Eine Übersicht über die Philosophie der Gegenwart hat das besondere Problem, ihren Gegenstand überhaupt zu erfassen. Im Vergleich zu den Spezialwissenschaften reagiert das akademische Fach Philosophie eher retrospektiv – beispielsweise Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche wurden erst nach ihrem Tod berühmt.
Die Problematik liegt in der riesigen Auswahl und allgemeinverständlichen Interpretation der lebenden oder kürzlich verstorbenen Philosophen, die nicht selten andere Berufe und ungewöhnliche Perspektiven haben. Die Bewertung der verschiedenen Ansätze ist in der Fachwelt noch nicht gefestigt. Sie erfolgt unter dem Eindruck der Aktualität, des Zeitgeistes. Manchmal ist ein wesentlicher Teil eines Werkes noch nicht veröffentlicht oder haben bedeutende Philosophen ihre Position im Laufe des Lebens geändert.
Festzustellen ist, dass die analytische Philosophie zwar methodisch dominiert, aber in den Themen und Schulen ein ausgeprägter Pluralismus vorzufinden ist. Für alle vorgestellten Richtungen gilt, dass ihre Anfänge in der Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen; vgl. Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Die Situation im deutschen Sprachraum
Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland ist einerseits geprägt durch die Universitäten mit ca. 300 Stellen für Philosophie-Professoren. Wie z. B. der bekannte deutsche Sozialphilosoph Jürgen Habermas (Emeritiert 1994), der als Vertreter der Frankfurter Schule sich schrittweise von dem Hintergrund der Kritischen Theorie löste und mit seinen Schriften „Erkenntnis und Interesse“ sowie „Theorie des kommunikativen Handelns“ grundlegende Diskussionen anstieß.
Andererseits gibt es im deutschen Sprachraum sehr bekannte Philosophen, die keine habilitierten Professoren an einer Universität sind; wie z. B. Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski und Norbert Bolz.
Neben der dominierenden Debatte zur Philosophie des Geistes in der theoretischen Philosophie haben sich in der Ethik themenspezifische sogenannte Bereichsethiken entwickelt wie Umweltethik, Bioethik oder Technikethik, für die sogar spezifische Lehrstühle existieren. Hinzugekommen sind modernere Fächer wie Kulturphilosophie und Philosophische Anthropologie oder Medienphilosophie. Eine wachsende Bedeutung gewinnt auch die Interkulturelle Philosophie, in der bewusst der Austausch mit Vertretern der islamischen, asiatischen und afrikanischen Welt gesucht wird.
Mittlerweile verbreitet sind Initiativen wie die Philosophische Praxis, die unter anderem von Gerd B. Achenbach, Alexander Dill, Joachim Koch und Günther Witzany (in Österreich 1985) begründet wurde und die das philosophische Gespräch mit jedermann sucht, oder auch freie Philosophen wie Volker Caysa, Wilhelm Schmid, Gerhard Ernst etc.
Aus dem Schatten der großen deutschsprachigen Philosophen des 19. Jahrhunderts wie Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Friedrich Engels, sowie des 20. Jahrhunderts wie Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap, Martin Heidegger, Karl R. Popper, Hans-Georg Gadamer und Theodor W. Adorno ist in der aktuellen Diskussion noch kein prominenter Vertreter herausgetreten.
Zumindest in Deutschland einen guten Namen haben Bernhard Waldenfels und Heinrich Rombach als Vertreter für die Phänomenologie, Ernst Tugendhat und Peter Bieri in der analytischen Philosophie, Peter Janich und Jürgen Mittelstraß im Bereich des Erlanger Konstruktivismus, Karl-Otto Apel in der Diskursphilosophie bzw. im Neopragmatismus und Hans Albert als Vertreter des Kritischen Rationalismus. Gerhard Vollmer machte die Evolutionäre Erkenntnistheorie zu einer prominenten Position. Günter Abel und Hans Lenk entwickelten eine eigenständige erkenntnistheoretische Position des Interpretationismus. Neben Habermas bemüht sich Axel Honneth mit dem Schlüsselbegriff der Anerkennung um die Weiterentwicklung der Kritischen Theorie. Herta Nagl-Docekal ist eine bekannte Vertreterin der feministischen Philosophie. Als Vertreter eines Idealismus kann man Vittorio Hösle nennen und für die Wissenschaftstheorie Paul Hoyningen-Huene. Den Versuch einer postneukantianisch kritisch erneuerten Transzendentalphilosophie haben in einem revidierten Anschluss an Kant Werner Flach, Hans D. Klein, Kurt W. Zeidler unternommen, Harald Holz noch dazu unter Rückgriff auf sachliche Motive auch eines neuplatonisch verstandenen transzendentalen Idealismus (Fichte, Hegel, Schelling), Peter Rohs und Lorenz Puntel unter Einarbeitung von Motiven analytischer Philosophie. Im Bereich der Wissenschaftstheorie sind unter anderem Paul Hoyningen-Huene und Martin Carrier bekannte Namen. Bekannte Vertreter eines rationalen Kritizismus sind Herbert Schnädelbach und Otfried Höffe. Odo Marquard gilt als Vertreter eines modernen Skeptizismus.
