Unter feministischer Erkenntnistheorie werden Erklärungsmodelle zusammengefasst, die soziokulturelle und politische Einflüsse des Geschlechts auf die Gewinnung von Erkenntnis und Wissen zum Gegenstand haben. Alle diese Modelle gehen davon aus, dass Frauen dabei historisch stets benachteiligt waren und es gegenwärtig immer noch sind: Frauen würde einerseits der Zugang zu den Institutionen der Wissensproduktion erschwert und andererseits erhielten ihre Erkenntnisse nicht denselben Status wie die ihrer männlicher Kollegen. Durch diesen Ausschluss werde nicht nur die wissenschaftliche Tätigkeit von Frauen herabgewürdigt, sondern es entstehe auch ein Defizit im Erkenntnisprozess der Wissenschaften.
Übersicht Die verschiedenen Positionen der feministischen Erkenntnistheorie entwickelten sich seit Ende der 1970er-Jahre an der Schnittstelle zwischen Erkenntnistheorie, Wissenssoziologie und den kritischen Überlegungen der zweiten Welle des Feminismus. Zunächst wurde vor allem in Nordamerika damit begonnen, die Rolle von Geschlecht in der Wissenschaft zu analysieren, und zwar hinsichtlich der Institutionen und Organisation von Wissenschaft, aber auch mit Blick auf Forschungsinhalte, Theorien und Methoden. Gerade dadurch, dass die feministische Erkenntnistheorie zur Erforschung der Voraussetzungen für Erkenntnis die soziale Wirklichkeit der Forschung berücksichtigt, grenzt sie sich von traditionellen Erkenntnistheorien ab und weist eine Nähe zur Wissenssoziologie auf: . In der klassischen Erkenntnistheorie von René Descartes bis Karl Popper liegt der Fokus meist auf der rationalen Erklärung und Begründung von wissenschaftlichem Wissen. Singuläre, subjektive und gruppenspezifische Einflüsse, denen ein Forscher ausgesetzt ist, werden nicht berücksichtigt. Für die feministische Erkenntnistheorie steht daher vor allem der faktische Entstehungszusammenhang von Wissen und der Blick auf das konkrete erkennende Subjekt im Fokus.
Fachdiskussion Die feministische Erkenntnistheorie teilt das Paradigma der Situiertheit des Wissens mit der Wissenssoziologie, die sich ebenfalls mit der sozial bedingten Entstehung, Verbreitung, Verwendung und Bewahrung von Wissen beschäftigt. Wissen gilt daher stets als situiert, also als in kulturellen, sozialen, ökonomischen oder historischen Zusammenhängen stehend. Im Kontrast zur stärker auf die Erforschung gesellschaftlicher Wissensbestände ausgerichteten Wissenssoziologie richtet die feministische Erkenntnistheorie ihren Fokus jedoch auf die etablierten erkenntnistheoretischen Vorannahmen und Rahmenbedingungen von Wissen und stellt aktive Forderungen diese zu transformieren. So stellt die Philosophin Helen Longino bereits in den 1990er Jahren den Status etablierter wissenschaftlicher Werte wie Neutralität oder Einfachheit insofern infrage, als sie diese ähnlich der Theorienwahl bei Thomas S. Kuhn als aktive Entscheidungen für eine bestimmte Wissensform identifiziert. Entsprechend kann man sich auch aktiv für andere Werte entscheiden, die nicht nur rational, sondern zudem sozial legitimierbar sind, wie etwa ein Heterogenitätsprinzip im Kontrast zum Sparsamkeitsprinzip (siehe Feministischer Empirismus). Fragen nach der Auswirkung von Geschlecht auf den Erkenntnisprozess, aber auch von gesellschaftlicher und ethnischer Herkunft auf die Einstiegschancen und Akzeptanz im Wissenschafts- und Forschungsbetrieb waren zuvor weitgehend unbeachtet und wurden erstmals durch Vertreter einer feministischen Erkenntnistheorie in einen erkenntnistheoretisch relevanten Zusammenhang gestellt. Damit grenzt sie sie sich trotz aller Nähe von beiden genannten Disziplinen ab, da sie im Hinblick auf die sozialen Bedingungen und theoretischen Voraussetzungen von Wissen zentral die Rolle von Geschlechtlichkeit in den Fokus nimmt, die in der Wissenschaftssoziologie höchstens als ein Teilaspekt und in der traditionellen Erkenntnistheorie gar keine Rolle spielt.
