mini|hochkant|„Aura der Unnahbarkeit“: die Ausstattung des Hochchores des Kölner Doms (1310 bis 1340)

Die Chorpfeilerfiguren sind an den 14 Pfeilern des Hochchores im Kölner Dom aufgestellt. Die Statuen zeigen Christus, Maria und die zwölf Apostel; sie wurden Anfang des 14. Jahrhunderts von der Kölner Dombauhütte unter Aufsicht des Baumeisters Johannes von Köln geschaffen. Die bunt gefassten Figuren gelten als Inbegriff der hochgotischen Skulptur und als Höhepunkt ihrer manieristischen PhasePeter Kurmann: Perfektion und Kostbarkeit, Die Chorpfeilerfiguren im architektonischen Kontext des Kölner Domes. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 291f. und spiegeln in ihrer Preziosität den sogenannten Honoré-Stil, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Paris vorherrschte.Ulrike Bergmann: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Doms. Neue Indizien in einem alten Fall der Kunstgeschichte. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 75 (2014), S. 7–36. „Ihre herausragende Qualität umgibt die Chorpfeilerfiguren mit einer Aura der Unnahbarkeit.“Dethard von Winterfeld: Vorwort. In: Katharina Bornkessel: Die Drolerien der Chorschrankenmalereien des Kölner Domes. Köln 2019, S. 8. Heute werden sie zu den Hauptwerken europäischer Skulptur im frühen 14. Jahrhundert gerechnet.Klaus Gereon Beuckers: Der Kölner Dom. Darmstadt 2004, S. 74.

Geschichte mini|hochkant|Höfischer Stil: Pretiose Chorpfeilerfigur Johannes (um 1320)

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts einen Apostelzyklus für einen Chorbau zu planen, hatte Seltenheitswert. Das Mittelalter hatte zwar grundsätzlich die Vorstellung entwickelt, die Aposteln als geistige Stützen der Kirche mit den Säulen eines Gewölbes zu vergleichen. Diese Symbolik im Kirchenbaum baulich zu verwirklichen hatte aber 1248 erstmalig die Sainte-Chapelle in Paris geleistet. In Köln wurde dies von Meister Gerhard aufgegriffen, der bereits vor 1268 an den 14 Pfeilern die Konsolen und Baldachine für die Figuren fest einband.Peter Kurmann: Perfektion und Kostbarkeit, Die Chorpfeilerfiguren im architektonischen Kontext des Kölner Domes. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 302f. Die Figuren selbst sind zwischen 1310 und 1330 von der Kölner Dombauhütte unter Aufsicht von Dombaumeister Johannes geschaffen und aufgestellt worden.Robert Suckale: Datierungsfragen sind Verständnisfragen, Zur Einordnung der Kölner Domchorstatuen. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 287. Zur gleichen Zeit wurden auch die Baldachine um die Engel ergänzt; sie wurden als Musikanten verstanden, die überirdische Musik machen.Rolf Lauer: Kunstwerke im Kölner Dom. In: Arnold Wolff, Toni Diederich: Das Kölner Dom Lese- und Bilderbuch. Köln 1990, S. 99f. Für die Erstellung der Statuen werden die Bildhauer drei bis fünf Jahre benötigt haben. Kölner Künstler gaben den Figuren ihre farbige Fassung, als diese bereits an den Pfeilern aufgestellt waren.Ulrike Bergmann: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Doms, Neue Indizien in einem alten Fall der Kunstgeschichte. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 75 (2014), S. 12.

Die Figuren sind als überschlanke, bewegte Gestalten modelliert, die sich in reich gefalteten und prächtig bemalten Gewändern einander zuneigen. Diese außergewöhnliche, neue Formensprache der Kölner Skulpturen ist vom Honoré-Stil inspiriert, der in Paris zum Ende des 13. und Beginn des 14. Jahrhunderts als höfischer Stil vorherrschte.Ulrike Bergmann: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Doms, Neue Indizien in einem alten Fall der Kunstgeschichte. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 75 (2014), S. 27f. Die Köln Formen inspirierten vor allem die Hofkunst Kaiser Ludwigs von Bayern zwischen 1330 und 1345 zu einer Welle von Nachfolgewerken. Dadurch dürfen die Chorpfeilerfiguren nicht nur als Höhepunkt der manieristischen Phase der gotischen Skulptur betrachtet werden. Sie sind gleichzeitig der Beginn für die neue, weichere Skulpturenkunst, die zum böhmischen Schönen Stil führt, der in ganz Europa nachgeahmt wurde.Robert Suckale: Datierungsfragen sind Verständnisfragen, Zur Einordnung der Kölner Domchorstatuen. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 284.