Eine gewisse Nähe der gegenwärtigen Philosophie zur allgemeinen politischen Diskussion zeigt die Einrichtung gesetzlich festgelegter Ethikräte bzw. Ethikkommissionen, etwa in Verbindung mit der Erforschung von Stammzellen. Im speziellen medizinischen Fall (Stammzellen) sind von den neun Vertretern der Ethikkommission allerdings fünf aus dem Bereich Medizin/Gentechnik und je zwei aus den Bereichen Theologie und Ethik (Ludwig Siep und Claudia Siepmann), so dass die Kontrollfunktion nur begrenzt sichergestellt ist. In Österreich gibt es gar eine Ethikkommission für die Bundesregierung und eine Bioethikkommission im Bundeskanzleramt. Ein weiteres Thema in diesem Bereich ist die – wenn auch kurze – Tätigkeit von Julian Nida-Rümelin als Staatsminister für Kultur.
Als weitere Strömungen der Gegenwartsphilosophie sind die Bemühungen um Philosophie mit Kindern, die Unternehmensphilosophie und Philosophiedidaktik anzusehen, da in vielen Schulen Philosophie, Ethik oder sogenannter lebenskundlicher Unterricht als Schulfach gelehrt wird. Ein Weg zur Heranführung junger Menschen an das Thema ist die Philosophie-Olympiade, die jährlich in verschiedenen Ländern der Welt stattfindet und für die auf Ebene der Bundesländer in Deutschland ein Vorwettbewerb stattfindet.
Erwähnenswert ist ebenfalls die Deutsche Gesellschaft für Philosophie, der mitgliederstärkste Dachverband für Philosophie im deutschsprachigen Raum. Auch verschiedene Schulbildungen des 20. Jahrhunderts, wie die Ritter-Schule, sind einflussreich. Zudem gibt es zahlreichen Philosophiezeitschriften.
Die Situation in Frankreich und Italien Poststrukturalismus / Dekonstruktion
Als poststrukturalistisch wird eine Reihe von Positionen bezeichnet, die in und aus den Werken von Jacques Lacan, Roland Barthes, Julia Kristeva, Louis Althusser und Michel Foucault entwickelt wurden. Der Poststrukturalismus ist eine Denkrichtung, die ihren Ausgangspunkt in einer Kritik des Strukturalismus hat. Der Poststrukturalismus stellt den Strukturbegriff des klassischen Strukturalismus in Frage, der Wandel selbst gerät in den Fokus des Poststrukturalismus und die (politische) Frage danach, wie gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Formationen, die mit Macht und Zwang verknüpft sind, verändert werden können. Als jüngere Vertreter, die auch dem Poststrukturalismus bzw. der Postmoderne zuzurechnen sind, kann man Slavoj Žižek, Luce Irigaray, und Jean-Luc Nancy nennen.
Der Strukturalismus wie der Poststrukturalismus wurde direkt wie indirekt von Heidegger geprägt, was zu wesentlichen Kritikpunkten an dieser Theorierichtung führte. Beachtlich ist dabei der Einfluss Heideggers auf die französischen (Post-)Strukturalisten, sowie die inhärente theoretische Nähe v. a. Derridas zur Ontologie.
Jacques Derrida übt in seinem dekonstruktiven Ansatz Kritik an der phänomenologischen Methode, die ebenfalls zu dekonstruieren sei. Dekonstruktion ist dabei keine Methode, sondern Praxis. Dies bedeutet, sie muss nach dem jeweiligen Gegenstand immer anders verfahren und ist nicht immer gleich anwendbar. Dekonstruktion ist theoretisch niemals abgeschlossen.
