Die Forêt de la Braconne ist ein Domänenforst im Département Charente in der französischen Region Nouvelle-Aquitaine. Das Waldgebiet liegt etwa 15 Kilometer nordöstlich der Präfektursstadt Angoulême.
Etymologie Das französische Braconne leitet sich von braconnier mit der Bedeutung „Wilderer, Wilddieb“ ab. Ursprünglich stammte das Wort braconnier jedoch aus der Waidmannssprache und bezeichnete Personal, dessen Aufgabe es war, Jagdhunde für Treibjagden – so genannte braques, Deutsch „Bracke oder Stöberhund“ – aufzuziehen und abzurichten.
Geschichte mini|300px|Buche am Lac Français
Die Forêt de la Braconne ist bereits seit sehr langer Zeit Domänenforst und gehörte ursprünglich den Grafen von Angoulême. Am 18. Dezember 1226 hatte Heinrich III. den Wald (zusammen mit Saintes und der Saintonge, der Insel Oléron und den Schlössern von Merpins und Cognac) dem Hugo X. von Lusignan – Graf von La Marche und Graf von Angoulême – als Schenkung übergeben. Franz I. kam hierhin zur Jagd – eine der damaligen Hauptnutzungen des Waldgebiets. Begehrt war auch das Holz als Brennstoff für die Gießerei von Ruelle, als Baustoff für Schiffswerften, als Rohmaterial für Küfer (Herstellung von Eichenfässern für Wein und Cognac) und Zimmerleute aber auch zur Erzeugung von Holzkohle.
Nachdem das Angoumois im Verlauf des Hundertjährigen Krieges gegen Ende des 14. Jahrhunderts von den Engländern zurückgewonnen worden war, ging es in königlichen Besitz über. Karl VI. überließ es jedoch dann seinem jüngeren Bruder Louis de Valois, duc d’Orléans. Im Jahr 1765 kam es als Apanage an Karl X., den Grafen von Artois. Durch einen königlichen Ausgleich kehrte es am 5. September 1776 jedoch wieder an die Krone zurück.
Die Fläche des Forsts betrug damals 5.249 Hektar bzw. 10.279 Morgen (franz. arpents). Bedingt durch die Wirren der Französischen Revolution und anschließende Störungen ging die Fläche auf 3.996 Hektar zurück. Bis 1838 wurde der Forst als Nieder- und Hochwald bewirtschaftet. Gefällt wurde in 58 bis 150 Hektar großen Einschlägen, deren Holz für die Gießerei von Ruelle vorgesehen war.
Durch den Forst verläuft die historische Sprachgrenze Frankreichs – mit Sprechern des Saintongeais im Westen und Okzitanischsprechern im Osten.
Militär- und Internierungslager La Braconne Französisches Truppenlager Im Jahr 1878 errichteten die Artillerieregimenter des 12. Armeekorps in der Forêt de la Braconne östlich von Les Frauds ein Truppenlager. Für Artilleriezwecke legten sie ein Vieleck frei und schufen außerdem ein 8 Kilometer langes Schussfeld an der Westseite des Forsts in Nordnordwest-Südsüdost-Richtung. Für diese Zwecke wurden insgesamt 383 Hektar Waldfläche der Forstverwaltung entzogen.
