Der Poetische Plural wird von Dichtern (selten von Prosaikern) statt des Singulars gesetzt, obwohl keine Mehrzahl bezeichnet wird. Dieses Phänomen begegnet vor allem in den Sprachen Griechisch und Latein. Nicht selten ist die Verwendung des Poetischen Plurals durch metrische Zwänge bedingt; häufig jedoch dient der Plural zur Differenzierung: „die Himmel“ statt „die Sphären des Himmels“ bzw. zur Amplifizierung,Raphael Kühner, Bernhard Gerth: Ausführliche Grammatik der griechischen Sprache. Satzlehre. Erster Teil. Vierte Auflage, Leverkusen 1955, S. 18 das heißt, der Dichter lässt das Erwähnte durch die Pluralform größer wirken.Sophokles, Antigone 1041: ἐς Διὸς θρόνους: auf Zeus’ Throne, d. h. auf Zeus’ großen Thron
Beispiele aus der griechischen Literatur ἐνὶ φρεσίHomer, Ilias 1,297 (ení phresí; in den Sinnen)
ἐν μεγάροισιHomer, Ilias 1,418 (en megároisi; in den Sälen)
ἐν σπέσσιHomer, Odyssee 1,15 (en spessi; in Höhlen)
ἐν στήθεσσιHomer, Odyssee 20,22 (en stḗthessi; in Brüsten)
„Plural bei Homer oft ohne erkennbare Bedeutung statt des Singulars“Eduard Bornemann: Auswahl aus Homers Odyssee. Wortkunde. Diesterweg. Frankfurt/Main u. a., 17. Auflage 1970, S. 9
Beispiele aus der lateinischen Literatur Oft findet sich der Poetische Plural bei Körperteilen:
cervicibusVergil, Aeneis 2,219; Ovid, Metamorphosen 1,542 (die Nacken)
collaVergil, Aeneis 2,721; Ovid, Metamorphosen 3,422 (die Hälse)
corporaOvid, Metamorphosen 2,326 (die Körper)
gutturaOvid, Metamorphosen 3,90 (die Kehlen)
oraVergil, Aeneis 6,108; Ovid, Metamorphosen 1,93; 1,181; 1,484; 2,324; 8,229 (die Münder)
pectoraVergil, Aeneis 1,355; Ovid, Metamorphosen 11,411 (die Brüste)
tergaVergil, Aeneis 2,219; Ovid, Metamorphosen 2,187 (die Rücken)
Nicht selten erscheint er bei Begriffen, die Elemente bezeichnen:
aequoraVergil, Aeneis 1,142; Ovid, Metamorphosen 8,149 (die Meeresspiegel)
aeraVergil, Aeneis 1,300; Ovid, Metamorphosen 10,279 (die Lüfte)
ignesVergil, Aeneis 1,743; Ovid, Metamorphosen 10, 582 (die Feuer)
Auch bei Begriffen, die Emotionen bezeichnen, ist er häufig:
amoresVergil, Aeneis 4,28; Ovid, Metamorphosen 9,519 (Liebe)
gaudiaVergil, Aeneis 1,502; Ovid, Metamorphosen 6,514 (die Freuden)
iraeVergil, Aeneis 1,130; Ovid, Metamorphosen 1,166 (iras) (Zorn)
odiaVergil, Aeneis 2,96; Ovid, Heroides 7,47 (Hass)
Außerdem:
coeptaOvid, Metamorphosen 1,2 (die Anfänge)
currusOvid, Metamorphosen 2,387 (die Wagen)
donaOvid, Metamorphosen 10,52 (die Geschenke)
sceptraOvid, Metamorphosen 1,596; 11,560 (die Szepter)
silentiaVergil, Aeneis 2,755; 10,63; Ovid, Metamorphosen 10,30; 10,53 (Schweigen)
Beispiele aus der deutschen Literatur „Der Göttliche lächelt, er siehet, mit Freuden“Johann_Wolfgang_von_Goethe: Der_Gott_und_die_Bajadere, Vers 32
„Er schaute mit vergnügten Sinnen“Friedrich Schiller: Der Ring des Polykrates, Vers 2
„Und schüttelt die Mähnen“Friedrich Schiller: Der_Handschuh, Vers 14
„‚Nehmt hin die Welt!‘, rief Zeus von seinen Höhen“Friedrich Schiller: Die_Teilung_der_Erde, Vers 1
„Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte“Eduard_Mörike: Er ist’s, Verse 1–2
Anmerkungen
Literatur Eduard Hailer: Beiträge zur Erklärung des poetischen Plurals bei den römischen Elegikern. Programm des Königlichen humanistischen Gymnasiums zu Freising für das Schuljahr 1901/02. Freising 1902 Raphael Kühner, Bernhard Gerth: Ausführliche Grammatik der griechischen Sprache. Satzlehre. Erster Teil. Vierte Auflage, Leverkusen 1955 Raphael Kühner, Carl Stegmann: Ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache. Zweiter Teil: Satzlehre. Erster Band. Darmstadt 1966, S. 82–85 Paul Maas: Studien zum poetischen Plural bei den Römern. Teubner, Leipzig 1903 Gregor Maurach: Lateinische Dichtersprache. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, § 121 = S. 84–86 (mit Angabe älterer Literatur in Anm. 82)
Kategorie:Griechische Grammatik Kategorie:Lateinische Grammatik Kategorie:Numerus