Scarabaeus variolosus (auch Pockennarbiger Pillendreher) ist ein Käfer aus der Familie der Blatthornkäfer und der Unterfamilie der Scarabaeinae. Die Gattung Scarabaeus ist in Europa mit elf Arten vertreten. Die Art Scarabaeus variolosus gehört zur Untergattung Ateuchaetus der Gattung Scarabaeus.
Bemerkung zum Namen Die Art wurde erst 1787 von Fabricius unter dem heute noch gültigen Namen beschrieben. Die kurze Beschreibung enthält den Satz punctis impressis variolosis (lat. mit eingedrückten Narbenpunkten). Dadurch erklärt sich der Artname variolosus (lat. narbig), der sich auf die an Pocken- oder Blattern-Narben erinnernde Punktierung bezieht. Eine solche Punktierung ist jedoch auch bei Scarabaeus cicatricosus und teilweise bei Scarabaeus semipunctatus zu finden. Scarabaeus cicatricosus wurde 1846 durch Lucas von Scarabaeus variolosus abgetrennt. Sturm übersetzt Scarabaeus variolosus mit 'Blatternarbiger Pillenkäfer', Panzer mit 'der pokenhafte Dungkäfer'. Bei Brehm heißt der Käfer 'Pockennarbiger Pillendreher'. Klausnitzer belegt mit dem Namen 'Pockennarbiger Scarabaeus' die beiden Arten Scarabaeus variolosus und Scarabaeus cicatricosus.
Das Wort Scarabaeus wird bereits von Plinius dem Älteren um 700 in seiner Naturalis historia benutzt. Es steht dort für das von Aristoteles geprägte griechische Wort κολεόπτερος (Koleopteros) für die Insekten mit Deckflügeln. In dem Werk De animalibus insectis (Über Insekten) von Aldrovandi widmet der Autor im 7. Band von 1602 ein ganzes Kapitel mit siebzehn Unterkapiteln dem Scarabaeus. Er weist darauf hin, dass das lateinische Wort Scarabaeus dem deutschen Wort Käfer entspricht. Abbildungen und Beschreibung zeigen, dass Aldrovandi alle Käfer mit harten Deckflügeln (neben Mistkäfern auch andere Blatthornkäfer, Laufkäfer, Bockkäfer, Wasserkäfer …) zu den Scarabäen rechnete. Das von Thomas Muffet erst 1634 nach dessen Tod veröffentlichten Insectorum sive minimorum animalium theatrum enthält drei Kapitel über Scarabaeus. Kap. 21 trägt den Titel De Scarabeis (Über die Scarabäen), Kap. 22 De Scarabeis minoribus (Über kleinere Scarabäen) und Kap. 23 ist mit De Proscarabeo et Scarabeo aquatico (Über den Ölkäfer und den Wasserkäfer) betitelt. Auch hier werden unter dem Begriff Scarabaeus Käfer aus vielen Familien verstanden. Bei der Einführung der Binominalen Nomenklatur nennt Linné 1758 als erste Käfergattung Scarabaeus und rechnet dazu 63 Arten, die im Wesentlichen die damals bekannten Blatthornkäfer und Hirschkäfer umfassen, nämlich die Käfer, deren Fühler (Hörner) in einer gespaltenen (beblätterten) Keule enden (Antennae clavatae capitulo fissili). Unter diesen Arten befindet sich mit Scarabaeus sacer auch eine Art der Gattung im heutigen, wesentlich enger gefassten Zuschnitt.
Die Untergattung Ateuchetus wurde 1892 von Bedel aufgestellt. Bedel erklärt den Namen nicht. Nach Schenkling ist er von altgr. ατεύχητος „ateuchetos“ für „unbewaffnet, unbewehrt“ abgeleitet und bezieht sich darauf, dass auch die Männchen der Arten dieser Untergattung kein Horn oder Höcker auf dem Kopf tragen.
Der Käfer wurde auch als Ateuchus variolosus beschrieben. Der Gattungsname Ateuchus bedeutet das gleiche wie der Name Ateuchetus der Untergattung.
Olivier beschreibt unter dem Namen Scarabaeus variolosus die Art Scarabaeus semipunctatus.
An verschiedenen Stellen im Internet wird Scarabaeus variolosus 1821 als Synonym für Scarabaeus cicatricosus geführt. MacLeay liefert 1821 jedoch keine Erstbeschreibung, sondern bezieht sich auf die Erstbeschreibung von Scarabaeus variolosus durch Fabricius. Außerdem wurde Scarabaeus cicatricosus erst 1846 von Scarabaeus variolosus getrennt. Aus der Beschreibung von MacLeay wird nicht klar, ob er S. cicatrosus oder S. variolosus beschreibt. Das bei MacLeay angegebene Verbreitungsgebiet entspricht dem Verbreitungsgebiet von S. variolosus, das sich jedoch mit dem vom S. cicatricosus in Nordafrika überschneidet. Fabricius 1787 kann mit Südtirol als Patria-Angabe nur Scarabaeus variolosus im heutigen Sinn gemeint haben.
