mini|Rhodes House, Oxford. Sitz des Rhodes Trust Das Rhodes-Stipendium (englisch: Rhodes Scholarship) ist ein Stipendium für ein Studium an der Universität Oxford in Großbritannien und gilt bis heute nach verbreiteter Einschätzung als eines der prestigeträchtigsten Stipendien der Welt.Time: https://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,949697,00.html (Abgerufen am 16. September 2011)Spiegel Online: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,409917,00.html (Abgerufen am 17. September 2011)Sunday Times: http://www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/article1146450.ece (Abgerufen am 17. September 2011)Philip Ziegler, Legacy: Cecil Rhodes, The Rhodes Trust and Rhodes Scholarships. Yale University Press 2006 https://yalepress.yale.edu/yupbooks/book.asp?isbn=9780300118353McGill Reporter http://www.mcgill.ca/reporter/34/07/rhodes/ Es geht auf den britischen Unternehmer und Politiker Cecil John Rhodes (1853–1902) zurück, der in seinem Testament die Grundlagen für eine Stiftung (englisch Rhodes Trust) geschaffen hat.Website des Rhodes Trust: Rhodes Trust, abgerufen am 7. Januar 2018. Diese vergibt und finanziert die Stipendien seit 1902.
Die Stipendiaten (englisch Rhodes Scholars) stammen aus definierten Regionen (constituencies), für die jeweils eine bestimmte Zahl an Stipendienplätzen vorgesehen ist (siehe unten). Diese umfassen traditionell im Wesentlichen den Commonwealth of Nations (jedoch ohne Großbritannien selbst), die USA und Deutschland. Durch Reformen zwischen 2010 und 2020 wurden mittlerweile auch Stipendien für einige Staaten in Nahost sowie die Volksrepublik China eingeführt, darüber hinaus wurden in Form sogenannter Global Scholarships auch eine begrenzte Zahl an Stipendien, für die keine bestimmte Nationalität erforderlich ist, geschaffen.
Umfang des Stipendiums Die Dauer des Stipendiums beträgt regulär zwei Jahre. In dieser Zeit können Stipendiaten ein beliebiges postgraduales Studium (zumeist Promotion oder Master) in Oxford verfolgen. Auch ein zweiter Bachelor-Abschluss ist möglich; in diesen Fällen gewährt die Universität den Kandidaten mit einem vorangegangenen Abschluss in einem anderen Fach in aller Regel eine Verkürzung der Studienzeit von drei auf zwei Jahre. Nicht möglich ist hingegen ein erster Bachelor, da Rhodes Scholars bereits ein grundständiges Studium absolviert haben müssen, um sich für das Stipendium bewerben zu können. Da eine Promotion in England fast nie innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden kann, wird promovierenden Rhodes Scholars meist eine Verlängerung des Stipendiums auf ein drittes Jahr bewilligt, in Einzelfällen auch darüber hinaus.
Die finanziellen Leistungen an die Stipendiaten umfassen neben der vollständigen Übernahme der Studien- und College-Gebühren einen festen Betrag zur Deckung der Lebenshaltungskosten, der derzeit (Stand Studienjahr 2019/20) 1325 Pfund im Monat beträgt;https://www.rhodeshouse.ox.ac.uk/scholarships/the-rhodes-scholarship/ die Zahlung erfolgt monatlich. Hinzu kommen kleinere Leistungen wie etwa eine private Zusatz-Krankenversicherung, Flugtickets für die An- und Abreise nach und von Oxford sowie kostenlose Teilnahme an gelegentlichen Veranstaltungen wie Vorträgen, Dinners oder Empfängen, die vom Rhodes Trust abgehalten werden. Auch die Nutzung der Einrichtungen in Rhodes House, dem Sitz des Rhodes Trust, steht Stipendiaten frei.
Bewerbungsverfahren und Auswahl Die Auswahl der Stipendiaten erfolgt dezentral. Hierfür sind die in Frage kommenden Länder in Gebiete (englisch constituencies) unterteilt, für die jeweils ein vom Rhodes Trust ernanntes, jedoch eigenständig arbeitendes nationales Auswahlkomitee besteht. So bildet beispielsweise Deutschland eine eigene constituency mit Auswahlkomitee.https://www.rhodeshouse.ox.ac.uk/scholarships/list-of-rhodes-scholarship-constituencies/ Staaten, die sehr viele Rhodes Scholars stellen (allen voran die USA mit derzeit 32 Stipendien), sind oft in mehrere constituencies unterteilt. Zudem bestehen aus historischen Gründen Besonderheiten, die Cecil Rhodes selbst in seinem Testament vorgesehen hat; so bilden in Südafrika teilweise einzelne Schulen eine eigene constituency.
