 7,5 % und 1991 um 15 %.Jörg Roesler: Mit oder ohne westliches Geld? Der IWF und die sozialistischen Staaten, in: WeltTrends, Jg. 16, H. 59, 2008, S. 85–96 (hier: S. 92).

Vor allem die von ihm empfohlene Politik der raschen Privatisierung im Stil einer Schocktherapie (siehe auch Coupon-Privatisierung) trug ihm Kritik ein. Viele Ökonomen, wie zum Beispiel Joseph E. StiglitzJoseph Stiglitz: The ruin of Russia, in: The Guardian, 9. April 2003., sind der Meinung, dass diese radikal-neoliberale Herangehensweise zum raschen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Ostblocks beigetragen habe. Ab 1994 war Sachs in Indien tätig, seit 1995 beschäftigt er sich besonders mit Afrika.

2004 und 2005 zählte das Time Magazine ihn zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, als Teil der Kategorie Wissenschaftler und Denker.

Gemeinsam mit den Wissenschaftlern Heiner Flassbeck, Thomas Piketty, Dani Rodrik und Simon Wren-Lewis veröffentlichte er während der griechischen Staatsschuldenkrise im Juli 2015 einen offenen Brief an Angela Merkel, in dem sie aufgefordert wurde, Griechenlands Schulden zu reduzieren und der dortigen Regierung einen langen Zeitraum zur Rückzahlung der übrigen Schuld einzuräumen.Jetzt ist der Zeitpunkt, die gescheiterte Sparpolitik zu überdenken. Tagesspiegel vom 7. Juli 2015. Andrian Kreye kritisierte in der Süddeutschen Zeitung, dass die Autoren des Briefes ihre wissenschaftliche Objektivität aufgegeben und an Glaubwürdigkeit verloren hätten, um politisch Einfluss zu nehmen.Wissenschaft beraubt sich ihrer stärksten Waffe. Süddeutsche Zeitung vom 10. Juli 2015. Während der Verhandlungen, wenige Tage später, setzte Sachs auf Twitter zahlreiche Meldungen ab, in denen er sich empört über den deutschen Finanzminister und dessen Verhandlungsführung äußerte.Ulrich Schäfer: Twitter-Gewitter gegen Merkel und Schäuble. Süddeutsche Zeitung vom 12. Juli 2015.

Im September 2020 gründete Sachs zusammen mit anderen im italienischen Parma die Regenerative Society Foundation, die er gemeinsam mit dem italienischen Kaffeefabrikanten Andrea Illy führt. Mitglied sind mehrere Unternehmen und Universitäten des Landes, die Banca Mediolanum und der B-Corp-Zusammenschluss. Ziel der Stiftung ist es, mit „einer regenerativen Wirtschaftsweise die natürlichen Lebensgrundlagen des Planeten […] wieder aufzubauen.“ Aufgabe ist, „die konkrete Umsetzung der regenerativen Ökonomie.“Ulrike Bauer: Club of Rome reloaded, Süddeutsche Zeitung vom 24. Juli 2022.

Wirken und Positionen Seine Forschungsinteressen gelten insbesondere der Verbindung zwischen Gesundheit und wirtschaftlicher Entwicklung, ökonomische Geographie, Globalisierung, Transformation zur Marktwirtschaft, internationalen Finanzmärkten, internationaler makroökonomischer Politikkoordination, emerging markets, Entwicklungsökonomik und wirtschaftliches Wachstum, globalem Wettbewerb und makroökonomischer Wirtschaftspolitik in Entwicklungs- und Industrieländern. Seine Idee, Entwicklungshilfe auf einer „klinischen Analyse“ des jeweiligen konkreten Patienten zu begründen, verwirft alle einfachen Problemlösungsvorschläge.

Strategie gegen die Armut Seit den 1990er-Jahren kritisierte Sachs mehrfach den Internationalen Währungsfonds für seine Politik und warf Bankern ineffektive Investmentstrategien vor. Sachs engagiert sich für weitgehenden Schuldenerlass für extrem arme Staaten und im Kampf gegen Krankheiten, insbesondere HIV/AIDS in Entwicklungsländern. Er kritisierte die WTO und den IWF, weil die Geldgeber dieser Organisationen nicht bereit seien, effektive Hilfe für die extrem Armen zu leisten. Der amerikanischen Regierung wirft er vor, dass sie nicht bereit sei, 0,7 % des Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen.

