Ein Paradies für Ethnographen. Polnische Geschichten ist eine Reportagensammlung von Ryszard Kapuściński.

Der Autor Der polnische Schriftsteller und Journalist Ryszard Kapuściński (1932–2007) gehört zu den meist übersetzten Autoren aus Polen. 1956 beendete er sein Geschichtsstudium an der Universität in Warschau. Schon als Student hatte er sich in verschiedenen Redaktionen journalistisch betätigt. Ende der 1950er Jahre reiste er immer öfter und entdeckte seine Leidenschaft, über Länder in umfassenden Transformationsprozessen zu schreiben. 1962 wurde er bei der Polnischen Presseagentur als Reporter angestellt und verbrachte die nächsten sechs Jahre in Afrika, wo er eine intensive Zeit mit vielen politischen und sozialen Umbrüchen erlebte und aufmerksam dokumentierte. Danach unternahm er Reisen durch den südlichen Teil der UdSSR, gefolgt von längeren Aufenthalten in Südamerika, im Mittleren Osten, in Asien und wieder auf dem afrikanischen Kontinent. Während dieser Jahre entstanden einige seiner prominentesten Werke, beispielsweise Wieder ein Tag Leben (1976), König der Könige (1978) und Schah-in-Schah (1982). Später veröffentlichte er neben Gedichten weitere wichtige Reportagesammlungen wie Imperium (1993), in der auch der Zerfall der Sowjetunion thematisiert wird. 2003 erschien sein Selbstporträt als Reporter.

Das Werk Die Erstausgabe des Werks „Busz po polsku“ erfolgte 1962 und stellte eine Sammlung von Reportagen dar, die Kapuściński zwischen 1959 und 1961 verfasste und größtenteils bereits in der Warschauer Wochenzeitung „Polityka“ publiziert hatte. Der im Jahr 2010 unter dem Titel „Ein Paradies für Ethnographen“ erstmals auf Deutsch herausgegebene Band, der durch ein Vorwort von Martin Pollack eröffnet wird, umfasst neben den 16 Reportagen auch einen später verfassten Text, „Gedächtnisübungen“, der am Anfang des Bandes steht. Nach Pollacks Einschätzung soll dieser erst in den 80er Jahren entstanden sein.

Auf der formalen Ebene zeichnen sich schon bei einer ersten Lektüre die präzisen und echten Orts-, Zeit- und Personenangaben in den meisten Reportagen. Somit werden Indikatoren für die Authentizität des Stoffes eingefügt. Dies ist stark mit der Entstehung der Texte verbunden. In dem Vorwort erläutert Pollack, dass Kapuściński Menschen, Orte und Ereignisse beschreibt, die ihm auf seinen Dienstreisen begegneten. Die meisten Geschichten sind aus der Ich-Perspektive verfasst und dieser Reporter erweist sich durch seine Beziehung zu den anderen Figuren sowie durch sein Verhältnis zu seinem Umfeld als Reporter. Er beschreibt nicht lediglich die Ereignisse um sich herum, sondern befragt, erforscht die Hintergründe, sondiert die sozio-politischen Kontexte sowie das menschliche Verhalten. Er gibt sich mit der Oberfläche und der gegenwärtigen Situation nicht zufrieden, sondern erkundet auch die Motive und die Vergangenheit, die zu dieser bestimmten Situation geführt haben.

Somit gibt es auch auf der inhaltlichen Ebene Elemente, die den dokumentarischen Charakter der Geschichten prägen. In erster Linie geht es um die intensive Beschäftigung Kapuścińskis mit sozialen Themen, wie Krieg und dessen Konsequenzen für die zeitgenössische Gesellschaft, soziale Konflikte und Ungerechtigkeiten, Konsum und Modernisierung. Diese behandelt er nicht vom Schreibtisch, sondern mitten im Feld, unter den Beteiligten. Ebenfalls aus Pollacks Betrachtungen geht hervor, dass sich Kapuściński mit den Menschen über deren alltäglichen Schwierigkeiten, über Armut, Probleme mit den staatlichen Institutionen oder mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung unterhielt und deren Lebenswelt aufmerksam beobachtete. Er illustriert breitere soziale Phänomene anhand der Individualschicksale einfacher Menschen, meistens der Außenseiter, derjenigen, die ungewöhnliche Lebensgeschichten haben oder nicht in das vorgefertigte Schema reinpassen. Pollack betrachtet Kapuściński deshalb auch als „Beobachter des Alltäglichen, des scheinbar Banalen, der kleinen Gesten und auf den ersten Blick unbedeutenden Details“. Die Sorgfalt für Einzelheiten in seiner dokumentarischen Vorgehensweise zeichnet sich in seinen Werken besonders aus.

