Das vom bolivianischen Fotografen Freddy Alborta aufgenommene Foto des toten Che Guevara entstand am 9. Oktober 1967 im Waschhaus eines Hospitals in Vallegrande. Dorthin hatten bolivianische Soldaten den Revolutionär gebracht, nachdem sie ihn gefangen genommen und in einem Schulhaus in La Higuera erschossen hatten. Von den aufgenommenen Fotos gilt die Schwarzweißfotografie Albortas als die bekannteste und wird auch zu den bekanntesten Fotografien von Guevara überhaupt gezählt. Sie zeigt Offiziere, Soldaten und Zivilisten, die sich um Guevaras Leichnam platziert haben. Das Foto wurde von Kunstkritikern und -historikern analysiert und von Künstlern in Werken aufgegriffen.

Entstehung Der argentinische Arzt Ernesto „Che“ Guevara nahm als Comandante der Rebellenarmee an der Kubanischen Revolution teil. Nach deren Sieg über Diktator Fulgencio Batista zu Beginn des Jahres 1959 war er zeitweilig Industrieminister sowie Leiter der Nationalbank Kubas. Im April 1965 verließ er Kuba, um sich in anderen Teilen der Welt an Revolutionen zu beteiligen. Eine erste Mission im Kongo scheiterte bereits im November desselben Jahres.Jon Lee Anderson: Che. 2011, S. 550, 586.

Ein Jahr später, im November 1966, flog Guevara nach Bolivien, wo er die überwiegend aus Bolivianern und Kubanern bestehende Rebellenarmee Ejército de Liberación Nacional gründete. Doch auch dieser Versuch einer Revolution scheiterte innerhalb eines Jahres. Am 8. Oktober 1967 kam es in der Schlucht Quebrada del Churo zu einem Gefecht mit einer Kompanie Ranger der bolivianischen Armee unter Führung des Oberst Gary Prado Salmón. In ihm starben vier Guerrilleros, der Bolivianer Aniceto Reinaga Gordillo sowie die Kubaner René Martínez Tamayo, Alberto Fernández Montes de Oca und Orlando Pantoja Tamayo. Auf Seiten der Armee fielen drei Soldaten. Che Guevara wurde an der Wade verwundet. Gemeinsam mit dem Bolivianer Simeón Cuba Sanabria wurde er daraufhin von den Soldaten gefangen genommen und ins Schulhaus des nahe gelegenen Ortes La Higuera gebracht. Dort verhörten ihn die bolivianischen Offiziere Gary Prado Salmón, Andrés Selich Chop und Miguel Ayoroa sowie der CIA-Agent Felix Rodriguez. Vom Oberkommando in La Paz kam am 9. Oktober der Befehl, Guevara zu eliminieren. Er wurde daraufhin vom Feldwebel Mario Terán erschossen. Zuvor hatte die Armee bereits Simeón Cuba Sanabria sowie den Peruaner Juan Pablo Chang NavarroEs gibt unterschiedliche Angaben zum Zeitpunkt, an dem Juan Pablo Chang Navarro gefangen genommen wurde. Während Jon Lee Anderson (Che. 2011, S. 662) berichtet, dass er am Morgen des 9. Oktober verwundet gefangen genommen worden sei, heißt es bei David Kunzle (Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016, S. 332–333), er sei bereits am 8. Oktober gemeinsam mit Che Guevara und Aniceto Reinaga Gordillo gefangen genommen worden. hingerichtet.Jon Lee Anderson: Che. 2011, S. 656–664. Von den übrigen zehn Kämpfern Guevaras gelang fünf die Flucht nach Chile, wo ihnen die Partido Comunista und die Partido Socialista Schutz gewährten. Die anderen wurden in Bolivien getötet.Jon Lee Anderson: Che. 2011, S. 669.

mini|Der aufgebahrte Leichnam Che Guevaras. Foto eines CIA-Agenten Noch am Tag seines Todes wurde der Leichnam Ches auf eine Bahre gelegt, die man an den Kufen eines Helikopters befestigte, damit nach Vallegrande flog und sie dort ins Waschhaus hinter dem Hospital Nuestro Señor de Malta brachte. Hier wurde der Leichnam gewaschen und dabei die Hinweise auf den tödlichen Schuss aus kurzer Distanz entfernt, die der Bekanntgabe des Militärs widersprochen hätte, Guevara sei an seinen Kampfwunden gestorben. Zudem wurden für eine leichtere Identifizierung der Bart und das Haar gestutzt und ein Arzt injizierte Formaldehyd, um die Verwesung hinauszuzögern.Jon Lee Anderson: Che. 2011, S. 666–667. Michael Casey: Che’s Afterlife. 2009, S. 178–179. So wurde der Leichnam den mehr als 20 Journalisten und Fotografen präsentiert, die das bolivianische Militär eingeflogen hatte. Zu ihnen gehörte Freddy Alborta, ein junger freiberuflicher Fotograf.Jeffrey Skoller: The Future’s Past: Re-Imaging the Cuban Revolution. 1999, S. 13. Er nahm mehrere Fotos des Leichnams auf. Dabei fotografierte er nach eigener Aussage nicht allein für die Presse, sondern achtete auf Aufnahmewinkel und die Komposition, um kunstvolle Fotografien zu produzieren.Jeffrey Skoller: The Future’s Past: Re-Imaging the Cuban Revolution. 1999, S. 14. Auf einigen Aufnahmen sind die Leichen zweier Kameraden Guevaras zu sehen, die auf dem Boden vor dem aufgebahrten Guevara lagen. Sie wurden nicht gewaschen, sodass auf ihrer Kleidung und ihren Körpern große Blutflecken zu sehen sind.David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016, S. 183–184.

