mini|Rettungskapsel eines B-58-Bombers
Eine Rettungskapsel, manchmal auch Fluchtkapsel, ist ein Rettungsmittel und kann Teil der Notfallausrüstung eines Fahrzeugs oder eines Habitats sein. Sie schließt ihre Insassen während einer Evakuierung ein und schützt sie vor den Umgebungsbedingungen. Dies kann eine grundsätzlich lebensfeindliche Umgebung wie Unterwasser oder im Weltraum sein. Sie kann aber auch durch Begleiterscheinungen der Ereignisse entstanden sein, die eine Evakuierung notwendig machen, beispielsweise Rauch, Trümmerflug oder Feuer nach Unfällen oder kriegerischen Handlungen.
Abgrenzung zu anderen Rettungsmitteln mini|Das 1-Personen-Rettungsfloß für Luftfahrzeuge kapselt seinen Insassen ein
Rettungskapseln verfügen in ihrer Funktion über gemeinsame Schnittmengen mit anderen Rettungsmitteln wie Überlebensanzüge, Rettungsboote oder Rettungsflöße bzw. -inseln.
Die Aufgabe von Rettungskapseln besteht hauptsächlich darin, die Insassen zumindest in der Evakuierungsphase, während sie aus der unmittelbaren Gefahrenzone herausbefördert werden, von der Umgebung abzuschirmen. Eine Rettungskapsel ist daher im Gegensatz zu einem Schutzraum ortsveränderlich, verfügt aber nicht zwangsläufig über einen eigenen Antrieb. Es können Ab- und Ausstoßvorrichtungen des Trägers oder externe Hilfen verwendet werden, um die Rettungskapseln freizusetzen bzw. sie aus der Gefahrenzone zu befördern. Alternativ verfügt die Kapsel über einen eigenen Antrieb für die Evakuierung.
Der Begriff der Rettungskapsel ist in Umgebungen, in der Menschen nicht ohne technische Hilfen agieren oder gar überleben können, wie der der Aeronautik oder Unterseetechnik etabliert. Im maritimen „Überwasser“-Umfeld kommen hingegen Rettungsmittel zum Einsatz, die in Form von Rettungsbooten, Rettungsflößen und -inseln auf eine lange Entwicklungsgeschichte und Begriffstradition zurückblicken. Das Konzept der Rettungskapsel findet auch dort Anwendung, jedoch wird der Begriff nur für wenige sehr speziell gestaltete Geräte und Vorrichtungen, oder für das abstrakte Funktionsprinzip verwendet. So schotten Rettungsboote und -flöße ihre Insassen nicht per Definition von der Umgebung ab, viele moderne Rettungsmittel erfüllen jedoch auch dieses Kriterium durch eine geschlossene Bauweise.
Speziell Freifallrettungsboote entsprechen sehr umfassend dem Konzept der Rettungskapsel und kombinieren es mit dem des Rettungsbootes. Nachdem die Plätze besetzt und alle angeschnallt sind, wird ein Ausklinkmechanismus betätigt. Danach rutscht das vollkommen geschlossene Boot von einer Rampe, stürzt ins Wasser und treibt durch seinen Impuls aus der unmittelbaren Umgebung des Trägers heraus. Anschließend kann es mit seinem Antrieb einen Evakuierungspunkt ansteuern. Einfache, teils offene Rettungsboote hingegen müssen von der Besatzung und Hilfsvorrichtungen (Davits) ausgebracht und aktiv aus der Gefahrenzone herausmanövriert werden.
Überlebensanzüge schließen ihren Träger ebenfalls ein. Sie werden jedoch grundsätzlich dem Bereich Schutzkleidung bzw. der Persönlichen Schutzausrüstung zugeordnet. Gleiches gilt für Druck- bzw. Raumanzüge in der Aeronautik.
Eine (Brand-)Fluchthaube dichtet über Schnur- oder Gummizug halbwegs an den Hals der zu rettenden oder flüchtenden Person. Durch Anschluss an den Zweit-Atemregler eines Feuerwehrmitglieds wird Atemluft bei geringem Einatemunterdruck eingespeist. Zusätzlich oder alternativ atmet die flüchtende Person über ein Hopcalit-Filter ein, das CO zu CO2 oxidiert, solange noch daneben Sauerstoff vorhanden ist. Die Fluchthaube umschließt den Kopf und schützt im Zusammenwirken mit einer Nasenklemme die Atmungsorgane und die Augen. Bart, Haare (mit einem Haargummi nach hinten zu binden), Brillen oder Hörgerät und Mütze sind kompatibel mit einer Fluchthaube.
