mini|250px|Blick auf den östlichen Teil der Heiligen Moschee in Mekka. Die Gebäude der Madāris Sulaimānīya mit Minarett und zwei Kuppeln befinden sich links oberhalb der Kaaba. Die Madāris Sulaimānīya () waren ein Komplex von vier Madrasa-Schulen mit eigenem Minarett auf der nördlichen Seite der Heiligen Moschee in Mekka. Sie wurden im Auftrag des osmanischen Sultans Süleyman I. (reg. 1520–66) zwischen 1565 und 1570 errichtet und waren ursprünglich den vier sunnitischen Rechtsschulen gewidmet. Die Einrichtung war mit zahlreichen besoldeten Stellen ausgestattet und wurde über die Erträge der Stiftungen des Sultans in Syrien finanziert. Einer der Lehrstuhlinhaber war Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī, der in seiner Mekka-Chronik auch einen ausführlichen Bericht von der Errichtung des Madrasa-Komplexes liefert. Die Madāris Sulaimānīya waren die größte osmanische Bildungsinstitution in Mekka während der Frühen Neuzeit, verloren allerdings schon kurz nach der Gründung ihren madhhab-pluralen Charakter. Im Laufe der Zeit wurde das Gebäude als Herberge und als Sitz der osmanischen Qādīs zweckentfremdet, so dass es im 18. Jahrhundert seine Funktion als Bildungseinrichtung vollends verlor.

Position und Aussehen mini|Grundriss der Heiligen Moschee von 1946. Die Räumlichkeiten der Madāris Sulaimānīya befanden sich ursprünglich zwischen dem Bāb az-Ziyāda (Nr. 27) und dem Bāb ad-Duraiba (Nr. 30). Die Madāris Sulaimānīya befanden sich an der nördlichen Seite der Heiligen Moschee zwischen der nordöstlichen Ecke und dem Bāb az-Ziyāda. Der Bau war mehrstöckig und schloss zwei Kuppeln ein, die größer waren als die Kuppeln der Heiligen Moschee. Zwischen ihnen befand sich ein Minarett in anatolischem Stil (auf der Karte Nr. 10 unterhalb von Nr. 28).Kašmīrī: Makka al-mukarrama min bidāyat al-ḥukm al-ʿuṯmānī ilā nihāyat al-qarn al-ʿāšir al-hiǧrī. 2005, S. 183. Dieses hatte drei Balkone und war erheblich höher als die anderen Minarette der Heiligen Moschee.ʿAbd al-Karīm b. Muḥibb ad-Dīn al-Quṭbī: Iʿlām al-ʿulamāʾ al-aʿlām bi-bināʾ al-masǧid al-ḥarām. Dār ar-Rifāʿī, Riyadh, 1403/1983. S. 141.

Man betrat das Gebäude durch eine Wandelhalle (dihlīz), in der sich ein Brunnen befand. An seiner Seite befanden sich Zellen, die sich zur Moschee hin öffneten. In seiner Mitte befand sich ein Vortragsraum, der von einer großen Kuppel überwölbt war.Kašmīrī: Makka al-mukarrama min bidāyat al-ḥukm al-ʿUṯmānī ilā nihāyat al-qarn al-ʿāšir al-hiǧrī. 2005, S. 250f. Ein Teil der Räumlichkeiten wurde ab dem 18. Jahrhundert als Gerichtshof verwendet (auf der Karte Nr. 11). Innerhalb des Gebäudes befanden sich zwei Durchgänge, die die Straße vor der Heiligen Moschee mit ihrem Hof verbanden, das Bāb al-Mahkama (auf der Karte Nr. 28.) am Gerichtshof und das Bāb al-Madrasa (Nr. 29).

Vorgeschichte und Errichtung Nach dem Bericht von Qutb ad-Dīn ging der Plan zur Gründung der Madāris Sulaimānīya auf eine Idee des osmanischen Militärbeamten Ibrāhīm ibn Taghriverdī zurück, der 1562 die Leitung des osmanischen Bauprojekts zur Verlängerung der ʿAin-ʿArafāt-Wasserleitung nach Mekka übernommen hatte. Er soll Sultan Süleyman vorgeschlagen haben, in Mekka vier Schulen für die vier sunnitischen Lehrrichtungen einzurichten, in denen die Gelehrten Mekka die Fiqh-Wissenschaft unterrichten sollten, „als Mittel zur Belebung der Scharia-Wissenschaft“ (sababan li-iḥyāʾ ʿilm aš-šarīʿa) und damit „der Lohn dafür in den Büchern mit den guten Taten des erhabenen Sultanats verzeichnet wird“. Der Sultan stimmte dem Vorschlag zu und beauftragte den Gouverneur von Dschidda, Amīr Qāsim Beg, mit der Durchführung des Unternehmens.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 351. Als Platz für das Gebäude wählte man die Nordseite der Heiligen Moschee aus. Die an diesem Platz stehenden älteren Gebäude, das Bimāristān al-Mansūrī, eine Madrasa, die Ahmad Schāh, der Sultan von Gudscharat, gestiftet hatte, mehrere Stiftungen des ägyptischen Sultans al-Mu’aiyad Schaich, eine Anzahl anstoßender Häuser, die dem Scherifen Hasan ibn Abī Numaiy gehörten, sowie ein Ribāt, der Ribāt az-Zāhir genannt wurde, mussten dafür abgebrochen werden.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 204, 351.

