Eine Suite (: „Folge“ oder „Abfolge“) ist in der Musik eine Abfolge von Instrumental- oder Orchesterstücken – meistens (in der Tanzsuite) Tänze, manchmal auch Charakterstücke –, die ohne längere Pausen hintereinander gespielt werden. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts etablierte sich zunächst der Name Partita (französisch auch Partie), ein englischer Alternativ-Begriff (bei William Lawes) war Sett. Eine Suite mit einer (französischen) Ouvertüre als Einleitung wird als Ganzes ebenfalls oft als Ouvertüre oder als Ouvertürensuite bezeichnet. Eine ausschließlich von François Couperin verwendete alternative Bezeichnung ist Ordre.
Suitensatzform Die modellhafte Form der meisten Einzelsätze einer hoch- oder spät-barocken Suite (z. B. bei J. S. Bach, Telemann, Händel u. a.) nennt man Suitensatzform. Diese bezieht sich auf die meist verwendeten Tänze und bezeichnet eine Zweiteiligkeit, wobei beide Teile mit Wiederholungszeichen enden. Grundlegend für die Form ist der harmonische Verlauf: Der erste Satzteil führt meist zur Dominante, der zweite Teil von der Dominante zur Tonika zurück. Der Rückweg kann durch Modulationen (und eventuell eine Kadenz) in eine benachbarte Tonart ausgeweitet sein – beispielsweise zur Tonikaparallele. Musikalischer Charakter und Tempo sind durchgehend in beiden Teilen einheitlich.
Manche Tänze erscheinen in einer übergeordneten symmetrischen Dreiteiligkeit, im Sinne einer Dacapo-Form. Dabei kann der mittlere Teil in der Paralleltonart stehen oder eine Variation enthalten oder (im Falle von Orchestersuiten) durch eine reduzierte Instrumentalbesetzung charakterisiert sein, beispielsweise: Bourrée I – Bourrée II – Bourrée I Menuett – Trio – Menuett Die Satzbezeichnungen lauten dabei aber meistens nur Bourree I, II oder Menuet I, II o. ä.
Auch sonst müssen nicht alle Suitensätze der beschriebenen zweiteiligen Suitensatzform entsprechen. Beispiele dafür sind einleitende Sätze wie Präludien, die ganz frei oder durchkomponiert sein oder einer anderen, nicht zweiteiligen Form entsprechen können. Auch eine einleitende französische Ouvertüre entspricht nicht der normalen Suitensatzform, selbst wenn sie nicht dreiteilig (langsam-schnell-langsam), sondern nur zweiteilig (langsam-schnell) sein sollte, da Tempo und Charakter wechseln. Eine ebenfalls häufig vorkommende Ausnahme ist die Rondo-Form (A-B-A-C-A...), die besonders in Frankreich sehr beliebt war, aber auch in anderen europäischen Ländern gepflegt wurde. Dabei können auch Tänze wie das Menuett, die Gavotte u. a. in Rondoform erscheinen, was dann als Menuet en Rondeau bezeichnet sein kann (aber nicht muss). Auch die Chaconne und die Passacaille entsprechen nicht dem zweiteiligen Modell, sondern entweder einer Variationsform oder (besonders in Frankreich) einer Rondoform. Auch für die Sätze früher Suiten gilt die Bezeichnung „Suitensatzform“ oft nicht, da insbesondere Pavanen und Gaillarden – aber auch Couranten im frühen 17. Jahrhundert – normalerweise dreiteilig (jeweils mit Wdh.), nicht zweiteilig, waren.
Renaissance Etienne du Tertre benutzte den Begriff „Suite“ erstmals 1557 für seine suyttes de bransles, die, wie zu jener Zeit üblich, aus einer Abfolge mehrerer Branlen bestanden.