Schutzfunktion Je nach Umgebung sind Rettungskapseln ausgelegt, um verschiedene äußere Einflüsse ganz oder weitestgehend abzuschirmen: Vakuum/Unterdruck, z. B. in der Luft- und Raumfahrt Überdruck, z. B. Wasserdruck bei U-Booten Feuer und Rauch, z. B. bei Unfällen oder Kriegshandlungen Mechanischer Schutz vor Trümmern Winddruck (z. B. Luftfahrt) Hitze/Kälte
Luftfahrt Rettungskapseln in der Luftfahrt gibt bzw. gab es als Weiterentwicklung des Schleudersitzes. Sie finden sich praktisch ausschließlich im militärischen Bereich. Je nach System werden die Besatzungsmitglieder dabei unmittelbar vor der Evakuierung einzeln auf ihren Sitzen in eine Kapsel eingeschlossen und mittels Schleudersitzverfahren aus dem Flugzeug ausgestoßen, oder das Cockpit wird inklusive der Besatzung vom Flugzeug getrennt und mit Raketentreibsätzen in eine sichere Entfernung für das Öffnen der Fallschirme gebracht.
Es gab auch immer wieder Vorschläge, bei großen Passagierflugzeugen die gesamte Kabine als Rettungskapsel abtrennbar zu gestalten und sie im Notfall mit Fallschirmen zu landen. Dieses Konzept konnte sich nicht durchsetzen, da neben dem Zusatzaufwand nur ein sehr kleiner Teil der wahrscheinlichsten Notfallszenarien abgedeckt werden kann. Es wurden jedoch Gesamtrettungssysteme zur kommerziellen Reife gebracht, die kleinere Flugzeuge nach einer Havarie in der Luft an Fallschirmen zu Boden bringen können.
Fallschirme für Rettungskapseln in militärischen Systemen werden ausdrücklich im Rüstungsexportbericht aufgeführt und unterliegen in Deutschland der Exportkontrolle.
Abtrennbare Cockpits mini|F-111-Cockpit-Rettungskapsel mini|Auch an HU-25-Hubschraubern wurden absprengbare Cockpits erprobt mini|Modell einer OKB 2 346
DFS 54: Am 6. August 1939 gerieten über der Wasserkuppe in Deutschland zwei Segelflieger in sehr große Höhe und dort in einen Hagelschauer. Ein Flieger stürzte erfroren ab, der andere überlebte verletzt. Daraufhin entwickelten Felix Kracht und seine Kollegen bei der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) für die DFS 54 ein absprengbares Druckkabinencockpit, aus dem der Pilot in sicherer Höhe mittels Druckluftschlitten ausgestoßen werden sollte. Die DFS 54 wurde kriegsbedingt nur zu 80 % fertiggestellt, jedoch rettete diese Konstruktion dem Piloten Wolfgang Ziese bei einem Testflug mit der darauf basierenden OKB-2 346 das Leben. Heinkel He 176: Bei diesem deutschen Raketenflugzeug aus dem Jahr 1939 konnte die Bugsektion als Rettungskapsel abgestoßen werden. Der Pilot musste sich jedoch danach zum Fallschirmabsprung selbst befreien. DFS 228: Deutsches Höhenaufklärungsflugzeug mit Raketenantrieb aus dem Jahr 1944. Es verfügte über ein absprengbares Druckkabinencockpit der DFS 54 mit Fallschirm, aus dem heraus der Pilot in geringerer Höhe mit seinem persönlichen Fallschirm ausgestoßen werden sollte. DFS 346/OKB-2 346: In Deutschland begonnenes und in der Sowjetunion fortgeführtes Raketenflugzeugprojekt. Auch hier war das absprengbare Druckkabinencockpit mit dem darin liegenden Piloten eine Weiterentwicklung der DFS-54-Kanzel. Die Rettungskapsel kam in der Sowjetunion erfolgreich zum Einsatz und rettete 1951 den (deutschen) Pilot Wolfgang Ziese. Miles M.52: Britisches Überschall-Raketenflugzeugprojekt (1942–45) mit einem absprengbaren Cockpit ohne Fallschirm, aus dem der Pilot mit seinem persönlichen Fallschirm aussteigen sollte. Leduc 0.21: Ein französisches Forschungsflugzeug (1953–56), um die praktischen Aspekte des Staustrahltriebwerks zu verfeinern. Die Cockpitsektion im Triebwerkskonus konnte abgesprengt werden um dann am Fallschirm zu landen. Dies wurde auch getestet und filmisch festgehalten. Bell X-2: Überschall-Raketenflugzeug. Die Rettungskapsel verfügte nur über einen kleinen Bremsschirm. Bei ihrem Einsatz 1956 kam der Pilot zu Tode. Er schlug mit der Kapsel auf dem Boden auf, da er nicht in der Lage gewesen war, nach dem Abtrennen aus der Kapsel auszusteigen und seinen Fallschirm