Die Gewöhnliche Fischernetzspinne (Segestria senoculata), manchmal wie die Familie nur als Fischernetzspinne bezeichnet, ist eine Webspinne aus der Familie der Fischernetzspinnen (Segestriidae). Sie ist paläarktisch verbreitet und bewohnt vorzugsweise Wälder. Wie alle Fischernetzspinnen zeichnet sie sich durch das langgestreckte Erscheinungsbild, die charakteristische Beinstellung der drei nach vorne gerichteten Beinpaare und die sechs (anstelle der bei Spinnen üblichen acht) Augen aus. Die Art ist eine mittelgroße Spinne mit mehrheitlich brauner Färbung.
Auch das Verhalten der Gewöhnlichen Fischernetzspinne entspricht grundsätzlich dem anderer Fischernetzspinnen. Sie legt demnach ein Trichternetz an, das sich weiter hinten zu einer Wohnröhre verjüngt, die der Spinne als Aufenthaltsort dient. Von dort aus gehen trichterförmig mehrere wie Stolperdrähte funktionierende Spinnfäden aus. Sie dienen der der Spinne dazu, Beutetiere zu immobilisieren und deren Lokalisierung seitens der Spinne zu ermöglichen. Geortete Beute wird dann schnell gepackt und in die Wohnröhre zum Verzehr transportiert. Vor der Paarung findet eine Balz statt. Ein begattetes Weibchen legt daraufhin einen Eikokon an und bewacht ihn in seiner Wohnröhre. Die geschlüpften Jungtiere wachsen anschließend selbstständig über mehrere Häutungsstadien heran.
Die Arachnologische Gesellschaft (AraGes) wählte die Gewöhnliche Fischernetzspinne zur Spinne des Jahres 2025. Gründe dafür sind unter anderem die für Spinnen recht atypischen Merkmale und eine erhoffte Aufklärung des genauen Vorkommens der Spinne.
Merkmale mini|Dorsale Detailansicht eines Weibchens mit gut erkennbarem Peltidium bzw. Carapax Das Weibchen der Gewöhnlichen Fischernetzspinne hat laut Sven Almquist (2005) eine Körperlänge von 7 bis 11 und durchschnittlich 8,6 ± 1,2 Millimetern und das Männchen eine von 6,1 bis 8 und im Durchschnitt 6,9 ± 0,6. Damit handelt es sich um einen mittelgroßen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae). Der grundsätzliche Körperbau der Art gleicht dem anderer Echter Fischernetzspinnen (Segestria), womit auch diese Art einen zylindrischen Habitus (Erscheinungsbild) hat und die drei vorderen Beinpaare nach vorne gerichtet sind.
+ Maße des Peltidiums der Gewöhnlichen Fischernetzspinne nach AlmquistGeschlecht Länge in mm Durchschnittliche Länge in mm Breite in mm Durchschnittliche Breite in mm Längen-Breiten-Verhältnis Durchschnittliches Längen-Breiten-Verhältnis Anzahl untersuchter TiereWeibchen2,85 bis 4,433,56 ± 0,361,79 bis 2,832,34 ± 0,231,35 bis 1,461,53 ± 0,0922Männchen2,83 bis 4,213,21 ± 0,341,90 bis 2,442,17 ± 0,181,37 bis 1,621,49 ± 0,0916
Der Carapax hat eine braune Grundfärbung, wobei er anterior (vorne) dunkler erscheint. Die Cheliceren (Kieferklauen) sind fast schwarz und dicht mit feinen Setae (Haaren) bedeckt. Das Sternum (Brustschild des Prosoma) hat eine bräunliche Färbung, die Beine sind gelblich braun und braun geringelt. Auch die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) sind braun gefärbt. Das Opisthosoma (Hinterleib) weist dorsal (oben) eine gelblich graue bis bräunliche Grundfarbe und zusätzlich dunkelbraune Punkte sowie ein wellig begrenztes braunes medianes (mittleres) Band. Ventral (unten) ist das Opisthosoma blasser und trägt dort ebenfalls braune Punkte.
