Dora Sophie Kellner (geschiedene Pollak, geschiedene Benjamin, verheiratete Morser; geboren am 6. Januar 1890 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben am 24. Mai 1964 in London) war eine österreichische Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin.
Sie entstammte einer jüdischen Familie und wuchs in Wien, Troppau, London und Czernowitz auf. Nach Ablegen der Matura studierte sie Chemie und Philosophie an der Universität Wien. Ihre erste Ehe mit Max Pollak (verh. 1912–1916) führte sie nach Berlin, wo sie auch ihren zweiten Ehemann Walter Benjamin (verh. 1917–1930) kennenlernte. Aus der Ehe ging ein Sohn, Stefan Rafael Benjamin (1918–1972), hervor. Nach einer Tätigkeit als Auslandskorrespondentin bei der Nachrichtenagentur United Telegraph publizierte sie in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Ihre Themenschwerpunkte reichten von Politik und Literatur über die Emanzipation der Frau bis hin zu Musik und Medienkritik. Sie arbeitete als Verlags-, Zeitschriften- und Rundfunk-Redakteurin sowie als Übersetzerin und veröffentlichte 1930 ihren ersten Roman Gas gegen Gas (auch: Das Mädchen von Lagosta). Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, emigrierte Dora Kellner zunächst nach Italien und 1938, infolge der Verschärfung der anti-jüdischen Gesetze, nach England. Eine Scheinehe mit Harry Morser, den sie noch aus Wien kannte, ermöglichte ihr die permanente Übersiedlung nach London, wo sie bis zu ihrem Tod als Hotelbetreiberin tätig war.
Leben
Kindheit und Jugend Dora (eig. Deborah, hebräisch für „Biene“) Sophie Kellner wurde 1890 als zweites von drei Kindern in eine jüdische Familie in Wien geboren, ihre ältere Schwester Paula Arnold wurde Journalistin. Sie wuchs neben Wien in Troppau, London und Czernowitz auf und wurde lange zu Hause, von Erzieherinnen und ihren Eltern, der Übersetzerin Anna Kellner und dem Anglisten und Zionisten Leon Kellner, einem engen Freund von Theodor Herzl, unterrichtet. Nach dem Umzug der Familie nach Czernowitz, wo ihr Vater auf eine Professur berufen worden war, besuchte sie mit 14 Jahren erstmals eine Schule. Neben dem Unterricht am Mädchenlyzeum, das sie mit einer Lyzeal-Matura abschloss (diese ‚Mädchenmatura‘ berechtigte zum Besuch eines Lehrerinnenseminars oder zur Gasthörerschaft an der Universität, nicht jedoch zum ordentlichen Studium), übte sie fleißig Gesang und Klavier. Beethoven war ihr Lieblingskomponist. Zurück in Wien, besuchte sie ab 1907 die reformpädagogische Eugenie-Schwarzwald-Schule. Dort wurde sie auf die reguläre Matura, die Mädchen damals nur extern ablegen konnten, vorbereitet. Dora Kellner legte die Matura schließlich 1909 am elitären Akademischen Gymnasium in Wien ab, und zwar als einzige von acht extern antretenden Schülerinnen mit Auszeichnung. Im Anschluss inskribierte sie sich an der Universität Wien für die Fächer Chemie und Philosophie. Letzteres hörte sie vor allem bei Friedrich Jodl und Wilhelm Jerusalem.