Internierungslager Camp de la Braconne Im September 1939 wurde das Militärlager zu einem Lager, in dem unterschiedliche Personengruppen untergebracht und dann auch interniert wurden. Die Fondation pour la mémoire de la déportation (FMD)Fondation pour la mémoire de la déportation (Homepage) erwähnt an erster Stelle französische Binnenflüchtlinge aus dem Département Moselle, die zu Beginn des Westfeldzugs vor der vorrückenden deutschen Wehrmacht geflohen seien. Zu ihnen gesellten sich dann Interbrigadisten und feindliche Ausländer, vorwiegend Deutsche und Österreicher. Im Februar 1940 hielten sich in dem Lager 341 Internierte auf, darunter 243 die als tauglich befunden worden waren, in „Compagnies de prestataires“ (Dienstleister-Kompanien, auch Compagnies de Travailleurs Étrangers, Fremdarbeiterkompagnien) zu arbeiten.Fondation pour la mémoire de la déportation: Camp d'internement La Braconne Diese Pflicht, als Prestataires (Dienstleister) zu arbeiten, galt ab Juli 1938 für alle Ausländer, die in Frankreich um Asyl nachsuchten, und wurde am 12. April 1939 auf alle männlichen Ausländer zwischen 20 und 40 Jahren ausgeweitet. Die Prestataires, die nicht näher definierte gemeinnützige Arbeiten zu leisten hatten, waren in paramilitärischen Verbänden unter dem Kommando der Armee zusammengefasst.Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940 – 1942, Metropol Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932482-62-X, S. 44 ff. Was die Regierung damit bezweckte, geht aus einem an die Präfekten gerichteten Rundschreiben hervor:
Nach leichtem Rückgang der Belegungszahlen Anfang 1940 stiegen sie kurz vor dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) noch einmal auf etwa 500 an, weil die französischen Behörden unter dem Druck der öffentlichen Meinung verstärkt auf französischem Boden ansässige Deutsche, oft antifaschistische Emigranten, in die Lager warfen.Les Fusillés (1940–1944) Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen seien dann die nazifreundlichen Zivilisten freigelassen und noch verbliebene Antifaschisten deportiert worden.AJPN - anonymes, Justes et persécutés durant la période nazie dans les communes de France (Namenlose, Gerechte und Verfolgte während der NS-Zeit in den Gemeinden Frankreichs): Camp de la Braconne durant la Seconde Guerre mondiale
Nach der Deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg verlief die Demarkationslinie zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Frankreich durch die Forêt de la Braconne und teilte das Département Charente in zwei Teile. Die besetzte Zone lag im Westen des Forsts, die unbesetzte Zone (im Französischen auch als zone nono bekannt) im Osten.
Die weitere Verwendung des Lagers ist während der Besatzung ist zunächst unklar und bezieht sich offenbar nicht nur auf den als Internierungslager genutzten Teil des ehemaligen Militärlagers. Im Sommer 1940 sollen hier 5.000 schwarze Gefangene der französischen Kolonialtruppen im Lager interniert worden sein, bevor sie im Herbst 1940 ins Département Landes verlegt wurden.
Von Anfang Oktober 1942 bis Ende Januar 1943 wurde das Lager von der deutschen Wehrmacht und der SS-Division Totenkopf genutzt, wenn diese in der Region Jagd auf Widerstandskämpfer machte. Laut AJPN diente das Lager nach seiner endgültigen Schließung Ende August 1944 als Gefangenenlager für Deutsche Soldaten, deren Hilfstruppen und französische Kollaborateure. Als sich am 31. August 1944 der Maquis dem Lager näherte, sei dieses leer gewesen.
Auf der Webseite des AJPN sind zwei Fotografien des Lagers zu finden, und auf der Webseite Histoire pénitentiaire et Justice militaire (Gefängnisgeschichte und Militärjustiz) werden die Rechercheergebnisse zu zwei Aquarellen präsentiert, die Szenen aus der Aufbauzeit des Internierungslagers zeigen. Es gilt als sicher, dass diese Aquarelle von Torsten Hecht stammen. Er hat sie vermutlich Maurice Moreau, einem Offizier im Lager Braconne, „für eine Dienstleistung“ überlassen. Hecht war als Prestataire im Lager interniert.Histoire pénitentiaire et Justice militaire: Torsten Hecht: l’artiste inconnu du Camp de La Braconne
In der Nähe des Lagers wurden am 5. Mai 1943 von einem SS-Kommando 6 Widerstandskämpfer aus dem Département Charente und am 15. Januar 1944 10 weitere von einem Feldgendarmerie-Kommando erschossen.Monument aux fusillés de la Braconne, commune de Brie (Charente). Die Seite enthält umfangreiches Bildmaterial zu dem Denkmal. Innerhalb des Lagers wurden am 25. August 1944 zwei Maquisards erschossen. Die Leichen dieser Erschießungen wurden nach der Befreiung exhumiert und auf dem Gelände von La Braconne Erschossenen am 24. September 1944 gemeinsam bestattet. La Bracon selber diente bereits seit Ende August 1944 als Gefangenenlager für Deutsche, deren Hilfstruppen und Kollaborateure.
Zu Ehren der erschossenen Widerstandskämpfer wurde am 13. Januar 1946 durch den damaligen Staatsminister Maurice Thorez vor mehr als 10.000 Menschen das Monument aux fusillés de la Braconne (Denkmal für die Erschossenen von La Braconne) eingeweiht. Das Denkmal ist seitdem zweimal jährlich Ort von Gedenkfeiern.Association pour le Souvenir des Fusiliés de La Braconne: Le Monument. Die Seite stellt ebenfalls Bildmaterial zur Verfügung.
