Der römische Töpferei- und Ziegelbetrieb Prittriching war eine kleine antike Produktionsstätte im Süden der raetischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum (Augsburg). Sie lag knapp 20 Kilometer Luftlinie vom Zentrum der römischen Kapitale entfernt am Ostrand der einstigen Lechauenlandschaft und rund 320 Meter östlich der katholischen Filialkirche Unserer Lieben Frau, die das historische Zentrum der oberbayerischen Gemeinde Prittriching bildet.
Lage Die kaiserzeitliche Produktionsstätte befand sich rund 540 Metern über NHN auf einer schmalen, leicht nach Westen abfallenden Terrasse an einem Hangfuß. Unmittelbar östlich erhebt sich eine rund zehn Meter steil ansteigende Geländekante, die auf einem siedlungsgeschichtlich hoch sensiblen Plateau mündet. Dort sind Hinterlassenschaften der Bronzezeit sowie ein Reihengräberfeld des frühen Mittelalters bekannt.Peter Priadka: Ein römischer Töpferei- und Ziegeleibetrieb in Prittriching, Landkreis Landsberg am Lech, Oberbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2016, (2017), S. 75–77; hier: S. 75. Nur wenige Meter nördlich des Fundplatzes verläuft die Leitenbergstraße von Westen kommende durch einen alten Hohlweg auf das Plateau. Knapp vier Kilometer östlich kreuzen sich zwei bedeutende, nach Augsburg führende römische Straßentrassen. Die erste erschloss die Orte östlich des Lechs, führte weiter über Partanum (Partenkirchen) zum Brenner und nach Italien. Die zweite verband Augsburg mit Iuvavum (Salzburg). Der heute durch Wasserbaumaßnahmen gebändigte Lech führt rund 2,50 Kilometer westlich an der Fundstelle vorbei. Sein von Süden nach Norden verlaufendes Bett befindet sich in den rißzeitlichen Moränenablagerungen der Landsberger Platten, die von der Geländekante an der Leitenbergstraße begrenzt werden. Unmittelbar westlich der kleinen Terrasse mit den antiken Werkstätten fiel das Gelände in römischer Zeit noch um rund 20 bis 30 Grad ab, was sich nach Freilegung der weit verstreuten Ziegelreste verdeutlichte. Die Geoarchäologin Britta Kopecky-Hermanns konnte im Anschluss an diesen Bereich ein für die Antike sehr feuchtes Milieu konkretisieren, das den äußersten fluviatil erodierenden Ausläufern der einstigen Auenlandschaft des Lechs zuzuordnen ist. Lehmige und kiesige Bereiche wechselten mit kleinen Rinnen ab. Kopecky-Hermanns konnte aufgrund fehlender Anhaltspunkte zwar keine relativchronologische Abfolge der Sedimente vornehmen, doch zeichnete sich nun deutlich ab, dass in dem großen Bereich westlich der Fundstelle mit keinerlei Befunden mehr zu rechnen war. Breit geführte Suchschnitte bestätigten diese Annahme.
Forschungsgeschichte Das ursprünglich gerade noch in den bodendenkmalpflegerischen bronzezeitlichen Siedlungskontext gehörende Areal vor dem Hangfuß sollte auf vorsorglichen Beschluss des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege hin nach dem Bekanntwerden der dort geplanten Erschließungsmaßnahmen einer archäologischen Prospektion unterzogen werden. Erwartet wurden eventuelle zeitlich passende Befunde, wie sie oberhalb der Geländekante kartiert waren. In diesem Zusammenhang konnte Peter Priadka, dem als wissenschaftlich-technische Assistenz sowie als stellvertretende Grabungsleitung der Augsburger Archäologe Lutz Kunstmann und aushilfsweise die Archäologin Marina Auer zur Seite standen,Walter Herzog: Die Funde gehen zurück bis in die Spätantike. In: Augsburger Allgemeine vom 4. November 2016. den an der Leitenbergstraße entdeckten Fundort vom 16. August bis zum 21. Dezember 2016 untersuchen.Archbau Projekte (Wayback) Neben der unmittelbaren Unterstützung durch das Landesdenkmalamt war auch die Gemeinde Prittriching intensiv in die Forschungen eingebunden. Nur durch deren finanziellen Einsatz können Funde der Grabung, darunter eine der einst zwischen den Luftzügen gesetzten Zungenmauern des Ziegelbrennofens, im Heimatmuseum besichtigt werden. Ein denkmalpflegerisch vertretbarer vollständiger Erhalt dieses Ofens hätte alle machbaren Kosten der Gemeinde übertroffen.
