mini|hochkant|Gertrud Seltmann-Meentzen Gertrud Seltmann-Meentzen (* 14. Juni 1901 in Leipzig; † 14. Januar 1985 in Betzigau, eigentlich Johanne Sophie Gertrud SeltmannEntgegen vielen Publikationen und Quellenangaben lautet der korrekte Vorname nicht Gertrude, sondern Gertrud (Siehe Sächsisches Staatsarchiv Dresden, Akte 11384, Nr. 4524)) war eine deutsche Unternehmerin auf dem Gebiet der Kosmetika-Entwicklung, -Herstellung und des -Vertriebes sowie eine der Wegbereiterinnen für den modernen Bio- und Naturkosmetikmarkt in Europa. Sie hat das Schulungssystem für Kosmetikerinnen weiterentwickelt und dafür eine eigene Schule betrieben.
Leben Gertrud Meentzen (verh. Seltmann-Meentzen) war die erste Tochter aus der ersten Ehe des aus Butjadingen in der Wesermarsch stammenden Schriftstellers Theodor Meentzen (1875–1963)Das Geburtsjahr auf dem Familien-Grabstein in Moritzburg ist fälschlich mit 1874 angegeben. mit der aus Eisenberg stammenden Iphigenie geb. Eichhorn (1877–1945). Die Familie verzog 1908 nach Eisenberg-Moritzburg auf den „Eichenhof“ der Großeltern, ab 1940 nach Auer bei Moritzburg. Gertrud wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte Meentzen (1904–1940) naturnah auf dem Bauernhof ihrer kräuterkundigen Großmutter auf. Diese weckte in den Mädchen die Liebe zur Natur und machte sie mit der Kraft pflanzlicher Wirkstoffe und der Naturheilkunde vertraut.
Sie besuchte die „Hoffmannsche Höhere Lehranstalt“ in Radebeul, eine zehnklassige höhere Privatschule mit Mädchenpensionat. Anschließend erhielt sie in der Zeit des Ersten Weltkrieges eine kaufmännische Ausbildung in der Seifen- und Parfümeriebranche, besuchte die Rackowsche Handelsschule in Dresden und legte 1919 ihr Abitur ab. Ein Studium an der Fakultät für Chemie und Pharmazie der Universität Innsbruck schloss sich von 1920 bis 1921 an. 1922 erfolgte ihre Eheschließung mit dem Kaufmann Felix Otto Seltmann (* 31. August 1898; † 14. Februar 1945). Die durch die Inflation und Massenarbeitslosigkeit einsetzende Auswanderungsbewegung veranlasste auch das Ehepaar Seltmann zu diesem Schritt. Sie wanderten 1924 nach Blumenau in Brasilien aus, wo Felix Otto Seltmann in Timbó / Blumenau das Kreiskrankenhaus und die Kreisapotheke leitete. Gertrud arbeitete in dieser Zeit als Helferin ihres Mannes. Ihr Sohn Carl Theodor Sigismund (* 27. September 1926, † 14. September 2012) wurde in Timbó / Blumenau geboren. 1928 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, hier wurde Tochter Felizitas geboren. Gertrud Seltmann begann 1928 eine berufliche Tätigkeit als Prokuristin bei der „Farbenfabrik Otto Baer“ in Radebeul. mini|hochkant|Charlotte MeentzenGleichzeitig folgte sie, gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte, dem in der Weimarer Republik beginnenden Trend ihrer Zeit nach Naturnähe, Einfachheit und gesunder Lebensweise, der von ihrem Vater, der Freidenker war, unterstützt wurde. Die Schwestern wandten sich gemeinsam der Idee der natürlichen Schönheit zu und strebten die Verwirklichung ihrer Vision an, Heilkräuter in den Dienst der Schönheit zu stellen, kosmetische Schönheits- und Pflegeprodukte als Naturprodukte aus Pflanzen selbst herzustellen, die sowohl für eine gehobenere Bevölkerungsschicht als auch für eine breite Masse von Verbrauchern zugänglich sein sollten. Diese Ziele entsprachen der zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkt einsetzenden Lebensreformbewegungen, die sich mit der Kleiderreform, der Naturheilbewegung, Ernährungsreform, Vegetarismus, Leibesübungen und Sportbewegung, Freikörperkultur bis hin zur Bauhausbewegung immer mehr durchsetzte. Als ihre Schwester Charlotte Meentzen 1930 eine eigene Kosmetikfirma gründete, blieb Gertrud vorerst im Hintergrund tätig und wurde erst ab 1936 mit ihrem Ehemann Teilhaber der Firma. Nach dem Tod ihrer Schwester Charlotte Meentzen 1940 rettete sie die Firma.
