mini|Emblem des Deutschen Volksverbandes in Polen (mit Runenschrift ab Mai 1938)Die Runenschrift im Emblem des DVV wurde erst ab Ende Mai 1939 verwendet, vgl. Verbandszeitschriften des DVV.
Der Deutsche Volksverband in Polen (DVV) war von 1924 bis 1939 ein Verband der deutschen Minderheit in Polen mit Sitz in Lodz. Die Vereinigung ging aus dem von 1916 bis 1919 bestehenden Deutschen Verein für Lodz und Umgebung sowie dem nachfolgend gegründeten Bund der Deutschen Polens (1921–1924) hervor. Anders als der Name es impliziert, ist der Deutsche Volksverband in Polen keine Gesamtorganisation der in Polen lebenden Deutschen gewesen. Seine Aktivitäten beschränkten sich auf Mittelpolen beziehungsweise bis zum Jahr 1934 nahezu ausschließlich auf den Raum Lodz.
Politisch wird der Verband überwiegend als Sammelbecken der bürgerlichen Mitte dem konservativen Spektrum zugeordnet, der wie alle deutschen Minderheitenorganisationen ab dem Jahr 1933 ins Fahrwasser der nationalsozialistischen Volkstumspolitik geriet. In der polnischen Historiografie ist der Verband teilweise als rechtsextreme politische Partei mit Verbindung zur Volksdeutschen Mittelstelle dargestellt, die ab Mai 1938 die Schaffung eines einheitlichen Bundes der Deutschen in Polen anstrebte. Eine derartige Gründung und organisatorische Gleichschaltung kam jedoch aufgrund der zerstrittenen deutschen Minderheit nie zustande und ist nicht mit der Konstitution des Deutschen Volksverbands in Polen zu verwechseln.
Daneben existierte in Zwischenkriegspolen eine Vielzahl ethnischer Minderheitsorganisationen, welche die Interessen der deutschen Volksgruppe regional und unabhängig voneinander vertraten. Zu den mitgliederstärksten Verbänden und Parteien zählten neben dem Deutschen Volksverband unter anderem der Deutsche Volksbund (Schlesien), die Deutsche Vereinigung (Westpolen), die Deutsche Partei-Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen, die Deutsche Partei (Polen) oder die Jungdeutsche Partei in Polen.
Hintergrund mini|Polen in den Grenzen von 1920 bis 1939 mini|Polnisches Propagandaplakat aus dem Jahr 1931 über die erfolgreiche „Entgermanisierung“ (Zahlen zeigen in den Städten den prozentualen Anteil der deutschen Minderheit gegenüber dem Jahr 1910)
Als Ergebnis des Ersten Weltkriegs fand sich ein Großteil der Bevölkerung Europas, ohne den Heimatort verlassen zu haben, in einem anderen Land wieder. Für etwa 80 Millionen Menschen änderten die neuen Grenzziehungen die Staatsbürgerschaft. Es entstanden eine Reihe neuer Staaten, die mit aller Macht ihren nationalen Charakter durchzusetzen versuchten, dabei aber oft nur über eine sehr schwache nationale und sprachliche Homogenität verfügten.Monika Kucner: Deutsche Presselandschaft in der Zwischenkriegszeit in Lodz. Folia Germanica 5. Acta Universitatis Lodziensis, 2009, S. 287.
So war auch die am 11. November 1918 begründete Zweite Polnische Republik mit einem Bevölkerungsanteil von 45 % „Nichtpolen“ kein Nationalstaat, sondern ein von der polnischen Nation dominierter Vielvölkerstaat. Trotz der Unterzeichnung eines Minderheitenschutzvertrags zwischen den Alliierten und Assoziierten Hauptmächten und Polen schränkte die polnische Regierung die Rechte der vielen Minderheiten, vor allem der Ukrainer, Juden und Deutschen, massiv ein. Offen formulierte Ministerpräsident Władysław Sikorski im Jahr 1923 das Ziel der „Entgermanisierung“ in Polen.Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Walter de Gruyter, 2013, S. 338 f.
