Das Haus Vaterland war von 1928 bis 1943 ein Vergnügungspalast mit Gaststättenbetrieb auf vier Etagen am Potsdamer Platz in Berlin und rund einer Million Besuchern im Jahr. Es zeigte weltweit erstmals das Konzept, Ideen eines Vergnügungsparks dauerhaft in der Stadtmitte zu präsentieren und kann damit als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden. Unter der Leitung von Leo Kronau ist dazu das Haus Potsdam umgebaut worden, ein 1912 errichtetes Bürogebäude mit einem der größten Kinosäle und dem größten Café Berlins.
Nach dem Großbrand infolge eines alliierten Luftangriffs im Jahr 1943 lief nur noch ein eingeschränkter Restaurantbetrieb weiter. Nach dem Kriegsende lag das Gebäude im Sowjetischen Sektor ungünstig an der Grenze, weswegen die darin eingerichtete HO-Gaststätte 1953 aufgegeben wurde. Mit einem Gebietstausch kam es 1972 in den Britischen Sektor und wurde 1976 abgerissen.
mini|hochkant=1.5|1932: Nächtlicher Blick vom Potsdamer Platz nach Südosten in die Stresemannstraße mit dem Haus Vaterland. Im Dunkeln links vorn das Hotel Fürstenhof, weiter hinten das gerade fertiggestellte Europahaus mit Allianz-Leuchtreklame.
Konzept mini|Haus Vaterland, 1930
Ausstattung Leo Kronau, der Direktor vom Haus Vaterland, hatte das Gebäude durchgehend pompös ausstatten lassen; bereits die Eingangshalle machte mit Warteräumen, vielen Telefonzellen und Aufzügen einen verschwenderischen Eindruck. Man hatte mit versilberter und vergoldeter Dekoration nicht gespart. Unter der Kuppel des Hauses befand sich der Palmensaal, ein verspiegelter Ballsaal nach Entwürfen von Ernst Stern unter Verwendung von Plastiken von Josef Thorak. Sein gefederter Fußboden nach einem britischen Patent, das zum ersten Mal auf dem Kontinent ausgeführt wurde, sollte stundenlanges Tanzen ohne Ermüdungserscheinungen ermöglichen. Die Kammerlichtspiele waren eins der größten Kinos der Stadt und von Carl Stahl-Urach (1879–1946) – auch innenarchitektonisch – gestaltet. Das Haus konnte insgesamt etwa 8000 Besucher aufnehmen.
„Die Welt in einem Haus“ Die eigentliche Sensation des Hauses Vaterland stellten verschiedene Restaurants und Bars dar, die dem Gast das Gefühl gaben, in einem anderen Land zu sein: In allen Einrichtungen wurden nicht nur landesübliche Speisen und Getränke – oder was man dafür hielt – serviert, das Personal war auch landestypisch gekleidet und es gab passende Musik- und Varietédarbietungen. Vor allem aber hatte man in den Räumen eine Dekoration aufgebaut, die bis zu sechs Meter in den Raum hineinragte und mitunter den halben Saal einrahmte. So konnte man aus dem Fenster in eine Landschaft schauen. Alle Gasträume hatte der Wiener Künstler Carl Benesch gestaltet.
Zum Löwenbräu mini|Zum Löwenbräu
Das bayrische Bierrestaurant Löwenbräu war ein großer Saal mit Galerie, der nicht wie eine Landgaststätte, sondern vielmehr wie ein Luxusrestaurant ausgestattet war. Es gab keine Möbel in dunklem Holz, sondern weiße Tischdecken, filigrane Stühle und Kronleuchter. Durch ein großes Fenster konnte man auf den Eibsee mit Eibsee-Hotel und die Zugspitze blicken, wobei die Beleuchtung jede Tageszeit bis hin zum Sonnenuntergang mit Alpenglühen simulieren konnte. An der gegenüberliegende Seite gab es große Glasmalereien, die die Herstellung von Bier zeigten. Das „Quick-Lunch“ bot den Gästen im Löwenbräu von 11:30 bis 15 Uhr einfache Speisen an, die unter den Augen der Gäste im Saal zubereitet wurden. Löwenbräu war damals die größte bayrische Brauerei.
Wiener Grinzinger Die Heurigen-Schenke Wiener Grinzinger wurde durch ein Alt-Wiener Basteitor betreten und es bot einen Ausblick auf Wien mit dem Stephansdom. Mit der Lichtanlage konnte dabei auch das nächtliche Wien dargestellt werden.
