mini|Die Moldau (Vltava) bei Chotilsko in Mittelböhmen Die Moldau (tschechisch Vltava) T 111, JB 1:112/2 ist der zweite Teil aus Mein Vaterland (Má vlast), einem Zyklus von sechs sinfonischen Dichtungen des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana. Die Komposition zeichnet den Lauf des gleichnamigen Flusses nach und gehört zu den berühmtesten Werken der Programmmusik. Das Werk entstand 1874, als Smetana bereits vollständig ertaubt war, und wurde am 4. April 1875 in Prag uraufgeführt. Die Spieldauer beträgt circa zwölf Minuten.
Vorbemerkung Bedřich Smetana nahm in Anspruch, „der Schöpfer des tschechischen Stils im dramatischen und sinfonischen Bereich der Musik“ zu sein. Seine Landsleute hielten ihn hingegen für einen volksfeindlichen Gefolgsmann Wagners und Liszts. Anerkennung fand er zu Lebzeiten nur mit der Oper Die verkaufte Braut (Prodaná nevěsta) und dem sinfonischen Zyklus Mein Vaterland.
Das 19. Jahrhundert war die Zeit der politischen Neuordnung nach den napoleonischen Kriegen, dem Siegeszug des Kapitalismus und der Industrialisierung. Vor allem aber waren es die Nationalbewegungen in Europa, die einen immensen Einfluss auf die Musikkultur ausübten und die Herausbildung „nationaler“ Musikstile zur Folge hatten. Als Quellen der nationalen Identifikation dienten hierbei speziell das Volkslied und der Volkstanz, welche die Kunstmusik um folkloristische und lokalkoloristische Elemente bereicherten. Häufig fanden auch episch-mythische Vorlagen sowie lyrische Naturschilderungen Eingang in die Kompositionen des 19. Jahrhunderts. Musik sollte nicht nur nach innen das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, sondern gleichzeitig eine nationale Identität nach außen demonstrieren. Infolgedessen standen öffentlichkeitswirksame Gattungen wie die Oper und die Sinfonie sowie die programmatisch aufgeladene sinfonische Dichtung im Zentrum des musikalischen Interesses.
mini|links|hochkant|Bedřich Smetana (ca. 1878)
In dieser Zeit verläuft in Böhmen und Mähren die Periode der sogenannten Nationalen Wiedergeburt. Im Geiste der Romantik gibt Smetana mit seinem sinfonischen Zyklus Mein Vaterland dem keimenden Nationalgefühl der Tschechen im 19. Jahrhundert einen musikalischen Ausdruck. Dabei setzt er Naturbilder seiner Heimat in Töne, beschreibt die Prager Königsburg Vyšehrad, den Fluss Moldau, die Amazonenkönigin Šárka, die Hussitenstadt Tábor oder den Wallfahrtsberg Blaník. Die Moldau als populärster Teil des Zyklus ist mittlerweile fast zu einer Ersatz-Nationalhymne geworden.
Vltava („Moldau“), die mit Abstand bekannteste sinfonische Dichtung aus dem Zyklus Má vlast, reiht rondoartig mehrere Episoden aneinander, deren Geschehnisse exakt durch Überschriften in der Partitur bezeichnet sind. So symbolisieren die Sechzehntelketten der Flöten und Klarinetten ganz zu Beginn „Die Quellen der Moldau“, die auch die folgende, von den Hörnern dominierte „Waldjagd“ begleiten. Ebenfalls an den Ufern des Flusses wird eine „Bauernhochzeit“ gefeiert, mit ihrem zündenden Polka-Rhythmus wohl die – neben der Ouvertüre zur Verkauften Braut – fesselndste Apotheose böhmischer Volksmusik aus Smetanas Feder. Ihr folgt ein geheimnisvoll glänzender „Nymphenreigen im Mondschein“, der wieder in das Moldau-Thema mündet. Doch eilt der Fluss jetzt unaufhaltsam einer dramatischen Gefahr entgegen: den heute nicht mehr existierenden, weil in einem Staudamm versenkten „St. Johann-Stromschnellen“ gut zwanzig Kilometer südlich von Prag. Das Hauptthema ist nur noch bizarren Bruchstücken zu entnehmen, schäumend und beängstigend drängen sich die Tonmassen zusammen, bevor sie endlich ins Freie stürzen. „Die Moldau strömt breit dahin“ heißt der letzte Abschnitt; sie zieht am Burgwall des Vyšehrad vorbei und sorgt derart auch musikthematisch für einen sinnvollen, zyklischen Abschluss dieser phänomenalen sinfonischen Dichtung.mini|„Smetanas Aussichtspunkt“ über einer malerischen Flussschlinge der Moldau in Mittelböhmen
Smetanas Aussichtspunkt Smetanas Aussichtspunkt bei Třebsín in der mittelböhmischen Gemeinde Krňany wurde nach dem Komponisten Bedřich Smetana benannt, der diesen Ort sehr liebte. Nach der Legende inspirierte ihn die Aussicht zum Komponieren der Vltava. Die beliebte Aussichtsplattform befindet sich über der Talsperre Štěchovice unter dem Hügel Kletecko (371 m ü. M.) und wurde 1974 anlässlich des 150. Geburtstags von Smetana gebaut. In diesem Teil der Moldau befanden sich die gefürchteten St. Johann-Stromschnellen, die seit den 1940er und 1950er Jahren jedoch nicht mehr existieren.
