Der schöne Sommer. Drei Romane ist der Titel einer Romantrilogie des italienischen Autors Cesare Pavese. Die 1949 beim Verlag Einaudi in Turin publizierte Sammlung La bella estate. Tre romanzi enthält drei selbständige Romane: La bella estate (1940 entstanden), Il diavolo sulle colline (1948) und Tra donne sole (1949) und wurde 1950 mit dem Premio Strega ausgezeichnet. In den ersten beiden Romanen thematisiert der Autor die Orientierungssuche junger Menschen. In dieser Phase der Unzufriedenheit schwanken sie unsicher zwischen traditionellen Rollenmustern und individuellen antibürgerlichen Versuchen. Der dritte Roman behandelt die soziale Heimatlosigkeit einer aus der Arbeiterschaft aufgestiegenen und durch ihren Beruf sich im Großbürgertum bewegenden emanzipierten Frau.
Überblick Die Handlungen der in viele kleine Kapitel unterteilten Romane spielen in Turin und im Umland in verschiedenen Gesellschaftsschichten: Künstler-Bohèmeszene, Weinbauern im Hügelland, großbürgerliche Lebensformen in der Stadt mit „Dolce far niente“-Exzessen der Reichen. Hauptfiguren des „schönen Sommers“ und des „Teufels auf den Hügeln“ sind das Mädchen Ginia und die Studenten Oreste, Pieretto und der Erzähler. Alle stehen im Zwischenstadium zwischen Jugend und Erwachsensein. In den „einsamen Frauen“ dagegen hat sich die Protagonistin Clelia als Modedesignerin etabliert. Die drei Romane haben unterschiedliche personelle, gesellschaftliche Schwerpunkte mit Überschneidungsbereichen, z. B. die junge Künstlerszene, die ruhelose, hektische Party-Betriebsamkeit mit oberflächlichen Plaudereien, den Gegensatz zwischen Genuss- und Arbeitsorientierung der Menschen und die Frage nach dem Lebenssinn.
Inhalt Der schöne Sommer Paveses Roman handelt von der Orientierungssuche junger Mädchen: „Die Mädchen brauchten nur aus dem Haus zu treten und über die Straße zu gehen, da gerieten sie geradezu in einen Rausch; alles war, besonders nachts, so schön, daß sie, wenn sie todmüde heimkamen, noch immer hofften, daß etwas passierte […] daß es womöglich mit einemmal Tag wäre und […] man immerzu gehen und gehen könnte, bis zu den Wiesen, bis hinter die Hügel.“Cesare Pavese: Die Turiner Romane. Claassen, Düsseldorf 1984, S. 7.
Hauptfigur ist die sechzehn- bis siebzehnjährige Ginia. Sie lebt in dieser Sommer-Wintergeschichte in einem labilen Zustand. Sie wohnt, da ihre Eltern nicht mehr leben, zusammen mit ihrem Bruder Severino und versorgt den Haushalt. Ginia arbeitet in einem Schneideratelier, Severino ist bei den Stadtwerken für die Straßenbeleuchtung zuständig. Nach der Arbeit trifft sie sich mit ihren Freundinnen, die meisten sind Fabrikarbeiterinnen, in Tanzlokalen, im Kino, bei Spaziergängen durch die Stadt oder zum „Hügel“, beim Sonnenbaden am Wasser. Alles spielt sich in einer heiteren unbeschwerten sommerlichen Atmosphäre ab. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen hat sie noch keine sexuellen Erfahrungen und keinen festen Freund. Alle ihre Beziehungen sind unverbindlich und kurzzeitig. Während Rosa schon mehrmals ihre Liebhaber gewechselt hat, ist Ginia trotz ihrer Neugierde und ihrem Wunsch nach einem Mann zurückhaltend und ängstlich. Sie sucht nach einem anderen Leben, hat aber nur ungefähre Vorstellungen und Sehnsüchte. So träumt sie vom nächsten Sommer, wenn sie etwas älter ist.