Bodega In der kleinen spanischen Taverne saß man auf Fässern und die Tische waren ebenfalls Fässer. Sie zog 1930 in einen anderen Raum.
Czarda Die Czarda war ein ungarisches Dorf-Wirtshaus.
Wildwestbar Die Wildwestbar nannte sich Arizona-Bar und lag im vierten Stock. Es war ein Blockhaus mit Stalllaternen unter der Decke und amerikanischen Jagdtrophäen an der Wand. Von einem Vordach aus sah man auf den Delaware River und die Gebirgskette der Rocky Mountains. In der Bar servierte der Kellner Bayume Mohamed Husen.
Türkisches Café Wenige Schritte von der Wildwestbar entfernt lag auf der gleichen Etage das Türkische Café. Es sollte „Tausendundeine Nacht Märchenzauber“ vermitteln und war dafür aufwendig mit Marmorfußboden und -säulen ausgestattet. Man hatte ein orientalisches Café im maurischen Stil geschaffen, mit Diwans als Sitzgelegenheiten und kleinen Tischen, auf denen Wasserpfeifen bereitstanden. Durch maurische Fenster konnte man auf den Bosporus und damit auf einen sonnigen Orient blicken.
Japanische Teestube Das japanische Teehaus war mit „original japanischem Service“ ausgestattet.
Deutsches Caféhaus Das Café war vom ursprünglichen Gebäude übernommen worden, es hatte seine Räumlichkeit also nie geändert. Es hatte aber eine neue Gestaltung bekommen, da seine Wände erneuert werden mussten. Mit dem Umbau ging die Umbenennung von Deutsches Kaffeehaus Vaterland in Deutsches Caféhaus einher, da nun das gesamte Gebäude Vaterland hieß. In dem Café fanden unverändert abends bis weit in die Nacht hinein ein Bühnenprogramm statt, sodass es für Berlin eine mit dem Moulin Rouge vergleichbare Bedeutung hatte.
Bremer Kombüse Die Bremer Kombüse war eine für Bremen typische Trinkstube, in der Grog, Punsch, roter Wein und Bier ausgeschenkt wurden. Sie wurde 1930 in den Raum eingerichtet, in dem sich ursprünglich die Bodega befand.
Zum Teltower Rübchen Der Bierkeller Zum Teltower Rübchen kam 1931 hinzu, er wandte sich vor allem an die Bauern aus Teltow, die mit der Vorortbahn anreisten.
Osteria Die italienische Osteria ersetzte die Czarda.
Kempinski-Rheinterrassen mini|Rheinterrassen
Die Rheinterrassen erstreckten sich über zwei Etagen und waren damit nicht nur das größte Restaurant im Haus, sie boten auch die größte Sensation:
Man hatte das Rheintal bei St. Goar mit Blick auf die Burg Rheinfels und den Loreleyfelsen nachgebaut. Zu jeder Stunde wurde die Saalbeleuchtung gedämpft, woraufhin eine hell erleuchtete Stadt zu erkennen war. Es wurde ein Wind simuliert, der die Wolken verdichtete, zwischen denen zitternde Sterne leuchteten. Am Horizont zogen Lichtstreifen vorüber, verbunden mit Donnerschlägen und Regen aus der Wasserleitung. In der Dekoration fuhren Modelleisenbahnen und Schiffsmodelle, in Kooperation mit der Lufthansa wurden sogar Flugzeugmodelle an dünnen Fäden bewegt. Da „Terrasse“ bedeutete, dass es keine Wand zwischen den Gästen und der Landschaft gab, schützten rahmenlose Glasscheiben die Gäste bei dem Wetterschauspiel vor Nässe. Die Rheinterrassen befanden sich unterhalb des Ballsaals und damit auch unterhalb der Kuppel, die Landschaftsinstallation lag in der Rundung des Gebäudes.
Technik Um jedwede Geruchsbelästigung zu vermeiden, gab es eine Zentralküche im Dachgeschoss, die sämtliche Restaurants versorgte. Es handelte sich um die größte Küche Europas mit der größten Gaskochanlage der Welt. In ihr arbeiteten 80 Köche und 120 Hilfsköche. Die Bestellungen der 150 Kellner trafen mit der Rohrpost ein und die Speisen wurden mit Paternosteraufzügen in die Gaststätten transportiert. Im Haus gab es Laufbänder für das schmutzige Geschirr, eine Müllverbrennungsanlage, eine Belüftungsanlage mit 200.000 m³ Luftdurchsatz in der Stunde und eine Niederdruck-Dampfheizung mit acht Kesseln.
