Sehr blaue Augen ist der Titel des 1970 publizierten ersten Romans der amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Die Originalausgabe The Bluest Eye erschien 1970 in New York. Die deutschen Übersetzungen von Susanna Rademacher und Tanja Handels wurden 1979 bzw. 2023 veröffentlicht.beide im Rowohlt Verlag, Reinbek Die Autorin thematisiert am Beispiel der elfjährigen Pecola Breedloves und ihrer schwarzen Familie die Orientierung am Wertesystem der Weißen bis zur Verinnerlichung und die daraus entstehenden Folgen für das Lebensgefühl der Zweitklassigkeit.
Überblick Die Geschichte Pecolas und ihrer Eltern wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so dass im Laufe des Romans ein Mosaikbild ihres tragischen Schicksals und ihrer Umwelt entsteht. Die meisten Personen gehören zum schwarzen Milieu. Weiße treten nur am Rand auf, v. a. als Arbeitgeber, und greifen nicht direkt in die Handlung ein, doch bestimmen ihre gesellschaftlichen Positionen und Maßstäbe die Sozialisation und das Selbstwertgefühl der Menschen. Die einjährige Rahmenhandlung spielt 1940/41 in der Stadt Lorain im Bundesstaat Ohio und wird in den Etappen der vier Jahreszeiten aus der kindlichen Sicht der neunjährigen Claudia Mac Teer vorgetragen. Im Wechsel dazu eingeblendet sind Kapitel mit Überschriften der Leselern-Fibel „Dick und Jane“, die im ironischen Kontrast zum folgenden Inhalt das jeweilige Thema (Haus, Familie Freundin usw.) angeben. Darin trägt ein auktorialer Erzähler die Vorgeschichten der Familie Breedlove, anderer schwarzer Personen (Geraldine) und eines multiethnischen Einwanderers aus der Karibik (Micah Elihue Whitcomb) vor, alles Personen mit Entwicklungsstörungen, die zu Pecolas Katastrophe beitragen.
Inhalt Der Handlung vorangestellt sind zwei kurze Texte, auf die im Verlauf des Romans immer wieder zurückgegriffen wird:
1. Eine Dick und Jane-Geschichte (Das ist das Haus…) nach dem Vorbild einer US-Lesefibel-Reihe.Dick and Jane bzw. das Buch Fun with Dick and Jane aus derselben Reihe. Die Leselern-Fibeln wurden von den 1930er bis in die 1970er Jahre eingesetzt. Einzelne Sätze des Textes kehren als Kapitel-Überschriften wieder.
2. Claudia, die Erzählerin der Rahmenhandlung, gibt einen Ausblick auf das Ende der Handlung im Herbst 1941: Die zwölfjährige Pecola war von ihrem Vater schwanger. Das Kind starb und auch der Vater ist tot. Claudia und ihre Schwester, die zehnjährige Frieda, haben Schuldgefühle, weil ihre Hoffnung, mit dem Säen von Ringelblumen die glückliche Geburt des Kindes herbeizaubern zu können, sich nicht erfüllt hat, denn die Samen gingen nicht auf.
Herbst mini|Shirley Temple Doppelgängerinnen, Newtown, 2 October 1934 Im Herbst 1940 wird die elfjährige Pecola für einige Tage von Claudia Mac Teers Eltern in ihr Haus aufgenommen, weil die Familie obdachlos geworden ist, nachdem Mr. Breedlove das Haus in Brand zu setzen versuchte und kurze Zeit im Gefängnis sitzt. Mrs. Breedlove ist bei ihren Arbeitgebern und der vierzehnjährige Sammy bei einer anderen Familie untergekommen. Bei den Mac Teers bekommt Pecola ihre erste „Ministration“ und fragt entsetzt die Schwestern, ob sie jetzt sterben müsse. Sie ist in Sexual- und Frauenfragen uninformiert. Frieda erklärt ihr, dass sie jetzt ein Baby bekommen kann, wenn sie jemand liebe. Sie fragt darauf: „[W]ie bringt man jemand dazu, einen zu lieben?“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 42. Die Mädchen unterhalten sich auch über ihren Alltag, die Eltern und Nachbarn, die Spiele, über den blonden Kinderstar Shirley Temple und gewähren dadurch einen Einblick in ihre Lebensvorstellungen und ihre Beurteilung der Umwelt.