Außerdem wendet Kapuściński seine Aufmerksamkeit auch denjenigen Bereichen zu, die in der Öffentlichkeit weniger präsent oder tabuisiert waren und übt Kritik am sozialistischen Staat. Die Tatsache, dass auch in Polen eine Tauwetterzeit einsetzt, stellt für ihn die Gelegenheit dar, darüber zu schreiben und diese Texte zu publizieren, die vor 1956 wegen der Zensur sehr wahrscheinlich nicht erschienen hätten.

Mit den „Polnischen Geschichten“ beabsichtigte Kapuściński, den eigenen Landsleuten Polen, seine Kultur und den weniger sichtbaren Alltag in diesem Land näher zu bringen.

Die Reportagen

Gedächtnisübungen In diesem Erinnerungstext geht es um den Zweiten Weltkrieg, seine Wirkungen auf die Menschen und auf ihre Umgebung.

Eingeleitet wird er von einer Strophe aus einem Gedicht von Janusz A. Ihnatowicz., in welcher der Kontrast zwischen der Unschuldigkeit des Kindes und die unmittelbare Vernichtung durch den Krieg thematisiert wird. Der Autor erinnert sich an den Krieg, den er als Kind erlebt hat. Er gesteht, dass ihm der Beginn des Krieges viel deutlicher in Erinnerung geblieben ist als sein Ende. Die Schilderung beginnt im September 1939, als der Autor sieben Jahre alt war. Das ganze Geschehen war für ihn eine fremde Erfahrung, die eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausübte. Als Kind verstand er nicht, dass es sich dabei um Tod handelte. Er befand sich auf der Flucht mit anderen Familienmitgliedern, der Mutter, dem Großvater und der jüngeren Schwester. Seine emotionsbeladenen Beschreibungen illustrieren die Konfrontation der Unschuldigen mit dem Bösen, ein Erlebnis, das mit allen Sinnen wahrgenommen wird.

Den ersten Kriegswinter überlebten sie als Flüchtlinge trotz Kälte, Armut, Hunger und Angst. Sie verließen das Städtchen Pińsk in der Region Polesie und fuhren nach Westen, Richtung Warschau, wo sich der aus der Gefangenschaft entflohene Vater befand. Dieser arbeitete als Lehrer in einer Dorfschule. In der Lichtung eines in der Nähe des Dorfes gelegenen Waldes fanden die Exekutionen der Verurteilten durch die SS statt, die die Kinder aus ihren Verstecken verfolgten. Außerdem kamen nachts polnische Partisanen zu Besuch. Der Autor hatte den großen Wunsch, anständige Schuhe zu besitzen, denn diese stellten ein „Symbol für Prestige und Macht“ (19) dar, noch mehr sogar, für die menschliche Existenz zu der Zeit.

Der Autor ist der Ansicht, dass der Krieg für die Überlebenden kein Ende genommen habe. Diese Menschen könnten von der Vergangenheit keinen Abstand nehmen, da sie zu stark an die Erinnerungen gebunden sind. Außerdem ist der Krieg immer noch im Leben der Überlebenden präsent durch seine Wirkungen, darunter solche wie Armut oder Verlust des eigenen Zuhauses. Nicht nur äußerlich gibt es diese Fortsetzung, sondern auch innerlich, dadurch, dass der Krieg Wunden, Hass und deformierte Mentalitäten hinterlassen hat. Für diejenige, die den Krieg als Kinder erlebt haben, war dieser die einzig bekannte Weltordnung, da sie den Frieden nicht kannten.

