Es gibt bei Musikdarbietungen verschiedene Verzierungen, Ornamente oder Agréments (), auch Manieren, mit denen Melodien oder Akkorde eines Stückes ausschmückend abgewandelt werden. Bei Musikkompositionen oder -bearbeitungen sind sie meist als spezielle Zeichen in der Notenschrift oder der Tabulatur notiert, doch auch unnotiert gehören Verzierungen oft zur Aufführungspraxis. Beim Ausführen der Verzierungen bleibt dem Interpreten Raum zur Improvisation.

Verzierungen ändern im Gegensatz zum Tonhöhenwechsel wie beim Vorhalt nichts am harmonisch-melodischen Gefüge eines Musikstücks, können jedoch die Stimmführung beleben.

Geschichte Verzierungen dienen in der Musik – wie in anderen Künsten auch – als Schmuck, als belebendes oder als spielerisches Element. Musikalische Verzierungen sind demnach in weiterem Sinne überall und immer dort zu finden, wo musiziert wird. Die Entstehung der Verzierungen wird teils mit einer Eigenheit der Zupfinstrumente und frühen Tasteninstrumente erklärt. Die rasch verklingenden Töne dieser Saiteninstrumente wie Laute, Cembalo und Clavichord suchte man demnach u. a. mittels der verschiedenen Arten von Trillern zu verlängern. Als wahrscheinlicher gilt dennoch, dass diese Verzierungen ursprünglich aus der Vokalmusik stammen und im 15./16. Jahrhundert von der fortschreitenden Gesangstechnik auch auf die instrumentale PraxisJosef Zuth: Handbuch der Laute und Gitarre. Verlag der Zeitschrift für die Gitarre (Anton Goll), Wien 1926 (1928), S. 279. übergingen. Der sogenannte canto fiorito hielt sich noch bis ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus im kunstvollen Gesang der Opernsänger. Außerdem war noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Maßgabe für die geschmackvolle Ausführung von Verzierungen auch im instrumentalmusikalischen Bereich vor allem deren Gesanglichkeit. Erst danach wurden die Verzierungen zunehmend zur Demonstration technischer Brillanz oder als Klangeffekt eingesetzt, hielten sich aber.

Eine Blüte der Verzierungskultur und Verzierungskunst ist zwischen dem 16. Jahrhundert und der Mitte des 18. Jahrhunderts in der europäischen Musik zu beobachten. Es entstand eine beinahe unübersehbare Menge von Verzierungen verschiedener regionaler Ausprägungen, die bei jeder Art von Musik angewendet werden konnten, sowie verschiedene Zeichen (darunter Kreuze, Halbmonde, Bogenstriche, Schrägstriche, Punkte und Sterne) zur Ausführung in Tabulaturen und Notenschrift. Dabei lässt sich zwischen den sogenannten wesentlichen Verzierungen (Vorschläge, Triller, Mordenten, Doppelschläge usw.) und den durch Improvisation entstehenden willkürlichen Verzierungen unterscheiden. Seit Ende des 17. Jahrhunderts werden die Verzierungen auch als Manieren bezeichnet (zu Manier ‚Eigenart, Handschrift‘ eines Künstlers). Carl Philipp Emanuel Bach widmet diesen in seinem Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen (zwei Teile, 1753 und 1762) ein umfassendes Kapitel.

Frankreich, seit der Zeit Ludwigs XIV. kulturell stilprägende Nation, wartete mit dem größten und am feinsten ausgearbeiteten Fundus an wesentlichen Verzierungen auf: Die größte bis dahin veröffentlichte Verzierungstabelle (mit insgesamt 29 Verzierungsarten) stammt von Jean-Henri d’Anglebert in seinen Pièces de clavecin von 1689.Jean-Henry d’Anglebert: Pièces de Clavecin. Édition de 1689, Faksimile, hrsg. von J. Saint-Arroman, Édition J. M. Fuzeau, Courlay 1999. Sehr einflussreich waren auch François Couperins Verzierungen in seinen vier Bänden mit Pièces de Clavecin, von denen der erste 1713 herauskam.François Couperin: Pièces de Clavecin. Premier Livre (1713), Faksimile, hrsg. von J. Saint-Arroman, Édition J. M. Fuzeau, Courlay 1988, S. 74 f. („Explication des agréments, et des signes“ = Erklärung der Verzierungen und Zeichen). In Italien, das der übrigen europäischen Musik schon länger als Vorbild diente, kamen zu diesen wesentlichen Manieren und Trillern noch die improvisierten oder willkürlichen Verzierungen, die sich vor allem durch die Diminution der jeweils gegebenen Melodik ergaben. Seit der Wiener Klassik wurde die improvisatorische Verzierung des Notentextes durch den Interpreten immer bedeutungsloser, da Komponisten ihre Vorstellungen immer exakter notierten.

