Volquard Iversen, niederländisch Volker Evertsz, (* um 1630 in Husum; † unbekannt, nach 1669) war ein Buchbinder und Soldat im Dienst der Niederländischen Ostindien Kompanie (VOC).
Im Zuge seiner 13-jährigen Reise im Dienst der VOC verfasste er einen detaillierten Bericht seiner Erlebnisse sowie der Kulturen und der Natur, die ihm begegneten. Dieser wurde gemeinsam mit dem Reisebericht von Jürgen Andersen 1669 erstmals unter dem Titel Orientalische Reisebeschreibungen von Adam Olearius herausgegeben.Renate Dürr, Karoline Müller, Jonas Schmid, Leon Zimmermann: Volquard Iversen. In: Frühe Neuzeit in Deutschland 1620- 1720. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon (VL17). mini|Titelkupfer der Orientalischen Reisebeschreibungen 1669
Leben
Vor der ersten Reise Über Iversens Leben vor seiner ersten Reise mit der VOC ist wenig bekannt. Um 1630 wurde er als Sohn eines Müllers in Husum geboren, das sich zu dieser Zeit im Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf befand.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 181. Seinem Bruder wurde es ermöglicht, zuerst die Husumer Gelehrtenschule und danach die Universität Königsberg zu besuchen. Iversen selbst absolvierte eine Lehre zum Buchbinder und übte sein Handwerk einige Jahre bei einem Meister in Amsterdam aus. Dort kam er in Kontakt mit Reisenden der VOC. Abenteuerlust sowie finanzielle Gründe überzeugten auch ihn, sich in den Dienst der Kompanie zu stellen.
Fahrt nach Batavia und Dienst vor Ort Iversen entschied sich, als Leibschütze anzuheuern und schiffte sich – laut seinem Reisebericht – im April 1655 auf der Prinz Royal (Prinses Royaal) ein. Die Kanarischen Inseln passierend und über die vor der afrikanischen Küste gelegenen Inseln St. Vincent und St. Anton erreichte Iversen das Kastell der Holländer am Kap der Guten Hoffnung.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 182. Von Afrika aus reiste er weiter zur niederländischen Handelsniederlassung Batavia, welche er Anfang des Jahres 1656 erreichte.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 183. Nach den Schiffslisten der VOC ist jedoch ein Aufbruch im Jahr 1656 und Ankunft in Batavia 1657 wahrscheinlicher. Band 2. Haag 1979, S. 118, 122.
Nach viermonatiger Akklimatisierung erhielt Iversen den Befehl, auf dem Schiff Trawung zu den Molukken weiterzureisen. In den folgenden fünf Jahren diente er in den holländischen Niederlassungen der VOC auf den Molukken, vor allem auf Ambon, Seram und den Banda-Inseln, und sammelte Eindrücke über die Flora, Fauna und die Bewohner der Inseln. Zudem beschrieb er die Präsenz der Holländer in der Region, ihren Kampf gegen die Portugiesen und ihre Festung Overburg.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 183–188. mini|Einheimisches Schiff auf den Molukken (S. 185) Als Iversen die Molukken erreichte, hatte Arnout de Vlaming gerade nach achtjährigem Krieg die Einheimischen unterworfen. Um das Gewürzmonopol der VOC besser durchsetzen zu können, befahl er, dass – abgesehen von der Insel Ambon – alle Nelkenbäume auf den Molukken-Inseln vernichtet werden sollen. Iversen berichtet, als Soldat an diesen großflächig angelegten Zerstörungsmissionen beteiligt gewesen zu sein.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 183f.
