mini|Beispiel eines gestempelten Papiers ausgestellt vom Gericht des Klosters Saint-Croix in Quimperlé am 9. April 1674 Die Aufstände gegen die neue Steuer auf Stempelpapier, auf Französisch Révoltes du papier timbré, war eine Reihe von zeitlich zusammenhängenden Revolten gegen die Fiskalpolitik des Ancien Régime unter der Herrschaft Ludwigs XIV. in Frankreich. Sie erfasste von April bis September 1675 die Bretagne und Aquitanien mit dem Schwerpunkt in Bordeaux in Folge einer Steuererhöhung unter anderem auf gestempeltes Papier, das bei der Erstellung von Urkunden erforderlich war.

Hintergrund

Holländischer Krieg

Ludwig XIV. erklärte 1672 den Vereinigten Niederlanden den Krieg. Aber im Gegensatz zu den erfolgreich verlaufenden Feldzügen im Devolutionskrieg (1667–1668) wurde die französische Armee nach einem zunächst raschen Vormarsch am 20. Juni 1672 durch Überflutungen gestoppt, die die Niederländer auslösten, indem sie Schleusen und Dämme öffneten. Der Krieg zog sich in die Länge und Ludwig XIV. sah sich bald einer antifranzösischen Koalition gegenüber. Die niederländische Flotte bedrohte die französischen Küsten, vor allem die der Bretagne. Nach einer Landung auf der Belle-Île im Jahre 1673 und einer weiteren auf der Île de Groix im Jahre 1674 kreuzte sie im April und Mai 1675 vor der bretonischen Küste, was den Warenhandel der Bretonen empfindlich störte.

Steuererhöhungen Um den Krieg zu finanzieren, wurden neue Abgaben erhoben. Zuerst wurde das gestempelte Papier im April 1674 mit einer Steuer belegt. Sie wurde bei allen juristischen Aufzeichnungen vorgeschrieben, beispielsweise bei Testamenten, Kaufverträgen oder Personenstandregistern. Der Tarif richtete sich nach dem Format und der Art der Urkunde. Dies führte zu einer allgemeinen Unzufriedenheit, insbesondere in Rennes, der Hauptstadt der Verwaltung und des Gerichtswesens der Provinz, denn sie erhöhte den Preis von Urkunden für eine Privatperson und verminderte die Anzahl der Vorgänge für Angehörige der Rechtsberufe. Am 27. September 1674 wurde der Verkauf von Tabak zu einem Exklusivrecht des Königs erklärt, der darauf eine Steuer erhob und ihn verpachtete. Die für den Weiterverkauf berechtigten Pächter und Gehilfen kauften die vorher für den freien Verkauf bestimmten Vorräte von den Händlern ab. Diese Neuordnung des Handelskreislaufs beeinträchtigte die Ausgabe des zum Rauchen und Kauen bestimmten Tabaks und vergrößerte die Verärgerung unter der Bevölkerung.

Zur gleichen Zeit wurde eine neue Steuer auf alle Gegenstände aus Zinn erhoben, selbst wenn sie vor langer Zeit gekauft worden waren. Dies verärgerte die wohlhabenden Bauern und die Gastwirte, die sie über erhöhte Preise an ihre Gäste weitergaben. Schließlich wurde von Nichtadeligen im Besitz eines Lehens verlangt, alle zwanzig Jahre ein Jahreseinkommen als Abgabe zu entrichten. Im gleichen Jahr wurde die Französische Westindienkompanie aufgelöst, und die französische Krone übernahm die direkte Verwaltung der Kolonie Neufrankreich in Nordamerika.

Ausgangslage in der Bretagne mini|Porträt Charles d’Albert d’Ailly, Herzog von Chaulnes (1625–1698) Diese neuen Abgaben und Bedrohungen fügten sich in eine schwierige wirtschaftliche Situation in der Bretagne ein. Seit 1671 war eine Rezession des Handels und der Industrie zu spüren. Die Provinz war damals sehr bevölkerungsreich mit ungefähr 10 % der Gesamtbevölkerung des Königreichs. Sie war seit den 1640er Jahren von Hungersnöten und Epidemien verschont geblieben. In den Jahren 1660 bis 1670 trat die Bretagne jedoch in eine Phase von wirtschaftlichen Engpässen. Diese waren Folgen der Kriegspolitik Ludwigs XIV., der gleichzeitigen empfindlichen Erhöhung der Abgaben und der strukturellen Schwächen der Landwirtschaft. Laut der Korrespondenz von Herzog von Chaulnes, Gouverneur der Bretagne, mit Jean-Baptiste Colbert am 8. August 1671 verringerte sich beispielsweise der Handel mit Wein und Tuch um zwei Drittel. Der Spitzname des Herzogs lautete übrigens aufgrund seiner Unbeliebtheit „fettes Schwein“ (französisch gros cochon, bretonisch hoch lart). Die Einnahmen aus der Pacht von Ländereien sanken ebenfalls um ein Drittel und verursachten eine allgemeine Deflation mit Ausnahme von Honoraren und den Gehältern der Justizbeamten.