Als bei den Luftangriffen auf Dresden am 13./14. Februar 1945 ihr Ehemann ums Leben kam, übernahm sie auch für seine Firma in Heidenau die Verantwortung. Gertrud Seltmann-Meentzen verstarb im Alter von 83 Jahren am 14. Januar 1985. Ihre Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof in Betzigau im Allgäu.Auskunft Pfarrei Betzigau, 5. Mai 2022
Wirken
Ausbildung
Gertrud Seltmann-Meentzens Leben war geprägt von einem starken Pioniergeist. Mit ihrem seit frühester Jugend ausgeprägten tiefen Wissen über Zusammenhänge in der Natur und ihrem Forscherdrang wurde sie richtungsweisend für innovatives Denken. Der von Gertrud mit ihrer Schwester Charlotte Meentzen entwickelte Gedanke der Ganzheitlichkeit in der Schönheitspflege ging von ihren gemeinsamen fortschrittlichen Bestrebungen aus, ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, das Schönheit und Gesundheit verbinden sollte. Bereits 1930 begann Gertrud, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihres Studiums der Pharmazie alle Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer Ziele besaß, diese gemeinsam mit der Schwester in Dresden zu verwirklichen. Sie hatten die Vision, eine neue Kosmetikrichtung aus reinen Naturprodukten zu entwickeln. Die Idee der beiden Schwestern war durchaus mutig. Beide planten, eine innovative Firma zu gründen, in der sie Rezepturen der Naturprodukte auf wissenschaftlicher Basis für die Schönheitspflege selbst entwickeln und herstellen konnten. Ihr Leitbild unter dem Motto Zurück zur Natur sollte mit einer von ihnen entwickelten, hochwirksamen Kosmetik mit natürlichen Inhaltsstoffen verwirklicht werden, abgestimmt auf individuelle Hauttypen als Besonderheit. Eine Revolution in der Kosmetikindustrie, die sich zu dieser Zeit hauptsächlich der Herstellung von Schminkartikeln, Kölnisch Wasser und der Parfümerzeugung zugewandt hatte. Dresden bot gute Voraussetzungen für das Vorhaben der Meentzen-Schwestern, denn die Stadt wurde seit der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 umgangssprachlich als „Stadt der Gesundheit“ bezeichnet,Offizieller Führer durch die Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 und durch Dresden und Umgebung. Berlin (Rudolf Mosse) , S. 13 dabei bildeten Kosmetik, Kleidung und Körperpflege bereits Ausstellungsschwerpunkte. Auch die zahlreichen Dresdner Naturheilstätten und Kurhäuser, wie z. B. das Lahmann-Sanatorium im Stadtteil Weißer Hirsch, das sich ebenfalls der Ganzheitlichkeit von Naturbehandlungen verschrieben hatte, trugen zu dieser Bezeichnung bei. Auch das 1912, nach der I. Hygiene-Ausstellung, von dem Dresdner Unternehmer Karl August Lingner als „Volksbildungsstätte für Gesundheitspflege“ gegründete Deutsche Hygiene-Museum, das anlässlich der 1930 durchgeführten II. Internationalen Hygiene-Ausstellung als monumentaler Neubau eröffnet wurde, machte Dresden zum Vorreiter der Aufklärung in Richtung Volksgesundheit. In diese Zielstellung ordneten sich die Meentzen-Schwestern mit ihrer Vision und Philosophie von Schönheit durch Naturstoffe und Heilkräuter als Ganzheitlichkeit ein.
Firmen-Gründung
Die berufstätige Gertrud Seltmann-Meentzen blieb vorerst im Hintergrund, als ihre Schwester Charlotte Meentzen am 15. Juni 1930 ihren ersten eigenen Kosmetiksalon unter ihrem Namen als „Charlotte Meentzen - Institut für Schönheitspflege“ auf der Prager Straße 44 in Dresden eröffnete. Sie war jedoch mit ihren pharmazeutischen Kenntnissen maßgeblich beteiligt, als beide noch im gleichen Jahr 1930 die Produktionsfirma „Charlotte Meentzen, Laboratorium für Natürliche Kosmetik, Herstellung pharmazeutisch-kosmetischer Erzeugnisse“ gründeten. Das Laboratorium entstand im Hintergebäude der Prager Straße 24.