Auch die paarweise Anordnung von Tänzen in Form eines Tanzes mit folgendem Nachtanz (manchmal auch „Hupfauf“ bzw. Hupff Auff oder Auff und AuffHeinz Bischoff, Heinz Zirnbauer: Lieder und Tänze auf die Lauten (um 1540) aus der Tabulaturhandschrift 1512 der Münchner Staatsbibliothek. B. Schott’s Söhne, Mainz 1938, S. 15–23 (Edition Schott, Band 3694); . genannt) kann als Vor- oder Frühform der Suite angesehen werden. Dabei ist der Vortanz häufig ein geradtaktiger Tanz in langsamerem oder mäßigem Tempo und der Nachtanz ein schnellerer Tanz im Dreiertakt. Bekannte Beispiele sind die im 16. und frühen 17. Jahrhundert besonders beliebte Kombination Pavana – Galliarda, ebenso wie Passamezzo – SaltarelloWilli Apel: Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700. Bärenreiter-Verlag, Kassel u. a.; Neuausgabe: 2004 (urspr. 1967), S. 222 oder auch Dantz – Proporz (Hupfauf).Adalbert Quadt: Lautenmusik aus der Renaissance. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1 ff. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1967 ff.; 4. Auflage: ebenda 1968, Band 2, S. 54–61 (verschiedene Tänze anonymer Verfasser aus dem Ende des 16. Jahrhunderts und von Bernhard Jobin mit Nachtanz bzw. Lieder von Melchior Neusidler mit Hupfauf oder Proportio). Die beiden Tänze bilden tonartlich eine Einheit und der Nachtanz ist häufig (muss aber nicht) musikalisch eine Variation des Vortanzes.
Diese paarige Anordnung zweier Tänze wurde dann teilweise noch durch einen dritten Tanz zu einer kleinen „Suite“ ergänzt. Ein frühes Beispiel einer solchen dreiteiligen Kombination ist eine Tanz-Folge von „Pavana – Saltarello – Piva“ im vierten Buch von Joan Ambrosio Dalzas Intabolatura de Lauto (gedruckt 1508 bei Petrucci);Frances Mattingly, Reginald Smith Brindle: Vorwort. In: Antonio Casteliono: Intabolatura de leuto de diversi autori. (1536). Trascrizione in notazione moderna di Reginald Smith Brindle. Edizioni Suvini Zerboni, Mailand (1974) 1978, S. XII. ebenso die von Pierre Attaingnant (Paris 1529 und 1530) publizierte Basse danse „La brosse“, die von manchen Autoren als wohl älteste mehrstimmige Suite angesehen wird.Friedrich Blume: Studien zur Vorgeschichte der Orchestersuite im 15. und 16. Jahrhundert. Leipzig 1925, S. 67 ff., 96 f. und 122 ff.Hans Dagobert Bruger (Hrsg.): Pierre Attaingnant. Zwei- und dreistimmige Solostücke für die Laute. 1926, S. 11 f. (Verfasser evtl. „P.B.“) und 33. Weitere Beispiele für dreiteilige UrformenKonrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott, Mainz 1978, ISBN 3-7957-2329-9, S. 116. der Suite sind: Basse danse – Recoupe – Tourdion Passamezzo – Padoana – Saltarello
Nach Ansicht mancher Autoren wurde die Urform des Vor- und Nachtanzes vor allem von Lautenisten zur Suite weiterentwickelt.Adalbert Quadt (Hrsg.): Lautenmusik aus der Renaissance. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1 ff. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1967 ff.; 4. Auflage ebenda 1968, Band 2, Vorwort (1967).
Barock In der Barockmusik sind die Einzelstücke einer Suite in der Regel echte oder stilisierte Tänze und stehen meistens in der gleichen Tonart. Der Zusammenhang wird neben der gemeinsamen Grundtonart manchmal auch durch Substanzgemeinschaft zwischen den Einzelsätzen hergestellt.