Mein Vaterland (Gesamtform) mini|Die frühmittelalterliche Prager Festungsanlage Vyšehrad über der Moldau|alternativtext=
Der sinfonische Zyklus Má vlast entstand zwischen 1874 und 1879 und wurde als vollständiges Werk am 5. November 1882 in Prag uraufgeführt. Darin verarbeitet werden Mythen (Nr. 1 und 3), Landschaft (Nr. 2 und 4) sowie Geschichte (Nr. 5 und 6) der tschechischen Heimat Smetanas. Das ca. 75-minütige Werk gliedert sich in sechs eigenständige Teile:
+Nr.TitelOpusEntstehungszeitErstveröffentlichung*TonartSpieldauer1.VyšehradT 110 JB 1:112/11872–1874Prag, 1880 Verlag: UrbánekEs-Durca. 16'2.Vltava [Die Moldau]T 111 JB 1:112/21874Prag, 1880 Verlag: Urbáneke-Mollca. 12'3.ŠárkaT 113 JB 1:112/31875Prag, 1888 Verlag: Urbáneka-Mollca. 10'4.Z českých luhů a hájů [Aus Böhmens Hain und Flur]T 114 JB 1:112/41875Prag, 1881 Verlag: Urbánekg-Mollca. 13'5.TáborT 120 JB 1:112/51878Prag, 1892 Verlag: Urbánekd-Mollca. 12'6.BlaníkT 121 JB 1:112/61879Prag, 1894 Verlag: Urbánekd-Mollca. 15'
*Alle sechs Teile wurden zum ersten Mal im Verlag Urbánek veröffentlicht, kamen jedoch 1879–1880 zunächst als Bearbeitungen für Klavier vierhändig heraus.
Má vlast geht von Liszt aus und zugleich über ihn hinaus. Kritiker meinten, Smetana habe den Meister „überliszten“ wollen. Während dessen sinfonische Dichtungen literarische Stoffe in Musik verwandeln, stellt Smetana die musikalische über die erzählerische Logik. Zwar sind auch bei ihm deskriptive Elemente wesentlich – denn was wäre Programmmusik ohne Programm? –, doch finden sich neben Schilderungen konkreter außermusikalischer Vorgänge viele allgemein gehaltene Beschwörungen mythischer Figuren, historischer Orte und böhmischer Landschaften.
Die Aufführung des vollständigen Zyklus Má vlast bildet (im Anschluss an die tschechische Nationalhymne Kde domov můj) traditionell jedes Jahr am 12. Mai, dem Todestag des Komponisten, die Eröffnung des musikalischen Prager Frühlings.