Vereinfacht gesagt: Fragt ein Poststrukturalist „Warum bin ich so und nicht anders?“, so stellt Derrida die Frage „Warum bin ich ich (einer) und nicht niemand oder mehrere?“
Vielfach wird der Dekonstruktion auch eine ethische Komponente zugesprochen (vgl. Moebius 2003), da sie die Beziehung zum Anderen eröffnet, zu einem bislang Ungedachten oder Ausgeschlossenen. Der Ethikbegriff der Dekonstruktion geht zurück auf die Philosophie von Emmanuel Levinas. Ganz klar äußert sich Derrida dazu. In seinem Text Gesetzeskraft. Der mystische Grund der Autorität (1991) äußert er: „Dekonstruktion ist Gerechtigkeit“.
Auch Richard Rorty kritisiert den Poststrukturalismus als verspielt, da er durch seine ablehnende und kritische Haltung zur Ontologie und Metaphysik deren „erreichte Freiheit“ negiert.
Besonders in den USA entwickelte sich in diesem Sinne eine „dekonstruktivistische“ Schule, die eine Verfallsform von Dekonstruktion als Methode benutzt, um metaphysische Vokabeln innerhalb von Texten zu identifizieren.
Jacques Derrida
Jacques Derrida (1930–2004) war ein französischer Philosoph, der als Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion gilt. Er war von Friedrich Nietzsche, Ferdinand de Saussure, Martin Heidegger, Edmund Husserl, Georges Bataille und Sigmund Freud sowie vom Aufeinandertreffen jüdischer, christlicher und islamischer Denktradition/Mystik beeinflusst.
Nach Derrida ist Dekonstruktion keine Methode, d. h. nach einer bestimmten Vorgehensweise geprägte Philosophie, sondern eine Praxis, die sich immer auf bestimmte, aktuelle Themen bezieht. Dekonstruktion nimmt das Behauptete zur Kenntnis, um sich dann sogleich darauf zu konzentrieren, was dieses Behauptete alles nicht behauptet, auslässt und verneint. Sie richtet den Fokus demnach auf das Nichtgesagte. Dieses soll herausgestellt und konzentriert werden, sodass der Negativabdruck der Aussage deutlich wird.
Deswegen gibt es laut Derrida weder „eine“ Dekonstruktion, noch „die“ Dekonstruktion.
Praktisch kann man sich Dekonstruktion so vorstellen, dass etwa Begriffe und ihre Entstehungsgeschichte hinterfragt, Diskurse auf ihre Sprecher/Schreiber und ihre intrinsischen Bedingungen hin untersucht werden. Dabei kann Dekonstruktion in Text/Theorie am Werk sein, aber auch zum Beispiel im FilmRealFictionFilme: "Derrida – Ein Film von Kirby Dick und Amy Ziering Kofman", in der Kunst, in der Mode, Musik oder Architektur. Im dekonstruktiven Rahmen ist selbst ein Fußballspiel als „Text“ zu lesen.
Dabei führt er den Leser nicht auf eine Metaebene des Verstehens, er erreicht die Distanz zum dekonstruierten „Text“ zum Beispiel dadurch, dass er die impliziten Annahmen explizit macht, aber auch indem er sonst gängige Begriffe als Zitate einführt. Zentral ist hier seine methodische Ablehnung der Idee einer phonetischen (alphabetischen) Schrift, in der Phonae (Laute) durch Grapheme (bleibende Spuren) als Phoneme (abstrakte Spracheinheiten) repräsentiert werden.
Adaptiert wurde der dekonstruktive Ansatz besonders für sozialwissenschaftliche Theorien, die sich mit Identitäten oder Identifizierungen beschäftigen, wie zum Beispiel die Queer-Theorie oder die feministischen Theorien (Judith Butler) oder Kulturtheorien. Hier werden mittels vereinfachter „Dekonstruktion“ die Stabilitäten und Wesenheiten von Identitäten hinterfragt und nach neuen politischen Wegen gesucht.
In den letzten Werken von Derrida wird immer mehr sein Bezug zum Denken des französischen Philosophen Emmanuel Levinas offenbar, in dessen Mittelpunkt die Beziehung zum Anderen stand. Dieser Andere ist ein singulärer Anderer und ganz anders. Jeder andere ist ganz anders. Von hier aus entwickelt Derrida auch seine Entscheidungstheorie. Jede Entscheidung sei eine passive Entscheidung des Anderen in mir. Ebenso kennzeichnet er die Praxis der Dekonstruktion als die Ermöglichung einer Beziehung oder eines Empfangs des Anderen. Im Gegensatz zu Levinas ist bei Derrida das Andere oder der Andere nicht auf Menschen beschränkt.