Ehen und Studium mini|Unbekannter Fotograf: Dora Benjamin, geb. Kellner, mit Sohn Stefan, um 1920, London, Archiv Mona und Kim Benjamin Dora Kellner heiratete am 30. Juni 1912, mit 22 Jahren, den ein Jahr älteren Studenten Max Pollak, Sohn einer reichen Industriellen-Familie, der wie ihre Mutter aus Bielitz, heute Bielsko-Biala, stammte. Es ist möglich, dass es sich um eine von ihren Eltern arrangierte Ehe handelte. Dem britischen Geheimdienst sagte sie später, dass die Ehe „nie vollzogen“ worden sei. Das Ehepaar zog bald gemeinsam nach Berlin, wo sie sich beide an der Universität für Chemie und Philosophie einschrieben. Sie besuchten des Öfteren den 1913 gegründeten Sprechsaal, der als Diskussionsforum der Jugendkulturbewegung um Gustav Wyneken galt. Junge Künstler und Intellektuelle, Männer wie Frauen, trafen sich dort, um kritisch über Erziehung, die Frauen- und Friedensbewegung, Kunst, Literatur und Sexualität zu diskutieren. In diesem Umfeld lernte Dora Pollak im Mai 1914 Walter Benjamin kennen, mit dem sie spätestens ab 1916 – jenem Jahr, in dem auch die Scheidung von Max Pollak vollzogen wurde – eine Liebesbeziehung führte. Am 17. April 1917 heirateten die beiden und begaben sich, da Benjamin seiner Einziehung in den Krieg entgehen wollte, in die Schweiz, mit einem ärztlichen Attest, das von Ischias-Symptomen sprach. Angeblich soll Dora die Kunst der Hypnose beherrscht und diese künstlich hervorgerufen haben. Nach Stationen in Dachau, Zürich und St. Moritz ließen sie sich vorübergehend in Bern nieder, wo Benjamin sein Studium mit der Promotion abschloss und am 11. April 1918 der gemeinsame Sohn, Stefan Rafael (1918–1972), zur Welt kam. Nach weiteren Reisen durch die Schweiz und häufig wechselnden Wohnsitzen, unter anderen im Sanatorium von Doras Tante Henriette Weiß in Breitenstein am Semmering und bei ihren Eltern in Wien, gingen die Benjamins zurück nach Berlin, wo sie zunächst bei Benjamins Eltern auf der Delbrückstr. 23 wohnten. Da sowohl das beträchtliche Vermögen, welches Dora aus ihrer letzten Ehe mitgebracht hatte, als auch Walters Erbvorschuss allmählich aufgebraucht waren, begann Dora Vollzeit bei der Agentur United Telegraph zu arbeiten, für die sie Nachrichten ins Englische oder ins Deutsche übertrug. Neben dieser Tätigkeit übersetzte sie auch abends und nachts, z. B. den fast 400 Seiten umfassenden Reiseführer Palästina und Südsyrien von Jesajas Press vom Deutschen ins Englische. Das Zusammenleben der Benjamins gestaltete sich immer schwieriger. Walter Benjamin ging eine Beziehung zu der Bildhauerin Jula Cohn ein. Dora widmete sich nach einer längeren Affäre mit dem Musiker und späteren Radio-Pionier Ernst Schoen, einer schweren überstandenen Krankheit (Lungenspitzenkatarrh) und (mindestens) einer Abtreibung wieder verstärkt ihrer Familie und ihrer Karriere.
Karriere als Journalistin Ihr Aufsatz Die Waffen von morgen,Nachlesbar online im . in dem sie ein Verbot des Einsatzes von chemischen Waffen in Kriegen forderte, erschien am 29. Juni 1925 auf der ersten Seite der Vossischen Zeitung. Nach diesem politischen Beitrag, der trotz Unterzeichnung mit ihren Initialen „dsb.“ häufig Walter Benjamin zugeschrieben wurde (z. B. findet er sich in den Gesammelten Schriften Benjamins), widmete sie sich stärker der Komik und der Satire. Sie schrieb häufig Artikel und kurze satirische Erzählungen zu sogenannten Frauenthemen (z. B. die Erzählung „Urlaub von der Ehe“, die 1926 in der Zeitschrift Uhu erschien), unter anderem über das mediale Konstrukt der „neuen Frau“, weitete ihre Themengebiete aber auch auf Musik und Medienkritik aus. In ihren satirischen Erzählungen benutzt sie oft die fiktive Ich-Form, indem sie entweder in die Rolle einer naiven Hausfrau, einer verwöhnten Gesellschaftsdame oder einer kritischen Beobachterin schlüpft. Hinter dem leichten, umgangssprachlichen Ton verbirgt sich scharfe