Initia doctrinae physicae, deutsch Anfangsgründe der gelehrten Kenntnis der Naturlehre, ist der Titel einer Schrift, die Philipp Melanchthon 1549 (das letzte in der Schrift genannte Ereignis ist eine Position des Planeten Mars 1549 im Kapitel De tribus supremis Planetis (Über die 3 oberen Planeten, Sp. 271)) in humanistischem Latein verfasste. Er stellt unter dem im Werk genannten Titel (Sp. 369) die Naturphilosophie seiner Zeit für den naturwissenschaftlichen Unterricht an der Universität Wittenberg zusammen.Claudia Brosseder: Im Banne der Sterne, S. 166, Fußnote 4 Der Text ist in nicht durchnummerierte Kapitel angeordnet, bei einer Gliederung in drei Bücher. Zitiert wird daher nach Kapitelüberschriften und Spaltennummern in der unten angegebenen Textausgabe.
Vorstellungen, Grundhaltungen, Quellen In den einleitenden 6 Kapiteln des Werkes erläutert Melanchthon seine Vorstellungen und Grundhaltung und gibt auch einige Hinweise auf verwendete Quellen. Im Kapitel Quid est physica doctrina? (Was ist die gelehrte Naturlehre? Sp. 179 ff.) wird diese definiert als die Beschäftigung mit der Bewegung aller Körper in der Natur, ihrem Werden und Vergehen, den Gründen dafür, die Mischung der Elemente. Überblicksartig werden die Hauptgegenstände seiner Naturlehre (Gestirne, Medizin), die Ablehnung der antiken Lectores (in der Bedeutung Lesemeister, Lehrer) und die Sicherheit, die alles menschliche Wissen letztlich in Gott findet, dargestellt.
Auf die Hauptgegenstände dieser Naturlehre wird in den Kapiteln Quae doctrina usitate nuncupatur Physica? (Welcher gelehrte Gebrauch wird von der Naturlehre gemacht?, Sp. 182 ff.) und Quis est finis et Usus physices? (Was ist Zweck und Nutzen der Naturphilosophien, Sp. 18 9ff.) eingegangen. Der Himmel, die beständigen Gründe für die Bewegung von Sonne und Mond, den stellae errantes und dem Tierkreis stehen im Vordergrund. Aber auch die Materie unterhalb des Himmels, die sublunare Welt bis hin zum Menschen, ist nach Melanchthon unter dessen Einfluss.Claudia Brosseder: Im Banne der Sterne, S. 170 f. So führt er in dieser Schrift eine große Hitze auf das Zusammentreffen der „trockenen“ Planeten Saturn und Mars mit den „trockenen“ Tierkreiszeichen Löwe und Widder zurück (Sp. 182) und folgt damit dem antiken Naturforscher Claudius Ptolemäus.Claudius Ptolemäus: Tetrabiblos, Buch 2, Kap. 11. Dem antiken Naturphilosophen Thales von Milet schreibt er zu, den Einfluss eines Kometen auf die Attische Seuche untersucht zu haben (Sp. 185). Für die Medizin stellt Melanchthon besonders den praktischen Bezug her. Am Beispiel pleuritis (Seitenstechen, erwähnt bei Isidor von Sevilla: Etymologiae, 4,6,8 und Caelius Aurelianus: De morbis acutis et chronicis, 2,16,100) schildert er die Heilmittel des Arztes, wie Einschneiden der Vene zum Blutabfluss und Gabe von Pharmaka (Sp. 185). Aber auch Ruhe und Zurückhaltung von Schädigendem kann zur Heilung führen. Hier beruft sich der Autor auf Aulus Cornelius Celsus (Sp. 190).
Estne certitudo aliqua doctrinae physicae? (Gibt es Gewissheit in der gelehrten Naturlehre ?, Sp. 185 ff.) ist eine der Kapitelüberschriften. Melanchthon sieht als erste universale Kraft Gott und gibt damit der Naturlehre eine metaphysische, sichere Grundlage.Claudia Brosseder: Im Banne der Sterne, S. 179.Wilhelm Maurer: Melanchthon-Studien, S. 41. In diesem einleitenden Kapitel bringt er das mehrfach zum Ausdruck. … proposita est oculis, ut naturae opificem Deum queramus (… klar ist, dass wir als Schöpfer der Natur Gott suchen, Sp. 188). Aber auch die Schriften der Antike geben dem Forschenden Sicherheit. Aristoteles habe in seinen naturphilosophischen Werken zwei Wege der Sicherheit gezeigt: von den Ursachen (causae) zu den Wirkungen (effectus) und von den Wirkungen zu den Ursachen (Sp. 193 f.). Während andere antike philosophische Ausrichtungen auf das Schärfste abgelehnt (furores, deliramenta) werden, insbesondere Demokrit von Abdera, Epikureer und die Stoiker, wird Aristoteles an vielen Stellen als Quelle angegeben, u. a. sein Werk De generatione et corruptione (Sp. 184). Der ganze Text kann als Darstellung von und Auseinandersetzung mit der Naturphilosophie des Aristoteles ausgefaßt werden; Melanchthon selbst bezeichnet es häufig als haec aristotelica initia.Peter Petersen: Geschichte der aristotelischen Philosophie im protestantischen Deutschland, S. 54.