In seinem New York Times Bestseller Das Ende der Armut stellte Sachs im ersten Teil seine Erfahrungen als Berater dar, im zweiten die Analyse der Ursachen extremer Armut, seine Lösungsvorschläge und Umsetzungspläne. Daniel W. Drezner von der New York Times sieht als sein Hauptargument, dass große Teile der Erde in einer „Armutsfalle“ steckten. Diese mache Gesellschaften durch negative Faktoren der Geografie, Infrastruktur und Gesundheitsversorgung unfähig, mehr als das nackte Überleben zu finanzieren. Marktfreundliche Politiken allein seien nach Sachs unzureichend: die Entwicklungshilfe müsse erhöht werden, diese führe zu höheren Renditen, diese wiederum zu Wachstum. Lösungen sieht Sachs in internationalen Interventionen bei Humankapital, Geschäftskapital, Naturkapital, öffentlichem institutionellen Kapital, Wissenskapital und Infrastruktur. Drezner begleitet Sachs’ ansteckenden missionarischem Eifer und Technokratieenthusiasmus mit Warnungen vor Sachs’ Ego, dem die Gabe der Untertreibung fehle. Experten könnten ein starkes Déjà-vu-Gefühl verspüren, da, so Drezner, Sachs’ Argumentation weitgehend mit Walt W. Rostows Modell in The Stages of Economic Growth von 1960 übereinstimme, das die Entwicklungsdiskussion bis in die 70er Jahre dominierte habe, dabei aber nur dürftige Ergebnisse für die Armen erbracht, vor allem aber zu Verschwendung und Korruption geführt hätte. Sachs unterschätze Kultur als wichtigen Faktor bei der Erklärung von Armut. Drezner hält es dennoch für aussichtsreich, wenn auch unwahrscheinlich, mit 150 Milliarden Dollar pro Jahr extreme Armut zu reduzieren. Selbst wenn The End of Poverty nur zur Hälfte richtig wäre, wäre der Nutzen enorm: „Mehr als 500 Millionen Menschen würde geholfen. Sachs hat keine sichere Lösung gefunden. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht auf seine Wette setzen sollte.“ Auch William Easterly kritisierte die bescheidenen Erfolge der bisherigen Entwicklungspolitik, eine „Planer-Mentalität“ oder ein Top-Down-Ansatz seien wenig effektiv.William Easterly: The Big Push Déjà Vu: A Review of Jeffrey Sachs’s ‘The End of Poverty: Economic Possibilities for Our Time.’ In: Journal of Economic Literature. Bd. 44, Nr. 1, 2006, S. 96–105. . Daraus entwickelte sich die so genannte Sachs-Easterly-Kontroverse.Stefan Hielscher: Die Sachs-Easterly-Kontroverse: „Dissent on Development“ Revisited – Eine ordonomische Analyse zur Interdependenz von Sozialstruktur und Semantik moderner Entwicklungspolitik. IN: ORDO. Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Band 59, 2008, S. 441–473 (doi:10.1515/ordo-2008-0121).

Zusammenarbeit mit dem Vatikan Im Jahr 2015 gründete Sachs zusammen mit Marcelo Sánchez Sorondo die Ethics in Action Initiative. Papst Franziskus ernannte Sachs zum Akademiemitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften. Sachs hatte 2019–2020 mehrere Vorträge in sechs Konferenzen des Vatikans gehalten. Sachs beriet zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung im Kontext der Enzyklika Laudato si'. Sachs sagte in einem Interview am 7. November 2018, der Papst sei die „überzeugendste Führungsstimme auf dem Planeten.“ Sachs bezeichnete die Soziallehren der Kirche als absolut wichtig und überzeugend. Die Soziallehre der Kirche, so Sachs, biete eine ethische Sicht auf die Welt und gebe der Wirtschaft einen ethischen Rahmen. Allzu oft basiere die amerikanische Wirtschaftswissenschaft auf dem britischen Liberalismus, einer Tradition, deren ethische Dimension sich mit drei Worten zusammenfassen lasse: „Lasst mich in Ruhe“ (Leave me alone).

Venezuela Ein von Sachs und Mark Weisbrot verfasster Bericht aus dem Jahr 2019 behauptete, dass ein Anstieg der Zahl der Todesfälle um 31 % zwischen 2017 und 2018 auf die 2017 gegen Venezuela verhängten Sanktionen zurückzuführen sei und dass 40.000 Menschen in Venezuela infolgedessen gestorben sein könnten. In dem Bericht heißt es: „Die Sanktionen entziehen den Venezolanern lebensrettende Medikamente, medizinische Ausrüstung, Lebensmittel und andere wichtige Importgüter.“ Weisbrot erklärte, er könne „nicht beweisen, dass diese übermäßigen Todesfälle das Ergebnis von Sanktionen waren, sagte aber, dass die Zunahme parallel zur Verhängung der Maßnahmen und einem damit einhergehenden Rückgang der Ölförderung lief.“ Ein Sprecher des US-Außenministeriums kommentierte: „Wie die Autoren selbst einräumen, beruht der Bericht auf Spekulationen und Vermutungen.“

Spekulationen zu COVID-19