Der Text ist als Manifest gegen den Krieg zu verstehen. Der Autor kritisiert darin die vereinfachte Sicht auf die Welt durch die Betonung der Gegensätze „Gut“ und „Böse“, die der Krieg bietet. Alles, was zählt, ist die Zerstörung des Feindes, dementsprechend ist der Stärkste der Gewinner und die Kraft am wichtigsten, wodurch die Menschlichkeit verschwindet. Der Autor betrachtet es als Verantwortung der Überlebenden, den jungen Generationen, die den Krieg nicht erlebt haben, darüber zu berichten, denn durch diese Berichte können weitere Kriege verhindert werden und Solidarität wachsen. Der Text endet mit einer Strophe aus Goethes Faust, anhand derer Kapuściński seine Hoffnung auf Frieden und Menschenliebe nach 1945 ausdrückt, ähnlich wie der Gelehrte Faust, als er voller Enthusiasmus sein Studierzimmer erneut betritt, einen Neuanfang erhoffend.

Aufbruch der fünften Kolonne In diesem Text geht es um die Traumata, die der Krieg im Leben der Überlebenden hinterlässt.

Am 11. September 1961 laufen zwei alte Frauen, die 85-jährige Augusta Bruzius mit ihrer Tochter Margot im Alter von 58 Jahren, unbemerkt aus dem Altersheim in Szczytno davon, da sie eine bekannte Musik vernehmen können, eine Art Melodie des Krieges. Im Vergleich zu den anderen besitzen sie den „Blutinstinkt“, weshalb sie diese sonderbare Musik überhaupt wahrnehmen. Sie erreichen den Bahnhof und nehmen den Zug nach Olecko. In Olecko besaß Bruzius, Augustas Mann, einen Grund, auf dem er zwei Wohnhäuser gebaut hatte und wo polnische Knechte arbeiteten. Nach seinem Tod beschlagnahmte der polnische Staat den Grund sowie die Häuser. Augusta und Margot reisten nach Szczytno, wo sie lange Zeit im Krankenhaus und dann im Altersheim verbrachten.

Nun machen sie sich auf den Weg zurück nach Olecko, um ihre Häuser zurückzubekommen. Die beiden Frauen gehen von Tür zu Tür, sprechen die Menschen auf Deutsch an, weil sie glauben, dass sie sich da im deutschen Staat befinden würden. Augusta will hier auf zwei ihrer vier Söhne warten, die aus Westdeutschland kommen würden. Die Frauen werden für verrückt gehalten und vertrieben. Sie wollen nicht zurück nach Szczytno fahren, weshalb sie in das Altersheim in Nowa Wies bei Elk einziehen, um näher bei Olecko zu sein. Die alten Menschen in diesem Heim, die noch immer wache Erinnerungen an den Krieg haben, regen sich sehr über die Anwesenheit der beiden Frauen auf und wollen sie fortjagen. Augusta und Margot fliehen am nächsten Morgen unbemerkt aus dem Heim weg, der Musik folgend.

Weit In dieser Reportage geht es um die Veränderung der dörflichen Welt nach dem Krieg.

Das Dorf Cisowka in Bialystok wurde früher als „Paradies für Ethnographen“ angesehen, da sich hier die ursprüngliche Form der Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft erhalten hatte. Hier herrschte Armut und Unterentwicklung, es gab keine moderne Technik. Vor dem Krieg kannten die Menschen keine Autos, heute fahren die Bauern mit Motorrädern. Damals war ein Radioapparat ein Luxusgerät, heute hat jeder Dorfbewohner eins im Haushalt. Strom gibt es inzwischen überall im Dorf. Das Essen erscheint heute selbstverständlich, die Leute kennen den Hunger nicht mehr. Die Modernisierung des Dorfes geschieht im Sinne der sozialistischen Ideologie und es wird viel gerechnet, um die Lebensbedingungen zu verbessern. Es finden viele Diskussionen über die Innovationen statt, zum Beispiel zwischen dem Bauern Lukasz Mikolaj und dem Dorfschulzen über moderne Lösungen in der Landwirtschaft. Auch die Initiative der Dorfbewohner zählt viel. Lange Zeit stand die Eisenbahnstrecke in der Nähe des Dorfes unbenutzt. Nachdem sich die Einwohner selbst eine Bahnstation neben dem Wald gebaut haben, entschied sich das Verkehrsministerium, einen Anschluss mit einem modernen Schnellzug dort zu erstellen.

Gerettet auf dem Floß In diesem Text geht es um die Existenz eines Außenseiters.