Kritik an der Rolle der Frau in der Weimarer Republik, die zwar berufstätig sein durfte und sollte, aber trotzdem dem Ehemann zu gefallen hatte und ohne seine Erlaubnis nicht einmal ein Konto eröffnen durfte. Zwischen den Zeilen moniert sie immer wieder, dass es den meisten Frauen der Mittel- und Oberschicht trotz Wahlrechts an elementarem politischen Bewusstsein fehle. Nach einer Stellung als Redakteurin beim Ullstein Verlag wurde sie im Dezember 1926 Chefredakteurin der Zeitschrift Die praktische Berlinerin, die sich schwerpunktmäßig der Mode, Kindererziehung und Kochrezepten widmete, aber auch über die Entwicklung der Frauenbewegung informierte und literarische Beiträge (z. B. in jeder Nummer einen Fortsetzungsroman) veröffentlichte. Für die Mitarbeit an dieser Zeitschrift zog sie auch ihre Schwester Paula Arnold und ihre Mutter Anna Kellner heran. Daneben schrieb Dora Benjamin auch für Die Dame, bei der zahlreiche berühmte Autoren und Autorinnen wie Arthur Schnitzler, Alfred Polgar, Vicky Baum oder Gina Kaus publizierten. Dort bediente sie die verschiedensten Genres wie Literaturkritik, Kurzgeschichte und Satire, wobei in den Kurzgeschichten ein poetischer Ton vorherrscht, der sich zum Teil dem inneren Monolog nähert, wie z. B. in dem Text „Stille Musik“, einer Betrachtung über sukzessive Entfremdung in einer modernen Ehe. Daneben übersetzte sie literarische Texte vom Englischen ins Deutsche. 1927 erschienen beispielsweise die von ihr übersetzten Kriminalerzählungen G. K. Chestertons unter dem Titel Ein Pfeil vom Himmel beim Verlag Die Schmiede in Berlin. Mit einigen der von ihr übersetzten Autoren, vor allem Joseph Hergesheimer und Henry Louis Mencken, stand sie in langjähriger freundschaftlicher Korrespondenz und half ihnen, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen.Vgl. Henry Louis-Mencken-Papers in der Library of Congress, Washington; Hergesheimer-Collection in der University of Texas, Harry Ransom Center. Ab 1928 veröffentlichte sie zudem in der Literarischen Welt, einer der wichtigsten Literaturzeitschriften der Weimarer Republik, für die auch ihr Ehemann arbeitete, allerdings zu anderen Themen. Während Walter Benjamin sich auf russische und französische Literatur sowie Theaterkritik konzentrierte, schrieb Dora über englische und amerikanische Literatur sowie literarische Übersetzungen aus dem Chinesischen. Es waren keine „Rezensionen“ im klassischen Sinne, sondern kleine Essays, in denen sie die poetische und psychologische Substanz der besprochenen Werke zu erfassen suchte. Dabei schreckte sie vor sehr scharfen Urteilen nicht zurück. Über einen Roman der amerikanischen Bestseller-Autorin Fannie Hurst schrieb sie zum Beispiel, er sei „unlogisch im Aufbau“ und zerre mit Themen wie „Kindesentführung, Trunksucht, Notzucht und Totschlag“ an den Nerven der Leser, um mit einem Happy End aufzuwarten, das so wirke, „als ob ein ... in schmierige Lumpen gekleideter Bettler plötzlich eine strahlende Ephebenmaske“ aufsetze. Ab Januar 1928 war sie außerdem Mitarbeiterin der Rundfunk-Reihe „Frauenfragen und Frauensorgen“, die im Sender Berlin ausgestrahlt wurde, und gestaltete einen Zyklus zum Thema Kind („Das Kind und die Lüge“, „Das Kind und die Angst“, „Das Kind, die Arbeit und das Geld“ und „Das Kind und die Ehe“) sowie einen zum Thema Ehe („Ehe und Wohnungsnot“, „Die amerikanische Ehe“, „Die Kameradschaftsehe“ und „Ehe-Urlaub“). Die Manuskripte und Tondokumente sind nicht überliefert, aber die Titel deuten bereits an, „dass Dora Sophie Kellner, wie sie sich nun durchweg nannte, nicht die üblichen Hausfrauenthemen bediente, sondern auf der Höhe des aktuellen gesellschaftlichen Diskurses stand“. Die Rundfunk-Sendung ebenso wie Die praktische Berlinerin wurden allerdings zusehends konservativer und verschwanden schließlich ganz aus der deutschen Medienlandschaft.
Scheidung und erster Roman