Sogenannte Polonisierungskampagnen setzten auf die Verdrängung der ethnischen Minderheiten aus der Wirtschaft bei gleichzeitiger Hervorhebung der Werte polnischer Arbeit in Industrie, Handel und Wirtschaft. Die Folgen bestanden in der Diskriminierung von „Nichtpolen“ und in partieller Zwangsmigration. Da die polnische Regierung glaubte, die westlichen Gebiete nur durch Polonisierung langfristig sichern zu können, und umgekehrt keine deutsche Regierung der Weimarer Republik die neue Ostgrenze anerkannte, waren deutsch-polnische Spannungen vorprogrammiert.Christian Jansen, Arno Weckbecker: Der „Volksdeutsche Selbstschutz“ in Polen 1939/1940. Walter de Gruyter, 2010, S. 24. In der Folge überhöhte die deutsche wie die polnische Propaganda die Bedeutung und Rolle der Polendeutschen ins Gigantische.Oskar Kossmann: Die Deutschen in Polen seit der Reformation. Marburg 1978, S. 344.
Die schwierige politische Lage der deutschen Minderheit in Zwischenkriegspolen verursachte, bedingt durch den Verlust der früheren Vormachtstellung und die Angst vor der feindlichen Minderheitenpolitik der polnischen Regierung, einen Massenexodus der deutschen Bevölkerung nach Deutschland, bei dem allein schon bis zur Mitte der 1920er Jahre etwa eine Million Deutsche die Westgebiete Polens verließen.Monika Kucner: Deutsche Presselandschaft in der Zwischenkriegszeit in Lodz. Folia Germanica 5. Acta Universitatis Lodziensis, 2009, S. 287–288. Um diesen Strom der aus Polen fliehenden deutschen Bevölkerung zu stoppen, verfolgte die deutsche Politik bereits unter Gustav Stresemann das Ziel, die deutschen Minderheiten vom Verbleib in Polen zu überzeugen, aber auch um sie als Hebel für künftige Grenzrevisionen benutzen zu können.Mark Mazower: Hitlers Imperium: Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. C.H. Beck, 2009, S. 52.
Vor diesem Hintergrund entstanden Anfang der 1920er Jahre in Polen auf Initiative des deutschen Auswärtigen Amtes eine Reihe deutscher Organisationen und Unternehmen, darunter Verbände, Vereine, Genossenschaftsbanken, Druckereien und Verlage, welche die verbliebene deutsche Bevölkerung unterstützten. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die deutsche Minderheit in Polen aufgrund konfessioneller, politischer sowie historisch bedingter Differenzen und Kontroversen bis zum Ende der 1930er Jahre gespalten war. Bis zum deutschen Überfall auf Polen existierte eine Vielzahl von deutschen Minderheitsorganisationen, die insbesondere in der Weimarer Zeit je nach politischer Richtung der jeweiligen Reichsregierung unterschiedliche oder auch gar keine Subventionen erhielten.Michael G. Müller, Kai Struve: Fragmentierte Republik? Das politische Erbe der Teilungszeit in Polen 1918–1939. Wallstein Verlag, 2017, S. 385 f.
So waren beispielsweise die ehemaligen preußischen Provinzen Posen und Pommerellen überwiegend evangelisch geprägt und vor dem Ersten Weltkrieg Hochburgen der Deutschkonservativen Partei, deren Mitglieder nach 1918 der Deutschnationalen Volkspartei nahestanden. Dagegen dominierte in Oberschlesien vor und nach dem Ersten Weltkrieg die katholische Zentrumspartei. In Mittelpolen, dem ehemaligen Kongresspolen, spielte die Deutsche Sozialistische Arbeitspartei Polens eine große Rolle, die Unterstützung von der SPD und der Sozialistischen Internationale erhielt. Währenddessen verhielt sich die deutsche Minderheit in Wolhynien sowie in Galizien apolitisch und gründete eher kulturelle oder wirtschaftliche Organisationen.Albert S. Kotowski: Polens Politik gegenüber seiner deutschen Minderheit 1919–1939. Otto Harrassowitz Verlag, 1998, S. 16–17.