Die feierliche Grundsteinlegung für das neue Gebäude erfolgte am 28. Radschab 972 (= 1. März 1565) durch den Qādī von Mekka Ahmad ibn Muhammad Beg an-Nischāndschī in Anwesenheit von zahlreichen Gelehrten, Saiyids, Emiren und Notabeln. Das Fundament war zehn Ellen tief und vier praktische Ellen breit, wobei große Felsblöcke verbaut wurden. Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī, der in seiner Mekka-Chronik über die Erbauung des Gebäudes berichtet, übt darin auch viel Kritik an Qāsim Beg: Er sei sehr angespannt (mašdūd al-wasaṭ) gewesen und wie ein Arbeiter ständig unfreundlich und ohne Verständnis für die Sache auf dem Bau herumgelaufen, habe anderen in ungehobelter Weise seine Meinung aufgedrängt, sich nicht beraten und auch nicht auf die Meinung anderer gehört. Er habe für das Dach und den Īwān alte, schwache Hölzer verwendet, die nach seinem Tod einbrachen und dann ersetzt werden mussten. Außerdem habe er einige Pläne in sehr minderwertiger Schrift verfasst, weil er Analphabet gewesen sei und auf niemanden gehört habe.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 352.

Über einer der Schulen ließ Süleymān von Qāsim in gelbem Schumaisī-Stein ein sehr hohes Minarett mit drei Geschossen und einer Spitze in anatolischem Stil errichten, das nach seiner Fertigstellung im Jahre 973 (= 1565/66 n. Chr.) das siebte Minarett der Heiligen Moschee bildete.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 426. Obwohl Qāsim Beg bei dem Bau mit großer Eile vorging, wurden die vier Schulen erst unter der Herrschaft von Sultan Selim II. (reg. 1566–1774) fertig.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 353. Nach dem mekkanischen Geschichtsschreiber as-Sindschārī (gest. 1713) geschah dies im Jahre 977 (= 1569/1570 n. Chr.).as-Sinǧārī: Manāʾiḥ al-karam. 1998, Bd. IV, S. 385. Nach einem osmanischen Schreiben aus dem Jahre 1568 beliefen sich die Kosten für den Bau bis dahin auf insgesamt über 50.000 Golddinar.Faroqhi: Herrscher über Mekka. 1990, S. 133f.

Stellenausstattung und Finanzierung Süleymān bestimmte in seiner Stiftungsurkunde, dass jeder der vier Schulen jeweils ein Professor (müderris), ein Repetitor (muʿīd) und 15 Studenten (ṭalaba) zugewiesen wurden. Die Professoren sollten täglich 50 Akçe, die Repetitoren täglich 4 Akçe und die Studenten täglich 2 Akçe erhalten. Außerdem gab es noch Kammerdiener (farrāšūn) mit einem Gehalt von 2 Akçe täglich und Pförtner (bauwābūn) mit einem täglichen Gehalt von 1 Akçe. Der Inspektor der Stiftungen des Sultans in Syrien hatte die betreffenden Gelder jedes Jahr mit der syrischen Pilgerkarawane nach Mekka zu schicken, wo sie an die Lehrer und Studenten verteilt wurden.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 353. Den Lehrern wurde außerdem jedes Jahr ein Gewand aus Samt (qaṭīfa) zugeteilt.ʿAbd al-Maǧīd: „al-Madāris as-Sulaimānīya fī Makka al-mukarrama“. 2018, S. 756b.

Sultan Selim II., der den Bau der Madāris Sulaimānīya fertigstellte, bestätigte, dass die Erträge der Liegenschaften der Haramain-Stiftungen in Syrien für ihren Unterhalt verwendet werden sollten.Meḥmed ʿĀšiq: al-Aḫbār al-Makkīya. Arab. Übersetzung von Hišām ʿUǧaimī. 2018. S. 44. Zusätzlich gehörten zu dem Stiftungsvermögen der Einrichtung noch zwölf Wohnungen in Mekka.ʿAbd al-Maǧīd: „al-Madāris as-Sulaimānīya fī Makka al-mukarrama“. 2018, S. 756b, 773. Zwei davon, das Bait al-Chawādscha at-Tāhir und das Bait al-Chawādscha Bachschī am Bāb az-Ziyāda sind durch Erwähnungen bei Qutb ad-Dīn an-NahrawālīQuṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: al-Barq al-Yamānī fī l-fatḥ al-ʿUṯmānī. Ed. Ḥamad al-Ǧāsir. Dār al-Yamāma, Riad, 1967. S. 47f, 157. Digitalisat namentlich bekannt.

