mini|Bagad der französischen Marine aus Lann-Bihoué beim FIL 2011 mini|Bretonische An-dro-Tänzer in historischer Tracht Das Festival Interceltique de Lorient, kurz FIL oder F.I.L., ist ein Musik- und Kulturfestival, das alljährlich im Sommer in der bretonischen Hafenstadt Lorient ausgetragen wird. Entwickelt hat es sich aus dem erstmals 1971 in Lorient stattfindenden Championnat national des bagadoù, einem Wettbewerb bretonischer Spielmannszüge, die in der Bretagne als Bagadoù bezeichnet werden. Bereits ein Jahr darauf erweiterte es sich thematisch auf die Musik aller keltischen Nationen und gilt längst als der Inbegriff eines weltweiten, profanen „Keltismus“. Im seit 2012 gebräuchlichen neuen Logo des Festivals wird dies durch einen erdumgreifenden, aus vielen Musikinstrumenten zusammengesetzten Triskel symbolisiert.

Die Veranstaltung dauert seit 1976 zehn Tage lang und hat sich bereits sehr frühzeitig auf alle Teilgebiete der Schönen Künste ausgedehnt. Sie ist im 21. Jahrhundert nicht nur zum größten Festival in der Bretagne – wo sie das sehr viel ältere Festival de Cornouaille in Quimper überholt hat und auch mehr Besucher anzieht als die Vieilles Charrues in Carhaix-Plouguer –, sondern zu einem der größten ganz Frankreichs avanciert. Heutzutage bildet das FIL „das Bindeglied zwischen einer ländlichen Kultur von Musik, Tanz und Trachten, wie sie noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts lebendig war, und einer für das 21. Jahrhundert charakteristischen Kultur des großen Spektakels“.Catherine Bertho Lavenir: Au-delà du folklore : le festival interceltique de Lorient, 2012, S. 719 Dank seines Publikumszuspruchs, der inzwischen bei jeweils etwa 800.000 Besuchern liegt, und seiner breiten, nicht mehr nur auf Europa beschränkten Medialisierung besitzt es einen hohen PR-Effekt für die Mittelstadt Lorient, der auch eine erhebliche Einnahmequelle der örtlichen Gewerbetreibenden darstellt und sich positiv auf den kommunalen Haushalt auswirkt.

Das Festival Interceltique de Lorient heißt auf Bretonisch Emvod ar Gelted en Oriant, wird vom veranstaltenden Verein aber auch als Festival Etrekeltiek An Oriant bezeichnet.nach dem offiziellen Aufkleber des FIL 2020 (abgerufen am 18. März 2020), bestätigt in einer schriftlichen Mitteilung der Veranstalter vom 16. März 2020 an den Hauptautor dieses Artikels Es beginnt in aller Regel am ersten Augustwochenende und endet am zweiten Sonntag des Monats. Sein 50-jähriges Jubiläum 2020 sollte eigentlich vom 7. bis 16. August begangen werden und unter dem Motto „Jahr der Bretagne“ (auf Bretonisch Bloavezh Breizh) stehen. auf festival-interceltique.bzh (abgerufen am 18. März 2020)(französisch). Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wurde das Festival 2020 abgesagt und sowohl die Jubiläumsfeier als auch dieses Motto auf 2021 verschoben. Stattdessen ist für den 8. August ein Konzert mit vier Bagadoù (Fête des Cornemuses 2020) im Stade du Moustoir organisiert worden, um zumindest in einem kleinen Rahmen an die Anfänge des FIL zu erinnern.Es handelt sich um die Musikzüge Bagad Kemper, Bagad Cap Caval, Bagad Roñsed-Mor und Bagad Lorient – siehe die (französisch).

