mini|Masten der Originalleitung bei Göppingen, 2004 Die 110-kV-Leitung Obertürkheim–Niederstotzingen war eine zweikreisige Drehstrom-Hochspannungs-Freileitung, die von Stuttgart-Obertürkheim über die Umspannwerke Göppingen, Geislingen und Heuchlingen nach Niederstotzingen führte. Sie wurde von 1919 bis 1921 durch die Württembergische Landeselektrizitäts-Gesellschaft als erste Hochspannungsleitung in Württemberg errichtet, um das Pumpwerk Niederstotzingen der damals im Aufbau befindlichen Landeswasserversorgung mit elektrischem Strom aus Stuttgarter Kraftwerken zu versorgen. Über eine Reihe weiterer Umspannwerke entlang der Leitungstrasse konnte der in Stuttgart erzeugte Strom an Elektrizitätswerke im Filstal und auf der Schwäbischen Alb abgegeben werden.
Daneben erfüllte die Leitung später auch eine Vorreiterrolle im Zusammenschluss der von starker Zersplitterung gekennzeichneten Elektrizitätswirtschaft Württembergs zu einem Verbundbetrieb. Mit dem Anschluss Niederstotzingens ans Bayernwerk und der Anbindung des württembergischen Hochspannungsnetzes ans Badenwerk 1928 bildete die Leitung Obertürkheim–Niederstotzingen fortan das Kernstück einer süddeutschen Ost-West-Verbundleitung.
Schon in den 1970er Jahren wurden die ersten Teilstücke der historischen Leitung abgebaut oder durch modernere Freileitungen ersetzt. Die letzten Originalmasten bei Obertürkheim und Göppingen wurden in den 2000er Jahren entfernt.
Vorgeschichte Elektrifizierung Württembergs Wie in den meisten deutschen Staaten begann auch im Königreich Württemberg die Elektrifizierung um die Jahrhundertwende mit der Errichtung erster Elektrizitätswerke von wenigen Megawatt Leistung. Der dort erzeugte Gleichstrom konnte aufgrund seiner hohen Übertragungsverluste nur beschränkt auf das unmittelbar benachbarte Gebiet abgesetzt werden. Experimente mit Dreiphasenwechselstrom (Drehstrom) zeigten die Vorteile dieser Art der Kraftübertragung: die technisch vereinfachte Transformation auf höhere bzw. niedrigere Spannungsebenen und der hohe Wirkungsgrad sorgten dafür, dass sich Drehstromnetze ab etwa 1910 schrittweise durchsetzte. Auf der Schwäbischen Alb begann im damaligen Oberamt Heidenheim die Elektrifizierung ab 1900, als zuerst in Giengen und später in Heidenheim Elektrizitätswerke entstanden. Es handelte sich meist um Vorhaben privater Investoren, da der teuer zu erzeugende Strom nur wenige Abnehmer fand. In Heuchlingen und Geislingen an der Steige (Alb-Elektrizitätswerk) wurden zur Stromerzeugung Genossenschaften gegründet.Hans-Rainer Schmid: Veröffentlichungen des Museumsverein Geschichtswerkstatt e.V., Band 17: Elektrifizierung im Oberamt Heidenheim. Gemeinde Nattheim und Museumsverein Geschichtswerkstatt Nattheim e.V., März 2009, S. 7f
In Stuttgart, wo 1895 das erste Gleichstrom erzeugende Elektrizitätswerk in Betrieb ging, begann 1908 das Kraftwerk Münster damit, die Stadt mit Drehstrom zu versorgen. Nachdem bereits ein neues Wasserkraftwerk am Neckar nicht mehr ausreichte, den steigenden Strombedarf der Stadt und ihrer Großunternehmen (etwa Daimler mit dem expandierenden Werk in Untertürkheim) zu decken, errichtete man ein Dampfkraftwerk. Bis 1914 wurde der Standort um mehrere Maschinen erweitert, sodass letztlich eine elektrische Leistung von 20 MW bereitgestellt werden konnte.