Bekannte Internierte Im Mai 1940 wurden nach ihrer vorherigen Internierung im Stade Buffalo drei kommunistische Emigranten in das Camp de la Braconne verlegtPeter Gingold: Paris – Boulevard St. Martin No. 11. Ein jüdischer Antifaschist und Kommunist in der Résistance und der Bundesrepublik, PapyRossa Verlag, Köln 2009, ISBN 978-3-89438-407-4, S. 63 ff.: Peter Gingold Stephan Hermlin (damals noch Rudolf/Rolf Leder) Michael Tschesno-Hell Nach etwa zwei Wochen trennten sich die Wege der drei. Gingold und Tschesno-Hell wurden als Prestataires in das Internierungslager Langlade verlegt, während sich Hermlin in einer Kaserne in Albi einzufinden hatte. mini|300px|links|Truppenlager des französischen Transportregiments 515e RT Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg mini|300px|Kreisverkehr am ehemaligen amerikanischen Truppenlager Das ehemalige französische Militärlager wird bis heute vom Transportregiment 515e RT benutzt.
Im Jahr 1952 wurde am Südende des Forsts auf Bitten der NATO ein riesiges, 800 Hektar großes Lager für amerikanische Truppenkontingente erstellt. Das vollkommen autonome Truppenlager beherbergte 4.000 amerikanische Militärangehörige und französische Zivilisten. Allein die Ringstraße war 12 Kilometer lang und im Innern verliefen weitere 30 Kilometer an Straßen. Stationiert waren hier 1.000 Panzer. Das Lager hatte neben der Hauptzufahrt Anschluss an die Bahnstrecke Angoulême-Limoges. Es beherbergte ein Kino und den ersten Supermarkt im Département.
In den 1960ern wurde außerhalb des Truppenlagers in Richtung Mornac für Offiziere und Techniker die Siedlung Cité Chabasse erbaut. Sie bestand aus 44 Bungalows mit eigener Heizung und Bad und war damals der Inbegriff von Modernität.
Die Amerikaner verließen am 13. März 1967 das Lager. Es wurde sodann in ein Industriegebiet verwandelt, die sogenannte ZE de la Braconne, die auf dem Gebiet der Gemeinde Mornac angesiedelt ist. Auf deren offizieller Webseite zu ihrer Geschichte wird „die Süße des Lebens, die nur die Landschaft bieten kann“ besungen; über die Militär- und Internierungslager findet sich dort kein Wort.
Geographie mini|300px|Alte Lagekarte von 1841
Der 3904 Hektar (39,04 Quadratkilometer) große Forêt de la Braconne liegt zwischen Angoulême und La Rochefoucauld. Anteile am Forst haben die Gemeinden Brie, Jauldes, Coulgens, La Rochette, Agris, Rivières, Saint-Projet-Saint-Constant, Bunzac, Pranzac und Mornac.
Der Domänenforst bedeckt ein in die Nord-Süd-Richtung gestrecktes Plateau, das 14 Kilometer lang und vier Kilometer breit ist. Die Ostgrenze dieses Plateaus bildet das Tal des Bandiat. Die im Durchschnitt 120 Meter hohe Plateaufläche ist leicht nach Osten geneigt. Höchster Punkt ist der 156 Meter hohe Gros Fayant, auf dem sich einst ein Beobachtungsturm des Militärs befand. Die Minimalhöhe beträgt 75 Meter.
Das Waldgebiet wird schräg von der N 141 (so genannte Route Centre-Europe-Atlantique) und der D 12 von Angoulême nach Chasseneuil-sur-Bonnieure durchquert. Durch den Wald verlaufen noch weitere Département-Straßen, wie beispielsweise die D 110, die D 88, die D 11 und die D 105.
Die Forêt de la Braconne bildet einen Teil eines riesigen ursprünglichen Waldgebiets, das sich noch 75 Kilometer weiter nach Nordwesten bis südlich von Niort erstreckte. Das einst zusammenhängende Gebiet ist jetzt in mehrere Teilforste zerfallen. So folgen nach Nordwesten die Forêt de Boixe, die Forêt de Tusson, das Massif forestier d’Argenson, die Forêt de Chef-Boutonne, der Forêt d’Aulnay und der Forêt de Chizé. die Fortsetzung nach Süden bilden die Forêt de Bois Blanc, die Forêt de Dirac, die Forêt d'Horte, die Forêt de la Rochebeaucourt und schließlich die Waldungen des Périgord.
Geologie mini|300px|Grande fosse mit Kalken des Unteren Kimmeridgiums mini|300px|Fosse mobile