Die besondere, offenbar unnahbare Qualität der Kölner Figuren sicherte ihnen über die Jahrhunderte anhaltende Wertschätzung. Selbst im Barock blieben die Figuren in ihrem farbigen Showeffekt unangetastet. Als im Zuge der zweiten Barockisierung des Chores 1766 alle Flächen geweißt und die Engelsgemälde in den Arkadenzwickeln übertüncht wurden, wurden die Figuren sauber abgewaschen, um ihre Farbwirkung zu verbessern.Klaus Hardering: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes, Einführung und Restaurierungsgeschichte. In: Ders. (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 52ff.

Im Zuge der Domvollendung wurde in den Jahren 1841 und 1842 der Innenraum des Chores restauriert. Auch alle Apostelfiguren und die meisten Baldachinengel wurden abgenommen und restauriert. Die damals neu aufgebrachte farbliche Fassung scheint in Farbwahl und bei der Ornamentierung mit den Originalen vollständig übereinzustimmen.Georg Maul: Die Restaurierung der Kölner Dompfeilerfiguren von 2009 bis 2012. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 79ff. Die jüngste vollständige Restaurierung erfolgte zwischen 2009 und 2012. Die Figuren wurden gereinigt, die sich teilweise ablösenden Malschichten konsolidiert und gefestigt, kleinere Fehlstellen wieder ergänzt und retuschiert.Georg Maul: Die Restaurierung der Kölner Dompfeilerfiguren von 2009 bis 2012. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 82ff.

Datierung und Künstler Überlegungen zur Datierung Die Dompfeilerfiguren wurden wahrscheinlich unter der Aufsicht von Dombaumeister Johannes zwischen 1310 und 1322 geschaffen. Allerdings ist die Datierung der Chorpfeilerfiguren bis heute Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion. Die Konsolen und die Baldachine sind fest in die Pfeiler eingebunden und daher mit diesen bis spätestens 1268 errichtet worden.Klaus Hardering: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes, Einführung und Restaurierungsgeschichte. In: Ders. (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 48. Die Figuren selbst können aber zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf die Konsolen gestellt worden sein. Die ältere Forschung nahm an, die Figuren seien bis zur Chorweihe 1322 fertig gestellt worden.Paul Clemen: Der Dom zu Köln (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Band 6/7). Düsseldorf 1938, S. 157. In den 1970er Jahren schienen stilistische Vergleiche mit der Liegefigur Konrad von HochstadensHerbert Rode: Die Plastik des Kölner Doms in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Das Hochstaden-Grabmal und die Chorpfeilerfiguren. In: Anton Legner (Hrsg.): Rhein und Maas. Kunst und Kultur 800–1400. Ausstellungskatalog. Köln 1973, Bd. 2, S. 429–444. und mit den Portalskulpturen aus ReimsBernd Wedemeyer: Die Pfeilerfiguren des Kölner Domchores und ihr stilgeschichtliches Verhältnis zu Reims (= Braunschweiger Kunsthistorische Arbeiten. Band 1). Braunschweig 1990., S. 170ff. nahezulegen, dass die Figuren zwischen 1270 und 1280 geschaffen worden sein müssten, jedenfalls aber nicht „viel später als 1290/1300 zu datieren“ seien, wenn man sie mit Gestaltungsprinzipien der Pariser Skulptur vergleicht.Robert Suckale: Die Kölner Domchorstatuten. Kölner und Pariser Skulptur der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. In: Kölner Domblatt 44/45 (1979), S. 223–254.