Der Vorschlag des Generals Alfredo Ovando Candía, Guevara enthaupten zu lassen, um den Kopf als Beweis aufzubewahren, wurde verworfen. Stattdessen fertigte man zwei Totenmasken an und schnitt ihm die Hände ab, die in Formaldehyd aufgehoben wurden. Danach verscharrte man ihn wie seine sechs Kampfgefährten in einem geheimen Grab.Jon Lee Anderson: Che. 2011, S. 667–668.

Beschreibung Das Foto zeigt die aufgebahrte Leiche von Che Guevara. Sie liegt auf einer Krankentrage, die auf eine Betonwanne gelegt wurde. Guevara trägt eine Hose, sein Oberkörper, sowie seine Unterschenkel und Füße sind nackt. Sein Kopf wurde leicht erhöht platziert, sodass seine offenen Augen in Richtung des Betrachters zu blicken scheinen. Hinter Guevara stehen mehrere Männer. Ein bolivianischer Offizier hat eine Hand auf Guevaras Kopf gelegt, ein anderer zeigt mit dem Finger auf Guevaras Oberkörper. Zwischen den beiden stehen drei Zivilisten. Links sind zwei Soldaten zu sehen, von denen einer erkennbar ein Gewehr trägt. Am linken Rand des Bildes sind Teile eines Mannes zu sehen, der die Szene fotografiert. Zwischen dem Fotografen und der Betonwanne sieht man auf dem Boden den Teil eines Armes einer Person. Er gehört wahrscheinlich einem der sechs getöteten Mitkämpfer Guevaras. Die genaue Identität ist nicht geklärt.Michael Casey: Che’s Afterlife. 2009, S. 182–183. Bei dem Offizier, der mit dem Finger auf Guevaras Leichnam zeigt, soll es sich laut dem Fotografen Freddy Alborta um den Luftwaffenoberst René Adriazola handeln, der nichts mit dem Tod Che Guevaras zu tun hatte.David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016, S. 307.

Analyse

Bereits kurz nach dem Tod Che Guevaras veröffentlichte der britische Kunstkritiker John Berger einen Essay, in dem er sich mit Fotos des toten Revolutionärs auseinandersetzt. Es existieren zwei fast identische Versionen. In einer widmet Berger sich Albortas berühmtem Foto,John Berger: Che Guevara Dead. 1968. in einer anderen analysiert er ein Foto, das neben der Leiche Guevaras nur drei weitere Personen zeigt, darunter einen Offizier, der sich ein Taschentuch vor die Nase hält. Beiden Essays gemein ist, dass Berger das jeweilige Foto mit zwei Gemälden vergleicht, zum einen Rembrandt van Rijns Barockgemälde Die Anatomie des Dr. Tulp, zum anderen die Beweinung Christi des italienischen Renaissancemalers Andrea Mantegna.

Rembrandts Gemälde zeigt eine Anatomie-Vorführung des Arztes Nicolaes Tulp an einer Leiche, an der sieben Zuschauer teilnehmen. Damit ist die Anzahl der abgebildeten Personen im Gemälde und Albortas Fotografie identisch. Auch in der Anordnung der Personen im Verhältnis zum Leichnam ähneln sich Gemälde und Fotografie aus Bergers Sicht stark. Die Position des Arztes habe in Albortas Fotografie der Offizier rechts eingenommen. Die Personen links von ihm starrten genauso intensiv, aber unpersönlich auf die Leiche, wie dies die Zuschauer Tulps tun würden.John Berger: Che Guevara Dead. 1968, S. 36. Hier irrt Berger jedoch, denn in Rembrandts Gemälde blickt keiner der Anwesenden auf den Leichnam.

Mantegnas Gemälde zeigt den toten Jesus Christus. Der Blickwinkel auf den Leichnam sowie die Positionierung dessen Hände und Kopfes gleiche Guevaras Leichnam in Albortas Foto. Das Tuch, das den Unterkörper Jesu bedeckt, werfe ähnliche Falten wie die Hose Guevaras. Im Unterschied zu Guevara sind die Augen Jesu verschlossen. Auch die bei Mantegna links zu sehenden trauernden Menschen fehlen in Albortas Fotografie.John Berger: Che Guevara Dead. 1968, S. 37.

Später wurde ein anderes Foto des toten Che Guevara mit dem Gemälde Der Leichnam Christi im Grabe des deutschen Malers Hans Holbein der Jüngere verglichen. Zitiert in: David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016, S. 311–314. Ähnlichkeiten des Leichnams mit Jesus sollen bereits die Nonnen festgestellt haben, die ihn gewaschen hatten.David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016, S. 342. Auch für Freddy Alborta wirkte er aufgrund der offenen Augen wie Christus. Äußere Ähnlichkeiten sowie Gemeinsamkeiten der Lebensgeschichten Che Guevaras und Jesu Christi entwickelten sich später zu einem wichtigen Teil der Rezeption Guevaras, denen der britische Kunsthistoriker David Kunzle sogar ein ganzes Buch widmete.David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016. Sie wurden nicht nur in Kunst und Literatur aufgegriffen, sondern auch von christlichen Gruppierungen verwendet. So veröffentlichte das britische Churches Advertising Network, das sich selbst als „unabhängige ökumenische Gruppe von christlichen Kommunikatoren“ bezeichnet, 1999 das Werbeplakat Meek. Mild. As If., auf dem ein Porträt von Jesus zu sehen ist, das stark an das bekannte, auf dem Foto Guerrillero Heroico basierende Zweiton-Porträt Guevaras erinnert. Die Aktion, zu der zahlreiche Presseberichte erschienen, rief negative Reaktionen der britischen Kirchen hervor.David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. 2016, S. 290–291.

Rezeption