Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 als „Schutzgebiet“ eine deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Staates Namibia. Mit einer Fläche von 835.100 km² war es ungefähr anderthalbmal so groß wie das Deutsche Kaiserreich. Deutsch-Südwestafrika war die einzige der deutschen Kolonien, in der sich eine nennenswerte Anzahl deutscher Siedler niederließ.
Im Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet 1915 von Truppen der Südafrikanischen Union erobert, unter deren Militärverwaltung gestellt und 1919 gemäß den Bestimmungen des Friedensvertrags von Versailles als Völkerbundsmandat Südwestafrika der Verwaltung Südafrikas übertragen.
Bevölkerung Das Land war nie dicht bevölkert; denn es konnte bis auf wenige Ausnahmen nur durch extensive Viehzucht genutzt werden. Es befand sich keine einheitliche Bevölkerung in dem ehemaligen Koloniegebiet. Gerade im Gebiet der größten Erhebungen des Hochlandes, bei Windhuk, grenzten zur Zeit der deutschen Besitznahme die beiden Hauptvölker Herero und Nama aneinander. Dazu kamen noch die hervorragend an die widrigen Lebensbedingungen angepassten San, die versklavten Damara und die ganz im Norden lebenden ackerbautreibenden Owambo.
Laut dem Deutschen Kolonial-Handbuch gab es folgende Bevölkerungszahlen zur Jahrhundertwende:Rudolf Fitzner: Deutsches Kolonial-Handbuch. Hermann Paetel, Berlin 1901, Band 1, S. 138 ff. Hottentotten Zeibschen 150–200 Veldschoendrager 800–1000 Swartboois (Zwartboois) einige wenige Rote Nation 600 Bondelswarts (Bondelzwarts) 1800 Topnaar (Toppnaers) 200 Orlam Bethanier 900–1000 Hottentotten von Berseba 900–1000 Witboois (Gibeoner) Khauas-Hottentotten andere Afrikaner 30–50 Baster 1000–1200 Bergdama 35.000 Herero 65.000 Ovambo 60.000 Deutsche und Fremde 3338 (1900); Männliche Bevölkerung davon Deutsche 1658 (1900) Engländer 128 (1900) Buren 59 (1900)
Geschichte Vorgeschichte mini|hochkant|Besitzungen der britischen Kapkolonie beschränkten sich auf die Walfish Bay und Penguin Islands Erst spät trat Südwestafrika in den Bereich der europäischen Erforschung und Kenntnis. Wohl hatten die Portugiesen schon im 15. Jahrhundert (1486) auf ihren Indienfahrten Landungszeichen in Form von Kreuzen hinterlassen, aber erst die Annahme, es ließen sich im Landesinneren Reichtümer erwerben, führte im 18. Jahrhundert vom Kapland aus zu einigen Expeditionen. Sie sollten erkunden, wie sich der sagenhafte Rinderreichtum der Herero in klingende Münze verwandeln ließe und ob es nicht Goldvorkommen im Land gäbe. Beide Absichten waren jedoch ebenso wenig erfolgversprechend wie ein späterer Versuch der Briten, eine Kupfermine ins Leben zu rufen.
Schon 1868 wollten deutsche Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft den König von Preußen für das Gebiet interessieren und baten um seinen Schutz, da sie unter den ständigen Kämpfen der Afrikaner sehr zu leiden hätten. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ließ jedoch diese Bestrebungen wieder in Vergessenheit geraten. 1876 versuchten die Briten von der Kapkolonie aus, das Gebiet in Besitz zu nehmen, konnten sich aber nicht durchsetzen. Sie behielten jedoch die Walfischbai und die Pinguininseln in ihrer Hand. Als sich die im Inland lebenden Europäer, Missionare und Händler wegen mangelnden Schutzes aufgrund angeblicher Übergriffe durch Afrikaner beklagten, erklärten die britischen Kolonialbehörden, dass sie mit dem Inneren des Landes nichts zu tun hätten und keine Verwaltung ausübten. Die Briten erhoben also, wie sie selbst erklärten, keine weitergehenden Ansprüche auf Südwestafrika.Geschichte. Klaus Dierks. Abgerufen am 31. Juli 2020.