Das Gehalt von Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī, der 1567 den hanafitischen Lehrstuhl übernahm, wurde später durch den osmanischen Sultan Murad III. auf 60 Akçe erhöht, das von Husain ibn Abī Bakr al-Husainī, der den malikitischen Lehrstuhl innehatte und gleichzeitig auch als Rektor des Schulkomplexes fungierte, sogar auf 100 Akçe.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 353f. Al-Husainīs Vorzugsstellung hatte auch damit zu tun, dass er sich bei der Verlängerung der ʿAin-ʿArafāt-Leitung nach Mekka ausgezeichnet hatte. Schon als die Nachricht von dem erfolgreichen Abschluss der Bauarbeiten in Istanbul eingetroffen war, hatte Sultan Selim II. der malikitischen Madrasa, die in seinen Händen war, 800 Akçe geschenkt.as-Sinǧārī: Manāʾiḥ al-karam. 1998, Bd. III, S. 459. Al-Husainī führte als Rektor des Schulkomplexes auch die Kommunikation mit der Hohen Pforte. Als im Jahre 1575 der Verwalter der Sulaimānīya-Stiftungen in Syrien die Gehälter für die Repetitoren, Studenten und Angestellten von zwei Schulen zurückhielt, weil dort angeblich die Auflagen des Stifters nicht umgesetzt wurden, beschwerte sich deswegen al-Husainī brieflich bei der Hohen Pforte.ʿAbd al-Maǧīd: „al-Madāris as-Sulaimānīya fī Makka al-mukarrama“. 2018, S. 759, 771.

Der Verlust des madhhab-pluralen Charakters der Einrichtung mini|hochkant|Die Heilige Moschee auf einer İznik-Kachel (ca. 1650) im Victoria and Albert Museum. Die Madrasa Sulaimānīya, zu dieser Zeit bereits zu einer hanafitischen Ein-Lehrstuhl-Madrasa geschrumpft, ist durch vier größere Kuppeln mit roter Spitze unten rechts dargestellt. Während die osmanische Madhhab-Politik allgemein durch das Bestreben gekennzeichnet war, dem hanafitischen Madhhab eine Vorrangstellung zu verschaffen,ʿAbd al-Maǧīd: „al-Madāris as-Sulaimānīya fī Makka al-mukarrama“. 2018, S. 757b. stellten die Madāris Sulaimānīya mit ihren Lehrstühlen für alle vier sunnitischen Lehrrichtungen die wichtigste osmanische Initiative zur Aufwertung der anderen sunnitischen Lehrrichtungen dar. Der gute Wille, von dem diese Initiative getragen war, lässt sich daran erkennen, dass die Leitung dieses Schulkomplexes nicht einem Hanafiten, sondern einem Malikiten übertragen wurde, nämlich dem bereits genannten mekkanischen Qādī Husain al-Husainī. Seine Schule wurde auch als Hauptstück (raʾs) der vier Schulen betrachtet.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 353. Die Leitung der Einrichtung ging allerdings während der Herrschaft von Sultan Selim II. an den Imam des hanafitischen Maqāms über. Er sollte nach Beratung mit den Gelehrten der drei sunnitischen Lehrrichtungen die Lehrer der Schulen unter den Gelehrten und Qādīs auswählen.

Auch der madhhab-plurale Charakter der Madāris Sulaymānīya blieb nicht lange erhalten. Noch bevor die vier Schulen 1567 ihren Betrieb aufnahmen, wurde die hanbalitische Schule wegen des Mangels an „Personen, die im hanbalitischen Madhhab firm waren“ (man yakūn ṯābitan fī maḏhab al-Imām Aḥmad) in eine Hadith-Schule (dār al-ḥadīṯ) umgewandelt, in der die Sechs Bücher studiert wurden.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 354f. Den Lehrstuhl erhielt ein hanafitischer Gelehrter aus Gujarat, Muʿīn Chān ibn Āsaf Chān. Er war der Sohn von Āsaf Chān, dem Wesir des letzten Sultans von Gujarat, und scheint diesen Lehrstuhl sehr lange besetzt zu haben, denn aus einer erhaltenen osmanischen Urkunde geht hervor, dass er sich im Jahre 1604 wegen der Absetzung aus diesem Amt beim osmanischen Sultan beschwerte.ʿAbd al-Maǧīd: „al-Madāris as-Sulaimānīya fī Makka al-mukarrama“. 2018, S. 757b. Danach wurde der Lehrstuhl mit Mullā ʿAlā' ad-Dīn aus Bursa besetzt.