Das Auswahlverfahren wird jeweils durch die nationalen Komitees durchgeführt, die nach Abschluss der Prozedur die erfolgreichen Kandidaten an den Rhodes Trust in Oxford melden. Das deutsche Komitee führt dazu ein zweistufiges Verfahren durch, bei dem zunächst anhand der eingereichten Unterlagen eine Vorauswahl getroffen wird und diese in die engere Auswahl gezogenen Bewerber dann zu einem persönlichen Auswahlgespräch geladen werden, auf dessen Grundlage schließlich die Stipendienentscheidung erfolgt.https://www.rhodeshouse.ox.ac.uk/media/43519/information-for-candidates-germany.pdf
Die Kriterien, anhand deren die Stipendiaten ausgewählt werden sollen, wurden von Cecil Rhodes selbst vorgegeben und umfassen neben Formalia wie etwa der Staatsangehörigkeit eines in Frage kommenden Landes sowie einem vorhandenen grundständigen Studienabschluss auch persönliche Eigenschaften der Bewerber. Letztere werden derzeit vom Trust selbst wie folgt formuliert:https://www.rhodeshouse.ox.ac.uk/media/43793/usaendorsementguidance-2019.pdf
literary and scholastic attainments (deutsch: „literarische und schulische Errungenschaften“) energy to use one’s talents to the full (deutsch: „die Energie, die eigenen Talente voll zu nutzen“) truth, courage, devotion to duty, sympathy for and protection of the weak, kindliness, unselfishness and fellowship (deutsch: „Wahrheit, Courage, Pflichterfüllung, Mitgefühl für die und Schutz der Schwachen, Freundlichkeit, Selbstlosigkeit und Geselligkeit“) moral force of character and instincts to lead, and to take an interest in one’s fellow beings (deutsch: „moralische Charakterstärke und Führungsfähigkeiten, und ein Interesse an seinen Mitgeschöpfen“)
Die praktische Auslegung und Anwendung der heute mitunter etwas angestaubt wirkenden Kriterien variiert jedoch. So wurde das zweite Kriterium in der Vergangenheit und wird teilweise bis heute – vor allem in den USA – in Richtung sportlich-athletischer Erfolge, die neben akademische Verdienste in Form herausragender Noten treten sollen, verstanden – eine mittlerweile als überholt geltende Formulierung umriss dies als fondness of and success in manly outdoor sports.http://www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/article1146450.ece (Abgerufen am 17. September 2011) Vor allem in jüngster Zeit wird von vielen Komitees diese Komponente jedoch weniger stark betont.
Geschichte Entstehung Cecil John Rhodes war ein in England geborener, aber bereits in jungen Jahren nach Südafrika emigrierter Brite, der dort als Gründer des bis heute bestehenden Diamantenkonzerns De Beers zu einem großen Vermögen gekommen war. Er war auch politisch aktiv und diente von 1890 bis 1896 als Premierminister der Kapkolonie. In dieser Funktion wirkte er auch zur Inbesitznahme der nach ihm benannten Gebiete Südrhodesien (heute Simbabwe) und Nordrhodesien (heute Sambia) für das British Empire hin; sein Versuch, auch die Burenrepublik Transvaal gewaltsam dem Empire einzuverleiben, scheiterte aber und zwang ihn zum Rücktritt. Seine imperialistischen Ideale schlugen sich auch in seinem Testament nieder, mit dem er die Stipendien ins Leben rief. Ziel war es, talentierte junge Menschen aus den Kolonien zu einem Studium nach Oxford zu holen, damit diese dort eine probritische Gesinnung erwerben und nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat mitnehmen würden. Rhodes starb 1902, der erste Stipendiatenjahrgang traf 1903 in Oxford ein.