Im 20. Jahrhundert sind vor allem aus der afroamerikanischen Musik (Jazz, Spiritual, Gospel, Rhythm ’n’ Blues, Blues, Rock) viele neue Varianten und vor allem rhythmische Neuerungen entstanden, die sich bisher kaum in der Notation niedergeschlagen haben.

Spätbarock mini|hochkant=2|Verzierungstabelle nach Johann Sebastian Bach

Eine wichtige Quelle zu Johann Sebastian Bachs Verzierungsrepertoire ist das von ihm am 22. Januar 1720 angelegte Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach. Das Lehr- und Übungsheft für seinen ältesten Sohn enthält bereits zu Beginn eine Tabelle mit den für Bach wichtigsten Verzierungen als Zeichen und in je einem Beispiel in Noten ausgeführt. Die Verzierungen sind mit einer eigenwilligen Mischung aus italienischen (Trillo, Mordant) und französischen Bezeichnungen (Cadenze, Accent) versehen. Dargestellt sind Triller bzw. Pralltriller (Trillo),Die genaue Länge des Trillers lässt sich nicht in einer Tabelle darstellen und hängt vom jeweiligen musikalischen Kontext ab, daher kann die gleiche Wellenlinie sowohl einen kurzen Pralltriller als einen längeren Triller angeben. Mordent (Mordant), Triller mit Nachschlag (Trillo u. Mordant), Doppelschlag (Cadenze),Bachs Begriff Cadenze für den Doppelschlag ist ganz merkwürdig, da im französischen die cadence ein Triller (Chambonnières 1670) oder ein Triller mit Nachschlag ist (d’Anglebert 1689). Triller mit vorhergehendem Doppelschlag von unten und von oben (Doppelt-Cadenze),Man könnte dies auch als einen durch einen Triller verlängerten Doppelschlag von unten und von oben ansehen. Diese Verzierung (wie auch einige andere) stammt ursprünglich aus den Pièces de clavecin (1689) von d’Anglebert. Die gleiche Verzierung heißt im Gesangstraktat von Tosi (1723) bzw. Agricola (1757) „verdoppelter Triller“. Johann Agricola, Anleitung zur Singkunst (Übersetzung von Tosis Opinioni de cantori antichi e moderni…, 1723), Reprint der Ausgabe 1757, hrsg. v. Thomas Seedorf, Bärenreiter, Kassel et al. 2002, S. 101 f. die gleiche Verzierung mit Nachschlag (Doppelt-Cadenze u. Mordant),Auch diese Verzierung stammt ursprünglich aus der Tabelle von d’Anglebert, 1689. steigender und fallender Vorhalt (Accent, auch Abriss), Mordent mit Vorhalt (Accent u. Mordant), Triller mit Vorhalt von unten und von oben (Accent und Trillo). Der missglückte Versuch des neunjährigen Friedemann, ein 14. Ornament hinzuzufügen, wurde später getilgt. Dieser Tabelle voraus geht die Erklärung der Schlüssel, an die Erklärung der Verzierungen schließt sich ein kurzes Stück (Applicatio, BWV 994) mit eingetragenem Fingersatz an. Dies zeigt, welche Bedeutung Bach der spätbarocken Clavier-Ornamentik im Musikunterricht beimaß.Gerhard Herz: Bachquellen in Amerika. Bärenreiter, Kassel 1984, ISBN 3-7618-0724-4, S. 90.

Übergang zur Klassik Johann Joachim Quantz beschreibt in seinem 1752 erschienenen Lehrwerk Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen ausführlich die Verzierungstechnik seiner Zeit. Das VIII. Hauptstück handelt Von den Vorschlägen und den dazugehörigen kleinen Manieren, das IX. Hauptstück Von den Trillern.Johann Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen. Faksimile-Nachdruck der 3. Auflage, Breslau 1789, herausgegeben von Hans-Peter Schmitz. 4. Auflage. Bärenreiter, Kassel 1968, S. 77 ff. und 83 ff.

Quantz sieht die Funktion der Vorhalte nicht nur als „Zierrath“, sondern auch als Notwendigkeit, um eine Melodie aufzuwerten und sie „galant aussehen“ zu lassen. Er beschreibt als ein Kennzeichen des galanten Stils, der in Deutschland den Musikstil der Barockzeit ablöste, das Übergewicht von Konsonanzen gegenüber den Dissonanzen. Da nun aber nach seiner Meinung der Zuhörer bei einer langen Folge von Konsonanzen „leicht ermüdet“, ist es notwendig, Dissonanzen in die Melodie einzufügen, und dadurch „gleichsam wieder auf[zu]muntern“.

