mini|Die zweite Kirche auf dem Gewehrplan (1766/67) Die katholische Kirche auf dem Gewehrplan in Spandau war die erste römisch-katholische Kirche in Spandau und im Königreich Preußen nach der Reformation. Sie lag außerhalb der Spandauer Stadtmauern östlich der Zitadelle Spandau auf der Gemarkung Plan (später: Gemarkung Gewehrplan und Pulverfabrik) und entstand 1723 für die katholischen Arbeiter der Königlich Preußischen Gewehrfabrik. 1766/67 erfolgte ein Neubau an gleicher Stelle, und nach dem Bau der größeren Kirche St. Marien am Behnitz 1848 wurde die Kirche am Anfang der 1850er-Jahre abgerissen.

Geschichte Gründung der Missionsstation und erster Kapellenbau mini|Lage der Gewehrfabrik (1812) Mit der Gründung der königlichen Gewehrfabrik durch den preußischen König Friedrich Wilhelm I. mit den Standorten Potsdam und Spandau ab 1722 wurden Facharbeiter angeworben, die hauptsächlich aus den Waffenfabriken der katholischen Stadt Lüttich in Belgien kamen. Sie wollten nur dann ins protestantische Preußen übersiedeln, wenn ihnen freie Religionsausübung garantiert würde, einschließlich eines Seelsorgers in ihrer Sprache und dessen Versorgung. Durch königliches Dekret von 1722 wurde ihnen dies zugesichert, ebenfalls das Recht, ein paar Kühe zu halten. Die Forderung, eigenes Bier brauen zu dürfen, hatte der König allerdings abgelehnt.König Friedrich Wilhelm I., 2. September 1722, zitiert bei: Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 28f. Rund 200 Personen – etwa 26 Meister und mehrere Gesellen mit ihren Familien – reisten schließlich an, begleitet von dem Dominikanerpater Ludovicus Belo (Belau) aus dem Konvent in Wesel. Belo war zwischen 1720 und 1731 Seelsorger in Potsdam, von 1722 bis 1727 auch in Spandau; seine Nachfolger waren nur für Spandau zuständig. Bis zur Auflösung der Klöster infolge der Säkularisation um das Jahr 1810 waren es Dominikaner, danach Diözesanpriester, die ab 1821 zum Bistum Breslau gehörten.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145, hier S. 143.Martin Recker: Die Geschichte der Gemeinde St. Marien und ihrer Gotteshäuser. In: Kath. Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen (Hrsg.): Festschrift 100 Jahre Maria, Hilfe der Christen Berlin-Spandau 1910–2010. Oranienburg (WMK-Druck) o. J. , S. 11–14, hier S. 11. Die Rüstungsarbeiter und ihre Familien auf dem Gewehrplan gehörten nicht zur Stadt Spandau, sondern bildeten in politischer und in kirchlicher Hinsicht eine eigene Gemeinde, die nicht der städtischen Gerichtsbarkeit. dem „ordinären Stadtmagistrat“, unterlag, sondern „immediate“ (unmittelbar) dem königlichen Hofgericht, so die Anordnung des Königs vom 2. September 1722. Kirchlich standen sie außerhalb der Zuständigkeit der evangelischen Pastoren an St. Nikolai und bildeten eine Missionsstation, die dem Apostolischen Vikariat des Nordens unterstand.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 29.33.

Am Standort Potsdam fanden die katholischen Gottesdienste für die Rüstungsarbeiter anfangs in einem Saal des Stadtschlosses statt, bis dort auf dem Fabrikgelände 1723 eine erste provisorische Kirche für die Militärhandwerker entstand. 1738 wurde sie als größere Fachwerkkirche neu errichtet. In Spandau entstand 1723/24 in der Nähe der Gewehrfabrik auf der Gemarkung Plan östlich der Zitadelle, am heutigen Zitadellenweg, neben Fachwerkhäusern als Wohnungen für die Arbeiter eine erste katholische Kapelle, ein kleiner einfacher Fachwerkbau, dazu ein Pfarrhaus und ein Garten mit einer Größe von 38 Quadratruten und 75 Fuß (etwa 540 m²). Erbaut und erhalten wurden die Gebäude aus Mitteln der königlichen Regierung. Auch das Einkommen des Pfarrers in Höhe von 200 Reichstalern wurde aus der königlichen Kasse gezahlt.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 35.