Inhaltsverzeichnis Auf die Einleitung folgt eine Aufstellung von 70 Kapitelüberschriften für den folgenden Text. Auf drei theologische Themen (De Deo, De providentia = Vorsehung, Fürsorge, De contingentia) folgen 7 Kapitelüberschriften aus dem Gebiet der Astronomie. Allerdings verbergen sich hinter De stellis, et earum motibus et viribus (Von den Sternen und ihren Bewegungen und Kräften, Sp. 229 ff.) 63 Spalten mit umfangreichen Darstellungen der Bewegung von Sonne, Mond und Planeten, die einen beträchtlichen Teil des ersten Buches einnehmen. Aber das im Text enthaltene Kapitel Quis est motus mundi? (Was ist die Bewegung der Welt?, Sp. 216) taucht unter den Überschriften nicht auf. Hier argumentiert Melanchthon aufs Schärfste gegen die Meinung, die Erde bewege sich und nicht die Sonne, also gegen ein heliozentrisches Weltbild. Zwar nennt er den antiken Vertreter dieser Lehre Aristarch von Samos, nicht aber seine eigenen Zeitgenossen, die ihr aus aliquid amore novitatis (Neuerungssucht) anhängen würden.
Die folgenden Kapitelüberschriften beschäftigen sich hauptsächlich mit der Physica des Aristoteles unter Heranziehung weiterer Werke.Peter Petersen: Geschichte der aristotelischen Philosophie im protestantischen Deutschland, S. 75 f. Dabei ist die Reihenfolge nicht immer übereinstimmend mit dem folgenden Werk. Es werden auch unterschiedliche naturwissenschaftliche Einzelthemen angegeben (über Winde, über die Iris, über die menschlichen Körperteile). Für einige gibt es keinen Text. Möglicherweise sind Schriften verloren gegangen.
Die Astronomie des Philipp Melanchthon Kosmologie Melanchthon stellt das von antiken Naturphilosophen entwickelte und weitverbreitete geozentrische Weltbild dar:Isidor von Sevilla: Etymologiae, Lib. III, XXIX–XXXIII.Claudius Ptolemäus: Almagest, Buch I, Kap.3–7, Die Erde nimmt die Mitte des Himmelsgewölbes ein. eine kugelförmige Erde (Kapitel Quae est figura mundi? (Welche Gestalt hat die Welt?, Sp. 215)) unbewegt im Mittelpunkt der acht himmlischen Sphären (Kapitel Quis est motu mundi? (Was ist die Bewegung der Welt?, Sp. 216)). Bei dem Problem der Dauer der Welt folgt er aber nicht den antiken Quellen. Aristoteles habe die Welt ohne Anfang und Ende gesehen, für ihn aber gelte (Kapitel An sit aeternus mundus, an vero ceperit, et an sit corruptibilis (Ob die Welt ewig sei, ob sie wirklich begonnen habe, und ob sie untergehen werde, Sp. 221 f.)): Adsentiamus autem doctrinae a Deo traditae, quae ait hunc Mundum conditum esse … et sine fine mansurum esse domicilium anglorum et hominum (Wir stimmen aber der von Gott überlieferten Lehre zu, dass diese Welt gegründet sei … und ohne Ende eine Wohnstatt der Engel und Menschen).