Entstehung und Entwicklung mini|Die Bagad Kemper bei der Großen Parade 2012 mini|Asturische Tänzer (FIL 2006) mini|Band der Queensland Irish Association (FIL 2006) mini|Straßenmusikant Die Anfänge Keimzelle des Festival Interceltique de Lorient und auch bei dessen 50. Geburtstag noch eine zentrale Veranstaltung ist die in zwei Runden ausgetragene nationale Meisterschaft der Bagadoù. Dieser Wettbewerb fand von 1949 bis 1970 in Brest statt und seither, nachdem die dortige Stadtverwaltung ihn nicht mehr im bisherigen Umfang unterstützen wollte, in Lorient.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 11 Die teilnehmenden Instrumentalgruppen werden dabei jährlich aufgrund ihres Auftritts in fünf Qualitätskategorien eingeteilt, es gibt wie beim Sport Auf- und Abstieg; eine zwölfköpfige Jury aus Musikern bewertet bei jeder Gruppe das Spiel der einzelnen Instrumente, deren Zusammenklang und auch den optischen Eindruck. Ende der 2010er Jahre gehören alleine 75 Bagadoù zu den obersten vier „Ligen“, alle anderen zur fünften Kategorie. Von 2008 bis 2019 haben sich lediglich zwei Gruppen den Titel in der höchsten Kategorie sichern können, nämlich viermal der „Rekordmeister“ Bagad Kemper (insgesamt 22-facher Sieger) und achtmal die Bagad Cap Caval aus Plomeur.Pascal Lamour: Un monde de musique bretonne, 2018, S. 147–153. Bereits die erste Meisterschaft, die in Lorient stattfand (1971), wurde, wenn auch noch in relativ bescheidenem Ausmaß, von zusätzlichen Veranstaltungen umrahmt, die in ihrer Vielfalt schnell zum Charakteristikum des FIL wurden: ein Festzug von Musikern und Tänzern, abendliche Straßenfeste und – im völlig überfüllten Kongresspalast – ein Folk-Konzert.Erwan Chartier: La construction de l’interceltisme en Bretagne, 2010, S. 561

Die Entstehung des Festivals ist zudem auch im Kontext einer Rückbesinnung auf die bretonische kulturelle Eigenständigkeit („Bretonische Renaissance“) zu sehen, die in den späten 1960er Jahren einsetzte und personell besonders mit dem Musikforscher und Widerstandskämpfer Polig Monjarret sowie dem Harfenisten und Sänger Alan Stivell verknüpft ist.Jean-Jacques Monnier und Jean-Christophe Cassard: Toute l’histoire de Bretagne, 2014, S. 760 Monjarret, Mitbegründer und zeitweise Vorsitzender des Vereins Bodadeg ar Sonerion (sinngemäß „Vereinigung der [traditionellen] Musikanten“), war es auch, der die Meisterschaften der Bagadoù gegen die Konkurrenz der gleichfalls interessierten Städte Nantes und Saint-Malo von Brest nach Lorient gebracht hatte.Pascal Lamour: Un monde de musique bretonne, 2018, S. 147; Joël Cornette: Histoire de la Bretagne et des Bretons, 2005, Band 2, S. 587 Während des Festivals 2008 erfolgte die Einweihung eines Standbilds von Polig Monjarret, nach dem auch eine Straße und ein Platz in Lorient benannt sind.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 129; eine findet sich bei patrimoine.lorient.bzh (abgerufen am 1. April 2020)(französisch). Stivell hat der Nachkriegsgeneration die Volksmusik der Bretagne seit den 1960er Jahren nicht nur durch die „Wiederentdeckung“ und Wiederverwendung der keltischen Harfe, sondern auch durch die Verknüpfung traditioneller mit aktuellen Musikstilen näher gebracht. Und parallel dazu trat um den Wechsel von den 1960ern zu den 1970ern in Frankreichs Popmusikszene vermehrt eine neue Generation von Künstlern in den Vordergrund, geprägt von den Ideen des Mai 1968, aktiv gegen den auch unter Staatspräsident Pompidou fortbestehenden Konservatismus und den ausgeprägten ZentralismusZu Anfang der 1970er waren bretonische Vor- und Ortsnamen, Sprachunterricht und Autoaufkleber noch verboten, der Gwenn-ha-du durfte ausschließlich während folkloristischen Festen gehisst werden (nach Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 6). Erst 1977 ließ die Zentralregierung in Paris unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing mit der Bretonischen Kulturcharta den bilingualen Unterricht (Französisch und Bretonisch) an allen Schulen der Bretagne zu; zweisprachige Ortsschilder und Wegweiser wurden sogar erst ab 1983 toleriert (siehe Jean-Jacques Monnier und Jean-Christophe Cassard: Toute l’histoire de Bretagne, 2014, S. 813). in der französischen Politik. Ihr waren neue Themen und neue Veranstaltungsformen wichtig; der Chansonkenner Gilles Verlant charakterisiert sie kurz als „feministisch, protestlerisch, selbstbestimmt – und nicht mehr nur französischsprachig“.Gilles Verlant: L’Odyssée de la Chanson française. Éd. Hors Collection, Paris 2006, ISBN 978-2-258-07087-5, S. 142 f.Das Festival in Lorient hieß von 1972 bis einschließlich 1978 Fête Interceltique des Cornemuses de Lorient, 1979 nahm es seine bis heute geltende Bezeichnung an. Dass es bereits 1927 in Riec-sur-Bélon ein gleichnamiges interkeltisches Festival gegeben hat, soll den Veranstaltern in Lorient nicht bewusst gewesen sein.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 10