zu öffnen.Machat, Mike. Color Schemes of the Bell X-2. Airpower, Volume 35, no. 1 January 2005. Zuvor hatte er auf diesem Flug als erster Mensch – wenn auch nicht als offizieller Rekord anerkannt – Mach 3 erreicht. Suchoi Su-17 (1949): Dieser nie geflogene sowjetische Düsenjäger aus dem Jahr 1949 hatte neben einem Schleudersitz auch ein abwerfbares, mit Fallschirm ausgestattetes Cockpit. Der Prototyp wurde bei Beschussversuchen zerstört. Heinkel He 031: Ein deutscher Abfangjägerentwurf vom Ende der 1950er Jahre. Auch für Hubschrauber wurden in den 1960er Jahren Rettungskapseln in Form absprengbarer Cockpits erprobt. Die US-Marine hatte die Unfälle von 1952 bis 1962 studiert und erkannt, dass ein Großteil der Piloten mit einem Rettungssystem, das im Flug funktioniert, gerettet werden könnte. Das Naval Weapons Laboratory (heute Naval Surface Warfare Center Dahlgren Division) in Virginia/USA wurde daraufhin mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Am Hubschraubermodell des Typs Piasecki UH-25B wurde ein Rettungskapselsystem entwickelt. Es bestand aus einem nachträglich eingerüsteten komplexen System aus pyrotechnischen Zünd- und Sprengschnüren sowie Raketensätzen und Fallschirmen. Zuerst wurden die Rotorblätter abgesprengt und die Pilotenkanzel sowie Kabelverbindungen mittels Sprengschnüren abgetrennt. Das hintere Rumpfteil wurde mit Raketensätzen weggezogen. Kurz danach wurden die vier Fallschirme aus ihren Behältern geschossen und die Rundkappen mittels pyrotechnischer Sätze geöffnet („ultrafast opening“). Das Ganze wurde in Teilversuchen, ab dem 31. März 1966 und danach auch mit ferngesteuert fliegenden Hubschraubern in der Luft unter verschiedenen Bedingungen getestet. Die Versuche waren erfolgreich, und das Verfahren wurde bei einer Flughöhe von über 30 m (100 ft) für grundsätzlich durchführbar befunden. Die Ergebnisse wurden in einem Film, der heute auch öffentlich zugänglich ist, dokumentiert. Über weitere Umsetzungen dieser Ergebnisse ist nichts bekannt. Nur einige wenige russische Kampfhubschrauber verfügen überhaupt über ein Rettungssystem in Form von absprengbaren Rotorblättern und konventionellen Schleudersitzen. General Dynamics F-111: Das auch von der australischen und britischen Luftwaffe eingesetzte US-Kampfflugzeug (1964–2010) konnte die gesamte Cockpitsektion auch im Stand als Rettungskapsel absprengen, um dann an Fallschirmen zu landen. Eine der wirklich benutzten Rettungskapseln ist im Dumfries and Galloway Aviation Museum/Schottland erhalten. Während eines Tieffluges am 5. November 1975 wurde durch einen Vogel die Cockpitscheibe zerstört. Der Pilot wurde dabei verletzt. Beide Besatzungsmitglieder überlebten jedoch den folgenden Notausstieg. Das Flugzeug stürzte ins Meer. Daneben sind auch noch weitere Unfälle dieses Typs mit Rettungskapseleinsatz belegt. Die ersten drei Rockwell-B-1A-Bomber verfügten über eine Rettungskapsel ähnlich der F-111, jedoch mit vier Sitzen. Beim Absturz der zweiten Maschine am 29. August 1984 während eines Testfluges verlor ein Pilot sein Leben. Sein Sitz war beim Aufprall aus den Halterungen gerissen worden. Die beiden anderen Besatzungsmitglieder in der Kapsel überlebten schwer verletzt. Die Kapsel wurde zwar abgesprengt, jedoch versagte der Fallschirm. Die zusätzlich aufblasbaren Luftkissen konnten durch den Aufprallwinkel ihre Wirkung nicht entfalten. Die B-1B wurde mit konventionellen Schleudersitzen ausgestattet.nytimes.com
Schleudersitz-Rettungskapseln mini|Test einer Valkyrie-Kapsel
Die Entwicklung erfolgte im Zuge der Einführung atomwaffentragender Bomber im Kalten Krieg, die dauerhaft mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen konnten. Es sind zwei US-Flugzeugtypen mit diesem System überliefert. Letztlich setzten sich aber konventionelle Schleudersitze durch, die ebenfalls den Ausstieg bei Überschallgeschwindigkeit ermöglichen. Die Schutzfunktion während des Ausstiegs wird dabei durch Druckanzug und Helm erfüllt.