Das Pumpwerk Niederstotzingen Um den relativ wasserarmen mittleren Neckarraum mit Trinkwasser aus der Donauniederung bei Ulm zu versorgen, wurde am 8. Juli 1912 die Landeswasserversorgung gegründet.Wolfgang Leiner: Geschichte der Elektrizitätswirtschaft in Württemberg, Band 2,2. Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart 1985, S. 274 Das Unternehmen mit Sitz in Stuttgart plante hierfür den Bau einer Hauptwasserleitung von Niederstotzingen über Heidenheim, Aalen und Schwäbisch Gmünd durch das Remstal bis nach Stuttgart. Um den Höhenunterschied von rund 90 m beim Aufstieg auf die Schwäbische Alb zu bewerkstelligen, sollte in Niederstotzingen eine Pumpenstation errichtet werden. Die elektrische Energie für die Wasserpumpen sollte durch den Bezirksverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) erfolgen, der die Elektrifizierung Oberschwabens und des Ulmer Raums zu dieser Zeit vorantrieb. Als Hauptabnehmer des Trinkwassers wollte die Stadt Stuttgart jedoch die Stromversorgung des Pumpwerks selbst in die Hand nehmen und bot daher an, die nötige Infrastruktur auf eigene Kosten zu bauen.Wolfgang Leiner: Geschichte der Elektrizitätswirtschaft in Württemberg, Band 2,2. Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart 1985, S. 275f
Expansionspläne des Stuttgarter Elektrizitätswerks Im Bau einer Fernleitung sah man in Stuttgart auch die Möglichkeit, Einfluss in der württembergischen Elektrizitätswirtschaft zu erlangen, schließlich bot das Stuttgarter Stadtgebiet nur begrenzt Flächen für weitere Kraftwerke. Das unmittelbare Stuttgarter Umland wurde bereits von anderen Energieversorgungsunternehmen, hauptsächlich den Neckarwerken, beliefert. Aufgrund eines Erlasses vom 26. Dezember 1911, der Durchleitungsverbote für nichtig erklärte, sah man die Möglichkeit zur Expansion in Gebiete weit jenseits der Stuttgarter Stadtgrenzen. Schlussendlich war eine Lieferung der durchquerten Gebiete mit Stuttgarter Strom das angestrebte Ziel. In einem Vertrag mit der Stadt Heidenheim wurde der Bau einer „Warmkraftanlage“ im Gebiet der Stadt auf der Ostalb vereinbart. 1913 wurde schließlich ein Wirtschaftsgutachten für die geplante Hochspannungs-Fernleitung erstellt. Als Ergebnis wird der Bau einer 100-kV-Leitung und eine Trasse durchs Remstal bis Schwäbisch Gmünd, von dort über die Schwäbische Alb nach Niederstotzingen als günstigste Lösung entworfen.
Als die Neckarwerke eine 30-kV-Leitung zwischen der Kraftcentrale in Altbach und Göppingen plante, schlugen diese eine Bündelung mit der 100-kV-Leitung vor.Wolfgang Leiner: Geschichte der Elektrizitätswirtschaft in Württemberg, Band 2,2. Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart 1985, S. 279f Später wurden die Pläne erneut geändert, so plante man im am 27. März 1914 bei der Stadt Stuttgart eingereichten Gesuch stattdessen eine 60-kV-Leitung:
Die Genehmigung für diese Leitung wurde am 24. September 1914 gemäß Verordnung des königlichen Ministeriums des Innern erteilt. Allerdings kam es aufgrund des Ersten Weltkriegs zur Zurückstellung der Pläne, sodass mit dem Leitungsbau vorerst nicht mehr begonnen wurde. Vermutlich spielte auch der allgemeine Rückgang im Elektrizitätsverbrauch eine Rolle.Wolfgang Leiner: Geschichte der Elektrizitätswirtschaft in Württemberg, Band 2,2. Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart 1985, S. 278
Die Württembergische Landeselektrizitäts-Gesellschaft Erst 1917 kam es zu erneuten Verhandlungen über den Bau der Leitung zum Pumpwerk Niederstotzingen, da die Inbetriebnahme der Anlagen der Landeswasserversorgung anstand. Am 9. Juli trafen sich im Ulm daher Vertreter der Städte Stuttgart und Ulm, der Neckarwerke, des Alb-Elektrizitätswerks und der OEW. Gemeinsam sollte ein neues Energieversorgungsunternehmen in Form einer GmbH gegründet werden, das neben der Hochspannungsleitung später einmal eigene Kraftwerke, ein größeres Leitungsnetz und die Einrichtung von Fremdbezug aus benachbarten Versorgungsgebieten umfassen sollte. Noch bevor im Dezember 1917 die Eingabe an das Kriegsministerium in Stuttgart eingereicht wurde, zogen sich die Stadt Ulm und die OEW