Claudia reflektiert, ihre Erinnerungen kommentierend, über ihre damalige Situation als Kind und erzählt von ihrer blauäugigen Babypuppe, die sie als Weihnachtsgeschenk erhielt, und mit der sie nichts anfangen konnte. Sie wünschte sich vielmehr Geborgenheit und Wärme von „Big Mama“. Sie zerlegte die weiße Puppe und übertrug diesen Impuls auf kleine weiße Mädchen: „Herauszufinden, was mir entging: das Geheimnis des Zaubers, den sie auf andere ausübten. Was bewog die Leute, sie anzusehen und ‚Ahhh!‘ zu sagen, aber nicht zu mir.“ Später wandelte sich der „echte Sadismus zu künstlichem Hass, zu betrügerischer Liebe“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 32. und sie lernte, Shirley Temple anzubeten wie damals Pecola und Frieda.
Dies ist das Haus. Es ist grün und weiß. Es hat eine rote Tür. Es ist sehr hübsch. Hübsch hübsch hü Die frühere Nutzung der Breedlove-Wohnung in einem Eckhaus am Broadway und der Thirty-fifthStreet spiegelt die Veränderung des Viertels und den schnellen Wechsel seiner Bewohner: Operationsbasis einer Zigeunergruppe, die in dem großen Fenster ihre geschmückten Frauen zeigte, Immobilienbüro, Bäckerei, Pizzastube und Treffpunkt junger Burschen. Jetzt wohnt in dem mit Hartfaserplatten notdürftig in zwei Zimmer unterteilten ehemaligen Laden die arme schwarze Familie, und darüber logieren drei schwarze Prostituierte.
Dies ist die Familie. Mutter, Vater, Dick und Jane wohnen in dem grünweißen Haus. Sie sind glück Die Breedloves „wohnten dort, weil sie arm und schwarz waren, und sie blieben dort, weil sie sich für hässlich hielten. […] Niemand hätte sie davon überzeugen können, dass sie nicht unrettbar und abstoßend hässlich seien. […] Sie fanden es sogar an jeder Plakatwand, in jedem Film bestätigt. […] Mrs. Breedlove benutzte ihre Hässlichkeit wie ein Schauspieler ein Requisit: als Ausdruck ihres Wesens, als Stütze für eine Rolle, die sie häufig für die ihre hielt – Martyrium. [Der vierzehnjährige] Sammy gebrauchte sie als Waffe, um anderen Schmerz zuzufügen. […] Und Pecola. Sie versteckte sich dahinter.“Toni Morrison: „Sehr blaue Augen“. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 48–49. Mr. Breedlove reagiert mit Trunksucht und Dickköpfigkeit. Und dies ist eine ständige Quelle des Streites und der Schlägereien zwischen den Eltern. Sammy riss mehrmals von zu Hause aus. Pecola leidet an Brechreiz und Magenkrämpfen und wünscht sich abwechselnd den Tod der Eltern oder ihren eigenen. Sie würde sich am liebsten verschwinden lassen, Stück für Stück, bis auf die Augen, von denen sie sich wünscht, dass sie anders wären, blau wie die von Alice und Jerry.
Zwei typische Situationen zeigen Pecolas Situation: Sie will billiges Zuckerzeug in Mr. Yacobowskis Gemüse-, Fleisch,- und Gemischtwarenladenhandlung kaufen und freut sich auf die Leckereien. Der fünfzigjährige weiße Emigrant reagiert ungeduldig auf ihre schüchternen Versuche, ihm die gewünschten „Mary Janes“ in der Vitrine zu zeigen. Er schaut sie kaum an und zögert, ihre Hand zu berühren, die ihm die Pennys hinhält. „Draußen fühlt Pecola eine unerklärliche Scham verebben.“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 61. Ihre mangelnde Information über sexuelle Vorgänge zeigt sie beim Besuch in der Wohnung der „[d]rei Huren über der Ladenwohnung der Breedloves. China, Poland und Miss Marie. Pecola liebte sie, besuchte sie und machte Botengänge für sie. Sie wiederum verachteten sie nicht.“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 62. In ihrer kindlichen Naivität versteht sie die ironisch-spaßigen Antworten auf ihre offenherzigen Fragen nach den vielen Freunden der Frauen und die schlüpfrigen Anspielungen nicht. Die Prostituierten verschleiern zwar dem Mädchen gegenüber ihren Beruf, doch „der Schutz jugendlicher Unschuld lag ihnen nicht am Herzen. Ihre eigene Jugend erschien ihnen rückblickend als eine Zeit der Unwissenheit, aus der sie bedauerlicherweise nicht mehr gemacht hatten. […] Wenn Pecola die Absicht geäußert hätte, ebenso zu leben wie sie, so hätten sie nicht versucht, sie davon abzubringen oder zu warnen.“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 69.