Auch wenn die feministische Erkenntnistheorie nicht über eine einheitliche, konsistente Theorie verfügt, sondern ein heterogenes Spektrum an Positionen (siehe Positionen), setzt sich zunehmend der Begriff der feministischen Erkenntnistheorie in Überblickswerken und Handbüchern durch.Vgl. z. B. , Allen Positionen gemein ist die Beobachtung, dass Frauen in der Wissenschaft unterrepräsentiert sowie strukturell benachteiligt sind, was sich jedoch nicht mit Unterschieden der biologischen Geschlechter begründen lässt. Stattdessen liegt diesem Phänomen eine Ausrichtung der Gesellschaft – und folglich auch der Wissenschaft – an männlichen Interessen und Idealen (Androzentrismus) zugrunde. Hierzu zählen auch stereotype Zuschreibungen wie die Assoziation von männlich mit rational, analytisch, objektiv, unabhängig einerseits und von weiblich mit emotional, intuitiv, subjektiv, abhängig andererseits. Der ursprüngliche Fokus auf Frauen als benachteiligte Gruppe geriet im Rahmen der Dritten Welle des Feminismus zunehmend in die Kritik und wurde zu einem intersektionalen Ansatz erweitert, der die Perspektiven aller marginalisierten Gruppen ins Zentrum rückt. Dieser Entwicklung liegt die Erkenntnis zugrunde, dass bei der Analyse von Ungleichheit und Machtverhältnissen neben Geschlecht auch andere soziale Strukturkategorien wie soziale Klasse, sexuelle Orientierung und Ethnizität wichtig sind.
Ein wichtiges Schlagwort im Bereich der feministischen Erkenntnistheorie ist der Begriff des Malestream. Damit wird kritisiert, dass Wissen typischerweise von männlichen, weißen Europäern beziehungsweise Nordamerikanern mittleren Alters generiert wird, die einer gehobenen Bildungsschicht entstammen. Basierend auf der paradigmatischen These der Situiertheit von Wissen berge diese Einschränkung der Perspektive die Gefahr einer kognitiven Verzerrung (englisch: bias). Diese Verzerrung nicht nur sichtbar zu machen, sondern ihr auch entgegenzuwirken, um die erkenntnistheoretische Perspektive zu weiten und die Chancen von marginalisierten Personen zu verbessern, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen, ist ein Grundanliegen der feministischen Erkenntnistheorie.
Positionen In der Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Subjekt des Erkennens haben sich unterschiedliche Richtungen und Ansätze feministischer Erkenntnistheorie ausgebildet. Eine Möglichkeit, das heterogene Feld zu strukturieren, bietet die britische Philosophin Susan Haack. Ihr zufolge lassen sich die verschiedenen Ansätze anhand der jeweiligen Auslegung des „Standpunkts einer Frau“ (a woman's point of view) in zwei Strömungen unterscheiden: einerseits in Ansätze, die feministische Erkenntnistheorie als „die Art, wie Frauen die Welt sehen“ beschreiben und andererseits in Ansätze, die den Standpunkt einer Frau als „den Interessen der Frauen dienlich“ beschreiben. Gegenstand der ersten Gruppe von Ansätzen ist demnach das spezifisch Weibliche am jeweiligen Erkenntnisbegriff, während Gegenstand der zweiten Gruppe eher die Umstände des Erkenntnisprozesses im Hinblick auf Frauen sind und damit auch Aspekte wie Sexismus und Androzentrismus von Belang sind. Gerade die erste Perspektive ist jedoch insofern problematisch, als dass Haack im Konzept eines spezifisch weiblichen Wissens einen geschlechtsspezifischen Essentialismus sieht, von dem nicht nur sie sich distanziert, sondern der darüber hinaus auch innerhalb der von ihr beschriebenen Ansätze nicht vertreten wird. Eine alternative Einteilung der Ansätze schlägt die Philosophin Mona Singer in Anschluss an Sandra Harding vor, nach der sich drei Ausrichtungen innerhalb der feministischen Erkenntnistheorie unterscheiden lassen: feministische Standpunkt-Theorie, feministischer Empirismus und Postmoderne Epistemologie.