Das System von bestimmten Pachtverträgen, domaines congéables genannt, das speziell in der unteren Bretagne sehr verbreitet war, regelte die Beziehung zwischen den Bauern, die das Land bewirtschafteten, und den Eigentümern. Es wurde von einigen in Frage gestellt, da es weder die Bauern noch die Seigneurs zu Investitionen und Förderungen von Anbaumethoden anreizte, denn bei einer Kündigung mussten die Eigentümer den Bauern den Wert aller Verbesserungen an Boden und Gebäuden zurückerstatten. Letztere wiederum forderten angesichts ihrer sinkenden Einnahmen seit 1670 ihre sonstigen Rechte in Form von Naturalien und Geld auf pedantischere Weise ein. Als Folge wurden 1668 die Zahlungen in der Gegend um Carhaix verweigert. Jean Meyer stellt die Rolle des Pacht- und Steuersystems im Zusammenhang mit dem Aufstand infrage. Die Übereinstimmung der Landkarte der Revolte mit den Gegenden mit domaines congéables ist seiner Meinung nach „zweifelhaft“. Es ist tatsächlich zu bemerken, dass sich auch Gemeinden außerhalb des Gebiets der domaines congéables erhoben, während andere Gemeinden innerhalb des Gebiets sich nicht erhoben. Eine Abschaffung des Systems kam auch in keinem vorliegenden Code paysan zur Sprache.

Der Aufruhr wurde sehr oft von Frauen angeführt. In dieser Zeit wurde die königliche Gesetzgebung gegenüber Frauen zunehmend strikt. Alle ihre wirtschaftlichen und bürgerlichen Rechte wurden abgeschwächt. Beispielsweise durften sie ihre Ehemänner nicht mehr selbst wählen. Dies erschütterte in einem Land, in dem die Frauen traditionell einen sehr wichtigen Platz in der Gesellschaft einnehmen. In den Texten des Code paysan findet dieser Missstand Erwähnung. Schließlich war die Bretagne ein Pays d’États, eine Provinz mit einer Ständeversammlung, die auch für die Steuerbewilligung zuständig war. Die im sonstigen Frankreich weit verbreitete Salzsteuer, die Gabelle, wurde hier nicht erhoben und seit der Vereinigung der Bretagne mit Frankreich mussten neue Steuern von den bretonischen Ständen akzeptiert werden. Im Jahre 1673 erhielt die französische Krone 2,6 Millionen Livre als freiwillige Zuwendung (don gratuit) vom bretonischen Klerus. Im gleichen Jahr erkauften sich die Stände mit der gleichen Summe die Abschaffung der Chambre des domaines, die einigen Adeligen ihre Rechtsansprüche aberkannt hatte, und sie kauften sich von den königlichen Gesetzen frei, die die neuen Abgaben eingeführt hatten. Mit verschiedenen anderen Ausgaben zugunsten der Krone beliefen sich die Zahlungen auf eine exorbitante Summe von 6,3 Millionen Livre. Gerade ein Jahr später wurden die gleichen Gesetze ohne Verhandlungen mit den Ständen erneut festgelegt. Im August 1673 ließ Ludwig XIV. die Steuer auf das gestempelte Papier durch das Parlement der Bretagne anmelden, die Steuer auf den Tabak im November 1674. Dies bedeutete eine Missachtung der „bretonischen Freiheiten“, also jener Privilegien, die den Bretonen im Vereinigungsvertrag mit Frankreich zugestanden wurden. Diese neuen Steuern ließen Befürchtungen nach einer Einführung der Gabelle aufkommen und trafen eher die Bauern und die kleinen Leute in den Städten als die Wohlhabenden, denn der Konsum von Tabak war im Volk bereits verbreitet, und gerade das Volk benutzte Zinngeschirr im Gegensatz zu den Vermögenden. All dies erzeugte eine breite Front von Unzufriedenheit gegenüber der noch nicht da gewesenen Brutalität der französischen Krone.