Bereits 1931 wurde das Unternehmenskonzept der beiden Schwestern mit der Gründung der privaten „Schule für natürliche Kosmetik“ erweitert. Zielstellung war die Verbindung von Theorie und Praxis mit der Delegierung von Absolventinnen ihrer Schule direkt in unternehmensfremde Kosmetik-Salons, Parfümerien und Drogerien. Mittels speziell entwickelter Muster-Behandlungen nach dem System Charlotte Meentzen und Verkaufs-Offerten wurde ein wachsender Kundenkreis gewonnen, der zum Aufbau eines erfolgreichenVertriebssystems führte. Als 1936 das erfolgreiche Unternehmen mit Institut, Kosmetikschule, Laboratorium und Vertrieb eine Trennung der Aufgabenbereiche erforderlich machte, wurde Gertrud offiziell als Prokuristin für die Firma eingestellt. Charlotte Meentzen zeichnete weiterhin verantwortlich für Institut und Schule, die sie auf die Prager Straße 38 verlegte. Außerdem verpachtete sie an Felix Otto Seltmann und Gertrud das „Laboratorium für natürliche Kosmetik“, Prager Str. 24 und den Vertrieb. Bereits 1939 waren Gertrud und ihr Ehemann damit so erfolgreich, dass Felix Otto Seltmann mit Anteilen als Teilhaber und Geschäftsführer die Firma „Seco-Kräuter-Laboratorium“ in Heidenau übernahm und mit seinem Gesellschafter am 1. April 1940 eine Offene Handelsgesellschaft gründete (OHG). Gertrud blieb mit Anteilen in der Firma der Schwester.
Nach dem plötzlichen Tod von Charlotte Meentzen 1940 wurde das Unternehmen je zur Hälfte Gertrud Seltmann-Meentzen und dem Sohn von Charlotte Meentzen, Geert-Dietrich (* 31. August 1939), gerichtlich zugesprochen, wobei Gertrud die alleinige Geschäftsführung oblag. Damit war das Weiterbestehen der gesamten Firma gesichert, und Gertrud rettete, auch im Gedenken an die gemeinsame Vision mit der Schwester, die Weiterführung des Unternehmens unter Bewahrung des Markennamens „Charlotte Meentzen“. Sie führte die Unternehmens-Philosophie konsequent und erfolgreich weiter. Das Ausbildungsprogramm der Kosmetikschule erweiterte sie, indem sie auch Arzthelferinnen ausbildete. Die Schule nannte sich unter ihrer Führung jetzt: „Fachschule für Kosmetik und ärztliche Assistenz“. Ebenso sorgte sie 1941 für die Veröffentlichung des bisher noch nicht erschienenen Buches von Charlotte „Heilkräuter im Dienste der Schönheit“, dem bis heute gültigen Standardwerk der Naturkosmetik. Unter ihrem Engagement wurde 1941 der Geschäftsname des Instituts „Charlotte Meentzen - Institut für Schönheitspflege“ in „Charlotte Meentzen - Institut für natürliche Kosmetik“ gewandelt, eine Anpassung an die bereits so benannte Produktionsstätte des Laboratoriums. Als geschäftstüchtige Unternehmerin erweiterte sie erfolgreich ihr Wirkungsfeld auf ganz Deutschland, indem sie Handlungsreisende verpflichtete, ihre Naturprodukte bekannt zu machen und zu vertreiben, da es auf dem Gebiet der Naturkosmetik bisher kaum Konkurrenz gab.
1942 erwarb die „Firma Charlotte Meentzen Prager Straße 24“ als Familienunternehmen die Villa Wiener Straße 36 in Dresden von der IHK Dresden. Bei den Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945 wurden das Institut, die Schule und das Laboratorium als Produktionsstätte auf der Prager Straße, vollständig zerstört. Auch Gertrud Seltmann-Meentzens Ehemann Felix Otto Seltmann wurde Opfer der Luftangriffe, ebenso kam ein Teil der Belegschaft ums Leben. Gertrud Seltmann-Meentzen stand nicht nur vor den Ruinen ihrer Firma, sondern auch ihrer eigenen Lebensleistung und der ihrer Schwester.
DDR-Zeit