Kalkfarbe (auch: Kalktünche) ist ein mineralisches Anstrichmittel. Wasser dient als Lösungsmittel. Weißkalkhydrat (Calciumhydroxid) ist Pigment und Bindemittel zugleich.
Durch ihre Porosität, Kapillarität und desinfizierende Wirkung sind reine Kalkfarben besser als moderne Anstrichmittel zur Anwendung auf feuchten Untergründen und in schimmelgefährdeten Bereichen geeignet.
Im Handel wird die traditionelle reine Sumpfkalkfarbe auch als ungefüllte Kalkfarbe bezeichnet. Im Gegensatz zur gefüllten Kalkfarbe, der zur Verbesserung der Verarbeitbarkeit Gesteinsmehle und andere Füll- und Hilfsstoffe beigefügt werden. Verarbeitungsfertig angebotene Kalkfarbe (auch "reine Kalkfarbe") enthält überwiegend Anteile von Kunstharzen. Möchte man dies vermeiden, sollte auf die Volldeklaration der Inhaltsstoffe geachtet werden.
Es ist zu beachten, dass Weißfeinkalk eine Bezeichnung für Branntkalk in Pulverform ist. Dieser muss zunächst gelöscht und eingesumpft werden, um als Farbmittel verwendet zu werden. Weißkalkhydrat kann hingegen unmittelbar mit Wasser zu Kalktünche angemischt werden. Beim im Handel angebotenen Sumpfkalk handelt es sich in der Regel um besonders weiße Kalksorten. Nach dem Aufrühren und Verdünnen kann Sumpfkalk unmittelbar als Farbanstrich verwendet werden. Um wischfest abzubinden, muss ein Kalkanstrich jedoch über einige Tage leicht feucht gehalten werden.
Geschichte und Verbreitung Kalkfarbe war früher praktisch das einzige verfügbare und am weitesten verbreitete Anstrichmittel für gemauerte und verputzte Außenwände von Wohn-, Sakral- und Geschäftsbauten sowie für künstlerische Maltechniken in Innen- und Außenräumen von Gebäuden. Von ihr rührt der Ausdruck kalken für weiß streichen oder weißeln her.
Viele traditionelle südeuropäische Dörfer sind von den typisch weiß getünchten Häusern geprägt. In heißen Sommermonaten heizen sich gekalkte Außenwände durch die Sonnenstrahlen wenig auf, da sie einen besonders hohen Albedo-Wert aufweisen.
Im Bau- und Heimwerkerbereich wurden die Kalkfarben von Dispersionsfarben verdrängt, die einfach aufzutragen sind und gleichmäßige Flächenwirkung ergeben. Mit Kalkfarben erzielt man demgegenüber charakteristisch lebendige Farbflächen. Bereits leichte Unterschiede in der Saugfähigkeit des Untergrunds können zu Helligkeitsunterschieden und Marmorierungseffekten führen, die sich mit dem Auftrag weiterer Schichten verringern.
Kalkfarben wurden lange noch zum Weißtünchen von Stallgebäuden in der Landwirtschaft eingesetzt. Heute spielen Sumpfkalkfarben nur noch in der Denkmalpflege bei der Restaurierung von Kirchen und historischen Gebäuden eine bedeutende Rolle.
Eigenschaften und Verwendung Ein Kalkanstrich ist kapillar und hochporös und damit sehr feuchte- und gasdurchlässig. Er ist neben Silikatfarbe besonders geeignet, um feuchtes Mauerwerk austrocknen zu lassen. Durch seine Alkalität (pH > 12) ist er ideal zur Anwendung in feuchten oder von häufiger Kondensation betroffenen Bereichen, wie Küchen, Bädern, Kellern, Treppenhäusern und Lagerräumen, da er resistent gegen Schimmel und Fäulnis ist. Schimmel kann sich auf einer reinen Kalkfarbe nur bilden, wenn sich Staubpartikel auf der Oberfläche abgesetzt haben oder eine andersartige Verunreinigung mit organischen Stoffen vorliegt.
Luftkalkfarbe ist vergleichsweise elastisch. Eine reine Kalkfarbe wird in der Regel nicht vom Untergrund abplatzen. Der Untergrund muss jedoch saugfähig sein, damit die entstehenden Kalkkristalle sich in den Poren verankern können.
Bei der Verwendung von Weißkalkhydrat in Pulverform, also trocken gelöschtem Kalk, ergeben sich oft Tönungen, die von Altweiß bis zu Cremeweiß (champagner- bzw. eierschalenfarben) reichen und von den im gebrannten Kalkstein natürlich enthaltenen Metallverbindungen beeinflusst werden. Weißkalkhydrat ist in Baumarkt und Baustoffhandel zu einem sehr geringen Preis erhältlich. Als natürlich hydraulischer Kalk (NHL-Kalk) oder Wasserkalk angebotener Kalk enthält natürliche Hydraulefaktoren. Dadurch bindet die Farbe etwas schneller und wetterfester ab. Der Farbton einiger NHL-Kalke liegt zwischen einem hellen Beige und einem sehr hellen Braun.