Auch die Triller erachtete er als unentbehrlich, sie „geben dem Spielen einen großen Glanz“. Die Geschwindigkeit, in der sie ausgeführt werden, müsse sich sowohl nach den akustischen Bedingungen des Ortes als auch nach dem Charakter des Stückes richten.

Arten von Verzierungen Vorschlag Kurzer Vorschlag

Ein kurzer Vorschlag (Acciaccatura) kann als kleine, am Hals durchgestrichene Note vor der normal großen Hauptnote notiert werden. Genauso findet man aber auch durchgestrichene Noten als lange Vorschläge. Prinzipiell gilt, dass die geschriebene Dauer der Vorschlagsnote nichts über ihre Ausführung aussagt. Die Ausführung ist unterschiedlich je nach Genre, Epoche und Interpret, dabei wird der Vorschlag entweder kurz vor und die Hauptnote bzw. Hauptbetonung auf der Zählzeit (z. B. Klassik), der Vorschlag auf und die Hauptnote kurz nach der Zählzeit (Barock, „slide“ im Jazz) oder auch beide gleichzeitig gespielt.

NotationAusführungDatei:Acciaccaturanotatio.pngDatei:Acciaccaturaexecuti.png

Langer Vorschlag Ein langer Vorschlag (Appoggiatura) bringt als Vorschlagsnote zuerst den Ton des notierten Vorschlags, dann den Hauptton. Die Länge des Vorschlags beträgt die Hälfte der Länge des zweizeitigen Haupttons oder zwei Drittel derselben, wenn es sich um eine punktierte bzw. dreizeitige Hauptnote handelt. Der Hauptton fängt um die Dauer des Vorschlags verzögert an. Es gibt sowohl die aufsteigende Appoggiatura als auch die absteigende.

NotationAusführungDatei:Apoggiaturanotaton.pngDatei:Appogiaturaexecutio.png

Ein langer Vorschlag hat meistens die Funktion eines Vorhalts.

Doppelvorschlag Der Doppelvorschlag (englisch drag) besteht aus zwei kurzen Vorschlägen vor dem Hauptschlag.

Schleifer Der Schleifer besteht aus drei oder mehr kurzen Vorschlägen vor dem Hauptschlag.

Tremolo Eine weitere Möglichkeit der Verzierung ist die rasche Wiederholung eines Tons (Tremolo). Hier existieren zwei Hauptarten: das ausgeschriebene sowie das nicht-ausgeschriebene Tremolo. Bei der ersten Möglichkeit ist die Notenanzahl, bzw. Tremologeschwindigkeit genau vorgegeben, die zweite bezeichnet ein meist schneller ausgeführtes, nicht rhythmisch ausgezähltes Tremolo. Das unausgeschriebene Tremolo wird üblicherweise in Abkürzungsnotation, mit einem 3-strichigen Notenhals notiert. Das Streichertremolo wurde im 17. Jahrhundert entwickelt. Der bei Schlaginstrumenten wie der Pauke übliche Wirbel kann z. B. auch auf Xylophon und Klavier angewendet werden.

In historischer Literatur werden Paukenwirbel (u. U. auch anderes Schlagwerk) noch meist als Triller (s. U.), ggf. mit Trillerschlange notiert. Bedeutend ist die Tonrepetition auch für die traditionelle Spielweise von Zupfinstrumenten wie Mandoline, Tamburica und Balalaika. Im Gesang des 17. Jahrhunderts (vor allem in Italien) waren ebenfalls Tonrepetitionen zu Verzierungszwecken üblich. Bei Blasinstrumenten heißen Tonrepetitionen auch Flatterzunge, abgekürzt „Flz.“ (häufig v.A. bei Trompete, Posaune, Flöte, und Saxophon) Aus harmonischer und melodischer Sicht sind Tonrepetitionen keine Verzierung und entsprechen Haltetönen bzw. dem Orgelpunkt.

Triller Der Triller besteht aus der Note, die mit dem Triller versehen ist (Hauptnote), und deren oberer Nebennote. Beide erklingen in raschem Wechsel. Der Triller ist für die Dauer der Hauptnote auszuführen.

Eine moderne (flexiblere Schreibweise) setzt zusätzlich zum Trillersymbol die Nebennote als eingeklammerten ungehalsten Kleinstich direkt hinter oder vor die Hauptnote. Dadurch kann die Nebennote auch über und unterhalb der Hauptnote gewählt und chromatisch versetzt werden und es kann prinzipiell auch jedes beliebige Intervall getrillert werden.

Chromatische Versetzung der Nebennote wird durch ein Versetzungszeichen im Kleinstich über dem Trillersymbol angezeigt.