Erst 2012 hat Robert Suckale darauf hingewiesen, dass die Figuren vielleicht kurz vor der Domweihe 1322, wahrscheinlich aber zwischen 1320 und 1340 fertig geworden seien. Die Welle von Nachfolgewerken nämlich, die offenkundig von der neuen Formensprache der Kölner Figuren inspiriert worden sei, seien um 1330 bis 1345 entstanden. „Es ist auszuschließen, dass ein um 1260 geschaffener Zyklus plötzlich, das heißt nach gut siebzig Jahren eine Welle der Nachfolger ausgelöst hätte.“ In überlegter Argumentation hat 2014 Ulrike Bergmann die wissenschaftliche Diskussion zusammengefasst und auf zahlreiche stilistische Verbindungen zwischen den Chorpfeilerfiguren und anderen Ausstattungen des Chores – wie beispielsweise dem Chorgestühl – hingewiesen. Daher hat sie bisher unwidersprochen dafür plädiert, die Figuren in die Zeit zwischen 1310 und 1322 zu datieren.

Überlegungen zu den Künstlern Die Schöpfer der außergewöhnlichen Figuren dürfen zur Avantgarde der Kunst im frühen 14. Jahrhundert gerechnet werden,Robert Suckale: Datierungsfragen sind Verständnisfragen, Zur Einordnung der Kölner Domchorstatuen. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 281. die aus der meisterhaften Beherrschung ihres Metiers in Kenntnis des damaligen Formenkanons genuin neue Werke zu schaffen in der Lage waren.Peter Kurmann: Perfektion und Kostbarkeit, Die Chorpfeilerfiguren im architektonischen Kontext des Kölner Domes. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 306. An dem Werk waren mindestens vier verschiedene Bildhauer beteiligt.Ulrike Bergmann: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Doms, Neue Indizien in einem alten Fall der Kunstgeschichte, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 75 (2014), S. 14 Da die Figuren Werke der Bauhüttenplastik waren, müssen wir ihre Schöpfer in der Dombauhütte suchen, die von etwa 1308 bis 1331 von Johannes und bis um 1333 von seinem Bruder Rutger geleitet worden ist.Peter Kurmann: Perfektion und Kostbarkeit, Die Chorpfeilerfiguren im architektonischen Kontext des Kölner Domes. In: Klaus Hardering (Hrsg.): Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Domes. Festschrift Barbara Schock-Werner (= Kölner Domblatt. Band 77). Köln 2012, S. 297. In Köln hatte sich in jener Zeit die Praxis herausgebildet, dass Künstler verschiedener Kunstrichtungen eng und kooperativ zusammengearbeitet haben. Das galt für ein Kunstprogramm in besonderem Maße, dass zum einen Steinbildhauer für die Skulpturen, Maler für deren Farbfassung und Steinmetzen für die Baldachine und Konsolen koordinieren musste, aber zudem den künstlerischen Zusammenhang herstellen wollte mit den Glasmalern für die Obergadenfenster, den Holzschnitzern für die Gestaltung der Mailänder Madonna und den Bildhauern für die Marmorfiguren am Hochaltar.Ulrike Bergmann: Kölner Skulptur der Hochgotik im wirtschaftlichen und historischen Kontext. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 66 (2005), S. 59–108, hier S. 81f.; Roland Krischel: Vernetzung der Künste im heiligen Köln. In: Dagmar Täube, Miriam Verena Fleck (Hrsg.): Glanz und Größe des Mittelalters. Kölner Meisterwerke aus den großen Sammlungen der Welt. Ausstellungskatalog. Hirmer, München 2011, S. 232–243, hier S. 238. Daher lassen sich die Pfeilerfiguren in die Kölner Kunst der Hochgotik einbetten. Die besondere Physiognomie, die Exaltiertheit der Frisuren und Bärte und die überpointierte Mimik findet sich auch in der zeitgleich hergestellten Tafelmalerei.Ulrike Bergmann: Die Chorpfeilerfiguren des Kölner Doms. Neue Indizien in einem alten Fall der Kunstgeschichte. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 75 (2014), S. 25f.