Sexualdimorphismus mini|Männchen Wie einige Spinnen weist auch die Gewöhnliche Fischernetzspinne einen stark ausgeprägten Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) auf. So hat das Männchen an den Metatarsen (Fersengliedern) drei Paare ventrolateraler (unten seitlicher) Stacheln und dazu jeweils zwei einzelne ventromediale (unten mittlere). Seine Beinformel (absteigende Längenformel der Beinpaare) lautet 1-2-3-4. Das beim Weibchen deutlich länger ovale Sternum (Brustschild des Prosoma) erstreckt sich, anders als beim Männchen, posterior (hinten) nicht bis zu den Coxae (Hüftgliedern) des vierten Beinpaars. Außerdem haben die Metatarsen des Weibchens je 4 lange ventrale Stacheln und daneben einen basal (an der Basis gelegen) angeordneten. Die Beinformel des Weibchens lautet 1-2-4-3, seine Pedipalpen tragen jeweils eine kleine Klaue. Die Buchlungen sind beim Weibchen im Gegensatz zum Männchen gelblich weiß abgesetzt und seine Spinnwarzen sind blasser.
Genitalmorphologische Merkmale mini|Einzelner Bulbus eines Männchens Die Geschlechtsorgane der Gewöhnlichen Fischernetzspinne sind vergleichsweise einfach aufgebaut. Die Bulbi (männliche Geschlechtsorgane) sind birnenförmig und besitzen je einen spiral verlaufenden Samenschlauch. Die abgestumpft erscheinende Spitze der Bulbi ist stark gebogen. Dem Weibchen der Art fehlt wie bei allen Vertretern der Haplogynae eine Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan). Stattdessen hat es eine transversale (quer verlaufende) Genitalöffnung.
Unterschiede zur Bayerischen Fischernetzspinne +Bayerische Fischernetzspinne (Segestria bavarica)WeibchenMännchen100x100px100x100px Eine der Gewöhnlichen Fischernetzspinne sehr ähnliche Art ist die ebenfalls zu den Echten Fischernetzspinnen (Segestria) zählende Bayerische Fischernetzspinne (S. bavarica), die teilweise mit der Gewöhnlichen Fischernetzspinne gemeinsam vorkommt. Die Bayerische Fischernetzspinne kann jedoch länger sein. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Bestachelung an den Metatarsen des ersten Beinpaares, die bei der Bayerischen Fischernetzspinne aus nur zwei Stacheln je Bein besteht. Außerdem besitzt die Bayerische Fischernetzspinne im Gegensatz zur Gewöhnlichen ein überwiegend unbehaartes Prosoma (Vorderkörper). Ebenso ist die Zeichnung auf dem Opisthosoma der Bayerischen Fischernetzspinne nicht durchgehend. Überdies sind die Bulbi der Bayerischen Fischernetzspinne nur leicht gebogen und außerdem zweigeteilt, während die weibliche Geschlechtsöffnung eine langgezogene Gestalt besitzt.
Verbreitung und Lebensräume mini|Weibchen auf Baumrinde, gefunden in Österreich Das Verbreitungsgebiets der Gewöhnlichen Fischernetzspinne umfasst Europa, die Türkei, Georgien, den südöstlichen europäischen Teil Russlands und den Iran, außerdem erfolgte 2023 ein Nachweis der Art aus Algerien. Bevorzugtes Habitat (Lebensraum) der Art ist unter der Rinde von Baumstämmen in Wäldern und Gehölzen, daneben auch unter Steinen, in Ritzen und Löchern von Holz- und Steinbauten. Die Spinne kommt in Höhen von bis zu 2.020 Metern über dem Meeresspiegel vor.
Häufigkeit und Gefährdung Die Gewöhnliche Fischernetzspinne ist im Allgemeinen ziemlich häufig. Auch ihre Bestände werden in nahezu allen Ländern, wo die Art erfasst wird, als ungefährdet gewertet. In der Roten Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands von 2016 wird die Art als „ungefährdet“ gewertet, da sie dort allgemein als häufig gilt und ihre Bestände sowohl kurz- als auch langfristig gleichbleibend sind. Die Bewertung in der vorherigen Version dieser Roten Liste aus 1996 fiel gleich aus. Auch in der Roten Liste der Spinnen Kärntens (1999) wird die Spinne nach IUCN-Maßstab in der Kategorie LC („Least Concern“, bzw. nicht gefährdet) erfasst.
In der Roten Liste Großbritanniens (2017) wird die Gewöhnliche Fischernetzspinne nach gleichem Maßstab in der Kategorie LC („Least Concern“, bzw. nicht gefährdet) erfasst. Gleiches gilt für die Rote Liste der Spinnentiere (Arachnida) Norwegens (2015). In der Roten Liste der Spinnen Tschechiens (2015) ist sie in der Kategorie ES („Ecologically Substainable“) gelistet. Diese Kategorie wird dort für häufige, synanthrope Arten verwendet, die in geläufigen Habitaten vorkommen und stabile Populationen haben. Daneben wird diese Kategorie für Pionierarten verwendet.Milan Řezák, Antonín Kůrka, Vlastimil Růžička, Petr Heneberg (2015): Red List of Czech spiders: 3rd edition, adjusted according to evidence-based national conservation priorities. Biologia (Bratislava) 70 (5): 645—666. doi:10.1515/biolog-2015-0079
Lebensweise mini|Weibchen in seinem Spinnennetz in der charakteristischen Lauerhaltung Die Gewöhnliche Fischernetzspinne ist wie Fischernetzspinnen (Segestriidae) generell nachtaktiv und netzbauend. Sie lebt – von ausgewachsenen Männchen auf der Suche nach Geschlechtspartnern ausgenommen – allgemein in den Wohnröhren ihrer Fangnetze unter Baumrinde, in Mauerlöchern, unter Steinen und in Gebälk.
Jagdverhalten und Beutespektrum mini|links|Netz der Gewöhnlichen Fischernetzspinne mini|Weibchen mit erbeuteter Wanze Die wie alle Spinnen räuberisch lebende Gewöhnliche Fischernetzspinne legt ein für die Familie typisches Spinnennetz für den Beutefang an, das von der Gestalt her an ein Fischernetz erinnert, wodurch die Fischernetzspinnen (Segestriidae) ihren Trivialnamen erhielten. Dieses auf Basis eines Trichternetzes angelegtes Gespinst setzt sich aus einem verjüngten Gespinstschlauch zusammen, von dem radiär aus mehrere einzelne Spinnfäden ausgehen. Der Gespinstschlauch dient dabei als Wohnröhre und somit als Aufenthaltsort der Spinne, in dem sie sich am Tag versteckt. In der nächtlichen Aktivitätszeit kommt sie dann hervor und lauert am Röhreneingang und nimmt die für Fischernetzspinnen charakteristische Lauerhaltung ein, bei der die drei vorderen Beinppare nach vorne und außen und das vierte hinten positioniert werden. Diese besondere Lauerposition wird durch den Körperbau der Spinne, bzw. ihre zylindrische Körperform und die drei ersten nach vorne gerichteten Beinpaare ermöglicht. Die Wohnröhre ist nach hinten hin geöffnet und ermöglicht es den Spinnen somit, bei Gefahr durch die hintere Öffnung zu fliehen.
Zum Beutefang dienen die radiär ausgehenden Signalfäden, die Beutetiere aber nur anzeigen, nicht festkleben. Das Gespinst der Gewöhnlichen Fischernetzspinne stellt vermutlich, wie das anderer Fischernetzspinnen auch, eine frühere Form des Netzbaus von Spinnen dar, aus dem später Spinnennetze mit Klebefäden hervorgingen. Berührt ein Beutetier einen der Fäden, eilt die Spinne herbei und versetzt ihm mittels der Cheliceren einen Giftbiss, der das Beutetier flucht- und wehrunfähig macht. Die Beute wird anschließend schnell in die Wohnröhre gezogen und dort verzehrt. Der Grund für das hastige Beutefangverhalten liegt in der ausbleibenden Klebefunktion der Fäden, sodass die Spinne schnell agieren muss, um das nicht immobilisierte Beutetier zu ergreifen. Es ist möglich, die Spinne durch Berührung der Signalfäden recht einfach aus ihrem Wohngespinst zu locken. Die Gewöhnliche Fischernetzspinne ist somit ein Lauerjäger. Sie ist dabei euryphag (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesen) und ihr Nahrungsspektrum setzt sich aus anderen Gliederfüßern wie Insekten und Asseln zusammen. Auch wehrhafte Beutetiere wie Wespen werden von der Art erlegt. Diese werden vorne am Abdomen (Hinterleib) gepackt, sodass die Spinne außerhalb der Reichweite von Giftstachel wie auch Mandibeln (Mundwerkzeuge) einer ergriffenen Wespe bleibt.
Lebenszyklus und Phänologie Der Lebenszyklus der Gewöhnlichen Fischernetzspinne entspricht vom Grundsatz her dem anderer Fischernetzspinnen (Segestriidae). Die Phänologie (Aktivitätszeit) ausgewachsener Individuen beider Geschlechter ist ganzjährig, mit Höhepunkt im Sommer. Ein ausgewachsenes Männchen der Art verlässt sein Netz und begibt sich auf die Suche nach einem Weibchen. Hat es eines gefunden, rüttelt es zur Balz an den Signalfäden des Netzes des Weibchens. Sofern das Weibchen nicht aggressiv reagiert, kommt es zur Paarung, bei der das Männchen mit gespreizten Cheliceren das Opisthosoma des Weibchens umklammert.