aus der Unternehmung zurück. Grund war, dass ein in Ulm geplantes Kraftwerk nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden konnte. Somit verblieben nur noch die Stadt Stuttgart, die Neckarwerke, das Alb-Elektrizitätswerk und der Verband württembergischer Industrieller als Gründungsgesellschaften übrig. Am 12. Oktober 1918 wurde durch die genannten Gesellschaften schließlich die „Württembergische Elektrizitäts-Gesellschaft mbH“ (WEG) gegründet, die im Januar 1919 aufgrund von Verwechslungsgefahr mit einer fast gleichnamigen, kurzlebigen Firma in „Württembergische Landeselektrizitäts-Gesellschaft mbH“ (WLG) umbenannt wurde.Wolfgang Leiner: Geschichte der Elektrizitätswirtschaft in Württemberg, Band 2,2. Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart 1985, S. 278ff
Der Gesellschaftsvertrag vom 12. Oktober 1918 formulierte die Zielsetzung des Unternehmens wie folgt:
Am Stammkapital von 260.000 Mark beteiligten sich die Stadtgemeinde Stuttgart und die Neckarwerke AG zu je 34,62 %, der Verband württembergischer Industrieller zu 26,92 % und die Alb-Elektrizitätswerk Geislingen eGmbH zu 3,84 %. Die Gesellschaft hatte zwei Geschäftsführer: Karl Mattes, den Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Neckarwerke AG, und Daniel Sigloch, Bürgermeister in Stuttgart. War anfangs auch der Ausbau von Wasserkraftanlagen im Fokus der Unternehmung, wurde dies nach kurzer Zeit wieder verworfen, wodurch sich die WLG nur noch auf den Leitungsbau konzentrierte. Statt eines Energieversorgungs- war sie jetzt ein reines Stromtransportunternehmen.
Realisierung Einstieg des Deutschen Reiches Da der württembergische Staat eine Beteiligung an der WLG ablehnte, wandte man sich nun ans Deutsche Reich. Die Verhandlungen in Berlin standen vorrangig noch unter dem Ziel, an Kupfer für die Leiterseile zu gelangen. Die zunächst noch als Einfachleitung geplante 110-kV-Leitung sollte im Abschnitt von Altbach nach Göppingen durch die Neckarwerke und im Abschnitt von Geislingen nach Heuchlingen durch die Stadt Stuttgart realisiert werden. Zwischen Heuchlingen und Niederstotzingen bestand bereits seit 1917 zur Versorgung des Pumpwerks eine durch die OEW gebaute 55-kV-Leitung, diese sollte ebenfalls durch die Stadt Stuttgart um ein zweites 110-kV-System ergänzt werden.
Nach Ende der Verhandlungen ging die WLG auf den Vorschlag ein, die zu realisierende Verbindung als Doppelleitung, also mit durchgehend zwei voneinander unabhängigen Stromkreisen, zu bauen.Wolfgang Leiner: Geschichte der Elektrizitätswirtschaft in Württemberg, Band 2,2. Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart 1985, S. 285ff Hintergrund war der Gedanke, die Leitung als einen Baustein für ein späteres süddeutsches Ost-West-Verbundsystem unter Reichsaufsicht zu entwerfen. Dieses wurde auch als Reichselektrizitätswirtschaft bezeichnet. Daher fiel die Wahl der Spannungsebene auch auf die genannten 110 kV – diese Spannung nutzten auch die Pfalzwerke und das Bayernwerk für ihre Fernleitungen. Demzufolge gewährte das Reich einen Zuschuss von 600.000 Mark für den Bau des zweiten Leitungssystems, sodass bei Vertragsabschluss am 19. April 1919 schon die Doppelmasten bestellt werden konnten. Der formale Beitritt des Deutschen Reichs mit Besitz 10,6 % der Anteile an der WLG folgte am 14. Juni 1919, ab Dezember 1919 besaß es dann sogar 95 %.
Leitungsbau Mit den Bauarbeiten wurde am 21. Januar 1919 begonnen. Der Bau machte gute Fortschritte, sodass im Spätsommer 1920 eine Gesellschafterversammlung die Leitungsstrecke bereits besichtigen konnte. Da die Materialkosten stiegen, erhoffte man sich, beim Reich zusätzliches Kapital zu beschaffen. Jedoch zeigte dieses sich mittlerweile weniger interessiert an dem Projekt: Man plante nach wie vor, die WLG als Zusammenschluss der württembergischen Elektrizitätswirtschaft auszubauen, um in der späteren Reichselektrizitätswirtschaft mit dem Industrie- und damit Abnehmerland Württemberg eine herausragende Stellung zu erlangen. Beim Aufbau dieser Gesellschaft erklärte sich das Reich nun bereit, seine Anteile zugunsten des Landes Württemberg auf 30 % zu reduzieren.