Feministische Standpunkt-Theorie
Der älteste Ansatz der feministischen Erkenntnistheorie ist die feministische Standpunkt-Theorie. Die 1981 von der Philosophin Lorraine Code gestellte Frage, ob das Geschlecht des Erkennenden beim Erlangen von Erkenntnis eine Rolle spielt, wird hier bejaht. Zudem können der feministischen Standpunkt-Theorie zufolge Frauen potenziell eine adäquatere und komplexere Sicht auf die Welt gewinnen als Männer. Diese Aussage begründet sich auf der bereits bei Hegel zu findenden Annahme, dass die innerhalb eines Systems unterdrückten Gruppen der jeweilig herrschenden Gruppe gegenüber einen erkenntnistheoretischen Vorteil haben, da sie im Erkenntnisprozess nicht nur den jeweiligen Gegenstand, sondern auch die systemischen Rahmenbedingungen erkennen. Entsprechend geht die feministische Standpunkt-Theorie davon aus, dass Frauen im Gegensatz zu Männern im historischen Kontext zu den Unterdrückten gezählt werden und eine solche gesellschaftliche Positioniertheit zu einer objektiveren Erkenntnis führt. Zu beachten ist, dass durch den Standpunkt der Frauen keine vollkommen objektive Erkenntnis erlangt werden kann. Jedoch könne eine objektivere Sicht auf die gesellschaftlichen und institutionellen Verhältnisse in den Wissenschaften entstehen, wenn die Lebensbedingungen und Erfahrungen von Frauen berücksichtigt werden. Durch den erkenntnistheoretisch vorteilhaften Standpunkt der Frauen werde sich lediglich dem Ideal der wissenschaftlichen Objektivität in der Erkenntnis angenähert. Am radikalsten formulierte das Donna Haraway, wenn sie sich gegen die Vision eines universalen Wissens wendet: „Die Moral ist einfach: Nur eine partiale Perspektive verspricht einen objektiven Blick.“Haraway 1995, S. 82. Der Anspruch auf wissenschaftliche Wahrheit sei rein rhetorischer Natur.Haraway 1995, S. 75.
Dass in der feministischen Standpunkt-Theorie der Fokus anfangs nur auf Frauen als marginalisierter Personengruppe lag, führte ab den 1990er Jahren zu Kritik und zahlreichen Revisionen dieses Ansatzes. Eine zentrale Revision innerhalb der feministischen Erkenntnistheorie mündet in der sogenannten dialogischen Standpunkt-Theorie. Diese besagt, dass es nicht den einen Standpunkt gibt, der eine umfassende kritische Sicht beanspruchen kann, sondern ein Austausch von unterschiedlichen Standpunkten nötig ist.
Die Soziologin Patricia Hill Collins hat im Jahr 1990 in postkolonialistischer Absicht das Konzept eines black feminist standpoint entwickelt. Sie teilt die Annahmen der Standpunkt-Theorie, dass Unterdrückte die Regeln der Unterdrückung besser in ihre Erkenntnistätigkeit einbeziehen und daher einen komplexeren Standpunkt einnehmen können. Doch bezieht sie in ihr Konzept der Unterdrückung nicht mehr nur das Merkmal des Geschlechts, sondern erweitert den Ansatz um verschiedene, sich überschneidende Aspekte der Unterdrückung wie beispielsweise Hautfarbe, Ethnizität und Behinderung. Collins’ Ansicht nach ist es daher notwendig, die spezifischen Erfahrungen von afro-amerikanischen Frauen in wissenschaftliche Diskurse einzubringen. Nach Collins werden diese von der Teilnahme am „Mainstream-Wissenschaftsdiskurs“ ausgeschlossen und nehmen so im westlichen feministischen Diskurs eine Außenseiterrolle ein. In ihrem Modell wird gefordert, dass die Standpunkte der outsider-within, also jener Positionen, die am Rande angesiedelt sind und wenig Mitspracherecht an den wirkmächtigen Diskursen haben, zu bevorzugen sind, und dass diese unterdrückten Standpunkte in einen herrschaftskritischen Dialog treten. Dieses Konzept kann als eine Position der dialogischen Standpunkt-Theorie angesehen werden, denn Collins erklärt, dass es keinen Standpunkt gibt, der eine umfassende kritische Sicht beanspruchen kann. Eine im Hinblick auf die Erkenntnis besseremarginal Perspektive entstehe nur dann, wenn Vertreter verschiedener Standpunkte in einen konstruktiven Dialog treten.