Winter In diesem Kapitel erzählt Claudia von der Schule und der Rangordnung der Schülerinnen und Schüler. Als die dunkelhäutige, modisch gekleidete Maureen Peal neu in die Klasse kommt, wird sie zugleich zum Mittelpunkt der Mädchen, sogar die weißen Kinder akzeptieren sie bei der Gruppenarbeit und haben Respekt vor ihr, zumal sie als gut informiert in Frauenfragen auftritt. Sie hält sich zuerst zurück, als Pecola auf dem gemeinsamen Nachhauseweg von einer schwarzen Jungenbande als „Schwarze Maa“ verspottet wird. Nachdem Frieda und Claudia eingreifen und die Jungs zum Rückzug zwingen, kümmert sich Maureen freundlich um Pecola und lädt sie zum Eis ein. Die sich zurückgesetzt fühlenden Schwestern, denen die Rechthaberei und Dominanz Maureens schon vorher missfallen hat, geraten bald darauf in einen Streit mit ihr, sie flieht auf die andere Straßenseite und ruft: „Ich bin niedlich! Und ihr seid hässlich! Schwarze und hässliche schwarze Maa. Ich bin niedlich.“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 84. Zuhause angekommen, schenkt ihnen ihr Mieter Mr. Henry Geld für Eis, um sich vor ihren Beobachtungen zu beschützen. Doch bei der schnellen Rückkehr vom Süßwarenladen entdecken sie, dass er zwei Prostituierte, China und Maginotlinie, auf seinem Zimmer hatte.
Da ist die Katze. Sie macht miau-miau. Komm und spiel. Komm und spiel mit Jane. Das Kätzchen will nicht spielen spielen spie Dieses Kapitel handelt von der an die Normen der weißen Gesellschaft perfekt angepassten, mit dem reichen Louis verheirateten, hübschen milchbraunen Geraldine. Während sie ihren Sohn Louis Junior emotional vernachlässigt und auf weiße Verhaltensweisen diszipliniert, gilt ihre Liebe der Katze. Junior reagiert darauf aggressiv und ärgert v. a. Mädchen. Eines Tages lockt er die zufällig vorbei gehende Pecola zum Spielen ins schöne Haus, wirft dann mit der Katze nach ihr, die ihr das Gesicht verkratzt, das Kleid zerreißt und sich beim Fall verletzt. Als seine Mutter dazu kommt, schiebt er die Schuld auf das Mädchen. Geraldine ist über das schmutzige Kleid und die verfilzten Haare Pecolas entsetzt und weist sie aus dem Haus: „«Du scheußliches, kleines schwarzes Dreckstück» […] Draußen blies der Märzwind durch den Riss in ihrem Kleid. Mit gesenktem Kopf ging sie gegen die Kälte an.“Toni Morrison: Sehr blaue Augen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 105.
Frühling Claudia erzählt von ihrem Besuch bei Pecola. Ursache ist Friedas Belästigung durch den Mieter Mr. Henry, der ihre Brüste angefasst und dafür von Mr. Mac Teer verprügelt wurde. Nun fürchtet Frieda, dass sie wie die Prostituierten „ruiniert“ sei und dick werde. Dagegen könnte Whisky helfen, den sie in Pecolas Haushalt vermuten, weil der Vater Alkoholiker ist. Deshalb machen sie sich auf den Weg, zuerst zum grauen Gebäude am Broadway, dann, weil die Freundin nicht zu Hause ist, zum weißen, am See gelegenen Haus der Fishers, bei denen Pecolas Mutter arbeitet. Beide Orte sind typisch für den Kontrast zwischen dem Leben der Weißen und der Schwarzen. Während Pecola in einem ehemaligen Laden und unter der Wohnung von drei Prostituierten haust und die schmutzige Wäsche der Fishers mit dem Handwagen zum Waschen transportiert, wird das kleine weiße Mädchen von Pecolas Mutter im schönen Ambiente versorgt und verwöhnt.
Da ist Mutter. Mutter ist sehr nett. Mutter, willst du mit Jane spielen? Mutter lacht. Lach, Mutter lach