Wird ein strahlend weißer Anstrich gewünscht, so muss beim Einkauf auf einen reinen Kalk geachtet werden. Als Anstrichmittel im Handel angebotener Sumpfkalk ist meist sehr rein und ergibt ein entsprechend strahlendes Kalkweiß. Allerdings liegen die Kosten für Sumpfkalk im Einzelhandel deutlich höher als für Weißkalkhydrat in Pulverform.
Der Auftrag erfolgt traditionell sehr dünn (Kalkmilch) und in zwei bis sechs Schichten. Beim Abbinden bilden sich sehr feine Kristalle, die das einfallende Licht im gesamten sichtbaren Spektrum reflektieren (ähnlich Schneekristallen). Aufgrund des Brechungsindex von Calciumhydroxid erscheint die frisch aufgetragene Kalkfarbe zunächst fast transparent, so dass sich die Deckwirkung erst nach Trocknung der Farbe abschätzen lässt (Dry-Hiding-Effekt).
Die Kristallbildung wird unter anderem von der im Material enthaltenen Feuchtigkeitsmenge beeinflusst. Da die Kristalle einen Anteil an Farbton und Helligkeitseindruck der Farbe haben, wird das Erscheinungsbild der abgetrockneten Fläche auch von der Saugfähigkeit des Untergrunds und gegebenenfalls der Sonneneinstrahlung während des Trocknungsvorgangs bestimmt. Im Regelfall erscheinen schneller abgetrocknete Flächen heller. Dieser Effekt kann bei Kalkfarben ebenso wie bei (pigmentierten) Kalkputzen und auch bei einigen modernen Fassadenfarben unter anderem dazu führen, dass sich ein vor der Fassade stehendes Gerüst auch später noch als „Schattenriss“ auf der Fläche abzeichnet, wenn in der Trocknungsphase die Sonne auf die Fläche schien.
Wenn der Untergrund aus unterschiedlichen Materialien besteht oder stellenweise ausgebessert wurde, kann es von Vorteil sein, die Fläche mit einer natur- oder kunstharzhaltigen Grundierung (z. B. Tiefgrund) vorzubehandeln. Der gleiche Effekt lässt sich zumeist auch erreichen, indem zunächst ein oder zwei zusätzliche Schichten Kalkfarbe mit einer Zugabe von etwa 2,5 % Pflanzenöl aufgetragen werden. Falls der Untergrund sehr uneben ist, kann die Fläche mit einer dünnen Schicht Schweißputz, Feinputz oder (mineralischer) Spachtelmasse geschlichtet werden.
Wenn ein Putzuntergrund vorliegt, der mit einem Spachtel oder der Glättkelle abgezogen wurde, so können die Spachtel- oder Kellenzüge nach dem Auftragen der Kalkfarbe als Helligkeitsunterschiede sichtbar werden. Vermutlich, weil die Kellenbewegung zu Bindemittelanreicherungen führt, die wiederum Einfluss auf die Saugfähigkeit der Putzfläche haben. Diese Oberflächenstrukturen können sehr reizvoll sein und werden oft bewusst herbeigeführt.
Gerade weil Untergrund und Trocknungsbedingungen einen Einfluss auf Kristallbildung und Erscheinungsbild der Kalkfarbe haben, können dadurch Texturen wie zarte Marmorierungen oder schwache „Wischeffekte“ entstehen, welche Kalkfarben eine besondere Tiefenwirkung und Patina verleihen - speziell auch, wenn sie pigmentiert sind. Wirkt die Farbe nach den ersten Aufträgen noch zu unregelmäßig, lässt sich der Effekt durch den Auftrag weiterer Farbschichten abmildern, bis die gewünschte Struktur erreicht ist.
Kalke – Putze wie Farbe – erreichen auf mineralischen Baustoffen wie Kalkputz, Kalkzementputz, Kalkgipsputz, Ziegelsteinen und saugfähigen Natursteinen ein hohes Alter. Mit geringen Einschränkungen sind auch Zementputze und Beton (möglichst schwefelfrei) als Untergründe geeignet. Stark saugende oder wasserlösliche Untergründe wie Lehm, Leimfarbe, Holzwerkstoffe, Gipsputz, Gipskarton Tapeten sowie schwach gebundene Dispersionsfarbe und Dispersionssilikatfarbe müssen zuvor grundiert werden. Schwach oder gar nicht saugende und zu glatte Oberflächen wie Anstriche, Putze, Dispersionsfarben und Spachtelmassen mit hohem Kunstharzanteil sowie Metalle werden mit einem Haftvermittler vorbehandelt.