Eigenschaften des Käfers x110pxx130pxAbb. 1: links Vorderansicht, rechts UnterseiteAbb. 2: linke Kopfseite;weiße Pfeile auf 1. und2. Fühlerglied, grünePfeilspitze auf obereAugenhälfte, blaue auf unteren Augenteil160px300pxAbb. 3: Zwei Ausschnittedes Brustschilds, oben rechter Seitenrand (links entspricht vorn) rechts Ausschnitt der Ba-sis: rechts Hinterrand,links davor Reihe klei-ner Porenpunkte, links davon unregelmäßig ver-teilt große flache Poren-punkte160px160pxAbb. 4: Klaue rechtes Hinter-bein von schräg unten300pxAbb. 5: linke Vorderschiene von unten300pxAbb. 6: Schenkel rechtes Hinterbein, rote gepunktete Linie entspricht dem Schenkelhinterrand bei S. cicatricosus300pxAbb. 7: Einlenkung der Tarsen am linken Hinterbein rechtsvon außen unten: grün erstes Tarsenglied, gelb Enddorn der Schiene, blau: Insertionsfläche links stärker vergrößert von hinten auf Insertionsfläche:hellgrün: in der Mitte abgeschnittenes 1. Tarsenglied;300pxAbb. 8: Ein Pärchen von S. variolosus beim Vergraben ei-ner Kugel aus Kuhdung, Weibchen auf der Kugel, Männ-chen links unter die Kugel kriechend Der Käfer ist schwarz und mäßig glänzend. Er wird fünfzehn bis fünfundzwanzig Millimeter lang. Der Körper ist breit und relativ flach, etwas mehr als 1,5 mal so lang wie breit.
Der dicht gerunzelte Kopfschild ist vierzähnig, der seitlich anschließende Teil der Wangen stellt auf beiden Seiten je einen weiteren Zahn, so dass der Kopf mit sechs nach vorn weisenden Zähnen bewehrt ist. Die Stirn ist seitlich gepunktet, in der Mitte glatt. Die Augen sind vollkommen in eine auf der Kopfunterseite und eine auf der Kopfoberseite liegenden Hälfte geteilt (Abb. 2). Die neungliedrigen Fühler enden in einer dreiblättrigen, kugeligen Keule.
Der Halsschild ist breiter als lang, die Hinterecken abgerundet, der Vorderrand hinter dem Kopf seicht ausgeschnitten. Der Seitenrand des Halsschilds ist mit spitzen Zähnchen besetzt (Abb. 3 oben), die im dritten und vierten Fünftel des Randes besonders kräftig ausgebildet sind. Kurz vor dem Rand der Basis des Halsschilds verläuft eine Reihe von Punkten, in denen je eine Haarborste entspringt (Porenpunkte Abb. 3 rechts). Diese Punktreihe ist jedoch nicht wie bei Scarabaeus pius durch eine Furche vom Halsschild abgesetzt. Der Halsschild und die Flügeldecken sind mit auffallend großen und sehr flachen Porenpunkten versehen. Diese sind bei verschiedenen Exemplaren sehr unterschiedlich häufig, auf dem Halsschild unregelmäßig verteilt, auf den Flügeldecken in Reihen geordnet. Durch eine andere Mikrostruktur erscheinen sie matter, durch Verschmutzung sind sie oft stärker farblich abgesetzt.
Halsschild und Flügeldecken schließen dicht aneinander an und verdecken das kleine Schildchen völlig.
Die Flügeldecken sind sehr fein gestreift, die Zwischenräume flach und unregelmäßig mit flachen, matten großen Punkten versehen. Die Seitenränder der Flügeldecken verlaufen annähernd parallel, erst im letzten Viertel sind sie abgerundet. Sie enden rechtwinklig aneinander und lassen das Pygidium unbedeckt.
Vorder- und Hinterhüften berühren sich, die Mittelhüften sind voneinander entfernt (Abb. 1 rechts).
Die Vorderbeine enden vorn mit einem kurzen Enddorn, die Schienen tragen außen vier kräftige Zähne, dazwischen ist der Außenrand gezähnelt. Auch der Innenrand der Vorderschienen ist deutlich gezähnelt. Nahe der Basis erlischt die Zähnelung auf dem Innenrand, auf dem Außenrand geht sie in Kerben über. Vordertarsen fehlen (Abb. 5). Auch die Schienen der übrigen Beine enden in einem Enddorn. Die Hinterschienen verjüngen sich nicht wie in der Untergattung Scarabaeus hinter der Einlenkung der Tarsen bis auf die Breite des Enddorns, sondern sie sind in Höhe der Einlenkung der Tarsen leicht schräg abgestutzt. So entsteht eine viereckige Insertionsfläche für die Tarsen, die mit einem Borstenkranz umrahmt ist und an deren inneren unteren Ecke der nach unten innen gekrümmte und etwas bewegliche Enddorn entspringt (Abb. 7). Die Klauen sind nicht wesentlich kürzer als die Endborsten des letzten Tarsengliedes (Abb. 4). Klauenlänge und Einlenkung der Hintertarsen charakterisieren die Untergattung Ateuchus. Die Schenkel der Hinterbeine sind nicht auf der Hinterseite wie bei dem ähnlichen Scarabaeus cicatricosus breit flach ausgeschnitten, sondern größtenteils leicht konvex (Abb. 6).