In der Kosmologie des Mittelalters wurde der Gedanke einer neunten (primum mobile, Kristallhimmel) und zehnten (ultimum mobile, Empyreum) himmlischen Sphäre entwickelt und mit christlichen Vorstellungen verbunden, u. a. von dem englischen Astronom Johannes de Sacrobosco.Dagmar Gottschall: Expertenwissen und Laienwissen auf dem Gebiet der astrologischen Prognostik bei Konrad von Megenberg und Cecco d’Ascoli in Konrad von Megenberg (1309–1374): Ein spätmittelalterlicher „Enzyklopädist“ im europäischen Kontext, Wiesbaden 2011. Melanchthon folgt dem Gedanken weiterer Sphären, hat aber eine andere Sichtweise auf die neunte Sphäre. Vermutlich von Claudius Ptolemäus übernahm er die Erkenntnis, die antike Naturforscher durch sorgfältige Beobachtung der Sterne und Vergleich der Daten über die Jahrhunderte gewonnen hatten: die Objekte der achten Sphäre, die Fixsterne sind zwar in festem örtlichen Verhältnis zueinander, die Sphäre selbst aber bewegt sich.Claudius Ptolemäus: Almagest, Buch I, Kap.8, Es gibt zwei verschiedene erste Bewegungen am Himmel Melanchthon belegt dies u. a. mit der Wanderung der Plejaden im Verhältnis zum Tierkreiszeichen Stier und der sich ändernden Werte der Differenz zwischen der Mittagshöhe der Sonne bei Sommersonnenwende und Tagundnachtgleiche (Kapitel Quot sunt sphaerae coelestes (Wie viele himmlische Sphären gibt es, Sp. 225 ff.)). Die neunte Sphäre soll diese Bewegung hervorrufen. Er nennt diese Phänomene, die auf der Präzession der Erdachse beruhen und die für ihn nicht erklärbar sind, trepidatio (unruhige Hast, Durcheinanderlaufen) oder praecisio (praecesio = Vorangehen).Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch.
Über die Sonne In den Sp. 230–242 sammelt Melanchthon das zu vermittelnde Wissen über die Sonne, die er in den Anfangszeilen als wärmende Kraft und Förderung des Wachsens alles Lebendigen preist. Gemäß seinem geozentrischen Weltbild hat sie zwei Bewegungen (Sp. 230): ihre tägliche Wanderung um die Erde und ihre jährliche im Tierkreis. Die erste Bewegung wird von Melanchthon nur kurz behandelt. Sie führt zum Wechsel von Tag und Nacht, wobei die Tagesdauer in unseren Breitengraden (in nostro climate) von 7 Stunden / 30 Minuten zur Wintersonnenwende bis auf 16 Stunden / 30 Minuten zur Sommersonnenwende anwächst (Sp. 236). Der Grund dafür liegt in der zweiten Bewegung, der jährlichen Wanderung der Sonne im Tierkreis und damit vom Frühlingspunkt über die Punkte Sommersonnenwende, Herbsttagundnachtgleiche und Wintersonnenwende. Melanchthon dokumentiert die in der Antike mehrfach überlieferte Beobachtung (z. B. Claudius Ptolemäus,Claudius Ptolemäus: Almagest, Buch 3, Kap. 4, Die scheinbare Anomalie der Sonne. Martianus CapellaMartianus Capella: De nuptiis Philologiae et Mercurii, Buch 8, 846.), dass das Winterhalbjahr mehrere Tage kürzer ist als das Sommerhalbjahr (Sp. 232). Als Grund nennt er die exzentrische Bahn der Sonne um die Erde (Sp. 233, 240), deren Apogäum im Punkt der Sommersonnenwende liege. Für dessen Berechnung (6 gradus, 24 minuta Cancri) zitiert er Nikolaus Kopernikus.
Melanchthon stellt aber auch eine historisierende Übersicht der Einteilung des Jahres zusammen, von den Ägyptern bis zur Kalenderreform des Gaius Iulius Caesar. Eingehend beschäftigt er sich mit der alttestamentlichen Geschichte der Arche Noah. Anhand der zahlreichen Datums- und ZeitspannenangabenAltes Testament, 1. Buch Mose, 6.9–8.14. darin stellt er den Übergang vom Mondjahr (aus 12 Mondmonaten) zum Sonnenjahr dar. Die Sintflut dauert ein volles Sonnenjahr. Daher müssen, nachdem das Datum des Flutbeginns im Folgemondjahr erreicht ist, noch 10 Epaktentage bis zum Ende der Flut zugegeben werden.
Einige Zeilen später folgt die Beschreibung der Trigone, ein der Astrologie zuzurechnendes Beziehungsgeflecht im Rahmen des von der Sonne durchzogenen Zodiaks. Melanchthon findet diese Themen in dem astrologischen Werk des Claudius Ptolemäus, Tetrabiblos, das er Jahre zuvor in die lateinische Sprache übersetzt hatte.Philipp Melanchthon: Phil. Mel. interpretatio operis Quadripartiti Claudii Ptolemaei de praedictionibus astronomicis, Lib. I, De trigonis.
Über Mond und Finsternisse Im Kapitel De Luna (Über den Mond, Sp. 242 ff.) sammelt Melanchthon die Eigenschaften des Mondes, die im Zusammenwirken von Erde, Sonne und Mond zu Sonnen- und Mondfinsternis führen. Der Mond ist kugelförmig, undurchsichtig, leuchtet nicht selbst, sondern erhält sein Licht von der Sonne und umkreist die Erde.