Die Entwicklung der Persönlichkeit und des Selbstkonzepts ist ein Aspekt der psychischen Entwicklung des Individuums. Sie meint eine langfristige, differenzielle Veränderung von Persönlichkeitseigenschaften. Das Wissen um das, was die eigene Person ausmacht, nimmt zu. Die Struktur des selbstbezogenen Wissens entwickelt sich parallel zu kognitiven und verbalen Fähigkeiten, wodurch dem Individuum immer mehr Voraussetzungen zur Entwicklung des Selbstkonzepts zur Verfügung stehen.

Die Erforschung des Selbstkonzepts und der Persönlichkeit sind Teil der Psychologie, genauer: der Entwicklungspsychologie und der Persönlichkeitstheorie. Beide versuchen unter anderem die Frage zu beantworten, warum Menschen sich verändern und doch bleiben, wer sie sind. Lange ging die Psychologie davon aus, dass sich die Persönlichkeit und das Selbst eines Menschen in der Kindheit und der Jugend herausbilden und sich im Erwachsenenalter dann nicht mehr verändern. Im Zuge der Durchsetzung der „Lebensspannenpsychologie“ wurden zahlreiche Studien durchgeführt, die die Möglichkeit von Veränderungen auch im höheren Erwachsenenalter und im Alter nahelegen.Cornelia Wrzus, Frieder R. Lang: Entwicklung der Persönlichkeit. In: Frieder R. Lang, Mike Martin, Martin Pinquart: Entwicklungspsychologie – Erwachsenenalter. Hogrefe, Göttingen 2012, S. 141–159, hier: 142 ff.

Begrifflichkeit Die Begriffe Selbst, Selbstkonzept und Persönlichkeit „Unter dem Begriff Persönlichkeit versteht man die Gesamtheit der Eigenschaften und Verhaltensdispositionen eines Menschen, die ihn zeitlich relativ stabil und über verschiedene Situationen hinweg charakterisieren und von anderen unterscheiden“.Bettina Hannover, Werner Greve: Selbst und Persönlichkeit. In: Wolfgang Schneider, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 7., vollständig überarbeitete Auflage, Beltz, Weinheim/Basel 2012, S. 543–578, hier: 544. Zur Beschreibung der Persönlichkeit im Jugend- und Erwachsenenalter haben Fünf-Faktoren-Modelle die weiteste Verbreitung gefunden (die sogenannten Big Five).Martin Pinquart, Gudrun Schwarzer, Peter Zimmermann: Entwicklungspsychologie – Kindes- und Jugendalter. 2., überarbeitete Auflage, Hogrefe, Göttingen 2019, S. 16 ff. u. 247 ff.

Im Unterschied zur beschreibend-strukturierenden Perspektive der Persönlichkeitspsychologie ist mit der Untersuchung des Selbst bzw. des Selbstkonzepts die Frage verbunden, warum Menschen so sind, wie sie sind. Unter dem Begriff des Selbst versteht man die Inhalte des Wissens, die das Individuum über die eigene Person entwickelt, und die kognitiven Prozesse, durch die dieses Wissen erworben wird. Es ist wichtig zu betonen, dass man sich bei „dem Selbst“ nicht eine ‚Person in der Person‘ vorstellen darf, kein ‚Ich‘, das etwas will oder tut. Stattdessen ist eine komplexe und abstrakte Struktur aus miteinander vernetzten Inhalten und Prozessen gemeint.Werner Greve, Tamara Thomsen: Entwicklungspsychologie. Eine Einführung in die Erklärung menschlicher Entwicklung. Springer, Berlin/Heidelberg 2019, S. 156. Deshalb wird in der Psychologie heute statt vom ‚Selbst‘ (in Anführungszeichen!) lieber vom ‚Selbstkonzept‘ bzw. von ‚Selbstkonzepten‘ gesprochen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass ‚Selbst‘ sei eine Entität oder Essenz (wie in der Psychoanalyse das ‚Ich‘). Unter dem ‚Selbstkonzept‘ wird die „Gesamtheit der auf die eigene Person bezogenen Beurteilungen und Bewertungen eines Individuums“ verstanden, also „die Gesamtheit der Einstellungen zu sich selbst.“Hans Dieter Mummendey: Psychologie des ‚Selbst‘. Theorien, Methoden und Ergebnisse der Selbstkonzeptforschung. Hogrefe, Göttingen 2006, S. 7