Versuch der Rückreise und Schiffbruch mini|Schiffbruch der Arnhem Im Jahr 1661 beschloss Iversen, in seine Heimat zurückzukehren und trat auf dem Schiff Löwin seinen Rückweg über Batavia an. Nach einem siebenmonatigen Aufenthalt auf Java erwirkte Iversen seine Entlassung von General Johann Matsüker.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 188. Am 23. Dezember 1661 begann er seine Rückreise auf dem Schiff Arnhem, das in einer Flotte von sieben Schiffen (Das Wappen von Holland (Wapen van Holland), Prinz Wilhelm (Prins Willem), Prinz Royal (Prinses Royaal), Arnhem, Maarsseveen, Der Phoenix (Phoenix) und der gekrönte Löwe (Gekroonde Leeuw)) unter dem Kommando von Admiral Arnout de Vlaming segelte. Ein heftiger Sturm ergriff jedoch bald darauf die Flotte und Iversen erlitt am 11. Februar 1662 mit der Arnhem Schiffbruch.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 188f. Mit etwa 80 anderen Personen konnte er sich auf ein Beiboot retten, das jedoch stark überfüllt war: 13 Passagiere wurden ins Meer geworfen, andere starben in den kommenden Tagen an Durst.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 191f. Nach einigen Tagen auf See konnte sich Iversen auf die Insel Mauritius retten. Dort lebte er mit einigen der anderen Überlebenden für mehrere Monate und beschrieb die Zeit, nach ersten Anfangsschwierigkeiten, als beinahe paradiesisch.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 191–195.
Iversen und einige seiner Leidensgenossen wurden schließlich vom englischen Schiff Trüro aus ihrem Robinson-Dasein errettet. Unter Kapitän Swanli brach die Trüro am 24. Mai 1662 zum Kap der Guten Hoffnung auf, musste jedoch einen Umweg über Madagaskar nehmen und dort wegen schlechter Winde vier Monate ausharren.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 197. Aufgrund von mangelhafter Versorgung mit Lebensmitteln wechselte Iversen heimlich das Schiff und versteckte sich drei Tage lang an Bord der Leopard. Schließlich enttarnt als ehemaliger Soldat im Dienst der Niederländer sollte er von Bord geworfen werden, wurde aber in Cambaia freigelassen. Mit dem niederländischen Schiff Merri roos segelte Iversen weiter nach Surat, wo er am 8. Oktober 1662 angelangte.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 198.
Dienst in Surat und Heimkehr Zurück im Dienst der Niederländer wurde Iversen über Gamron (Bandar Abbas) nach Basra geschickt, um auf Waren aus Armenien, der Türkei und Arabien zu warten.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 199. Nach Surat zurückgekehrt diente Iversen dort für weitere viereinhalb Jahre bis 1667. In dieser Zeit sammelte er ausführliche Informationen über die Stadt, ihre Bewohner und besonders deren religiöse Praktiken.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 199–212. Außerdem wurde er Zeuge der Plünderung der Stadt im Jahr 1664.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 213–218. mini|Feuertanz in Surat (S. 202) Iversens Sprachkenntnisse machten ihn – nach eigener Aussage – für die Niederländer sehr wertvoll, weswegen es ihm nicht leicht fiel, nach seiner zweiten Dienstzeit seine Entlassung zu erwirken. Am 15. Mai 1667 schließlich brach Iversen an Bord des Schiffes Kattenburg von Surat nach Batavia auf. Auf seiner Reise passierte er unter anderem Decan, Bombay (Mumbai), Cochin, Ceylon, Colombo sowie die holländische Festung Galle.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 218.
Bis zum 6. Oktober 1667 hielt sich Iversen in Batavia auf, von wo aus er mit einer Flotte bestehend aus drei Schiffen (Das Wappen von Hoorn, Alden, Constantia) schließlich in seine Heimat aufbrach.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 219. Die Flotte machte vom 24. Dezember 1667 bis zum 24. Januar 1668 Zwischenstation am Kap der Guten Hoffnung. Band 2. Haag 1979, S. 74 f. Band 2. Haag 1979, S. 84. Iversen beschreibt mit großem Staunen in seinem Reisebericht die Veränderungen des niederländischen Stützpunktes, vor allem in Bezug auf die massiv erweiterte Infrastruktur.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 219–221. mini|Kap der guten Hoffnung (S. 219) Über die Insel Ascension reiste Iversen weiter nach Europa und erreichte am Pfingsttag, den 18. Mai 1668 die holländische Küste bei Vlie.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 221f.