Jochen Haberstroh, Hauptkonservator und oberbayerischer Referatsleiter für praktische Bodendenkmalpflege am Landesdenkmalamt betonte 2018 bei der Eröffnung der Sonderausstellung für diese Ausgrabung in Prittriching, dass dieses Projekt 2016 zu den wichtigsten archäologischen Ereignissen in Bayern gehört hat.Blick in die Römerzeit. Eine Ausstellung im Heimatmuseum. In: Landsberger Tagblatt, 26. April 2018, S. 27.
Baugeschichte Das vollständig ergrabene Ensemble bestand aus zwei benachbarten Bereichen. Der Leitenbergstraße näher gelegen waren dies zwei kleine, freistehende runde Keramikbrennöfen; mit nur einer gemeinsamen Arbeitsgrube, denen wenige Meter weiter südlich ein mächtiger, ebenfalls rundlich angelegter Keramikbrennofen folgte, dessen östliche Außenwandung unmittelbar in die steile Geländekante eingegraben worden war. In einer späteren Phase wurde dieser große Keramikofen zugunsten eines im Westen angebauten Ziegelbrennofens aufgegeben und sein westlicher Bereich teils vollständig, teils bis auf die verziegelte Lehmwanne des Unterbaus abgebrochen. Die drei Keramikbrennöfen wurden nach Ausweis der Befunde zunächst offenbar gemeinsam betrieben, bevor der Ziegelofen errichtet wurde. Ob dabei die beiden kleineren Öfen noch intakt waren, konnte nicht festgestellt werden. Ihr ausgezeichneter Erhaltungszustand scheint dies jedoch nahezulegen. Die geringen Mengen an keramischem Material, die bei dieser Grabung zu Tage kamen, ließen bisher auch keine nähere zeitliche Einordnung zu als in die römische Kaiserzeit.Peter Priadka: Ein römischer Töpferei- und Ziegeleibetrieb in Prittriching, Landkreis Landsberg am Lech, Oberbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 2016, (2017), S. 75–77; hier: S. 76–77. Alle in Prittriching dokumentierten Öfen sind typische Vertreter ihrer Art und waren in der römischen Welt weit verbreitet. So fand sich unter anderem im oberbayerischen Germering 1998 ein wesentlich kleinerer, aber im konzeptionellen Aufbau sehr ähnlicher Ziegelbrennofen, den die Gemeinde in situ unter einem Schutzbau erhalten konnte.Birgit Anzenberger, Jakob Leicht, Franz Srownal: Ein römischer Ziegelbrennofen in Germering. In: Das Archäologische Jahr in Bayern, 1998 (1998), S. 88–89.Stadtgeschichte, Stadt Germering Beispiele für die zwei Keramikbrennöfen, die von einer Arbeitsgrube aus genutzt wurden, sind auch aus Ungarn bekannt.Katalin Ottományi: Die spätlatènezeitlich-römische Siedlung von Budaörs. In: Acta archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 55, Nr. 1–3, 2005, S. 67–132; hier: S. 96.
Die Keramikbrennerei Die beiden Keramikbrennöfen mit ihren gut erhaltenen, kreisförmigen Lochtennen, dem Teil der Öfen, auf dem einst das Brenngut gestapelt war, befanden sich nahe der Leitenbergstraße und wurden von einer gemeinsamen westöstlich orientierten Arbeitsgrube aus beheizt. Die längliche Grube war annähernd rechteckig angelegt worden und besaß abgerundete Ecken. Befund 3 schloss mit seinem vorgelagerten Schürkanal unmittelbar an die Ostseite der Arbeitsgrube an, während der Schürkanal des über Eck liegenden Befundes 2 nordöstlich orientiert war.Peter Priadka: Ein römischer Töpferei- und Ziegeleibetrieb in Prittriching, Landkreis Landsberg am Lech, Oberbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 2016, (2017), S. 75–77; hier: S. 76. Die beiden Lochtennen gehörten zum Typus der „stehenden Öfen“ und besaßen zur Zeit ihrer Nutzung während des Brandes eine Kuppel aus Lehm, die später zerschlagen wurde, um die fertig gebrannten Gefäße entnehmen zu können. Die Provinzialrömische Archäologin und Keramikspezialistin Katalin Ottományi sah die Nutzung einer gemeinsamen Grube für zwei Keramikbrennöfen als eine der besten Methoden für den abwechselnden effektiven Einsatz der Öfen an.