„Wer bin ich, und was macht mich als Person aus?“ – über die Relevanz dieser Frage herrscht in der Psychologie Einigkeit, und die meisten entsprechenden Lehrbücher behandeln das Thema Persönlichkeit und Selbst systematisch und ausführlich. Trotz einer langen Forschungshistorie gibt es aber immer noch keine Einigkeit über die Begrifflichkeit, die dem Thema am ehesten angemessen ist: geht es um die Suche nach Identität oder die Entwicklung des Ich, eines Selbst, eines Selbstkonzepts oder einer eigenen Persönlichkeit? Die Begriffe stammen oft aus unterschiedlichen psychologischen Traditionen und beruhen auf dem jeweiligen Menschenbild, werden manchmal dennoch ohne Erläuterungen synonym verwendet, oft aber auch verschieden definiert. So stammt der Begriff des Ego, des Ich, genauso aus der Psychoanalyse wie der Identitätsbegriff Eriksons, der jedoch nicht zu verwechseln ist mit dem sozialkonstruktivistischen Identitätsbegriff George Herbert Meads.Tamara Thomsen u. a.: Selbstkonzept und Selbstwert. In: Arnold Lohaus (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Springer, Berlin/Heidelberg 2018, S. 91–111, hier: 92.

Aktuelle Studien und Theorien der Entwicklungspsychologie verwenden die Begriffe Persönlichkeit, Selbst und Selbstkonzept.

Entwicklung Psychische Entwicklung meint die regelhafte, gerichtete, längerfristige Veränderung im Erleben und Verhalten eines Individuums über die gesamte Lebensspanne. Es ist also die Individualentwicklung (Ontogenese) gemeint, nicht die Entwicklung des Psychischen in der Stammesentwicklung des Menschen (Phylogenese oder Anthropogenese). Damit Veränderungen als Entwicklung gelten können, dürfen sie nicht durch Zufall verursacht sein, sondern müssen systematisch auseinander hervorgehen. Weniger einig sind sich Entwicklungspsychologen darin, worauf die Entwicklung gerichtet ist. Lange sah man die Veränderungen nur als Höherentwicklung, als Zuwachs von Fähigkeiten. Heute geht man mehrheitlich davon aus, dass Entwicklung sowohl Gewinn als auch Verlust, sowohl Aufbau als auch Abbau von Fähigkeiten umfasst. Anfangs untersuchte die Entwicklungspsychologie fast nur das Kindes- und Jugendalter, heute steht die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne im Fokus. Mit dem Entwicklungsbegriff stehen weitere Konzepte im Zusammenhang, so Reifung, Prägung, Stabilität und Kontinuität.

Theorien der Selbstkonzeptentwicklung William James beschrieb in einem der ersten psychologischen Lehrbücher (1890) das Selbst als duales System; er unterschied das Selbst als erkennendes Subjekt („I“) vom Selbst als Objekt der Erkenntnis („Me“). Der erste Aspekt bezieht sich auf die Merkmale des Individuums, die mit seinem Verhalten zu tun haben – also die Persönlichkeit. Der zweite Aspekt meint das Selbstkonzept und Identität – das Wissen über die eigene Person. Das Selbstkonzept setzt sich nach James aus verschiedenen Bereichen zusammen: Das materielle Selbst (das Wissen um den eigenen Körper), das spirituelle Selbst (Wissen um die eigenen geistlichen Eigenschaften) und das soziale Selbst, das Wissen um die Sicht anderer auf sich selbst.Arnold Lohaus, Marc Vierhaus: Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 3., überarbeitete Auflage, Springer, Berlin/Heidelberg 2015, S. 181 ff.

Diese Konzeption hat auch aktuelle Modelle der Selbstkonzeptforschung geprägt. Der Aspekt des sozialen Selbst wurde vom symbolischen Interaktionismus aufgenommen und fortgeführt. Für Charles Cooley (1902) spiegelt das Selbstkonzept die wahrgenommenen Zuschreibungen anderer wider; er nannte es das „Looking-glass self“. Wichtiger als das, was andere über mich denken, ist, wovon ich überzeugt bin, dass sie es denken. Dafür spielt nach George Herbert Mead (1934) die Fähigkeit zur Perspektivübernahme eine entscheidende Rolle: dadurch kann man sich selbst aus der Sicht anderer wahrnehmen.

Die Ansätze von Freud, Erikson und Marcia Die Psychoanalyse hat eine ganz andere Sicht auf das Selbst und seine Entwicklung. Zentral sind dafür innerpsychische Konflikte bzw. die Lösung dieser. Nach Freud (1930, 1933) prallen die Wünsche des Es mit den Normen des Über-Ich aufeinander; die vermittelnde, realitätsbezogene Instanz des Ich hat den Konflikt zu lösen.