Eine erste erkennbare Suitenform ist 1610 Paul Peuerls Newe Padouan, Intrada, Dantz, und Galliarda, in denen die vier im Titel genannten Tänze in zehn Suiten erscheinen. Das Banchetto musicale von Johann Hermann Schein (1617) enthält zwanzig Abfolgen von jeweils vier verschiedenen Musikstücken. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts findet sich (bei P. Peuerl, M. Praetorius, M. Frank, H. Schein, S. Scheidt und J. Staden) die „deutsche Variationensuite“, mit folgenden Sätzen: Paduana – Intrada – Dantz – Galliarda Pavana – Galliarde – Allemande – Courante
In England prägte William Lawes den Begriff Set für seine Ensemble-Suiten und verwendete bereits Allemande, Courante und Sarabande zusammen mit Aires und anderen Tänzen wie Pavane, Gaillarde oder „Morriss“. Seine Royal Consort Setts (vor 1635) haben meistens 6 bis 7 Sätze und enden fast alle mit einer Saraband, ansonsten ist die Reihenfolge der Tänze nicht standardisiert; Beispiele sind: Aire – Aire – Corant – Alman – Corant – Saraband (Nr. 3 in d) Aire – Alman – Alman – Aire – Corant – Saraband (Nr. 7 in a) Pavan – Aire – Alman – Corant – Alman – Corant – Saraband (Nr. 9 in F)
Solomusik Die „klassische“ Suitenfolge wurde zwischen ca. 1640 und 1670 von Chambonnières, Froberger, und Louis CouperinMargarete Reimann: Untersuchungen zur Formengeschichte der französischen Klassischen Suite mit besondere Berücksichtigung von Couperins-Ordres. 1940. geschaffen, unter dem Einfluss französischer Lautenisten, unter anderem Denis Gaultier. Sie wurde in ihrer Reinform vor allem in der deutschen Cembalo- und Lautenmusik verwendet und bestand aus der Abfolge: Allemande – Courante – Sarabande – Gigue, wobei die Gigue später als die anderen auftaucht und von Froberger auch häufig an zweiter Stelle, also zwischen Allemande und Courante, positioniert wurde.Willi Apel: Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700. Bärenreiter-Verlag, Kassel u. a.; Neuausgabe: 2004 (urspr. 1967), S. 541 f
In Frankreich ging man jedoch besonders im 17. Jahrhundert relativ locker mit der Reihenfolge der Suitensätze um. Handschriftliche Quellen mit Cembalomusik wie das Manuscrit Bauyn oder das Manuscrit Parville sortieren zwar Stücke nach Tonarten und Komponist, aber in einer Weise, die meistens nicht als sinnvolle, feststehende Reihenfolge einer Suite angesehen werden kann: Beispielsweise erscheinen von Chambonnières (im MS Bauyn) in der Tonart C-Dur hintereinander 5 Allemanden, 11 Couranten, 4 Sarabanden, 2 Giguen, weitere 5 Couranten und eine Chaconne.Willi Apel: Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700. Bärenreiter-Verlag, Kassel u. a.; Neuausgabe: 2004 (urspr. 1967), S. 686–687 Das ist so natürlich nicht als feststehende Suite gemeint – auch wenn dabei die obengenannte Standard-Reihenfolge durchscheint –, aber es können aus diesen Stücken sinnvolle Suiten zusammenstellt werden, wobei man sich nach der Satzfolge der Suiten in gedruckten Publikationen von Chambonnières (1670), Nicolas Lebègue (1677, 1687), D’Anglebert (1689) u. a. orientieren kann. Ähnliches gilt auch für die Tabulaturen mit französischer Lauten- und Gitarrenmusik.Adalbert Quadt (Hrsg.): Gitarrenmusik des 16.–18. Jahrhunderts. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1–4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970 ff., Band 2, 3. Auflage ebenda 1972, Vorwort (1971), und Band 3: (Beispiele anonymer Suiten und Partien) S. 15–21, 27–29 und 33–35 sowie (Suite von François Campion) S. 40–43 und (vier Suiten von Robert de Visée) S. 46–60.
Der Suite vorangestellt ist besonders im 17. Jahrhundert häufig ein Präludium bzw. ein Prélude oder Preludio – wie in Cembalosuiten von Louis Couperin, D’Anglebert, Lebègue, Schultheiss u. a., und in Suiten für Barockgitarre von Francesco Corbetta, Robert de Visée, François Campion, Ludovico Roncalli und Santiago de Murcia.Adalbert Quadt (Hrsg.): Gitarrenmusik des 16.–18. Jahrhunderts. 4 Bände. Nach Tabulaturen herausgegeben. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970–1984, Band 1, S. 26–54, Band 3, S. 40–60, und Band 4, S. 1–14 und 26–47.
Französische Clavecinisten des 17. und frühen 18. Jahrhunderts (wie Chambonnières, D’Anglebert u. a.) verwendeten typischerweise drei oder zwei Couranten pro Suite, und lockerten die Folge unter dem Einfluss von Jean-Baptiste Lullys Balletten und Divertissements durch weitere Tänze auf. So wurde es üblich, Sätze wie Menuett, Gavotte, Chaconne, Passacaille, Canarie, Bourrée, Passepied, Rondeau usw. einzuschieben (die man auch als „Galanterien“ bezeichnete). In Frankreich stand am Ende der Suite häufig eine Gavotte und/oder ein Menuett.Bei Chambonnières, d’Anglebert, Élisabeth Jacquet de la Guerre, Lebègue, Marchand u. a. In deutschen Solosuiten und vor allem bei Bach und Händel ist normalerweise die Gigue der letzte Satz.