Als führende Interessenvertretung der deutschen Minderheit in Polen bildeten sich Mitte der 1920er Jahre drei Verbände heraus: der Deutsche Volksbund für Polnisch-Schlesien (VB), die Deutsche Vereinigung für Posen und Pommerellen (DV) und der Deutsche Volksverband in Polen (DVV) mit Sitz in Lodz. Einen Zusammenschluss konnte die polnische Regierung bis September 1939 gezielt und erfolgreich verhindern. Abgesehen von einer Ausnahme, wurden alle deutschen Organisationen vom polnischen Staat nur geduldet, aber nie als gleichberechtigte Verhandlungspartner akzeptiert. Lediglich der Deutsche Volksbund für Polnisch-Schlesien besaß bei den polnischen Behörden den Status einer offiziell anerkannten Vertretung der deutschen Minderheit, geschützt durch das Genfer Abkommen über Oberschlesien.Ingo Eser: Volk, Staat, Gott! Die deutsche Minderheit in Polen und ihr Schulwesen 1918–1939. Otto Harrassowitz Verlag, 2010, S. 186.
Speziell der mittelpolnische DVV entwickelte im Gegensatz zum oberschlesischen, aber auch zum westpolnischen Verband nie einen komplexen Verwaltungsapparat. Einerseits hatten die polnischen Behörden explizit dem DVV eine Selbstverwaltung untersagt. Andererseits wurde der Deutsche Volksverband in Mittelpolen nicht in der gleichen Weise vom Auswärtigen Amt gefördert wie die deutsche Minderheit in Gebieten, die ehemals zum Deutschen Reich gehörten. Das heißt, anders als von einigen polnischen Historikern dargestellt, erhielt der DVV anfangs gar keine und sehr viel später nur teilweise finanzielle und politische Hilfestellungen vom Auswärtigen Amt.Ingo Eser: Volk, Staat, Gott! Die deutsche Minderheit in Polen und ihr Schulwesen 1918–1939. Otto Harrassowitz Verlag, 2010, S. 187.Werner Hasselblatt: Nation und Staat. Band 14. Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung, 1940, S. 169.
Obwohl zweifellos viele „Volksdeutsche“ ab Mitte der 1930er Jahre mit dem NS-Regime in Deutschland sympathisierten, wird in der Geschichtsforschung bezweifelt, dass sie die Ziele und Programmatik der rassistischen „Lebensraum-im-Osten-Politik“ tatsächlich kannten. Vielmehr sei die deutsche Volksgruppe in Polen als unterdrückte ethnische Minderheit ein leichtes Opfer der völkischen Propaganda gewesen, die ihre nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Privilegien zurückgewinnen und wieder in gesicherten Verhältnissen leben wollte.Christian Jansen, Arno Weckbecker: Der „Volksdeutsche Selbstschutz“ in Polen 1939/1940. Walter de Gruyter, 2010, S. 23. Des Weiteren müsse bei jeder Beurteilung über diese Zeit berücksichtigt werden, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Zweiten Polnischen Republik ein autoritäres nationalistisches Regime herrschte. Laut dem deutschen Historiker Wolfgang Benz sind in dieser Zeit „faschistische Elemente der polnischen Diktatur“ unverkennbar.Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus. Faschismus. Band 3. Begriffe, Theorien, Ideologien. Walter de Gruyter, Berlin 2010, S. 86.
Entstehung Die Geschichte der Deutschen im Raum Łódź beginnt Ende des 18. Jahrhunderts. Polnischen Historikern zufolge war in Lodz insbesondere für die Zeit zwischen 1900 und 1918 charakteristisch, dass es keine Konflikte zwischen Polen und Deutschen gab.Barbara Ratecka: Zur Lage der deutschen Minderheit in Lodz vor dem Ersten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung der Frauen. Folia Germanica 3. Acta Universitatis Lodziensis, 2002, S. 181. Seitens der in Mittelpolen lebenden Deutschen bestand vor dem Ersten Weltkrieg keine politische Partei oder Organisation. Erst im Jahr 1916 gründete der Kaufmann und Generalvertreter der BASF in Russisch-Polen Adolf Eichler einen Deutschen Verein für Lodz und Umgebung. Der Verein hatte das Ziel, die Schul- und Allgemeinbildung zu fördern, und fand bei der deutschen Bevölkerung in Lodz und Umgebung zunehmend Zuspruch. Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa, abgerufen am 17. März 2020.