Die ersten Organisatoren des Festivals, namentlich der bis 1997 amtierende Vereinsvorsitzende Pierrot Guergadic, blickten bereits 1972 über den Tellerrand einer rein musikalischen Veranstaltung hinaus und versuchten unter anderem, ein Fußballspiel einer zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierenden, professionellen bretonischen gegen eine schottische Nationalauswahl in das Programm zu integrieren. Stattdessen kam es „nur“ zu einem Freundschaftsspiel zwischen dem mit einigen vereinsfremden Spielern verstärkten FC Lorient und dem FC Falkirk.Georges Cadiou: Les grands noms du football breton. Alan Sutton, Saint-Cyr-sur-Loire 2006, ISBN 2-84910-424-8, S. 18; die Begegnung endete mit einem 2:1-Sieg der Schotten. Außerdem gab es in diesem Jahr eine Demonstrationsveranstaltung von Sportlern aus Cornwall im Cornish wrestling, einer jahrhundertealten Form des Ringens,Siehe den knapp fünfminütigen Fernsehbericht über das 1972er FIL von ORTF, abrufbar auf der Seite des INA, dort beginnend bei Minute 1:55 (abgerufen am 18. März 2020). und zwei Wettbewerbe bretonischer und schottischer Radsportler (Zeitfahren und Verfolgung) auf der Rennbahn des Stade Vélodrome.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 18 Im Jahr darauf wurden Sportveranstaltungen sogar zu einem der Schwerpunkte des FIL; die ersten Jeux des Nations Celtes („Spiele der keltischen Nationen“) umfassten außer Fußball und Radsport 1973 auch Tennis, Schach, bretonischen Faustkampf und mehrere Disziplinen der Highland Games.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 21Ebenfalls schon in den ersten Jahren bereicherten Theateraufführungen, Ausstellungen von Kunstobjekten und historischen Kleidungsstücken, Filmabende sowie Lesungen (Salon du livre) – 1977 beispielsweise von Xavier Grall, Glenmor (mit bürgerlichem Namen Émile Le Scanve) und Pierre-Jakez Hélias – das Programmangebot.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 24, 27 und 32 Zudem fanden auch aktuelle Entwicklungen wie die Ölverschmutzung bretonischer Küstenabschnitte durch die Havarien von Amoco Cadiz (1978) und Erika (1999/2000), der (erfolgreiche) Kampf der Anwohner an der Pointe du Raz gegen ein geplantes Kernkraftwerk in Plogoff (1978 bis 1981) oder die Bewegung für eine Wiedervereinigung aller fünf bretonischen DépartementsDurch Verfügung des Vichy-Regimes 1941 war das Département Loire-Atlantique mitsamt der historischen bretonischen Hauptstadt Nantes von der neuzeitlichen Verwaltungsregion Bretagne abgetrennt worden. Mit Bretagne réunie, 44 = Breizh und Breizh 5/5 gibt es auch 2020 eine Reihe von Vereinen und Bewegungen, die dies rückgängig machen möchten. ihren Widerhall auf dem Festival.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 35 und 44

Stammten in der frühen Anfangszeit die Mitwirkenden außer aus Frankreich hauptsächlich aus Irland, Schottland, Wales und Cornwall, erweiterte sich dieser Kreis bereits ab Mitte der 1970er Jahre; 1976 traten galizische, 1977 manx’sche Künstler erstmals in Lorient auf. Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl teilnehmender Solisten, Gruppen und Bands aus denjenigen Nationen, die schon 1972 bei dem Festival dabei gewesen waren, so etwa Schotten von 70 auf 150, Iren von 60 auf ebenfalls 150 und Waliser von einer Handvoll auf 50 (jeweils bis 1976).Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 18, 28 und 31 Im selben Jahr baute der Verein ein Netzwerk von verantwortlichen Ansprechpartnern in den anderen keltischen Regionen (délégués étrangers) auf.Alain Cabon: Le Festival Interceltique de Lorient, 2010, S. 141