Eine neue Situation tritt ein durch die Bekanntschaft mit der reiferen neunzehn- bis zwanzigjährigen Amelia. Sie verdient ihr Geld, indem sie Malern nackt Modell steht und sich offenbar auch prostituiert. Sie führt Ginia in das lockere Studenten-Bohème-Leben der Künstler ein. Diese anti-bürgerliche Welt hat ihren Reiz für Ginia: die chaotischen unaufgeräumten und schmutzigen Wohnungen. Das unregelmäßige Leben. Die undurchschaubaren Beziehungen der Modelle zu den Malern. Die Scham und die Lust, den Körper einem Beobachter zu zeigen und abbilden zu lassen und die Neugier auf das Ergebnis. Sie schaut dabei zu, wie sich die Freundin von dem Maler Barbetta zeichnen lässt und lernt durch Amelia zwei junge Maler kennen: Guido und Rodrigues. Sie verliebt sich in Guido und hat mit ihm ihre erste sexuelle Beziehung. Doch er ist nur an seiner Malerei interessiert, kein Mädchen sei so schön wie ein Hügel. Er hat Besuch von seinen Modellen, u. a. Amelia, und will keine festen Bindungen. Er behandelt Ginia freundlich und begehrt sie sexuell, wenn sie ihn in seinem Atelier besucht, aber er bemüht sich nicht um sie und spricht in seinem ungeheizten Zimmer herablassend männlich chauvinistisch von den Modellen: „Ihr Mädchen leidet nicht unter der Kälte […] Ihr seid geschaffen, nackt zu sein.“Cesare Pavese: Die Turiner Romane. Claassen, Düsseldorf 1984, S. 77. Inzwischen ist es Winter geworden. Im Atelier ist es kalt, der Atmosphäre entsprechend, und die Stimmung zwischen den vier Hauptfiguren angespannt. Ginia rätselt über deren Beziehungen und ist auf Amelia eifersüchtig, obwohl sie inzwischen erfahren hat, dass diese durch eine lesbische Beziehung an Syphilis erkrankt ist. Da entschließt sie sich, ihre Hemmungen zu überwinden und sich von Guido nackt malen zu lassen. Plötzlich taucht Rodrigues auf und sieht sie. Alle lachen und versuchen sie zu trösten, doch sie bricht die Sitzung ab und läuft weinend aus dem Zimmer und durch die einsamen verschneiten Straßen davon. Guido kommentiert ihre Flucht mit „sie ist ein dummes Ding“.Cesare Pavese: Die Turiner Romane. Claassen, Düsseldorf 1984, S. 86. Ginia fühlt sich unglücklich und denkt kurz an Selbstmord. Sie gibt sich selbst die Schuld an der Situation, beklagt ihre Unreife und geht nicht mehr zu den Malern. Von Guido kommt keine Nachricht. Ginia konzentriert sich wieder mehr auf ihre Arbeit bei Signora Bice und denkt an den nächsten Sommer. Sie hat in diesem Winter ihre Unschuld verloren und vermeidet in symbolischer Bedeutung den Blick auf die mit Schnee bedeckten Dächer. Sie beginnt zu rauchen und ihre weitere Entwicklung ist offen. Das wird deutlich, als sie eines Abends von Amelia besucht wird. Durch sie erfährt Ginia, dass Rodrigues von ihr beeindruckt sei, aber wissen wollte, ob sie auch Amelia gefalle, und dass Guido auf ihn eifersüchtig ist. Ginia will sich der Führung Amelias überlassen, die im Frühjahr von ihrer Krankheit geheilt sein wird.