Publikum mini|Varietévorführung im Haus Vaterland
Der Eintritt ins Haus Vaterland kostete eine Reichsmark und war mit keinerlei Mindestverzehr verbunden. Es gab Suppe und Würstchen für 50 Pfennig ebenso, wie Hummer, Kaviar und Champagner. Mit Nachmittagsveranstaltungen wie Tanztee und Modeschauen und einer Kinderbetreuung wandte man sich auch an ein weibliches Publikum. Damit wollte die Betreiberfamilie alle Gesellschaftsschichten ansprechen, unter den Gästen waren aber Angestellte am häufigsten und damit eine Bevölkerungsschicht, die in der Zeit der Weimarer Republik stark zunahm. Vertreter der Hochkultur hingegen blickten häufig naserümpfend auf das Haus Vaterland, vor allem Siegfried Kracauer mit seiner Aussage von 1930, es sei ein „Asyl für die geistig Obdachlosen“.
Vaterland Girls Zum Haus gehörten auch die Vaterland Girls: 16 Tänzerinnen, die dem Schönheitsideal der Weimarer Republik entsprachen und mitunter halbnackt auftraten. Sie probten am Vormittag und traten dann von 20 bis 1 Uhr in der Nacht auf, wobei sie durchs ganze Haus zogen. Ihr Programm wechselte alle vier Wochen. Ergänzt wurden sie durch vier Männer, die als „Biedermeierstudenten“ angezogen Studentenlieder sangen.Wangenheim, Mein Haus Vaterland
Geschichte
Haus Potsdam (1912–1927) mini|Das Haus Potsdam kurz nach Fertigstellung, 1913
Ausgangslage Berlin wuchs bereits mit der beginnenden Industrialisierung schnell, das Tempo nahm aber mit dem Aufstieg zur Reichshauptstadt im Jahr 1871 nochmals zu. Um die Jahrhundertwende kamen dabei neuartige Häuser auf, nämlich große Bürogebäude, die in ihrem Erdgeschoss viel Platz für Einzelhandelsgeschäfte oder Gaststätten boten. Ein solches beabsichtigte die Baugesellschaft am Potsdamer Platz AG – 1911 umbenannt in Bank für Grundbesitz und Handel AG – am Potsdamer Platz zu bauen, Vorbilder waren das Haus Trarbach in der Behrenstraße und das Haus Bayernhof in der Potsdamer Straße. Dazu kaufte man vier Mietshäuser, um sie abzureißen. Das so entstandene Grundstück lag an der westlichen Seite der Köthener Straße. Es war zwar zum Potsdamer Platz hin sehr schmal, lag aber ausgesprochen verkehrsgünstig, da es unmittelbar an den Potsdamer Bahnhof grenzte und hier seit 1902 auch eine U-Bahn-Station existierte. Der Potsdamer Platz war kein Platz im eigentlichen Sinn, vielmehr eine Verkehrskreuzung, jene mit dem größten Verkehrsaufkommen in ganz Berlin.
Bau Von Februar 1911 bis Februar 1912 ließ die Bank für Grundbesitz und Handel nach Plänen des Architekten Franz Schwechten und des Statikers Otto Leitholf ein sechsgeschossiges Gebäude errichten und nannte es nach seiner Lage Haus Potsdam. Dieses Haus sah insbesondere mit den Steingewölben über den Bogenfenstern so aus, als sei es konventionell aus Kalk- und Sandsteinen gemauert. Tatsächlich handelte es sich aber um einen modernen Stahlskelettbau, der bereits bei der Errichtung einiges Aufsehen erzeugte. Er war 90 m lang und 23 m breit und kam über die gesamte Länge ohne Stützen im Innenraum aus, auch die Kuppel wurde nur durch das Skelett getragen. Das Gebäude bot 3400 m² Bürofläche, das gigantische Café Piccadilly und die ebenfalls recht großen Kammer-Lichtspiele am Potsdamer Platz, deren Saal fünf kräftige Stahlträger in voller Breite überspannten. Das gesamte Gebäude kostete drei Millionen Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Millionen Euro).
Café Piccadilly