Weil die Reaktion wegen des geringen Kohlendioxidanteils in der Luft relativ lange dauert, muss sichergestellt werden, dass der Anstrich nicht zu schnell trocknet und insbesondere vor Sonneneinstrahlung geschützt wird, wenn ein abriebfester Anstrich gefordert ist. Früher wurde daher bevorzugt bei schlechtem Wetter geweißelt. Alternativ kann die gestrichene Fläche mit nassen Tüchern abgehängt oder mit Wasser besprüht werden. Andernfalls kann sich die Kristallisierung im Material nicht homogen ausbilden (der Kalk „brennt auf“)Konrad Fischers Ratgeber und Erfahrungsbericht aus 30 Jahren Anwendungspraxis – Kalkfehler, Seite 4, abgerufen im Februar 2016. und der nicht abgebundene Kalk kreidet ab. Bei ohnehin schlecht erreichbaren Wand- und Deckenflächen muss dies aber kein Nachteil sein. Bei der traditionellen Verwendung von reiner Kalkfarbe zum Tünchen von Stallwänden ist die Abriebfestigkeit oft nicht entscheidend. Im Gegenteil enthält eine aufgrund von zu schneller Trocknung nicht vollständig abgebundene Farbschicht noch ausreichend Calciumhydroxid, welches hoch alkalisch ist und über einen längeren Zeitraum die erwünschte antiseptische Wirkung bieten kann.
Bei ausreichend feuchter Verarbeitung erreicht Kalkfarbe auf mineralischen Untergründen eine hinreichende Abriebfestigkeit. Beim Darüberstreichen kann auf der Handfläche ein leichter weißlicher Schleier sichtbar sein. Die Abriebfestigkeit und Witterungsbeständigkeit kann durch den Zusatz von Weißzement erhöht werden, der jedoch ebenfalls über wenigstens 24 Stunden feucht gehalten werden sollte. Kann eine zu schnelle Austrocknung nicht ausgeschlossen werden, bieten sich die Zugabe von Kunstharzdispersionen oder Casein an, z. B. in Form von fettarmem Quark oder Magermilch. Der Zusatz dieser Bindemittel ist im Außenbereich auch an der Wetterseite und im Sockel- und Spritzbereich zu empfehlen, sowie in Gebieten mit hohen Schadstoffemissionen in der Luft (schwefeldioxidhaltige Abgase). Auf frischem Kalkputz aufgebracht, bindet die Kalkfarbe gemeinsam mit dem Putz zu einer homogenen Schicht (Kalkstein) ab (siehe Fresko-Maltechnik).
Verwendung im Außenbereich Auch im Außenbereich können Kalkfarben viele Jahrzehnte überdauern, wie viele historische Gebäuden insbesondere in südlichen Ländern zeigen. Da die Beanspruchung im Außenbereich höher ist, sollte der Untergrund hier eine ausreichende Porosität aufweisen und aus überwiegend mineralischen Baustoffen bestehen. Der feinporige Kalkanstrich schützt grobporigen Fassadenputz vor Durchnässung durch Schlagregen. Dennoch erlaubt er einer feuchten Wand schnell wieder auszutrocknen, da der Kapillareffekt von großem zu kleinem Porenvolumen hin besonders gut funktioniert.Konrad Fischers Ratgeber und Erfahrungsbericht aus 30 Jahren Anwendungspraxis – Kalkfehler, Seite 6, abgerufen im Februar 2016. Diese Textsammlung enthält viele wertvolle Informationen für Personen mit einem gewissen Hintergrundwissen. Der saloppe und polemische Schreibstil des Autors ist jedoch gelegentlich irreführend, da sich die richtige Interpretation der Aussagen oft erst bei Einordnung in die entsprechenden Zusammenhänge erschließt. Bei Anwendung auf von Schlagregen stark beanspruchten Bereichen der Fassade sollte die Kalkfarbe entweder auf den noch nicht vollständig abgebundenen Putz („frescal“, d. h. feucht-in-feucht) gestrichen werden oder der Farbe werden zusätzliche Bindemittel beigefügt, um die Haltbarkeit zu verbessern. Die Verwendung von Braunkohle in Kraftwerken und in häuslichen Öfen setzte Schwefeldioxid frei, das als saurer Regen karbonatisierten Kalk (Kalkstein) zu Gips umwandelt, der gegenüber Schlagregen wenig beständig ist. Alternativ können besonders gefährdete Fassadenflächen an den Wetterseiten durch Holzverschalungen oder Verschindelung geschützt werden, wie es traditionell in den besonders exponierten Lagen der Mittelgebirge sowie an der Küste gehandhabt wird.