Der Teufel auf den Hügeln mini|Hügel von Montferrat Im zweiten Roman der Trilogie verlagert der Autor die Handlung in das die Stadt umgebende östliche bäuerliche Hügelland. Die Hauptfiguren, drei ca. zwanzigjährige Jura- bzw. Medizin-Studenten aus bürgerlichen Familien, sind ebenso wie die Protagonistin des „schönen Sommers“ auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und nach einer Perspektive. Der Ich-Erzähler und seine beiden Freunde Pieretto und Oreste sind Nachtbummler. Sie lassen sich durch die Kneipen, die Kinos, die Straßen der Stadt treiben. Sie wandern, wenn sie ihr Geld ausgegeben haben, auf die Hügellandschaft, um dort „den Anbruch des Morgens abzuwarten“, oder sie treffen sich zum Baden am Fluss oder am Meer: „Wir waren noch sehr jung. In jenem Jahr habe ich wohl kaum geschlafen“.Cesare Pavese: Die Turiner Romane. Claassen, Düsseldorf 1984, S. 93. Dabei führen sie Gespräche über die Welt, die Natur, das Leben und den Tod, aber weniger über ganz persönliche Fragen der Liebe und der Beziehung zu Frauen. Pieretto ist in dem Trio der kritische Beobachter und skeptische Analyst der bürgerlichen Konventionen und ihrer Widersprüche, Oreste der pragmatische Bauernsohn und zukünftige Landarzt. Der Erzähler ist auch in der Gruppe im Grunde ein Einzelgänger, der das Naturerlebnis am Fluss, in den kultivierten Weinbergen und wilden Gipfelregionen der Hügel sucht, wo er sich wie auf einer Insel fühlt, weit entfernt von den Menschen, mit Überblick über den weiten Horizont. Mit Oreste verbindet ihn die Kindheit auf dem Land, mit Pieretto die Diskurse über das Leben und die Neugier auf die Dekadence des Großgrundbesitzersohns Poli und seiner reichen Mailänder Freunde, die ihre Langeweile mit ausschweifenden Partys betäuben.
Die Handlung spielt in den Sommermonaten vor den Examensprüfungen der Studenten im Herbst und beginnt mit einem nächtlichen Ausflug in die hügelige Umgebung der Stadt. Sie suchen die höchste Stelle des Hanges, um „einen auf die Welt der weiten Ebenen hinausgehenden Balkon“ zu finden und das Lichtermeer Turins zu sehen. Hier begegnen sie Poli, den Oreste aus seiner Kindheit kennt. Orestes mutwilligen Schrei in der Nacht fasst er als Erweckungsruf für ein neues Leben auf: „Jener Schrei hat mich mir selbst gezeigt. Ich mache mir keine Illusionen. […] [M]an fühlt sich frei und verantwortlich. Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit.“.Cesare Pavese: Die Turiner Romane. Claassen, Düsseldorf 1984, S. 111, 112. Wie im Laufe des Romans deutlich wird, ist er der Sohn einer reichen Mailänder Familie, der in seiner Kindheit von der Familie vernachlässigt, wohlstandsverwahrlost in der Villa des Weinguts auf dem Greppo aufgewachsen ist, nie ein solides Leben geführt hat und kokainsüchtig ist. Zurzeit lebt er von seiner Frau getrennt in einer spannungsreichen Beziehung mit seiner Geliebten Rosalba. Als er wie die Freunde vom Hügel auf die Stadt schaut, fühlt er sich wie Gott. Pieretto interessiert an Poli dessen „Bedürfnis nach Erfahrung, nach Gefahr, und die Grenzen setzende Umgebung, in der man lebt,“Cesare Pavese: Die Turiner Romane. Claassen, Düsseldorf 1984, S. 107. und bewegt die Freunde zu einem Besuch bei ihm. Dieser lädt sie zusammen mit Signora Rosalba in seinen grünen Wagen ein und fährt kreuz und quer durch die Landschaft zu einem mondänen Restaurant mit Kapelle, Sängerin und Tanz, wo sie bis zum frühen Morgen bleiben. Am nächsten Tag erfährt der Erzähler, dass Rosalba im Hotel auf Poli geschossen und ihn lebensgefährlich verletzt hat, weil er sich von ihr trennen wollte. Poli überlebt, Rosalba begeht später Selbstmord.