Inbesitznahme mini|180px|Lage Deutsch-Südwestafrikas und anderer deutscher Kolonien in Afrika (1913) mini|links|Franz Adolf Lüderitz Im Auftrag des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz erwarb der 22 Jahre alte Kaufmannsgehilfe Heinrich Vogelsang am 1. Mai 1883 die Bucht von Angra Pequena, die heutige Lüderitzbucht und fünf Meilen Hinterland vom Volk der Nama in Bethanien. Der mit ihrem Kaptein Joseph Frederiks vereinbarte Kaufpreis betrug 200 alte Gewehre und 100 englische Pfund. Im September 1883 segelte Lüderitz an Bord eines Dreimasters dann selbst nach Südwestafrika, um als neuer Landesherr seine Erwerbungen zu besichtigen. In den Zeitungen wurde er bald als Held der deutschen Kolonialbewegung gefeiert. Reichskanzler Bismarck entsandte das Kanonenboot Nautilus auf Erkundungsfahrt in die Lüderitzbucht. Dessen Kapitän Richard Aschenborn erstattete dem Reichskanzler später schriftlich Bericht und erklärte, er habe festgestellt, dass Lüderitz den Landbesitz zunächst nur in englischen Meilen vermessen habe. Dieses auch den Nama gut bekannte Längenmaß sei jedoch im Vertrag nicht ausdrücklich vereinbart worden, so dass mit der viermal längeren geographischen deutschen Meile zu rechnen sei. Lüderitz griff den Gedanken sofort auf und beanspruchte fortan ein um das Sechzehnfache größeres Gebiet. Die Nama fühlten sich getäuscht, konnten aber trotz Protest ihren Standpunkt nicht durchsetzen. Am 24. April 1884 telegrafierte Bismarck dem deutschen Konsul in Kapstadt, „Lüderitzland“ stehe unter dem Schutz des Deutschen Reiches. Die Landerwerbungen des Bremer Kaufmanns hatten zwar das Interesse Großbritanniens und des Kaplandes an diesem Gebiet neu geweckt. Nachdem Bismarck jedoch so entschlossen auftrat und die britischen Rechtsansprüche nach vorherigem Verzicht auf das Gebiet recht fragwürdig erscheinen mussten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als nachzugeben. Sie beanspruchten nur die schon früher besetzte Walfischbucht. Im Gegenzug ließ Deutschland den im November 1884 erhobenen Anspruch auf die südafrikanische Bucht Santa-Lucia im Mai 1885 endgültig zugunsten Großbritanniens fallen.
Die erste offizielle Flaggenhissung in Südwestafrika fand am 7. August 1884 unter Beteiligung des Nama-Kaptein Josef Fredericks II. nebst seinen Ratsleuten, der Besatzungen zweier deutscher Kriegsschiffe, der Kreuzerfregatte Leipzig und der Korvette Elisabeth, und Vertretern der Firma Lüderitz am Fort Vogelsang in Lüderitzbucht statt.
Erweiterungen mini|hochkant|Erste deutsche Besitzung im Namaqua-Land (Lüderitzland) und Erweiterung im Norden bis zum Cunene Im selben Monat schloss Vogelsang einen zweiten Vertrag ab, in dem Lüderitz der Küstenstreifen zwischen dem Oranje-Fluss und dem 26. Breitengrad und ein Gebiet von 20 Meilen landeinwärts von jedem Punkt der Küste aus für weitere 500 Pfund und 60 Gewehre verkauft wurde. 1885 wurde in Otjimbingwe der erste Verwaltungssitz eingerichtet.
Im deutsch-portugiesischen Vertrag vom 30. Dezember 1886 wurde die Nordgrenze zu den portugiesischen Besitzungen in Angola festgelegt.Jana Moser: Untersuchungen zur Kartographiegeschichte Namibias, Die Entwicklung des Karten- und Vermessungswesens von den Anfängen bis zur Unabhängigkeit 1990. Technische Universität Dresden, Dresden 2006, S. 16; Unter deutsche Kontrolle kamen Damaraland, das Ovamboland und die Republik Upingtonia. Die Grenzen zu den britischen Besitzungen im Süden und Osten wurden 1890 im Helgoland-Sansibar-Vertrag bestimmt. Hierdurch kam der Caprivizipfel hinzu, von dem man sich neue Handelsrouten versprach und der den Anschluss zum Sambesi-Fluss herstellte.
Deutsch-Südwestafrika erstreckte sich danach vom Oranje-Fluss, der Grenze gegen das Kapland im Süden, über mehr als 1200 km bis zum Kunene, dem Grenzfluss gegen das portugiesische Angola im Norden. Seine Breite von der Küste landeinwärts schwankte, abgesehen vom „Caprivizipfel“, zwischen rund 450 km im Süden und fast 1000 km im Norden. Am 18. Oktober des gleichen Jahres wurde auf Betreiben des Hauptmanns Curt von François der Grundstein für die Feste „Groß Windhuk“ gelegt. Die Schutzgebietsverwaltung wurde bald darauf in diese Festung verlegt. Um sie herum entstand im Laufe der kommenden Jahre die spätere Landeshauptstadt Windhuk, die heute offiziell „Windhoek“ heißt.