Verlauf

Unruhen in den Städten mini|Jean-Bernard Chalette: Allégorie de la révolte du papier timbré ( Musée des Beaux-Arts in Rennes) Der Aufstand begann in Bordeaux. Die Garnisonen waren zu schwach, als dass der Gouverneur der Stadt, César d’Albret, die Ordnung hätte wiederherstellen können. Auch weigerten sich die Bürger, ihre Milizen aufzustellen. So gelangte die Stadt vom 26. bis 30. März 1675 in die Hand der Aufrührer. Vom 29. März an erreichten die Bauern der Umgegend Bordeaux, um den Aufrührern Beistand zu leisten. Unter dem öffentlichen Druck reichte das Parlement von Bordeaux eine Anordnung zur Aussetzung der neuen Steuer ein. Die Nachrichten erreichten Rennes und Nantes, die sich Anfang April ebenfalls erhoben. Andere Städte des Südwestens schlossen sich der Revolte aus den gleichen Gründen an. In Bergerac gab es beispielsweise einen Aufstand am 3. und 4. Mai. Am 6. April gab der König eine Erklärung bezüglich einer Amnestie für die Aufrührer in Bordeaux ab, da sein Gouverneur nicht die Mittel besaß, die Stadt wieder unter Kontrolle zu bringen.

In der Bretagne beschränkten sich die städtischen Aufstände, ungeordnet und spontan, zunächst auf zwei Städte, Rennes und Nantes. Das Grundmuster des Ablaufs war dort dasselbe. Die Amtsstuben des gestempelten Papiers oder der Markierung des Zinngeschirrs wurden geplündert und Zusammenstöße mit dem Ruf „Vive le roi sans la gabelle!“ () begleitet. Ein erster Aufstand fand in Rennes am 3. April statt, aber die Ruhe wurde rasch durch den Generalprokurator des Königs beim Parlement wieder hergestellt. Eine neue Unruhe fand am 18. April mit mindestens zehn Toten statt und verbreitete sich am folgenden Tag bis nach Saint-Malo. Dort waren die Unruhen nach Meinung von Auguste Dupouy von „leichtem“ Ausmaß, da die Neufundlandfischer ausgelaufen waren oder abfahrbereit waren. Es folgten Unruhen am 23. April in Nantes und am 3. Mai erneut in Rennes und Nantes. Andere Städte, wie Guingamp, Fougères, Dinan, Morlaix, folgten nach.

Die Bürgermilizen waren wenig zuverlässig und unterstützten zeitweise die Aufrührer. Truppen wurden geschickt, um die Ruhe wiederherzustellen, zuerst in Nantes am 3. Juni, anschließend in Rennes am 8. Juni. Im Ancien Régime wohnten alle Truppen bei Einwohnern auf deren Kosten, die bretonischen Städte aber besaßen das Privileg, von der Gewährleistung einer Unterkunft für das Kriegsvolk befreit zu sein. Diesen Verstoß gegen das Recht führte zu einem Ausbruch von Zorn, der drei Tage, vom 9. bis 11. Juni, anhielt. Er drückte sich in der Belagerung des bischöflichen Herrenhauses aus, wo sich der Gouverneur der Bretagne, der Herzog von Chaulnes, aufhielt. Dieser untersagte den Soldaten zu schießen. Nachdem der Befehl an die Truppe ausgeben war, die Stadt zu verlassen, beruhigte sich Lage. Der Herzog von Chaulnes drückte in seinem Schreiben am 30. Juni seine Unzufriedenheit über das Parlement aus, das er der Passivität und des Wohlwollens gegenüber den Aufrührern bezichtigte. In seinen Berichten verschwieg er jedoch das Ausmaß der Unruhe, die sich in Beschimpfungen, Fehlen der Möglichkeit einer Gegenreaktion und Geiselnahme des Bischofs ausdrückte, der am 3. Mai gegen eine Aufrührerin ausgetauscht wurde. Nach Bekanntwerden von bäuerlichen Aufständen im Westen der Bretagne entbrannte am 17. Juli ein dritter Aufruhr in Rennes mit einem Ansturm auf die Amtsstube des gestempelten Papiers unter den niedrigen Gewölben des Justizpalastes.

Aufstand im Westen der Bretagne mini|Karte der Bretagne mit Schauplätzen des Aufstands