Lochtenne 3 (Befund 3) mini|Abb. 1: Befund 3 im zweiten Planum. Gut zu sehen ist die breite Verziegelung des anstehenden Bodens sowie die mit Lehm verfugte römische Baukeramik. Die verziegelte Spitze links weist zum Mundloch des Ofens Die in Planum 2 ohne dem sie umgebenden thermisch belasteten Anstehenden rund 1,50 Meter durchmessende Lochtenne bestand aus tangential angeordneten, mehr oder minder fragmentierten Leistenziegeln (Tegulae) und mächtigen Ziegelplatten, wie sie beispielsweise als Überdeckung einer Suspensura Verwendung fanden. Zwei großflächig erhaltene Platten wiesen je eine kleine vor dem Brand intentionell angebrachte durchgehende Bohrung auf. Gut erhalten hatten sich die zwischen den Platten eingelassenen Zuglöcher. Die eigentliche Tenne wurde von einer darunter eingesetzten Zungenmauer getragen, die westöstlich orientiert war. Im Osten verband sich diese Mauer mit der runden Leibung des Ofens, während sie im Westen vor dem Schürkanal aussetzte, damit sich die Heißluft gleichmäßig in beiden Kammern verteilen konnte. Sowohl diese Mauer als auch die innere Wandung des Ofens waren von Hand dick mit Lehm verschmiert worden, worauf viele dicht an dicht liegende Fingerabdrücke und -wischer hinwiesen. Die aufgrund der thermischen Vorgänge rötlich verziegelte Oberfläche der Lochtenne selbst ließ darauf schließen, dass hier mit einer oxidierenden Brennatmosphäre gearbeitet worden war.
Lochtenne 2 (Befund 2) Die zweite an diesem Fundort entdeckte Lochtenne war im Planum 2 mit einem Durchmesser von maximal 1,10 Metern die kleinste an diesem Platz. Auch dort sind die Maße ohne den ebenfalls in unterschiedlich gefärbten Stadien verziegelten Boden angegeben. Mit Ausnahme des Grundkonzepts einer Lochtenne besaß sie einen völlig anderen Aufbau und bestand aus wesentlich kleiner fragmentierten Platten, die hier radial zueinander angeordnet waren. Ihre Oberflächen hatten die Erbauer teils mit Lehm verschmiert. Auch im Unterbau wies Befund 2 eine andere Konstruktion auf, war hier doch lediglich eine singuläre mächtige Ziegelplatte als Träger der Lochtenne mittig verbaut worden. Deren Schmalseite wies zum Schürkanal hin. Die schwarz verfärbte Oberfläche der Tenne macht eine reduzierende Brennatmosphäre in diesem Befund wahrscheinlich.
Arbeitsgrube von Befund 2 und 3 Die gemeinsame Arbeitsgrube der beiden Lochtennen wurde in mehreren Plana dokumentiert. In ihrem oberen Bereich fand sich eine in massiver Form konzentrierte Schuttschicht an zerbrochenen Dachziegeln, was an eine kollabierte Überdachung denken lässt. Seitliche Pfostensetzungen, die zu einer solchen Konstruktion gehört haben müssen, konnten jedoch nicht nachgewiesen werden. In den darunter liegenden Plana mehrte sich anschließend eine starke Aschekonzentration, die von den Brennvorgängen stammte und nur noch kleinsten Ziegelbruch sowie Brandlehmflecken aufwies. Diese Ascheschicht dünnte in den unteren Plana aus und hinterließ im lehmigen Boden Verfärbungen, Holzkohle- und Brandlehmflecken.
Keramikfunde aus der Arbeitsgrube