Biologie Scarabaeus variolosus ist tagaktiv, nicht dämmerungsaktiv. Eine Auswertung der Funddaten verschiedener Länder liefert für die Fundorte Höhen zwischen 180 m und 580 m.
Die Arten der Gattung Scarabaeus und einiger verwandter Gattungen (Gymnopleurus, Sisiphus, Kheper …) fertigen aus frischem Dung verschiedener Weidetiere Kugeln (Pillen), die größer als der Käfer sind und die vom Käfer vom Ort der Fertigung weggerollt werden. Die Käfer werden deswegen Pillendreher oder Pillenwälzer genannt. Anschließend werden die Pillen vergraben. Dies verhindert ihre Austrocknung. Die ausführlichen Untersuchungen zum Verhalten von sechs europäischen Arten der Gattung Scarabaeus einschließlich Scarabaeus variolosus zeigen folgende gemeinsame Verhaltensmerkmale:
Die Käfer pflanzen sich im Frühjahr fort, die fertig entwickelte nächste Generation erscheint im Herbst und überwintert im Boden. Entsprechend findet man die Käfer am häufigsten im Frühjahr und außerdem häufiger im Herbst. Bei kühlem Wetter stelzen die Käfer unbeholfen umher, bei heißem Wetter sind sie schnell und sehr aktiv. Beim Fliegen erzeugen sie einen tiefen Brummton. Sie fliegen mit geschlossenen Deckflügeln. Frischer Dung wird von herumfliegenden Käfern gerochen und kann viele Käfer anziehen. Die Käfer landen in der Nähe der Exkremente, laufen darauf zu und beginnen nach einer Qualitätsprüfung des Dungs mit der Herstellung einer Pille.
Herstellung der Pille Männchen und Weibchen sind zur Herstellung von Pillen befähigt. Man nennt diese Tätigkeit auch 'Backen'. Es gibt zwei verschiedene Herstellungsarten.
Stehen voluminöse Dungmassen zur Verfügung (etwa ein Kuhfladen), so benutzt der Käfer den Kopfschild als Spaten und drückt den unter ihm liegenden Teil mit den Vorderbeinen unter seiner Brust zusammen, das vor dem Kopfschild liegende Material schiebt er nach außen weg. Dabei dreht er sich im Kreis, wodurch ein Ringgraben entsteht. So arbeitet er sich nach unten, wobei die unter ihm liegende Masse von einem Kugelabschnitt zu einer Kugel anwächst, die mit den Hinterbeinen so geknetet wird, dass sie von Anfang an nahezu den endgültigen Radius zeigt. Schließlich trennt er die am tiefsten Teil liegende Restverbindung zur umgebenden Dungmasse ab und hebelt die fertige Kugel nach oben heraus.
Besteht der zur Verfügung stehende Dung aus kleinen Teilen (etwa in Einzelballen zerfallender Schaftsmist), so werden zwei Teile zusammengerafft, überstehende Teile mit dem Kopfschild abgestochen, der Rest unter der Brust zusammengeknetet (gebacken). Dieser Vorgang wird so oft wiederholt, bis die anfänglich kleine Pille zu einer Kugel der gewünschten Größe angewachsen ist.
Die fertige Pille weicht nur dann von der Kugelform ab, wenn Teile des verwendeten Dungs bereits so ausgetrocknet sind, dass sie sich nicht mehr kneten lassen (Abb. 8) oder die Konkurrenz so groß ist, dass der Käfer seine Arbeit nicht ungestört zu Ende führen kann.
Es werden zwei Sorten von Pillen hergestellt, Futterpillen und Brutpillen. Die Futterpillen werden vom Käfer selbst gefressen, die Brutpillen werden nach dem Eingraben in Brutbirnen umgearbeitet. In diesen entwickelt sich jeweils ein Käfer der nächsten Generation. Futterpillen und Brutpillen unterscheiden sich anfangs nur insofern, als für Futterpillen ziemlich wahllos jeglicher zur Verfügung stehende Dung von Pflanzenfressern verwendet wird, auch der Kot von Menschen wird gerne angenommen. Für Brutpillen wird dagegen Schafskot deutlich bevorzugt.
Transport der Pillen