Die Kirchen in Potsdam und Spandau waren die ersten neu entstandenen katholischen Kirchen in Preußen nach der Reformation, der Bau der Hedwigskirche in Berlin begann 1747. Die Niederlassungen der Dominikaner in Potsdam und Spandau hatten auch ordensrechtlich den Status einer Missionsstation und waren dem Konvent in Halberstadt zugeordnet. Die Kirche in Potsdam hatte das Patrozinium der Heiligen Petrus und Paulus; Gunther Jahn vermutet dieses Patrozinium auch für das Gotteshaus in Spandau, da in einer Bauaufnahme aus dem 1841 der Hochaltar mit Skulpturen dieser Heiligen festgehalten ist.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145, hier S. 143. Die Skulpturen dieser beiden Heiligen befinden sich heute in der Kirche St. Marien am Behnitz, wohin sie vermutlich aus der Kirche am Gewehrplan gelangten.Martin Recker: Die Geschichte der Gemeinde St. Marien und ihrer Gotteshäuser. In: Kath. Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen (Hrsg.): Festschrift 100 Jahre Maria, Hilfe der Christen Berlin-Spandau 1910–2010. Oranienburg (WMK-Druck) o. J. , S. 11–14, hier S. 11.Helmut Kißner: Die Mutter. Die Kirche St. Marien am Behnitz. In: Kath. Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen (Hrsg.): Festschrift 100 Jahre Maria, Hilfe der Christen Berlin-Spandau 1910–2010. Oranienburg (WMK-Druck) o. J. , S. 23f., hier S. 23.

Über das Aussehen der ersten Kapelle liegen keine Informationen vor. Die Gebäude waren nur Fachwerkbauten und nicht aus Stein, weil sie im Rayon der Zitadelle lagen; zudem standen auf sumpfigem Gelände und waren wegen der feuchten Luft und ihrer insgesamt einfachen Bauweise sehr reparaturanfällig. Schon 1735 musste das Kirchlein restauriert werden. Auch das Pfarrhaus war von schlechter baulicher Qualität, feucht und zeitweilig fast unbewohnbar. 1784 wurde ein neues Pfarrhaus gebaut, das aber bereits 1784 wieder baufällig war.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 36f.

Kirchbau ab 1766 und Entwicklung der Gemeinde mini|Skizze der Kirche im Pfarrarchiv mini|Grundriss der Kirche 1742 war die erste Kapelle so baufällig, dass König Friedrich der Große den Abriss und einen Neubau verfügte. Durch die Schlesischen Kriege verzögerte sich das Vorhaben. Erst 1766 wurde mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen, zu der Pater Albert Bockell am 11. Oktober 1766 in der nordöstlichen Ecke des Fabrikgeländes den Grundstein gelegt haben soll. Gunther Jahn hält es für denkbar, dass dies wegen eines Brandes oder aber wegen fortgeschrittener Baufälligkeit der Kapelle jetzt unumgänglich war. Die Grundmauern wurden noch im selben Jahr fertiggestellt, am 14. Februar 1767 begann Zimmermeister Schulze mit dem Bau des Holzfachwerks.

Der Neubau war eher ein schlichtes Bethaus als eine Kirche. Auch hier ließ die Bauqualität offenbar zu wünschen übrig – nur 17 Jahre später klagte der damalige Seelsorger Joseph Groß OP in einem Brief an den König, dass die Kirche „jetzo einer Wüsteney viel mehr als einem Gotteshause ähnlich sei“. Eine größere Reparatur erfolgte dann im Jahr 1804, die 541 Taler kostete. 1813 drohte während der Belagerung Spandaus durch preußische Truppen der Befehlshaber der französischen Garnison, die sich in der Festung verschanzt hatten, die Kirche niederzubrennen. Man entfernte daher das Gestühl und die Orgel aus der Kirche. 1814 konnte beides durch die preußische Regierung wieder eingebaut werden.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145, hier S. 143. Die Bewohner des Gewehrplans, so auch Pfarrer P. Groß, mussten während der Zeit der Belagerung ihre Häuser verlassen und wohnten am Tegeler See.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 37.