Kolonialverwaltung bis 1903 mini|Lüderitzbucht um 1900, Postkarte Nachdem Lüderitz die deutsche Regierung von der wirtschaftlichen Bedeutung seiner Niederlassung in Südwestafrika überzeugt und dringend um hoheitlichen Schutz gebeten hatte, wurde Gustav Nachtigal 1884 als kaiserlicher Generalkonsul und Kommissar für Deutsch-Westafrika ernannt. In die Ära seiner kurzen Amtszeit fiel der Abschluss des Schutzvertrages mit den Nama. Nach Nachtigals Tod ernannte Reichskanzler Bismarck 1885 Heinrich Göring, den Vater des späteren nationalsozialistischen Politikers Hermann Göring, zum neuen Reichskommissar. Dieser schloss weitere Schutzverträge mit den einheimischen Stämmen ab. Ihm zur Seite standen Carl Gotthilf Büttner als weiterer Unterhändler sowie der als „Kanzler“ fungierende ehemalige Gerichtsreferendar Louis Nels und der Feldwebel Goldammer, der die Polizeigewalt ausüben sollte.
1887 wurde das Gerücht verbreitet, dass bei der Walfischbucht Gold gefunden worden sei. Göring wurde daraufhin aufgefordert, vom Reich eine Schutztruppe anzufordern, die die Ordnung auf den vermeintlichen Goldfeldern aufrechterhalten sollte. Die Reichsregierung lehnte mit dem Hinweis, dass das betroffene Gebiet Privatbesitz der Deutschen Kolonialgesellschaft sei, das Ansinnen ab. Die Kolonialgesellschaft stellte daraufhin mit Unterstützung Görings eine eigene Söldnertruppe, bestehend aus zwei Offizieren, fünf Unteroffizieren und 20 schwarzen Soldaten, auf. Der Goldfund stellte sich später als Schwindel heraus, und die Schutztruppe löste sich wieder auf, nachdem sie zuvor lediglich durch ihre Disziplinlosigkeit aufgefallen war.
1888 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen dem Stamm der Witbooi und den Herero, die vergeblich auf Unterstützung der Deutschen hofften. Die Herero kündigten daraufhin die Schürfrechte der Deutschen und den Schutzvertrag auf. Göring gelang es weder, die Vertragskündigungen rückgängig zu machen, noch die kämpfenden Stämme zu befrieden. Als die Witbooi zudem begannen, das ganze Land mit Plünderungen zu terrorisieren, zogen sich Göring und die gesamte deutsche Verwaltung, dem Chaos entfliehend, in die britische Walfischbucht zurück.
mini|hochkant|links|Hendrik Witbooi um 1892 Auf Drängen der Kolonialgesellschaft entsandte die Reichsregierung im Mai 1889 unter der Leitung des Leutnants Hugo von François eine 21-köpfige Truppe, die später auf 50 Mann erweitert wurde, um die deutsche Verwaltung wieder einzusetzen und das Land zu befrieden. François schnitt den Herero die Waffenzufuhr ab und baute Windhuk zu einer Festung aus. Durch das energische Auftreten beeindruckt, nahmen die Herero 1890 die Kündigung des Schutzvertrages zurück. Im selben Jahr kehrte Göring nach Deutschland zurück, und François wurde am 12. Mai 1891 zum vorläufigen Reichskommissar und Landeshauptmann ernannt. Damit lagen die zivile und die militärische Macht in einer Hand. François sah es als seine wichtigste Aufgabe an, die Witbooi unter ihrem Kaptein Hendrik Witbooi zurückzudrängen, denn sie überfielen nun zunehmend die deutschen Siedler. Nachdem die Schutztruppe noch einmal auf nun 212 Soldaten und zwei Offiziere vergrößert worden war, nahm François im April 1893 den Kampf gegen die Witbooi auf. Nach dem Überfall auf Hornkranz zog sich Hendrik Witbooi in die unwegsamen Naukluftberge zurück und führte einen Guerillakrieg gegen die Deutschen.
mini|Theodor Leutwein (links sitzend), Zacharias Zeraua (2. von links), Manasse Tyiseseta (sitzend, 4. von links) u. Samuel Maharero (rechts), 1895