Erikson (1974, 1988) betrachtet die Entwicklung des Selbst als eine stufenförmige Abfolge normativer psychosozialer Konfliktsituationen, die an das Lebensalter gekoppelt sind. Bewältigt das Kind Aufgaben früher Stufen, erwirbt es also zum Beispiel Urvertrauen, erlebt Autonomie etc., hat es die Basis für die Entwicklung eines kohärenten Selbstbildes, einer eigenen Identität geschaffen. Die Identitätsbildung ist nach Erikson die wichtigste Entwicklungsaufgabe des Jugendalters; sie hört damit aber nicht auf.

Marcia (1980) hat das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erikson weiterentwickelt. Der Identitätsstatus ergibt sich aus zwei Dimensionen – „Commitment“, der Selbstverpflichtung, und „Exploration“, der Suche nach Möglichkeiten in einer Krise. Im Status der diffusen Identität hat das Individuum keine klare Vorstellung von sich selbst. In der übernommenen Identität hat das Individuum Werte und Ziele von Autoritätspersonen übernommen, ohne Alternativen zu erwägen. Ein wichtiger Schritt der Identitätsentwicklung geschieht mit dem Eintreten einer Krise. Unterschiedliche Werte und Zielvorstellungen werden gegeneinander abgewogen. Im Stadium der erarbeiteten Identität hat sich das Individuum – nach gründlicher Abwägung vieler Alternativen – auf eine Identität festgelegt, fühlt sich an entsprechende Werte und Ziele gebunden. Im Unterschied zu Erikson geht Marcia davon aus, dass Individuen auch zwischen den Stadien wechseln können, dass es keinen einheitlichen Verlauf von niedrigen zu höheren Stufen gibt. Die erarbeitete Identität ist das stabilste Stadium.

Aktuelle Ansätze Mitte der 1970er Jahre legten Shavelson, Hubner und Stanton (1976) ein hierarchisches Modell des Selbstkonzepts vor, das sich vor allem durch Mehrdimensionalität und ein strukturiertes Gefüge auszeichnet. Es geht davon aus, dass das Selbstkonzept komplex und in mehrere Ebenen unterteilt ist. Das Modell wurde mehrfach überarbeitet, in zahlreichen empirischen Studien jedoch in seiner Gültigkeit weitgehend bestätigt.

Informationstheoretische Modelle stellen die Annahme in den Vordergrund, dass der Mensch das eigene Wissen aktiv konstruiert. Die Verarbeitung der Informationen geschieht in unterschiedlichen Phasen. Das Selbst ist dann das jeweils aktuelle Ergebnis der Verarbeitung selbstbezogener Informationen. Ein solches Modell legte (1984) Sigrun-Heide Filipp vor, in dem sie gleichzeitig den Prozess der Selbstkonzeptentwicklung wie auch das Selbstkonzept als Produkt erklären will. Die Quellen selbstbezogenen Wissens können sein: Informationen durch andere Personen, direkt oder indirekt, Vergleiche mit anderen sowie (ab der späten Kindheit) Nachdenken über sich selbst, unter Bezugnahme auf vergangene oder in der Zukunft erwartete (Selbst-)Erfahrungen.

Theorien der Persönlichkeitsentwicklung Das Selbst als die Gesamtheit selbstbezogenen Wissens ist mindestens zum Teil ein Abbild dessen, was die Person wirklich ausmacht, d. h. ihrer objektiven Eigenschaften und Kompetenzen: ihrer Persönlichkeit. Entsprechend folgt die Entwicklung des Selbstkonzepts also der Persönlichkeitsentwicklung. Dabei lassen sich drei theoretische Paradigmen unterscheiden: Das erste Paradigma setzt an der Messung der Persönlichkeitseigenschaften an; das bekannteste Beispiel ist das 5-Faktoren-Modell nach McCrae und Costa (1997), die sogenannten „Big Five“. Sie unterscheiden fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Nach Auffassung von McCrae und Costa sind sie im Wesentlichen genetisch determiniert, reifen über die gesamte Lebensspanne und führen zu spezifischen Einstellungen, Interessen, Gewohnheiten und Selbstkonzepten.Bettina Hannover, Werner Greve: Selbst und Persönlichkeit. In: Wolfgang Schneider, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 7., vollständig überarbeitete Auflage, Beltz, Weinheim/Basel 2012, S. 543–578, hier: 547 f.