Band 2. Haag 1979, S. 74 f. Band 2. Haag 1979, S. 84. Bei seiner Ankunft in Amsterdam ließ er sich seinen Sold auszahlen und kehrte schließlich zu seinem Vater in die Heimat Husum zurück, wo man ihn bereits tot geglaubt hatte.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 222.
Die Reisebeschreibung und zweite Abreise Kurz nach seiner Rückkehr wurde Iversen von Adam Olearius, Hofbibliothekar am Hof in Gottorf, aufgesucht und erstattete diesem einen Bericht seiner Erlebnisse. Olearius arrangierte zudem ein Treffen zwischen Iversen und dem ebenfalls mit der VOC gereisten Jürgen Andersen. Andersens Reisebeschreibung hatte Olearius bereits für die Hofbibliothek in Gottorf aufgeschrieben. Der Gelehrte nutzte diesen Anlass, um beide Berichte zu vergleichen und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. In: Dieter Lohmeier (Hrsg.): Tübingen 1980, S. 6f. Auf der Grundlage der Berichte von Iversen und Andersen publizierte Olearius im Jahr 1669 die Orientalische[n]=Reisebeschreibungen.
Bedingt durch den Verlust seines rechten Daumens bei der Einnahme der Festung Paneck in Makassar war Iversen nicht mehr im Stande, sein erlerntes Handwerk auszuüben. Noch vor Weihnachten 1668 trat er erneut in den Dienst der VOC ein, diesmal im Dienstgrad eines Korporals. Abermals an Bord der Kattenburg reiste Iversen in Richtung Batavia ab.Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 223. Über sein weiteres Leben ab diesem Zeitpunkt ist bisher nichts bekannt, es ist allerdings spekuliert worden, dass er sich in Batavia niederließ. In: Dieter Lohmeier (Hrsg.): Tübingen 1980, S. 7.
Reisebericht
Entstehung des Reiseberichts Die meisten Aussagen über Iversens Leben beruhen auf seinem eigenen Reisebericht, der gleichzeitig auch sein einziges überliefertes Werk darstellt. Ergänzende Informationen liefert ein kurzer Epilog des Herausgebers Adam Olearius, in dem er den Leser über die Ereignisse in Iversens Leben kurz nach dessen Ankunft in der Heimat unterrichtet. Die Genauigkeit der Angaben von Iversen muss besonders für die Zeit vor seinem Schiffbruch in Zweifel gezogen werden, da er – anders als Jürgen Andersen – seine Aufzeichnungen nicht hatte retten können.Karin Unsicker: Weltliche Barockprosa in Schleswig-Holstein. Neumünster 1974, S. 57.
Der Gottorfer Hofbibliothekar Adam Olearius kann als der Initiator der Veröffentlichung der Reiseberichte von Andersen und Iversen bezeichnet werden, da er die Reisenden dazu veranlasste, ihre Erlebnisse in einen Bericht zu fassen. Den wissenschaftlichen Anspruch seiner Publikationen demonstrierend, wandte Olearius Verifikationsstrategien an, um sich über den Wahrheitsgehalt der Aussagen seiner Autoren zu versichern. Der Hofgelehrte verglich die Informationen, die er von Andersen und Iversen erhielt, untereinander und glich sie mit Informanten aus den Niederlanden ab. In Bezug auf die Bearbeitung der Reiseberichte von Andersen und Iversen ist die Bedeutung von Olearius in der Forschung jedoch umstritten. Die Intensität seiner Eingriffe in beide Texte ist schwer zu bestimmen, besonders, da keine Aufzeichnungen oder Konzepte der beiden Autoren erhalten sind. Dass dem von Olearius herausgegebenen Text von Iversen ein schriftlicher Bericht des Reisenden zu Grunde lag, ist nicht eindeutig festzustellen. Ein Kommentar von Olearius"Es hat unser Autor Volquard Iversen eine denckwürdige Geschichte von dem Grossen Brand und Raub / so vor wenig Jahren in der Stadt Suratta vorgangen / auffgezeichnet."
Orientalische Reisebeschreibungen 1669, S. 209. und einleitende Worte zur Übernahme eines Teils von Iversens Bericht im zeitgenössischen Roman „Der Frantzösische Cormantin“ legen dies jedoch nahe.