Durch das Säkularisationsedikt König Friedrich Wilhelms III. vom 30. Oktober 1810 wurden im Königreich Preußen die Klöster weitgehend aufgehoben, der Dominikaner Joseph Groß wurde Priester der Diözese Breslau und blieb bis zu seinem Tod 1825 Seelsorger in Spandau, seine Nachfolger waren ebenfalls Diözesanpriester. Pfarrer Groß hatte ein Einkommen aus der königlichen Kasse von 200 Reichstalern, dazu freie Wohnung und Gartennutzung. Stolgebühren bekam er anfangs nicht, da die Gemeindemitglieder Stolfreiheit für sich in Anspruch nahmen. Ab 1816 erhielt er eine persönliche Zulage von 8 Talern und 8 Groschen und eine jährliche Zahlung von 200 Reichstalern aus dem schlesischen Säkularisationsfonds sowie etwa vier bis fünf Taler aus Kollekten. Er hatte jedoch aus seinen Einkünften den Küster und den Organisten zu bezahlen und die Kosten für die Materialien für die Gottesdienste aufzubringen.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 36. Durch die Bulle De salute animarum nahm Papst Pius VII. 1821 im Rahmen der Neuumschreibung der katholischen Diözesen in Deutschland nach dem Wiener Kongress eine Neuordnung der Diözesen und Kirchenprovinzen in Preußen vor; Spandau ging vom Apostolischen Vikariat des Nordens in die Fürstbischöfliche Delegatur für Brandenburg und Pommern des Bistums Breslau über und wurde Pfarrei; seit den 1820er-Jahren amtierte ein Kirchenvorstand.

Sonntags fand die heilige Messe um 9 Uhr statt, werktags im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr. Sonntags gab es außerdem einen Gottesdienst um 14 Uhr. Pfarrer Joseph Jünger war in den 1830er-Jahren Seelsorger für die Katholiken auf dem Gewehrplan und in der Stadt Spandau, außerdem Seelsorger für die in Spandau stationierten katholischen Soldaten. Viermal jährlich hielt er auch Gottesdienst im Zuchthaus.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 46f. 1835 standen für die Gemeinde 80 Reichstalern an Ausgaben 26 Taler 20 Groschen an Einnahmen gegenüber, die aus Vergütungen für Militärgottesdienste (10 Taler), Mitbenutzung der kirchlichen Geräte bei Gottesdiensten im Zuchthaus (2 Taler 20 Groschen), der Verpachtung der Wiese am Pfarrhaus (6 Taler) und 8 Talern Zinsen für ein Kapital von 200 Talern erzielt wurden. Die Differenz musste durch Spenden ausgeglichen werden. Die Personalkosten betrugen 8 Taler für den Küster, 12 Taler für den Organisten und 2 Taler für den Bälgetreter. 1839 führte Pfarrer Jünger Stolgebühren ein, aus denen er den Kirchendienern ein höheres Einkommen verschaffte.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 42f. mini|Grabkreuz des letzten Dominikaners, P. Joseph Groß, heute an der Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen Unmittelbar östlich der Kirche lag der Friedhof der Gemeinde, der 1813 mit Rücksicht auf die Funktion der Zitadelle als Festung verkleinert wurde und auf dem bis 1834/35 beerdigt wurde. Das eiserne Grabkreuz des letzten Dominikaners Joseph Groß blieb erhalten. Es stand zunächst auf dem Gelände der Pulverfabrik, 1912 wurde es an der neu erbauten Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen aufgestellt, wo es noch heute außen an der östlichen Seitenwand zu sehen ist.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145, hier S. 144f. Da der Friedhof zunehmend zu klein geworden war, wurden die Katholiken auch auf dem städtischen Friedhof beigesetzt, zum Teil auch auf dem Garnisonfriedhof. Anfangs verlangten die evangelischen Geistlichen Gebühren für Beisetzungen auf dem städtischen Friedhof; dies wurde jedoch in den 1830er-Jahren auf Antrag der katholischen Gemeinde unterbunden.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 44f.

Planung eines Kirchbaus in der Altstadt