Die ursprüngliche Verteilung der Stipendien auf die in Frage kommenden Länder basiert also auf Cecil Rhodes’ Testament, das auf Grund seiner Prominenz zur damaligen Zeit bei seiner Veröffentlichung für Aufsehen sorgte und in dem er detaillierte Vorschriften über die Stipendien hinterließ. Ursprünglich sah er insgesamt 52 Stipendien vor, die sich auf die USA (bereits damals mit 32 Stipendien jährlich die größte constituency) sowie die folgenden Dominions und Kolonien des British Empire verteilten: Kanada; Australien; Südafrika; Rhodesien; Neuseeland; Neufundland; Bermuda; Jamaika. Die Idee der Förderung des Zusammenhalts des Empires wurde in der Presse heftig diskutiert, da zunächst John Astley Cooper Pan-Britannische Olympische Spiele vor allem mit Studenten aus genau diesen Ländern durchführen wollte. Hiermit verbunden sollten auch Empire-Ausstellungen und eben Studium in Oxford und/oder Cambridge sein.Arnd Krüger (1986): War John Astley Cooper der Erfinder der modernen Olympischen Spiele? In: Louis Burgener u. a. (Hrsg.): Sport und Kultur, Bd. 6. Bern: Lang, 72 – 81. In einem Kodizill modifizierte Rhodes sein Testament dahingehend, dass auch Stipendien für Deutschland eingerichtet wurden.
Rhodes’ Motivation, gerade diese Länder mit Stipendien auszustatten, lag für den Fall der damaligen britischen Kolonien sowie der USA darin begründet, dass Rhodes einen stärkeren Zusammenhalt des British Empire beziehungsweise der englischsprachigen Länder insgesamt anstrebte. Deutschland wurde in einem Kodizill aufgenommen, als Rhodes erfuhr, dass an deutschen Schulen Sprachunterricht auf Englisch als Pflichtfach eingeführt worden war.http://ia600308.us.archive.org/23/items/lastwilltestamen00rhodiala/lastwilltestamen00rhodiala.pdf (Testament von Cecil Rhodes, aufgerufen am 12. September 2011) Da Cecil Rhodes diese von ihm sehr begrüßte Reform dem damaligen deutschen Kaiser Wilhelm II. zuschrieb, ergab sich daraus das Kuriosum, dass er an Stelle eines nationalen Auswahlkomitees den Kaiser persönlich mit der Auswahl der deutschen Stipendiaten betraute – eine Aufgabe, die dieser dankend annahmhttp://ia600308.us.archive.org/23/items/lastwilltestamen00rhodiala/lastwilltestamen00rhodiala.pdf (Testament von Cecil Rhodes, aufgerufen am 16. September 2011; dort S. 36) und an seinen persönlichen Freund Friedrich Schmidt-Ott aus dem preußischen Kultusministerium delegierte.Philip Ziegler, Legacy: Cecil Rhodes, the Rhodes Trust and Rhodes Scholarships. New Haven/London: Yale University Press 2008, S. 47 Mit der Suspendierung der deutschen Vorkriegsstipendien im Jahr 1914 erübrigte sich diese Besonderheit freilich.
Ursprüngliche Verteilung der Stipendien (1902) Land Zahl der Stipendien KanadaOhne Neufundland, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg Teil Kanadas wurde. 2 Australien 6 Südafrika 5 Rhodesien 3 Neuseeland 1 Neufundland 1 Bermuda 1 Jamaica 1 USA 32 Deutschland 5
Spätere Entwicklung
Im Lauf der Zeit wurde die Verteilung an die geänderten politischen Verhältnisse, insbesondere den Prozess der Entkolonialisierung im ehemaligen British Empire nach dem Zweiten Weltkrieg, angepasst. Dennoch blieb es lange bei dem Grundsatz, dass nur Studenten aus den von Rhodes persönlich vorgesehenen sogenannten constituencies (Gebiete, denen Stipendien zugewiesen wurden) USA, britische Kolonien bzw. nach deren Unabhängigkeit die nunmehr unabhängigen Staaten und Deutschland für ein Rhodes-Stipendium in Betracht kamen. Ab 1992 wurden auch Stipendiaten aus Europa zugelassen; diese Möglichkeit wurde aber 1996 wieder abgeschafft.Philip Ziegler, Legacy: Cecil Rhodes, the Rhodes Trust and Rhodes Scholarships. New Haven/London: Yale University Press 2008, S. 300–304
Eine bedeutende Änderung erfolgte 1977, wodurch die Stipendien für Studentinnen zugänglich wurden. Da Rhodes nur Stipendien für Männer vorgesehen hatte, hatten die Trustees zu diesem Zweck auf politischer Ebene darum ersuchen müssen, dass das Testament durch britische Gesetzgebung geändert wurde.Diese Lobbyarbeit mündete in s. 78 des Sex Discrimination Act 1975 (http://www.legislation.gov.uk/ukpga/1975/65/pdfs/ukpga_19750065_en.pdf, abgerufen am 17. September 2011)