Entstehung und Wirkung mini|Ferdinand Engelmüller – „Moldau“ (Gemälde aus der Mappe „16 Ansichten tschechischer Landschaften 'Česka Krajiná'“, 1902[?])|alternativtext=
Zur Entstehungsgeschichte von Vltava gibt es nur spärliche Dokumente. Offensichtlich ist jedoch der zeitliche Zusammenhang von Vyšehrad und Vltava mit der am 12. November 1872 fertiggestellten Oper Libuše (Libūssa). Am 7. November 1872 veröffentlichte die Zeitschrift Hudební listy folgende Notiz: „Nach dem der Komponist Bedřich Smetana die große patriotische Oper Libuše vollständig beendet hat […], beabsichtigt er jetzt, die größeren Orchesterkompositionen Vyšehrad und Vltava in Angriff zu nehmen.“ In der Folgezeit konnte man in der Presse zwar noch von anderen Titeln lesen und anderen angeblichen Vorhaben Smetanas, sinfonische Dichtungen zu komponieren, doch hat sich der Komponist in Wirklichkeit mit keinem dieser ihm angedichteten Projekte beschäftigt, und so handelt es sich zweifelsohne um das Werkpaar Vyšehrad und Vltava, das den Beginn des geplanten Zyklus darstellte. Die stoffliche Verwandtschaft zwischen Vyšehrad (Name der Prager Burg über der Moldau), und der Oper Libuše, deren Handlung sich ebenfalls in Prag abspielt, ist dabei nicht zu übersehen. In beiden Fällen erscheint der Vyšehrad als ein Symbol mythischer Vorzeit. Eine ähnliche symbolische Bedeutung hatte auch die durch die Hauptstadt des böhmischen Königreiches fließende Moldau: Sie galt als mythischer Zeuge uralter Geschichten, als die sie seit der berühmten Handschriftenfälschung der Grünberger Handschrift zu Anfang des 19. Jahrhunderts immer wieder apostrophiert wurde. Im nationalen Bewusstsein des 19. Jahrhunderts verkörperte die Moldau aber nicht nur die böhmische Landschaft, sie stand ebenso für die Kontinuität der nationalen tschechischen Geschichte. Das kam auch in verschiedensten Werken der Bildenden Kunst zum Ausdruck, von denen sich Smetana möglicherweise schöpferisch anregen ließ, zumal sich der Komponist auch selbst zeichnerisch betätigte. Und in der Musik war die Moldau ebenfalls vertreten. Zu nennen wäre hier insbesondere die romantische Oper Svatojánské proudy [Die St. Johann-Stromschnellen] von Josef Richard Rozkošný, die in der Moldau-Gegend spielt und worin der Fluss personifiziert als Nixe Vltavka auftritt. Manche der Handlungsorte und Situationen dieser Oper sind in ähnlicher Weise wiederzufinden in Smetanas Vltava, der Rozkošnýs Oper kannte: Wald und Jagd, ländliche Hochzeit, die St. Johann-Stromschnellen, Mondnacht über dem Fluss, tanzende Nixen und das Schloss. Von einem direkten musikalisch kompositorischen Einfluss der Oper Rozkošnýs auf Smetanas Werk kann dabei allerdings keine Rede sein.
mini|Die Moldau wird in ihrem Lauf durch Prag von insgesamt 15 Brücken überspannt.|alternativtext=
Eine weitere Inspirationsquelle Smetanas bildeten seine persönlichen Naturerlebnisse und -eindrücke. Wie Beethoven nimmt er diese oft persönlich auf und nutzt sie als unmittelbare Anregung für seine Kompositionen. Den Erinnerungen des Dirigenten Mořic Anger zufolge ging ein erster Impuls zur Komposition der Vltava von einem Ausflug zum Zusammenfluss der Křemelná mit der Vydra bei Čeňkova pila am Hirschenstein aus, den Smetana am 28. August 1867 unternahm. Außerdem besuchte er in den Jahren 1868 und 1872 eine der Moldau-Quellen bei Kvilda im Böhmerwald sowie am 14. August 1870 die (heutzutage nicht mehr existierenden) St. Johann-Stromschnellen. Dazu vermerkte er in seinem Tagebuch:
Es ist nicht belegt, wann genau Smetana mit der Arbeit an der Vltava begann. Da lange Zeit keine Skizzen zu diesem Werk bekannt waren, folgerte man daraus irrtümlicherweise, Smetana habe die Partitur ohne vorherige Skizzierung niedergeschrieben. Im Jahre 1983 jedoch wurde in Smetanas Nachlass ein Notenblatt aufgefunden, das neben Skizzen zu Vyšehrad, Šárka und Aus Böhmens Hain und Flur auch fünf Entwürfe zur Vltava enthält. Schon der erste davon zeigt die polyphone Verknüpfung von zwei eigenständigen kompositorischen Schichten, nämlich der Schicht des Wellenmotivs und derjenigen des späteren Hauptthemas. Höchstwahrscheinlich umfasste Smetanas Skizzenarbeit zur Vltava sogar mehr als nur diese fünf Entwürfe. Für diese Annahme spricht die schnelle Vollendung der Komposition. Die Partitur entstand zwischen dem 19. November und dem 8. Dezember 1874, zu einer Zeit, als der Komponist bereits völlig ertaubt war. Noch vor dem Kompositionsabschluss des ganzen Zyklus ließ Smetana die bereits vollendeten sinfonischen Dichtungen einzeln aufführen: Vltava erklang zum ersten Mal in einem vom Orchester der Tschechischen Oper zu Ehren Smetanas veranstalteten Konzert am 4. April 1875 im Prager Sophiensaal unter der Leitung von Adolf Čech. Obwohl sie bei der Uraufführung nicht wiederholt wurde (wie es vorher bei Vyšehrad und später bei Aus Böhmens Hain und Flur der Fall gewesen war), begleitete sie von Anfang an ein außergewöhnlicher Erfolg: