Die Medizin in der mittelalterlichen islamischen Welt beschreibt die Heilkunde des Mittelalters (etwa 600 bis 1492) im Nahen Osten, Nordafrika und Andalusien vom siebten bis zum dreizehnten Jahrhundert, wie sie vor allem in arabischer Sprache überliefert wurdeDietrich Brandenburg: Priesterärzte und Heilkunst im alten Persien. J. Fink Verlag, Stuttgart 1969; hier zitiert: Sonderausgabe unter dem Titel Der Arzt in der Altpersischen Kultur. Robugen, Esslingen 1969, S. 104. und deshalb auch als arabische Heilkunde bzw. arabische MedizinVgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 15–16 (Arabische Heilkunde). bezeichnet wird, wobei viele bedeutende Gelehrte dieser Zeit aus dem persischen Kulturraum stammten.
Sie beruht auf dem Wissen und den Vorstellungen der antiken griechisch-römischen und späteren byzantinischen Medizin, systematisierte, interpretierte und ergänzte diese zum Teil.Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 101–103.Vgl. auch Heinrich Schipperges: Die Rezeption arabisch-griechischer Medizin und ihr Einfluß auf die abendländische Heilkunde. In: Peter Weimar (Hrsg.): Die Renaissance der Wissenschaften im 12. Jahrhundert. Zürich 1981 (= Zürcher Hochschulschriften. Band 2), S. 173–191.
mini|Miniatur aus der Materia Medica des Dioskurides, 1229 mini|Ausdehnung der islamischen Welt
Der sich seit dem 7. Jahrhundert ausbreitende Islam erreichte bis zum Ende des betrachteten Zeitraums einen großen Teil der damals in Europa, Afrika und Asien bekannten Welt. In den verschiedenen Regionen der islamischen Welt entwickelten sich im Verlauf der Zeit unterschiedliche medizinische Traditionen oder Schulen. Arabisch als gemeinsame Sprache der islamisch geprägten Zivilisation wurde auch von jüdischen, christlichen und anderen Ärzten benutzt und kennzeichnet die Medizin des islamischen Kulturraums, die deshalb auch als „arabische“ oder „arabisch-persische“ sowie „arabisch-islamische“ Medizin oder Heilkunde bezeichnet wird.
Die in arabischer Sprache aufgezeichnete Medizin der damaligen Zeit beeinflusste die Ärzte des westlichen Mittelalters,Sami Harmaneh: Arabic medicine and its impact on teaching and practice of the healing arts in the West. In: Oriente e Occidente nel Medioevo: Filosofia e Scienze. Rom 1971 (= Accademia Nazionale dei Lincei. Fondazione Alessandro Volta. Atti dei Convegni 13: Convegno Internationale 9–15 Aprile 1969.) S. 395–429.Danielle Jacquart, Françoise Micheau: La médicine arabe et l’occident médiéval. 1990. die die Werke der klassischen griechisch-römischen, vor allem galenischen,Jorit Wintjes: Einführung. In: Konrad Goehl: Avicenna und seine Darstellung der Arzneiwirkungen. 2014, S. 5–27, hier: S. 19. Medizin zunächst in arabischer Übersetzung kennenlernten. Die Vermittlung der arabischen Philosophie und Wissenschaft an das christliche Abendland erfolgte dabei häufig über jüdische Autoren.Gotthard Strohmaier: Avicenna. Beck, München 1999, ISBN 3-406-41946-1, S. 109 und 135–139. Erst im 12. Jahrhundert wurden diese Schriften ins Lateinische übersetzt, die gemeinsame Sprache der westeuropäischen Wissenschaft.vgl. auch Andreas Speer, Lydia Wegener (Hrsg.): Wissen über Grenzen. Arabisches Wissen und lateinisches Mittelalter. Berlin 2006 (= Miscellanea mediaevalia. Band 33). Werke jüdischer und muslimischer Ärzte, wie der den Kenntnisstand seiner Zeit zusammenfassendeJorit Wintjes: Einführung. 2014, S. 19. Kanon der Medizin von Avicenna (980–1037), gehörten über Jahrhunderte zu den Standard-Lehrbüchern der Ärzte.Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 103.
Die Autorität der mittelalterlichen Ärzte des islamischen Kulturkreises schwand erst im Zuge des Aufschwungs der naturwissenschaftlichen Forschung im Gefolge der Aufklärung. Ihre Gedanken zur Arzt-Patienten-Beziehung werden heute noch zitiert, ihr Andenken wird auch von Ärzten der Neuzeit respektvoll gewahrt.Vgl. Friedrun R. Hau: Die Bildung des Arztes im islamischen Mittelalter. In: Clio medica. Band 13, 1979, S. 175–200.
Geschichte Entstehung
Nur im Vorderen Orient bestand die Überlieferung der im Abendland bis ins 19. Jahrhundert grundlegenden „Viersäftelehre“ der Hippokrater und des Galenos ohne Unterbrechung. Sicher hatten die Araber gewisse Kenntnisse in der Medizin, bevor sie in Kontakt mit der griechisch-römischen medizinischen Überlieferung kamen. Die Namen einiger vor- und frühislamischer Ärzte sind bekannt, wenn auch nur wenig von ihrem Wissen überliefert ist. Grundlegend für eine auf der griechischen Naturphilosophie beruhenden arabischen Heilkunde war die Aristoteles-Rezeption durch die seit dem 3. Jahrhundert bestehende philosophisch-theologische Akademie in Gondeschapur, wo um 555 unter Chosrau Anuschirwān eine medizinische Fakultät entstand.Friedrun R. Hau: Arabische Medizin im Mittelalter. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 87–90; hier: S. 87 f. (Quellen der arabischen Medizin). Zu den ersten Vermittlern von griechischer Medizin, Naturkunde und Philosophie an den arabischen Kulturkreis gehörten ab etwa 600 die bis 489 in Edessa wirkenden Nestorianer, oft mehrsprachige Angehörige einer im oströmischen Reich, Syrien und Persien bzw. Iran verbreiteten christlichen Sekte. Neben Gondeschapur fand sich auch in Nisibis eine der syrische Übersetzungen anfertigenden christlich-persischen Schulen. Auch jüdischer Schulen und Gelehrte wirkten als Übersetzer, und später traten indische und ägyptische Elemente der arabischen Medizin hinzu. Um etwa 700 begann eine Periode der Rezeption griechischer Medizin, die bis etwa 900 andauerte. Historische Eckpunkte dieser Zeit waren ab 711 die Errichtung der arabischen Herrschaft in Spanien, die Entstehung des arabischen Weltreichs, 763 die Erhebung Bagdads zur Hauptstadt im Osten des Reiches unter den Abbasiden sowie die von 786 bis 809 dauernde Regierungszeit von Harun al-Raschid.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 15. Ab etwa 800 fanden sich Übersetzerzentren in Bagdad, Damaskus, Antiochia, Basra und Kairo.Ortrun Riha: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-86888-071-7, S. 18.
aṭ-Ṭibb an-Nabawī – Die Prophetische Medizin
mini|Manuskript der aṭ-Ṭibb an-Nabawī (Prophetische Medizin), hergestellt für den osmanischen Sultan Süleyman I. Überlieferungen über Aussprüche und Lebensgewohnheiten des islamischen Propheten Mohammed wurden von den nachfolgenden Generationen teils in eigenen Aufzeichnungen, teils in der Überlieferung der Hadithe festgehalten. Unter dem Titel aṭ-Ṭibb an-Nabawī ( – „Die prophetische Medizin“) wurden diese Überlieferungen später gesammelt und als eigenständige Werke tradiert. Ibn Chaldūn gibt in seinem Werk Muqaddima einen Überblick, trennt die von ihm als Handwerk begriffene Medizin aber von den theologischen Wissenschaften:
Einer Randbemerkung im Sahīh al-Buchārī, einer Hadith-Sammlung des Gelehrten al-Buchārī lässt sich entnehmen, dass es eine Aufzeichnung der medizinischen Aussprüche Mohammeds von seinem jüngeren Zeitgenossen Anas bin-Malik gegeben habe. Anas berichtet von zwei Ärzten, die ihn mit dem Brenneisen behandelt hätten, und erwähnt, dass der Prophet diese Behandlung in einem anderen Krankheitsfall vermeiden wollte und fragte, ob nicht andere wirksame Medikamente bekannt seien. Aus späterer Zeit ist überliefert, dass der Kalif ʿUthmān ibn ʿAffān seine Zähne mit Golddraht befestigte. Auch das Zähneputzen mit einem Hölzchen (Miswāk) wird als vorislamische Sitte erwähnt. in Google Books
Die „Medizin des Propheten“ fand bei den klassischen Autoren der islamischen Medizin kaum Beachtung, lebte aber noch einige Jahrhunderte in der Materia medica fort, die zum Teil auf der Erfahrungsmedizin der Beduinen beruht. In seinem Kitab aṣ-Ṣaidana (Buch der Heilmittel) aus dem 10./11. Jahrhundert verweist al-Bīrūnī immer wieder auf Gedichtsammlungen und Werke, welche die Materia medica der alten Araber beschreiben und kommentieren.
Der berühmteste Arzt und Zeitgenosse des Propheten war al-Ḥariṯ ben-Kalada aṯ-Ṯaqafī. Er soll mit der persischen Akademie von Gundischapur in Verbindung gestanden, vielleicht sogar dort studiert haben. Die Quellen dokumentieren ein Gespräch über medizinische Dinge mit Chosrau I. Anuschirwan. Auf Mohammeds eigenen Wunsch soll ben-Kalada einen der Prophetengefährten (Sahāba) behandelt haben, so dass davon auszugehen ist, dass auch Mohammed den Ruf der Akademie kannte und sich dort ausgebildeter Ärzte bediente.BĪMĀRESTĀN, Eintrag in Encyclopædia Iranica.
Frühe Ärzte unter islamischer Herrschaft Wahrscheinlich kam der erste Kontakt mit antikem oder späthellenistischem Wissen nicht durch Übersetzungen, sondern durch direkten Kontakt mit Ärzten zustande, die in den neu eroberten Gebieten praktizierten. Die Verlegung der Hauptstadt nach Damaskus mag den Kontakt erleichtert haben. Die Namen zweier christlicher Ärzte sind aus der frühislamischen Zeit überliefert: Am Hof des Umayyadenkalifen Muʿāwiya I. wirkte Ibn Aṯāl als Leibarzt. Der Kalif missbrauchte seine Kenntnisse, um sich einiger seiner Feinde durch Gift zu entledigen. Im Dienst Muʿāwiyas stand auch Abu l-Ḥakam, der für die Zubereitung von Arzneien zuständig war. Sohn, Enkel und Urenkel des Abu l-Ḥakam waren ebenfalls an den Höfen der Umayyaden- und Abbasidenkalifen tätig.
Diese und weitere Quellen bezeugen, dass schon zur Umayydenzeit eine intensive Beschäftigung mit der Medizin stattgefunden hat. Das medizinische Wissen hat sehr wahrscheinlich von Alexandria aus, vielleicht vermittelt durch syrische Gelehrte oder Übersetzer, Eingang in die entstehende Kultur der islamischen Welt gefunden.
7.–9. Jahrhundert: Aufnahme und Aneignung mini|120px|Darstellung des menschlichen Auges nach Hunain ibn Ishāq, aus einem Manuskript um 1200. Nur wenige Quellen geben Auskunft darüber, woher die expandierende islamische Gemeinschaft ihr medizinisches Wissen bezog. Von Abū Ramṯa ist überliefert, dass er nach Ägypten gereist war. Ein Arzt aus dem irakischen Kufa namens Abdalmalik ben Abgar al-Kinānī soll in vorislamischer Zeit in Alexandria tätig gewesen sein und sich dann dem späteren Kalifen ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz angeschlossen haben. ʿUmar verlegte schließlich die Medizinschule von Alexandria nach Antiochia. Bekannt ist ebenfalls, dass Angehörige der Medizinschule von Gundischapur nach Damaskus reisten. Dennoch blieb diese Schule bis in die Zeit der Abbasidenkalifen aktiv.
Von Bedeutung für die Erforschung der frühen islamischen bzw. arabischen Medizin ist das Buch der Gifte, geschrieben in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts von einem Arzt namens Dschābir ibn Hayyān (Gābir). Dieser stützte sich allein auf die ihm zugängliche medizinische Literatur in arabischer Übersetzung. Überwiegend zitiert er Hippokrates, Platon, Galen, Pythagoras und Aristoteles, nur die Namen einiger Drogen und Arzneipflanzen sind dem Persischen entnommen.